Sheffield ist die Geburtsstadt von Warp Records. 20 Jahre nach der Gründung des Labels gibt der Gründer Steve Beckett den Stadtführer der besonderen Art. Auf Spurensuche in Yorkshire.
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 135

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Aus dem Special in De:Bug 135: 20 JAHRE WARP

Die Zeit in Sheffield steht nicht still, im Gegenteil. Nur die Bahnhofsuhr zeigt beharrlich 12 Uhr, will nicht im Rhythmus der geschäftigen Stadt mitschwingen. Rund eine halbe Million Menschen leben heute in der ehemaligen Stahl-Metropole, der Hauptstadt der “Republic of South Yorkshire”, wie die Bewohner ihre Gegend liebevoll nennen.

Ähnlich wie andere ehemalige Industriestädte im Norden Englands wurde auch Sheffields Straßenbild einer radikalen Verjüngungskur unterzogen, der ergraute Charme alter Industriearchitektur gnadenlos gesandstrahlt und rausgeputzt. Und: Sheffield als Teil Nordenglands zu bezeichnen, dürfen sich eh nur Touristen trauen – bis Newcastle ist es weit, verdammt weit.

Raus aus dem malerischen Kessel, in dem die Stadt liegt und an dessen Hügel verfallene Sozialbauten an die Zeit erinnern, als Margaret Thatcher Schluss machte mit der zu Tode subventionierten Metall-Industrie. Vielleicht täuschen die Sonne und der strahlend blaue Himmel, die schweißtreibenden 30 Grad über den überall noch sichtbaren Verfall hinweg. Die BBC hatte für diesen Tag Dauerregen und 15 Grad vorhergesagt und den Reporter viel zu dick eingepackt anreisen lassen. Zwei Stunden dauert die Fahrt im Intercity aus London: England rückt schon seit langem immer näher zusammen.

Heute fühlt sich Sheffield an wie ein Sommerurlaub, nur ohne Meer. In der rausgeputzten Innenstadt steht vor dem Rathaus ein beeindruckendes weißes Riesenrad, drum herum ist Stadtfest mit internationaler Fressmeile. Ein Sachse versucht, Currywurst mit skurril gebrochenem Englisch zu verkaufen und ereifert sich mit dem französischen Käseverkäufer in der Bude nebenan über dringend benötigten Schatten. Menschenmassen schieben sich an spanischer Salami, japanischen Nudelsuppen und holländischen Tulpen vorbei durch die kleine Innenstadt.

Sheffield hat man innerhalb von 15 Minuten erlaufen – schon kurz hinter dem maroden Kaufhaus beginnt die Vorstadt. Die Stadt wirkt provinziell, kleiner und deutlich überschaubarer als Newcastle oder Manchester. Und biegt man in die Seitenstraße ab, wird die soziale Schieflage deutlich sichtbar. Verrammelte Läden künden von einst florierendem Leben, fliegende Händler verramschen Plastikspielzeug und blinkende Feuerzeuge.

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Bil: Das ehemalige Hauptquartier von Warp in Sheffield

Die große Reklamefläche über einem flachen Geschäftsgebäude verkündet stolz “Opening Soon”: Dabei fehlt dem Haus schon lange das Dach. Hier verabschiedet sich Steve Beckett, der Chef von Warp Records. Eine Stunde lang sind wir durch Sheffield gelaufen, immer auf der Suche nach Spuren der Warp-Geschichte, die hier vor zwanzig Jahren begann.

Vorbei am ersten Plattenladen, heute ein Juweliergeschäft, vorbei am zweiten Plattenladen, heute Filiale einer Coffee-Shop-Kette, vorbei an finster aussehenden Pubs, wo früher Warp-Parties stattfanden und sich Indiebands aus der Gegend ihre Sporen verdienten. Bergauf und bergab, durch kleine Nebenstraßen, vorbei am letzten großen Büro des Labels, aus dem man direkt nach London umzog.

