Von Manchester zu Madchester. Die ganze Story mit allen Fußnoten zu DEM jugendpolitischen Paradigmenwechsel, begleitet von "Mein Kampf", Heroin, New Order, Ufos, Happy Mondays, Gott. Der Boss vom Factory-Label und dem Club Hacienda, Tony Wilson, plaudert frisch von der bekifften Leber in seiner Autobiographie "24 Hour Party People".
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 61

24 Hour Party People
Tony Wilsons “Autobiographie”

Hoch oben im Norden von England, wohnt ein kleines Völkchen Namens Mancunians, was entschieden besser klingt als Manchesteraner es je könnte. Einer von ihnen, dieser unbeugsamen Bande von London-Hassern und Regionaldruiden, ist Tony Wilson. Um seine “Autobiographie”, als FAC 424 unter dem etwas fälschlich ein Fest voller Drogen und Partys, Afterhours und E-Exzesse versprechenden Namen “24 Hour Party People” bei Channel4 (sein Arbeitgeber) Books veröffentlicht, soll es hier gehen.

TONY WHO THE FUCK?

Tony Wilson. Die älteren unter euch kennen mit Sicherheit noch diese lustige Rock Band namens Happy Mondays. Kurz vor der Wende sämtlicher Jugendkultur, die was auf ihre Ehre der ständigen Erneuerung von unten hält, von Rock hin zu Dancefloor, hatten die nämlich schon zwei ziemlich erfolglose Alben auf dem legendären Factory Label von Tony Wilson. Tony aber fand sie so großartig, dass er die zweite Revolution, sichtlich beglückt sie anstupsen zu können, schon gerochen hat. Mancunians können Revolutionen nämlich riechen.
Und die Autobiographie ist wie Tony und Manchester randvoll mit Revolutionen.

WIR BAUEN EINE FABRIK

Manchester hat die Industrielle Revolution erfunden, den Computer [dafür soll Turing extra nach Manchester gereist sein, um an den ersten funktionstüchtigen Röhren zu basteln…], das Tanzen zu Ecstasy [ein Verdienst, der an die Rowdies der Happy Mondays geht, die sich damit einen Haufen goldener Nasen verdient haben, ganz anders als der Club von Tony Wilson, das legendäre Hacienda, das immer am Rande einer Pleite stand], das moderne Design [der Verdienst hierfür geht an Factory Inhouse Designer und Deadlinekiller Peter Saville, der, nachdem er die Floppydisc als Plattencover nachgebaut hatte, immer noch die New Order Cover macht. Auch die waren auf Factory, bis sie kurz vor der endgültigen Pleite zu London Records gingen. Eine Szene, die auch im Buch ist, und in der sich die Rahmenhandlung rings um den (schon wieder) legendären Plattenvertrag wieder schließt, der ungefähr so lautet: “The musicians own everything, the company owns nothing, all our bands have the freedom to fuck off”. Was sie dann auch taten, nachdem Tony all das sauer mit New Orders Alben und “Blue Monday” Maxis verdiente Geld in einen 50.000 EURO Pressspantisch fürs Office, die von Bandenkriegen und Wassertrinkern bedrohte Hacienda und einiges andere gesteckt hatte. Oder, wie er vermutlich sagen würde, in Manchester reinvestiert. Der Vertrag allerdings wurde natürlich nicht für New Order erfunden (Name der Band übrigens stammt aus “Mein Kampf”. Was Tony ein wenig Kopfzerbrechen hätte verursachen können, vor allem wegen seiner ersten erfolgreichen Band von 1979, Joy Division (benannt nach einem dieser Zuchtcamps für Arier. Ihr wisst schon in welchem Land, und nein, Manchester hat nicht alles erfunden), sondern für Joy Divison.] und Joy Division. Wir bestehen drauf, erstens aus grammatikalischen Gründen, und zweitens hat Manchester diese Legenden natürlich auch erfunden. Ok, Tony hatte auch seinen Anteil daran.

WALK IN SILENCE

Um Joy Division und die Punkzeiten nämlich, das hatten wir vergessen zu erwähnen, dreht sich die ganze erste Hälfte des Buchs, weshalb auch nicht halb so viele Partys drin sind, wie man annehmen würde. Über Ian Curtis’ (Joy Division Sänger und Rolemodel von Prä-E-Teenagern, er wurde später vom DJ abgelöst) Tod ist Tony am Ende zwar halbwegs hinweg, Martin Hennant aber, der Sounddesigner, der vielleicht wirklich für Teile einer der oben genannten Revolutionen und Bankrotte (sucht euch welche aus) verantwortlich war, nicht. Denn der wurde nach seiner Heroinsucht (ein Schicksal, das er zeitweise mit Shaun Ryder von den Happy (sic) Mondays, nicht aber mit Tony teilt, der eigentlich das ganze Buch lang nur kifft, wenn er nicht grade Regionalberichterstattung für Granada (sein vorheriger Arbeitsgeber) macht) so fett, dass es ihn auch ins Grab trug. Ihr merkt schon, ein Buch voller mörderischer Gegebenheiten, vieler Legenden und einem Haufen skurriler Szenen miteinander konkurrierender Nordengländer, die Geschichte geschrieben haben, es zumindest jedoch immer wollten. Ein Buch, das damit anfängt, dass Shaun und sein Bruder das erste Mal straffällig werden, weil sie Tauben mit Rattengift in die Luft jagen, das zwischenzeitlich eine Ufo-Landung erlebt (BEZ!, ja, Aljoscha und Alexis, daher kommt der) und am Ende mit der haschischinduzierten Sichtung von Gott (na wie sieht der aus? richtig, wie Tony) und über den Dächern von Manchester endet.

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Elektronische Lebensaspekte.