Seit über zehn Jahren werden die Geschäfte van Warp aus London geführt. De:Bug hat einen Tag in der Höhle des Löwen verbracht.
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 135

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Von Sven von Thülen (Text) und Axel Martens (Bild)

Aus dem Special in De:Bug 135: 20 JAHRE WARP

Seit knapp einem Jahrzehnt befindet sich der Firmensitz von Warp Records in London. Doch der lange Schatten Sheffields ist auch heute noch allgegenwärtig, Warps Heimatstadt und gleichzeitig Keimzelle einer der konstantesten Erfolgsgeschichten, die die jüngere Musikgeschichte zu bieten hat. Und zum 20-jährigen Jubiläum werden die alten Geschichten noch einmal hervor gekramt. Wie alles anfing, damals in Sheffield mit den Bleeps und den Clonks und der Tieftöner zerfetzenden Basswucht von LFOs erster Single “LFO”.

Als die britische Jugend euphorisiert von ihrem eigenen Summer Of Love, von Chicago House, Detroit Techno und den ersten Ecstasy-Erfahrungen, einem noch jungen Label im wahrsten Sinne des Wortes die Bude einrannte und es innerhalb eines Jahres zum Klassiker machte. Oder wie dasselbe Label sich dann, auf der Höhe seines Erfolges, plötzlich von den schwitzenden Dancefloors der Warehouse-Partys und Raves abwandte und mit seiner “Artifical Intelligence”-Serie und Künstlern wie B12, Black Dog, Autechre und Aphex Twin den trippig-schönen Soundtrack für die Zeit nach dem Rave in die Wohnzimmer spülte – und damit noch erfolgreicher war.

Aber auch wenn sich zu den runden Geburtstagen immer wieder zeigt, wie wach und lebendig die Erinnerung an Warps Frühphase im kollektiven Gedächtnis der elektronischen Musik nach wie vor ist, legten Label-Gründer Steve Beckett und Rob Mitchell erst mit dem Umzug nach London im Jahre 2000 endgültig den Grundstein dafür, dass sich Warp vom fanatisch verehrten Elektronik-Label zu dem multimedialen Kreativ-Imperium entwickelte, das es heute ist. Als wir im geräumigen Warp-Büro, das etwas versteckt in Kentish Town im Norden Londons liegt, ankommen, läuft dort gerade Heaven 17’s erste Single “(We Don’t Need This) Fascist Groove Thang”. Noch eine Legende aus Sheffield.

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Anfang März diesen Jahres verkündete Warp, dass es anlässlich des Jubiläums im Herbst, kurz Warp20 genannt, ein aufwendiges und limitiertes Box-Set mit diversen Compilations und Gimmicks zu Warps Geschichte geben soll. Die Erinnerung an die drei sowohl liebevoll gestalteten als auch musikalisch wegweisenden Box-Sets, mit denen das Label anlässlich seines zehnten Geburtstages die eigene Vergangenheit und Gegenwart feierte, hätte wahrscheinlich schon ausgereicht, um nicht nur bei langjährigen Warp-Fans Land auf Land ab für gespannte Vorfreude zu sorgen.

Aber dieses Mal rief Warp seine Fans dazu auf, auf der eigens eingerichteten Webseite Warp20.net Erinnerungen und Kommentare zu den hunderten Tracks, die der Backkatalog des Labels umfasst, zu hinterlassen. Und gleichzeitig die zehn Alltime Favourites zu wählen, die dann als CD-Compilation Teil des erwähnten Box-Sets sein würden. Das Echo auf diese Ankündigung und die Aufregung in Online-Foren waren riesig.

Bis Ende Mai durfte gewählt, kommentiert und in Erinnerungen geschwelgt werden, dann standen die zehn Tracks fest, darunter Aphex Twins Geniestreich “Windowlicker”, Boards Of Canadas “Roygbiv” und LFOs Rave-Initialzündung “LFO”. “Wir hatten zuerst Angst, dass die Einträge auf der Webseite sehr trocken und nerdig werden würden – hunderte Analysen von HiHat-Sounds und der Software-Entwicklung an Hand der einzelnen Tracks -, aber dem war dann zum Glück nicht so”, erzählt Steven Hill, verantwortlich für Warps Web-Auftritt und digitales Marketing, und fügt mit leuchtenden Augen hinzu: “Stattdessen waren die meisten Kommentare sehr persönlich und sehr emotional. Es hat unglaublichen Spaß gemacht, all das zu lesen. Wie eng die Leute doch mit dem Label verbunden sind.”