“Viele Fans waren damals schockiert, als wir nach London gezogen sind, gerade hier aus der Gegend. Sie waren empört darüber, dass wir den Gründungsort des Labels hinter uns lassen. Aber schau dich um. Die Antwort auf die Frage, warum wir aus Sheffield weg sind, kann nur lauten: ‘Weil wir es konnten’. Irgendwann wurde es uns hier einfach zu eng. Außerdem haben wir das Label quasi aus dem Zug geführt.

Es verging keine Woche, in der wir nicht mindestens ein Mal nach London fuhren. Die ganze Industrie sitzt dort, da mussten wir näher ran.” Dann biegt Beckett nach rechts ab und winkt. Ein Haus hat er immer noch in Sheffield. “20.000 Pfund habe ich dafür vor 20 Jahren bezahlt, heute ist es das Zehnfache wert. Und das ist auch der Grund, warum Sheffield nicht zurecht kommt.

Alles wurde saniert, die Mieten gingen rauf, keiner kann sich die Stadt mehr leisten. Kaum noch offene Pubs in der Innenstadt, das ist hier abends wie ausgestorben. Darunter leiden alle Städte hier in der Gegend. Nur die Universität hält die Stadt am Laufen. Ihr in Berlin habt es da besser. Wie heißt dieser Schwulen-Club? Berghain … now that’s a fucking nightclub.” Auch im ehemaligen Büro des Labels wohnen jetzt Studenten.


Heimatkrank

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Zehn Jahre ist es her, seit Steve Beckett diesem Magazin Rede und Antwort stand. “Warp 100” war damals der bescheidene Anlass. Zehn Jahre Labelarbeit, eine kleine Compilation. Mit dabei vor einer Dekade: Rob Mitchell, Steves Tandem im Warp-Betrieb und Mitinhaber des Labels. Kurze Zeit nach dem Interview damals wurde bei ihm Krebs im Endstadium diagnostiziert, wenige Monate darauf starb er.

Und auch heute, 2009, sind es familiäre Gründe, die das Interview nach Sheffield verlegt haben. Ein Krankheitsfall in der Familie hat Beckett gezwungen, ein paar Tage zurück nach Hause zu kommen und nach dem Rechten zu sehen. Beckett ist deutlich älter geworden, er trägt ein schlichtes schwarzes Sweatshirt, eine Wrangler Jeans und knallrote Laufschuhe. Immer wieder schnurrt sein iPhone. Dann blickt er leicht gehetzt auf das Display: Könnte ja das Krankenhaus sein.

Ganz verabschiedet hat sich Warp aus Sheffield allerdings noch nicht. Warp Films, die junge und sehr erfolgreiche Filmproduktionsfirma, hat ihren Sitz nur einen Steinwurf entfernt vom Hauptbahnhof. Die Firma, die mit Kurzfilmen von Warp-Künstlern wie Chris Morris begann, hat sich mittlerweile mit Spielfilmen wie “This Is England”, aber auch als Videoclip-Produzent zu einer festen Größe in der englischen Filmindustrie entwickelt.

Bei einem kurzen Besuch im Büro biegt Steve Beckett plötzlich im Flur in einen großen Raum ab und sagt nur: “Guck mal”. Dort hängt, aufgezogen auf große Leinwände, altes Warp-Artwork, die im Rechner animierten Cover der Artificial-Intelligence-Compilation, Pioneers Of The Hypnotic Groove etc. Und in der Ecke steht Phil Wolstenholme, der Künstler, der diese Grafiken damals in nächtelanger Arbeit am Amiga gebaut hat. Morgen beginnt hier seine Ausstellung und aus Nostalgie-Gründen hat er die Warp-Arbeiten noch mal mit hingehängt. Wolstenholme lebt noch immer in Sheffield.

Knives & Forks & Electronics

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Fragt man einen beliebigen Engländer, was ihm zu Sheffield einfällt, ist die Antwort: Knives and forks. In unserem Fall fügen wir dieser Kette noch “Electronics” hinzu. Die Stadt, die Bands wie The Human League, ABC und Cabaret Voltaire hervorgebracht hat, mutierte Ende der 80er Jahre zur Techno-Metropole. Warp war der Kanalisator für Sweet Exorcist, LFO und Forgemasters.

