Immer wieder polarisieren die Diskussionen um elektronische Medien. Euphoriker versus Apokalyptiker. Drei Bücher beschäftigen sich mit alten und neuen Paradigmen und den Dazwischen.
Text: Christoph Jacke aus De:Bug 46

Open Your Eyes: Medientheorie
Drei neue Bücher zum Medienwandel
Der bekannteste Mahner in der Medientheorie ist der amerikanische Kultur- und Medienkritiker Neil Postman, der mit “Wir amüsieren uns zu Tode” und anderen Büchern in den 80er und 90er Jahren immer wieder für Gesprächsstoff zwischen Konferenz und Kaffeekränzchen sorgte. Pünktlich zum nachlassenden Interesse an Postmans Verdrängungsthesen hat sich der österreichische Kulturjournalist Ingomar Robier mit den Argumenten Postmans und dessen Wegbegleitern und Widersachern beschäftigt. Akribisch (das Buch ist als Doktorarbeit entstanden) arbeitet sich Robier durch die zentralen Thesen Postmans in deren chronologischer Abfolge: Verdrängung der Wortkultur durch elektronische Medientechnologien, Verschwinden der Kindheit durch Fernsehkonsum, Total-Entertainisierung der Gesellschaft, Bedrohung des demokratischen Gemeinwesens durch Medienmanipulationen. En passant gelingt es Robier dabei eine kritische Einführung in das Postmansche Denken zu leisten und zu zeigen, dass die kulturpessimistischen Argumente eigentlich popularisierende Versionen bereits vorliegender Theorieansätze von z. B. McLuhan, Adorno/Horkheimer oder Weizenbaum sind. Manchmal mündet die Arbeit Robiers allerdings in Lawinen von Zitaten, die die Rezeption des Textes unnötig erschweren und den Eindruck eines Dauerrechtfertigungszwangs des Autors erwecken. Ebenso verpasst Robier eine eigenständige Theorie-Entfaltung. So fordert der Österreicher zwar nachvollziehbar ein flexibleres Kulturmodell gegenüber den eher statisch-konservativen Vorstellungen Postmans und nennt konstruktivistische und dekonstruktionistische Ideen als Ausweg. Doch die Anwendung geschieht nur oberflächlich. Just an dem spannendsten Punkt bricht Robier sein Vorhaben ab: wie können Überlegungen zur Medienkritik mit entdramatisierten Ansätzen verknüpft werden?
Der Lüneburger Kulturwissenschaftler Werner Faulstich argumentiert ebenfalls derart und postuliert ein Umschalten in der wissenschaftlichen Diskussion von “Wie wertvoll ist XY?” auf “Welche Funktion hat XY?”. In seinem neuesten Sammelband “Medienkulturen” zeigt Faulstich, mit welch einer Bandbreite von Themen er sich schon frühzeitig beschäftigt hat. In der Tat war er einer der ersten Medienforscher in Deutschland, der sich vor einer ernsthaften Auseinandersetzung mit Pornographie, Schlager, Rockmusik, Fernsehserien und Bestsellern u.a. nicht scheute. Dieses Interesse versandet jedoch immer wieder in vorläufigen Aufrissen und Andeutungen. Schon seit zehn Jahren spricht er beispielsweise von der Notwendigkeit einer Theorie der Stars, liefert aber in seinem Beitrag wiederum nur einen Überblick und die Forderung eines expliziten, interdisziplinären Ansatzes. Im Ganzen kann jedoch der Erwartungen weckende, stark generalisierende Titel “Medienkulturen” seinen Anspruch nicht einlösen (beispielsweise mangelt es an Beobachtungen zum Netz). Ein Kleinod verbirgt sich allerdings zwischen den vielen, größtenteils schon veröffentlichten Aufsätzen (nur drei sind Erstveröffentlichungen): der Beitrag “Musik und Medium” verbindet als einer der ganz wenigen bisherigen Versuche (neben etwa Helmut Rösing oder Rolf Großmann) die Schnittstelle zwischen Musik und Medien. Warum Faulstich allerdings in seiner Einteilung der Musikgeschichte neben Live-Musik, Aufführungsmusik und Konservenmusik für die derzeitige Phase ausgerechnet von “Steinbruchmusik” spricht, bleibt ein Rätsel. Aphex Twin, Napster oder flexekutive User wühlen wohl kaum in einem virtuellen Steinbruch herum.
Den theoretischen Schritt weiter als Robier und Faulstich gehen die meisten Beiträge des von Tom Holert herausgegebenen Sammelbands “Imagineering”, der sich an den jüngst wieder aufgeflammten Diskussionen um die Berichterstattungen zum Bosnien- und Kosovokrieg aufbaut. Acht Aufsätze und Interviews zu den Analysemöglichkeiten der massenmedialen Bildermengen und der Industrie der Sichtbarkeit. Allen Versuchen gemein ist eine Etablierung der aus den Cultural Studies entwickelten Visual Studies, die vor allem mit Namen wie W.J.T Mitchell oder J. Rajchman verbunden sind. In seiner Einführung verdeutlicht Holert die Politik des Visuellen anhand der Foto-Bebilderung von Bill Clintons Indienbesuch. Neben diesem konkreten Beispiel bleibt aber die abstrakte Ebene der Theoriebildung ein Manko des hübsch gestalteten Bands. Selbst wenn als zweiter Text von Rajchman eine Orientierung zu den für die Visual Studies fundamentalen Überlegungen Foucaults (Kunst des Sehens, Sichtbarkeit vs. Nicht-Sichtbarkeit) vorgelegt wird, so fällt das Lesen teilweise ungemein schwer. Neben weiteren Beiträgen zu fotografischen Traumata im Krieg (M. Terkessidis) und Körperlichkeit und künstlerische Fotografie (I. Becker) liefert Everybodys Darling D. Diederichsen mal wieder einen der interessantesten Texte: In seinen Ausführungen zur Politik der Aufmerksamkeit liefert Diederichsen eine überzeugende, aktualisierte Betrachtung der Unterscheidung Kunst/Nichtkunst, die in einer angenehm unaufdringlichen Legitimisierung der Gesellschaft- und Kunst-Kritik eben in Form der Kunst mündet. Der Eindruck, dass der gesamte Band zu einer etwas erzwungen wirkenden Reorientierung der offensichtlich in der Krise befindlichen Kunstgeschichte und –theorie beitragen soll, lässt sich allerdings nicht abweisen.
Allen Bänden scheint gemeinsam, dass sie eine interdisziplinäre Medienkulturwissenschaft einfordern und die Unterscheidung von Lebens- und Medienwirklichkeit endgültig als überholt angesehen werden kann: Medien sind Bestandteile des Alltags. Dabei sollte der überaus normative Eindruck der Manipulation der Mediennutzer in Richtung Funktionalität abgeschwächt werden. Einfluss ja, Manipulation nicht unbedingt: Was anderes, liebe Lesende, geschieht schließlich beim Rezipieren auch dieses vorliegenden Textes hier und jetzt?