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Bild: Steven Hill, Marketing & Digital Manager

Es ist Donnerstag früh. Im Warp-Büro, dessen Wände im unverkennbaren Weiß und Lila der klassischen Warp-Maxi leuchten, steht alles im Zeichen von Warp20. Auch wenn an der Wand zu Steve Becketts Büro, in dem die goldenen Schallplatten für Maximo Parks Debütalbum “A Certain Trigger” hängen, für alle gut sichtbar die weiße Tafel mit dem handgeschriebenen Veröffentlichungsplan der nächsten Monate hängt und signalisiert: Warp20 ist nur einer von diversen Höhepunkten in diesem Jahr.

Aber neben dem limitierten Box-Set, dessen Prototyp leider gerade nicht im Büro ist und das laut Steve später auch im Tate Modern verkauft werden soll, werfen die diversen multimedialen Events, mit denen das Label in den nächsten Wochen und Monaten in Städten wie New York, Tokyo, Berlin und, natürlich, Sheffield seinen Geburtstag begehen wird, eben ihre Schatten voraus. Das erste zweitägige Event im Pariser Cité de la Musique fand schon im Mai statt. Neben Auftritten von Andrew Weatherall, Nightmares on Wax, Flying Lotus, Clark, Aphex Twin und Hecker, präsentierte Chris Cunningham unter anderem eine neue Fassung seines legendären Kurzfilms “Rubber Johnny”.

Im September folgen New York und natürlich Sheffield, Ein Event in Berlin ist für den Dezember geplant. “Der Geburtstag überschattet alles andere ein wenig. Alle warten auf die Box. Und bei jedem Event haben wir Diskussionen, weil natürlich alle mitfahren wollen. In Paris waren wir mit der ganzen Belegschaft da. Und ich hoffe, dass wir auch vollzählig nach New York fliegen werden – sonst gibt es Tränen”, erzählt Dan Minchom, Chef von Warps vor fünf Jahren als Antwort auf iTunes gegründeten Download-Shop Bleep.com, der seit der Fusion mit dem hauseigenem Warpmart Ende letzten Jahres auch zu einem klassischen Mailorder geworden ist und jetzt auch ausgewählte Platten, CDs, DVDs, Bücher und T-Shirts unter dem Bleep-Banner verkauft. Dan hat früher bei iTunes gearbeitet, bevor ihn sein auslaufender Vertrag und seine Liebe zu elektronischer Musik zu Warp führte.

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Bild: Phil Canning, International Desk

Als sich die Labelgründer Steve Beckett und Rob Mitchell vor neun Jahren entschieden, mit Warp nach London umzuziehen, war das nicht nur ein nachvollziehbarer Schritt auf dem Weg, das Label-Portfolio weiter zu diversifizieren und neue Fans und Käuferschichten zu erschließen – es leitete auch einen Generationenwechsel ein. Kaum einer der heutigen knapp 25 Angestellten war schon dabei, als das Label noch von Sheffield aus operierte. Und wenn man sich die Top 3 der Alltime-Favourite-Listen der Warp-Bürobesetzung anschaut, findet man kaum Platten, die vor 1999 erscheinen sind.

Die jüngere Geschichte kann es hier sehr wohl mit dem langen Legenden-Schatten der sonst so omnipräsenten Gründerjahre aufnehmen. Und genau das ist einer der Gründe, warum das Label auch nach 20 Jahren wenig von seiner Aura eingebüßt hat. Klar, den klassischen Warp-Sound gibt es nicht mehr, zu heterogen sind die Platten der Bands und Produzenten, die unter dem Warp-Logo inzwischen veröffentlichen. Böse Zungen würden behaupten, dass sie einfach den kreativen Rahm der jungen und ambitionierten Künstler, die bis dato auf Kleinstlabeln in den dunklen Stollen des Undergrounds ihrer ehrlichen Arbeit nachgegangen sind, abschöpfen.

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Und noch bösere, dass sie seit Aphex Twin, Boards Of Canada oder Squarepusher nichts anderes gemacht hätten. Aber selbst wenn man es unbedingt so sehen möchte, gibt es kaum ein Label, das so konstant und so kompromisslos Musik veröffentlicht, die man im angelsächsischen Raum so schön als “leftfield” bezeichnet und es dabei trotz der offensichtlichen musikalischen Unterschiede schafft, den Eindruck einer alles zusammen haltenden ästhetischen Klammer zu vermitteln.