Verspielter und bunter als die Produktionen aus Detroit und Chicago, fühlten sich alle Produzenten dieser frühen Tracks ihren Kollegen aus den USA aber doch sehr verbunden, nicht nur, weil sie es in Yorkshire mit den gleichen Industrieruinen und sozialen Problemen zu tun hatten, die die Musik auf der anderen Seite des Atlantiks so geprägt hatte. Techno, ja. Radikal, ja. Aber eben auch ein Quäntchen Northern Soul.

Und auch wenn das Portfolio des Labels zwanzig Jahre später nur noch wenig mit diesem Sound zu tun hat, ist er allgegenwärtige Referenz und ein Stück Musikgeschichte, das eng mit der Stadt verbunden ist. Und auch, wenn die Gründe für Steve Becketts Besuch in Sheffield alles andere als erfreulich sind … 20 Jahre Warp Records bespricht man am besten dort, wo alles begann.


Debug:
20 Jahre Warp, Steve… 20 Jahre!

Steve Beckett:
Zumindest für mich, ja. Das ist schön und schockierend zugleich. Wie schnell die Zeit vergeht… Wahnsinn. Immer, wenn ich heute nach Sheffield komme, werde ich schon ein bisschen sentimental, auch wenn ich den Umzug nach London absolut nicht bereue.

Die Stadt hat sich ja sehr verändert und früher, als wir anfingen, war Sheffield sehr dark, eben sehr von der Stahl-Industrie geprägt. Ich bin zwanzig Minuten von hier aufgewachsen und als ich dann aufs College ging, bin ich in die Stadt gezogen.

Debug:
Die Gründung von Warp markierte damals auch einen Generationswechsel in der elektronischen Musik, die in der Stadt immer eine große Rolle gespielt hat.

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Bild: Simon Beckett in futuristischer Industierstadt-Kulisse


Beckett:
Es gab die Zeit vor House und die danach. Chicago und Detroit haben dann schnell in den Clubs eine große Rolle gespielt. Aber anders als zum Beispiel in Detroit, wurde die Musik aus Sheffield hier vor Ort immer sehr geschätzt. Cabaret Voltaire war natürlich underground, lief aber dennoch in den Clubs. Die Künstler hatten ein sehr gutes Standing in ihrer Heimatstadt.

Und The Human League, Heaven 17 und ABC waren natürlich extrem populär. Genau wie in Manchester, wo Oasis und Stone Roses einfach überall rauf und runter gespielt wurden. Hier war es eben elektronischer. Und experimenteller. Als dann House passierte fingen die Musiker an, diese neuen Einflüsse in ihre Musik aufzunehmen.

Debug:
Du selber hast aber eher einen Gitarren-Background.

Beckett:
Ja, da muss ich ehrlich sein. Erst, als wir den ersten Plattenladen eröffneten, bekam ich wirklich mit, was da passierte. Und dann wollte ich alle Gitarren der Welt verbrennen. Antiquiert und nutzlos erschien mir diese Musik. Die Situation damals war übrigens ganz ähnlich wie heute.

Der Laden – FON – hatte gerade zugemacht und Sheffield war ohne vernünftigen Plattenladen. Rob und ich haben die Eigentümer dann dazu überredet, es noch mal zu versuchen. Wir haben den Shop neu eröffnet und neben Indie-Platten auch Import-12″s aus Chicago und Detroit verkauft. Die Indie-Abteilung wurde dann immer kleiner, die Leute wollten nur noch Dancemusic kaufen. Aus diesem Laden heraus haben wir dann das Label gegründet und schließlich auch den Laden “Warp” genannt.

Debug: Nur ein Jahr nach der Gründung des Labels, nach ein paar 12″-Veröffentlichungen, war Warp, laut der Tageszeitung “Sheffield Star” im Oktober 1990 für 1,4 Prozent aller Plattenverkäufe in Großbritannien verantwortlich, deutlich mehr als Labels wie Sire oder Mercury.