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Elektronische Lebensaspekte.

Sound Signatures, Critique of Exotica Music und Virtuelle Kunst in Geschichte und Gegenwart.
Text: jan joswig aus De:Bug 46

Buch

Sound Signatures
Jochen Bonz versammelt in dieser Textanthologie Praktiker und Analytiker, Anekdoten, Autobiographisches und Theorien zu Pop von Andreas Neumeister, Thomas Meinecke, Dirk von Lowtzow, Fee Magdanz oder Barbara Kirchner und den Debugos Kösch und Bunz um sich, wundert sich über das pluralistische Stimmenbabylon und erklärt es längerer Hand zum Grundcharakteristikum von Pop nach dem Sündenfall, der Zersplitterung, irgendwann nach Acid House, der letzten, großen, einigenden Utopie in Pop? Gender, Geld, Gegenwehr wird in den verschiedensten Sprechweisen, aber immer mit einer kritischen Empathie der T. Rex- bis Missy Elliott-Fanschreiber gegen alle rückwärts gelesen, die Pop immer noch nur als Freizeitspielfeld abwerten wollen. Deutsche Cultural Studies auf der undogmatischen Suche nach dem Lebensmittelpunkt in Pop und der Feststellung, dass Pop selbst keinen Mittelpunkt hat.

Sound Signatures, Popsplitter, Hrsg. Jochen Bonz, Suhrkamp 2001, DM 21,90

Dub heißt dubious
Verkaufen ‘exotische’ Acts ihre Kultur an die westliche Käuferschicht nur als Markenzeichen? Oder sind Signifikanten des Fremden, Exotischen, im Pop-Mainstream ein Hinweis auf die eigenmächtige Sichtbarwerdung marginalisierter Ethnien? Wird die westliche Kultur zu einem Hybrid, der diverseste Stimmen zu deren Bedingungen zulässt? Oder sind diese Signifikanten nur Talmi, mit dem sich die hegemoniale westliche Kultur die Fassade auffrischt, ohne sie substantiell zu thematisieren? John Hutnyk fragt in “Critique of Exotica” anhand der britisch-asiatischen Musikacts Asian Dub Foundation, Fundamental oder Apache Indian, wie weit ihre symbolische Politik im Pop den konsumorientierten Verwertungsmechanismen der Kulturindustrie entkommt. Dass er aus der Perspektive eines Cultural Studies-skeptischen Marxisten fragt, dem sein Adorno heilig ist, klärt den Unterton der Analyse: Die asiatischen Kids mögen doch bitte nicht ihren Groove finden, sondern ihr politisches Engagement.

John Hutnyk: Critique of Exotica Music, Politics and the Culture Industry, 256 Seiten, London 2000, circa 15 Pfund, http://www.plutobooks.com

Virtuelle Kunst
Die Kunst muss an die Informationstechnologie anschließen, irgendwie, das wird immer deutlicher. Derzeit entgleitet ihr nicht nur die Herstellung von Bildern, sondern auch immer mehr die Diskurshoheit über sie. Oliver Grau hat in seinem ersten Buch nun versucht den Diskurs einzuholen und digitale Bilder und Kunstgeschichte miteinander kurz zu schließen. Die Nahtstelle? Nachahmung. Heißt, Grau bindet die Informationstechnologie, die dem Motto klassischen Kunst “Imitatio” am ähnlichsten sieht -Virtuelle Realität – an historische Panoramas und versucht so den produktiven Vergleich. Aus der Kunstgeschichte mit Pathos und Patina soll eine Bildwissenschaft werden. Prinzipiell ein unterstützenswerter Ansatz, auf jeden Fall, auch wenn es mir bei der Auseinandersetzung mit Virtualitäts-Kunstwerken sicher gruseln würde. Doch Grau arbeitet mutig die Veränderung auf dem Feld der Kunst durch die neuen Medien heraus. Eines kann man schon verraten: Es kann gezeigt werden, dass Künstler, Kunstwerk und Betrachter zueinander konvergieren. Welche neuen Differenzen sich dann bilden, steht allerdings noch aus.
Oliver Grau: Virtuelle Kunst in Geschichte und Gegenwart. Visuelle Strategien. 302 Seiten. Reimer Verlag 2001. 59,- DM.

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