Eine Klammer, in deren Spannungsfeld zwischen Experiment und Pop-Appeal im besten Sinne man auch nach zwei Jahrzehnten immer wieder überrascht wird. Vor allem, wenn man eben nicht jede limitierte Maxi-Veröffentlichung im Blick hat. Wie um etwaige letzte Zweifel an dieser Einschätzung zu zerstreuen, ertönt plötzlich im Büro das bald erscheinende Debütalbum von Hudson Mohawke, einem jungen Schotten mit viel Liebe für quietschig-neonfarbene Stolper-Beats.

Er ist das neueste Warp-Signing neben dem auch aus Schottland stammenden und befreundeten Rustie – ebenfalls Spezialist für unquantisiert-eiernde Tracks irgendwo zwischen Dubstep und grellen Synthie-Eskapaden. Da ist sie wieder, die Gratwanderung zwischen Nerdigkeit und Pop-Appeal – und Warps sicheres A&R-Gespür für Künstler, die sich ihr eigenes kleines Sound-Universum geschaffen haben.

Es gibt nicht viele Label, die von Anfang so konsequent eine wiedererkennbare visuelle Identität entwickelt haben, wie Warp. Die jahrelange Partnerschaft mit Designers Republic ist ein ganz eigenes Kapitel sowohl der Warp- als auch der Techno-Geschichte. Dass das Label 2002 mit Warpfilms seine eigene Film-Produktionsfirma ins Leben rief, war da nur konsequent. Mittlerweile ist Warpfilms eine “eigenständige kleine Maschine unter dem Warp-Logo”, wie Mary Burke, Creative Producerin seit den ersten Gehversuchen des Labels im Filmbusiness, die angeschlossene Produktionsfirma bezeichnet.

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Bild: Mary Nurke, Creative Producer bei Warp Films

Die gebürtige New Yorkerin, die Ende der Neunziger als Journalistin für das Handelsblatt nach London kam und über Warps Label-Manager Phil Carning, der mittlerweile ihr Ehemann ist, mit dem Film affinen Label in Kontakt kam, rutschte eher zufällig in die Produzenten-Rolle. Nach einem anfänglichen Job als Assistentin für Chris Morris’ ersten Kurzfilm, arbeitete sie vier Jahre mit Warps Video-Enfant Terrible Chris Cunningham zusammen. Unter anderem an dessen so verstörenden wie gefeierten Kurzfilm “Rubber Johnny”. Warpfilms ist eine ähnliche Erfolgsgeschichte wie die des Mutterlabels (siehe Interview mit Warpfilms-Chef Mark Herbert).

Eine Tatsache, die in Kontinentaleuropa bisher höchstens bei Cineasten angekommen ist. Filme, wie “This Is England” oder “Dead Man Shoes” hatten nur in wenigen Ländern einen Verleih und kamen nur als DVD heraus. Mittlerweile ist es Mittag, wir sitzen mit Phil und Mary und deren sechs Monate altem Baby in einem Pub einen Block vom Warp-Büro entfernt. Ich erinnere mich gelesen zu haben, dass Pub Rock hier in Kentish Town seinen bierseligen Anfang genommen haben soll und Karl Marx hier um die Ecke gewohnt hat.

“Wir sind von Sheffield nach London gezogen, um näher dran zu sein. Aber im Zentrum sind wir nicht wirklich angekommen. Hier gibt es nicht viel, das für uns von Interesse wäre. Keine Labels oder Vertriebe. Kann sehr gut sein, dass wir bald wieder umziehen. Weiter ins Zentrum”, erzählt Phil, an seinem Pint Bier nippend. Die Idee ein Berliner Warp-Büro zu eröffnen ist wohl auch im Gespräch. Was auch für Warpfilms eine gute Sache wäre, wie Mary anmerkt.

Die Zeit ist reif zu expandieren. Vor kurzem kam die Bestätigung, dass Universal Studios von “History Of My Sexual Failures”, einer der neuesten Filme von Warpfilms, ein Hollywood-Remake planen. Gedreht vom Borat-Regissuer Larry Charles und mit einem Budget von 40 Millionen Dollar. “Natürlich wollen wir auch mit Warpfilms die Welt erobern”, grinst sie. Klar, in Warpspeed.

Aus dem Special in De:Bug 135: 20 JAHRE WARP

Die Compilation “Warp20” erschien im September als Box-Set.

http://www.warprecords.com
http://www.warpfilms.com
http://www.warp20.net
http://www.bleep.com

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Elektronische Lebensaspekte.

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