Beckett:
Yeah. Da ging sie hin, die Idee, ein paar Maxis zu veröffentlichen. Die ganze Situation hat uns völlig überfordert. Unser Vertrieb hat uns nicht bezahlt und am Wochenende mussten wir vor dem Plattenladen Absperrgitter aufbauen, weil die Kids uns sonst die Bude eingerannt hätten. So haben sie nur das Blumenbeet vor dem Laden zertrampelt.

Debug: Warum ist der Bleep-Sound in Sheffield überhaupt so explodiert?

Beckett:
Es passte einfach perfekt in die Party-Szene hier. Große Warehouses, die richtigen Anlagen, nur mit Höhen und Bässen, und gutes Ecstasy. Steve Pointdexters Tracks waren wie gemacht für unsere Partys. Das war der Startpunkt. Derrick May genauso. Und die Engländer haben dann ihren eigenen Twist in diese Musik injiziert.

Unique 3s “The Theme” ist die Hymne dieser Zeit. Das hat dann sogar Richard Kirk von Cabaret Voltaire aus der Reserve gelockt. Als wir die ersten Tracks von Sweet Exorcist im Club gespielt haben, dachten wir, jetzt bricht die Revolution los, ein kompletter Ausnahmezustand.

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Bild: Familientreffen. Steve Besckett und Phil Wostenholme

Debug: Diesen Ausnahmezustand habt ihr ziemlich schnell ausgebremst und mit der “Artificial Intelligence”-Serie das Label in eine völlig andere Richtung gedrückt. Neue Musik, neue Ästhetik, neue Künstler. Plötzlich veröffentlichten Musiker auf dem Label, die nicht aus Sheffield kamen und deren Tracks nur sehr am Rande etwas mit den Dancefloor zu tun hatte. Das ging schnell mit der Langeweile…

Beckett: Die Partys waren immer noch sensationell, aber Rob und ich merkten, dass die Tracks, die wir nach einer langen Nacht im Club, wenn wir morgens um 7 Uhr bei Leuten zu Hause auf dem Sofa saßen, hörten, uns immer mehr begeisterten. Psychedelische Tracks, Tangerine Dream oder aber auch Demos von Produzenten, die nie in Clubs gingen, und diese unglaublichen Stücke machten.

Für ihren persönlichen Dancefloor, der natürlich nur in ihrem Kopf existierte, weil sie noch nie einen Club von innen gesehen hatten. In unserem bisherigen Format gedacht, waren das alles B-Seiten. Die hätten auf 12″s nicht funktioniert, also haben wir die besten Tracks zusammengestellt und auf eine Compilation gepackt. Warp war zu diesem Zeitpunkt so populär, dass wir aus dem Vollen schöpfen konnten, Aphex Twin, Autechre … alle hatten uns schon Demos geschickt.

Debug: Ein Album ist keine 12″…

Beckett: Aber wir kannten das Album-Business aus dem Plattenladen. Die meisten Musikkäufer entdecken Musik über Alben, die kaufen keine Singles, schon gar keine Techno-12″s. Wir bildeten uns ein, dass wir wussten, wie es geht. Wir hatten das beim LFO-Album schon durch. Die beiden wollten partout kein Album machen, brachten immer wieder Tracks für Maxis. Wir haben sie pro Track bezahlt, immer bei Bandübergabe, aber nichts releast, bis wir genug Material für ein Album zusammen hatten.

Die Jungs waren reichlich verdutzt. ‘Der NME will mit euch reden und ihr könnt auf Tour in Deutschland.’ Sie kamen weinend zurück. Die Compilation kam einfach zum richtigen Zeitpunkt. Und von dieser Reputation zehren wir noch immer. Gerade auch in den USA haben diese Alben der elektronischen Musik viele Türen geöffnet. Und selbst Bands wie Grizzly Bear oder Battles beziehen sich noch heute auf diese Compilations und fühlen sich deshalb bei uns so gut aufgehoben.

Debug: Bereust du heute den Namen “Artificial Intelligence”?

Beckett: Nein, aber das, was daraus wurde, die Bezeichnung “IDM”, da muss ich mich auch heute noch schütteln. Von diesem Hype haben wir natürlich immens profitiert, mir ging es aber immer um die Künstler. Deshalb gibt es auch nur zwei Ausgaben der Compilation. Als der zweite Teil fertig war, haben Rob und ich darüber gesprochen und uns war beiden klar, dass wir unter keinen Umständen zehn Jahre später im Büro sitzen und Artificial Intelligence Vol. 35 zusammenstellen wollten.

