Unter "No Turistik - No Egzotik" fasst Serhat Köksal vom Istanbuler 2/5 BZ-Projekt seine audiovisuellen Multimedia-Inszenierungen zusammen. Türkische Fremd- und Selbstabbildung im Breakbeat-Hechsler, die auch John Peel begeistert.
Text: paul paulun aus De:Bug 58

Tempo und Vielfalt in einen surreal anmutenden Strudel aus Kung Fu-Kämpfen, türkische Liebesfilme mit großer Leidenschaft und verliebtem Geshakere, Politikerfratzen und fragmentarische Bosporusimpressionen, deren musikalische Entsprechung sich in nervös herumschlagenden und freikämpfenden Breakbeats manifestiert, die mit Samples aus eben diesen Filmen verwoben sind. Dass das Videoband von Spuren der Abnutzung geprägt ist, die nicht nachträglich dazu gerendert sind, verleiht dem Ganzen ebenso wie die roughe Soundqualität eine authentische Komponente. 2/5 BZ aus Istanbul gibt uns in Gestalt von Serhat Köksal mit Hilfe von seiner Bekannten Banu ein Interview über seine Arbeit.
Fünf Jahre des Ausprobierens sind dem ersten Release vorausgegangen, während derer es auch keine Konzerte gab. Ursprünglich ging Serhat in häuslicher Umgebung seiner Idee nach, Bilder aus türkischen Filmen mit Musik zu koppeln. Jedoch gab es schnell musikalische Unterstützung von drei Freunden und seit geraumer Zeit arbeiten sie in einem losen Verbund aus bis zu sechs Leuten, an dem allerdings nicht immer alle gleichzeitig teilhaben – die einmonatige Tour mit 23 Gigs in sieben Ländern bestreitet Serhat sogar ganz allein. Diesen wechselnden Konstellationen ist es vermutlich auch geschuldet, dass jedes Konzert seinen eigenen Schwerpunkt hat und Brückenschläge zwischen Breakbeats, technoiden Elementen und türkischen Instrumenten wie der Elektrosaz versucht werden.

Türkische Fernseh-Kultur
Beim Bildmaterial liegt das Augenmerk auf türkischen Filmen der 60er und 70er Jahre, die oftmals aufgrund der leuchtenden Farben sowie der dick aufgetragenen, grellen Schminke recht psychedelisch anmuten. Serhat empfindet diese Phase des türkischen Films als eine sehr kreative und phantasievolle, deren Produktionen weit mehr einem inneren Anliegen entspringen als das heute der Fall ist. Durch die Einführung privaten Fernsehens 1991 gab es verstärkt die Möglichkeit, Bilder aus solchen Filmen mitzuschneiden. Bis zu diesem Zeitpunkt war man auf den gelegentlichen Fund von Videokassetten auf Flohmärkten angewiesen, da die Türkei nach dem Militärputsch 1980 medientechnisch betrachtet eine sehr ruhige Zone mit äußerst wenigen Fernsehkanälen war, auf denen ein sehr eingeschränkter Sendebetrieb mit vorwiegend US-amerikanischen Produktionen herrschte. Für 2/5 BZ nimmt das Bildmaterial einen ebenso hohen Stellenwert ein wie die Musik. Demzufolge bringt Serhat außer am Kopierer vervielfältigte Hefte mit Infos über das Musikprojekt auch ein unregelmäßig erscheinendes Fanzine heraus, das sich ausschließlich mit Themen des türkischen Filmes befasst und neben Interviews mit Schauspielern auch solche mit Filmmusikkomponisten, Geräuschemachern und Synchronsprechern beinhaltet.