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Debug:
Gab es bis zu Robs Tod zwischen euch eine klare Arbeitsteilung?

Beckett:
Am Ende hatten wir uns die Künstler einfach aufgeteilt. Er ein paar, ich den Rest. Rob war der bessere Geschäftsmann von uns beiden, er hat also auch viel Administratives abgewickelt. Entschieden haben wir aber immer beide zusammen. Er hat sich auch immer eher um die Indie-Bands auf Warp gekümmert, ich war eher für die Elektronik zuständig. Was viele nicht wissen: Wir haben schon 1990 ein Indie-label gegründet: Gift Records. Da hat Jarvis Cocker mit Pulp drauf veröffentlicht.

Debug: Artificial Intelligence hat hier in England große Wellen geschlagen. Chill Out, Psychedelia … all das war hier immer ein viel größeres Thema als auf dem Kontinent …

Beckett: Wir hätten die CDs auch “Stonehenge” nennen können (lacht). Die Engländer lieben ihr LSD und psychedelischer Folk hat eine große Tradition – Pink Floyd waren enorm wichtig … in Europa ging es immer viel gradliniger vonstatten, viel linearer.

Debug: Die Compilations waren auch der Startschuss für das Filmgeschäft. Zur zweiten Ausgabe gab es einen Film …

Beckett: Koyaanisqatsi! Wir rannten im Office rum und brüllten immer wieder Koyaanisqatsi! So einen Film wollten wir, die Computer-animierte Version von Koyaanisqatsi. Wir waren so aus dem Häuschen, dass uns Phil Wolstenholme, der Artwork und Film gemacht hat, bremsen musste.

Er kam ins Büro und verkündete stolz, sein Computer hätte über Nacht die ersten drei Sekunden gerendert. Uff! Das war ein Dämpfer. ‘Was wird denn dann aus unserem Koyaanisqatsi? Da sind wir ja in zehn Jahren noch nicht fertig!’ Aber so waren die Computer eben damals. Aber das war eigentlich Glück im Unglück, sonst würde Warp Films heute vielleicht immer noch DVDs mit den schönsten Fraktalen veröffentlichen und wir würden mit K7 konkurrieren.

Nein, dann doch lieber echte Filme. Wir wollten das unbedingt ausprobieren und es hat funktioniert. Design und Visuals haben bei Warp ja immer eine große Rolle gespielt und Chris Morris, einer unserer Künstler, war auch Filmemacher und wir hatten Chris Cunningham als Videomacher für Aphex Twin. Da war dieses Experiment nicht so weit hergeholt, wie man denken könnte.

Und Chris Morris’ “My Wrongs”, unsere erste Produktion hat uns einen BAFTA Award eingebracht. ‘Moment mal’, dachten wir uns da. ‘Dieser Film hat 100.000 Pfund gekostet. Wenn wir jetzt mehr Geld ins Spiel bringen, können wir doch auch einen Spielfilm machen.’ So war das.

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Debug: Ein Spielfilm kostet mehr Geld als ein Album!

Beckett: Jaja, aber das war ja nicht unser Geld. Nie im Leben hätte ich Warp-Geld für diese Projekte investiert. Das lief alles über die Filmförderung. Das hätten wir uns nie leisten können, dann säßen wir heute nicht hier zusammen.

Debug: Neue Geschäftsfelder gingen einher mit einem musikalischen Bruch. Elektronik war irgendwann nicht mehr angesagt bei Warp.

Beckett:
Das stimmt ja nicht. Ja, wir haben uns verändert, weiterentwickelt, aber auch Gitarrenbands wie Seefeel, die ja immer noch durch und durch elektronisch waren, oder Broadcast, die privat nur musique concrète hören oder Aufnahmen vom Radiophonic Workshop der BBC, haben einen elektronischen Background. Sie setzen ihn nur anders um. Das war die Zeit, als Genres sowieso komplett zusammenbrachen und alle Karten neu gemischt wurden.