Was illegal ist, kann nicht zensiert werden
Auch wenn im die Musik begleitenden Bildmaterial gelegentlich die fiesen, regungslosen und kalkulierenden Gesichter von türkischen Politikern auftauchen oder in einem Stück die von Rechten an kritischen Schriftstellern und Künstlern in einem Hotel durchgeführten Morde thematisiert werden, versteht Serhat sich nicht als jemand, der explizit politisch handelt. Demzufolge ist auch Zensur kein Thema, über das er sich groß Gedanken macht. Eine Einstellung, die zum einen aus der sympathischen Haltung resultiert, dass, was illegal ist, auch nicht zensiert werden kann. Darüber hinaus schätzt er das Risiko, aufgrund einer künstlerischen Auseinandersetzung und der relativ geringen Verbreitung seiner Erzeugnisse Ärger zu bekommen, als ein kalkulierbares ein. Wenn Sachen heikel erscheinen, wie die veröffentlichte Liste mit den Kennzeichen von knapp 300 Zivilfahrzeugen der Polizei, die sich zudem über ihr Erscheinungsbild als weißer Renault zu erkennen geben, reicht es einfach, keine Kontaktadresse anzugeben. Inspiration für solche Aktionen ist das Wirken von Aziz Nesin, eines Publizisten, der aufgrund seiner zynisch-kritischen Art der Geschichtsschreibung allerdings schon einige Zeit im Gefängnis hat verbringen müssen.
Vertrieben werden die Publikationen und Tonträger auf Serhats Label “Gözel” in Eigenregie, was natürlich eine Anstrengung bedeutet, aber eben erledigt werden muss. Auch die massive Propaganda John Peels, der 2/5 BZ 1994 anlässlich seines für die BBC durchgeführten musikalischen Streifzuges durch die Türkei für sich entdeckt und zu seinem türkischen Lieblingsprojekt erklärt hat, ändert nichts daran, dass der größte Teil der bis zu 1800 Kassetten- und CD-Kopien/Release im Land verbleibt, wo sie ihren Weg über ein Netzwerk von sich vornehmlich in Istanbul, Ankara und Izmir befindenden Plattenläden nehmen, die dem erweiterten Freundeskreis entstammen.

Istanbul Cut-up
Dem von Serhat als überhebliche Blick vieler Westler auf alles Außereuropäische und eben insbesondere auf die türkische Kultur setzen 2/5 BZ den Slogan ‘No Turistik – No Egzotik’ entgegen. Schließlich beziehen sie aus eben dieser Kultur ihre Haupteinflüsse. Und der wichtigste ist, in Istanbul zu leben und die dortige Luft zu atmen. Nach westlichen Einflüssen befragt, kommt nach langem Überlegen gerade eine Handvoll Namen zustande, die überraschenderweise Tim Hodgkinson, Henry Cow, Fred Frith, Chris Cutler und -hey!- Lee Perry lauten. Auch wenn die Montagetechnik der Bilder sehr cut-up artig gehalten ist, hat das seinen Ursprung nicht in einem wie auch immer gearteten Kopieren, sondern versteht sich vielmehr als ‘Istanbul Cut-up’. Istanbul ist auch die Stadt, in der die meisten der seltenen Auftritte des Projektes in Bars, selbstverwalteten Schuppen oder Clubs innerhalb von Strukturen stattfinden. Auch dort gab es Anfang der 90er eine ungezwungene Art, Orte für sich zu erschließen und Sachen auszuprobieren. Und so orientieren sich viele Clubs seit geraumer Zeit in eine Richtung, die sich in erster Linie einer Funktionalität verpflichtet fühlt und die Selektion des Publikums über Eintritts- und Getränkepreise vornimmt wie auch der Club Bilsak, in dem 2/5 BZ ihre ersten Auftritte hatten. Serhat hat jedoch den Eindruck, dass mit der neuen Generation eine Belebung einhergeht und die Aussichten auf eine Änderung zum Besseren nicht so schlecht stehen.

Arte-Eroberung
2/5 BZ sind jedoch auch an Anwendungen ihrer Erfahrungen in neuen Kontexten interessiert und man wird ganz unmittelbar ihre Filmmusik in einer auf ‘Arte’ zu sehenden Dokumentation über Teheran begutachten können. Abwarten.

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Elektronische Lebensaspekte.