Als Label muss man nicht nur am Puls der Zeit sein, sondern auch die Dinge veröffentlichen, die man selber als frisch und aufregend empfindet. Und ich habe auf einem Elektronik-Ohr nichts mehr gehört, ich war einfach ein bisschen taub geworden und suchte nach neuer Inspiration, neuer, aufregender Musik. Gleichzeitig haben wir ja nie aufgehört, elektronische Musik zu veröffentlichen. Wir haben einfach unseren Ansatz ein wenig … verbreitert.

Selbst Maxïmo Park, unsere zugegebenermaßen mainstreamigste Band, arbeiten mit Modeselektor zusammen. So ein Signing möchte ich aber auch nicht noch mal durchmachen müssen. Eine absolute “Jetzt oder nie”-Situation. Wir haben die Band und jetzt muss es knallen. Aus Sheffield hätten wir das nie stemmen können. Endlose Abendessen mit Radio-Redakteuren und -DJs, die man auf Knien anfleht, die Single doch in die Rotation zu nehmen. Das war hart, hat aber funktioniert.

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Debug: Und das in einer Zeit, wo eh immer weniger Menschen Musik kaufen und sich alles runterladen.

Beckett: Was Warp angeht, stimmt das zum Glück nicht. Das Album von Grizzly Bear zum Beispiel war komplett im Netz, drei Monate vor der Veröffentlichung. Und trotzdem verkauft es sich wie geschnitten Brot. Aber ich kann mich gut an den Moment erinnern, wo mir jemand zum ersten Mal ein MP3 geschickt hat.

‘Sensationell, wie geil ist das denn?’, dachte ich, aber nur drei Sekunden. Dann wurde mir Angst und Bange und ich lief durchs Büro und murmelte nur noch ‘Um Gottes Willen, um Gottes Willen.’ Aber das haben wir hinter uns. Verhindern kann man das Downloaden sowieso nicht. Und der vergangene Monat war der beste in 20 Jahren, was die Verkäufe angeht. Aber es schmerzt natürlich zu sehen, wie ein Plattenladen nach dem nächsten pleite geht.

Debug: War Bleep eine direkte Reaktion auf Downloads?

Beckett:
Eine direkte Reaktion auf iTunes. Die Marktmacht von Apple war und ist mir nicht recht und Verkäufe schwanken so heftig, dass uns gar keine andere Wahl blieb. iTunes verkauft immer das gut, was sie auf der Startseite promoten. Zehn Minuten später und die Verkäufe brechen ein.

Und außerdem bestimme ich auch gerne selber, was meine Produkte kosten. Wir haben damals mit anderen Labels große Treffen einberufen und haben vorgeschlagen, Bleep als Joint Venture hochzuziehen, mit allen teilnehmenden Labels als Eigentümern … kein Interesse. Und heute? Heute verkaufen wir die Produkte anderer Labels auf unserer Seite. Tja.

Debug: Warp hat als Dancelabel angefangen. Wie wichtig ist Dancemusic heute für dich persönlich?

Beckett: Alle ganz einfachen, straighten Sachen, finde ich eher langweilig. Das, was ich spannend finde, haben wir auch auf dem Label: Flying Lotus, Mark Pritchard oder unsere neuen Künstler: Rustie und Hudson Mohawke. Wir hatten ja früher Projekte auf dem Label, die es technisch ein bisschen … naja, sagen wir übertrieben haben mit der Komplexität der Tracks. Aber Flying Lotus oder auch Burial haben das Ruder rumgerissen, Dinge wieder vereinfacht, funky gemacht. Das macht Hoffnung.

Aus dem Special in De:Bug 135: 20 JAHRE WARP

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Elektronische Lebensaspekte.

2 Responses

  1. De:Bug Musik » Reunion des Jahres: Seefeel

    […] 1994 die erste Band auf Warp, die Gitarren verwendeten, daran kann sich Labelchef Steve Beckett noch gut erinnern. Die Karriere der Band um Sarah Peacock, Mark Clifford, Daren Seymour & Justin Fletcher und […]