Labelheimat von Depeche Mode, Moby, Throbbing Gristle - You name it
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 113


Foto: Elke Meitzel

Mute ist der Indie-Gigant schlechthin. Depeche Mode, Moby, Goldfrapp, aber auch Holger Hiller und Throbbing Gristle fanden hier ihre Plattform. Labelchef Daniel Miller blickt zurück auf 30 Jahre Mute und 60 Jahre seines eigenen Lebens und voraus auf die kulturelle Erweckung von morgen: die Underage-Szene.

Daniel Miller entschuldigt sich. Dafür, dass im Studio nichts angeschlossen ist und ob das denn in Ordnung ginge, in einem nicht verkabelten Studio Bilder zu machen. Die Büroräume in Hammersmith in Südwest-London sind eine Zwischenlösung. Ein paar Wochen ist es her, dass das Label aus der Harrow Road hierher umgezogen ist und mit einer großen Party Abschied feierte von zwanzig Jahren Heimat. “Wir haben noch während der Party angefangen, die Wände einzureißen. Jeder konnte ein Stück als Andenken mitnehmen … Berliner Style.” Die Party muss ab einem bestimmten Punkt wohl ziemlich aus dem Ruder gelaufen sein, Miller deutet Tumult-ähnliche Szenen im Treppenhaus des alten, baufälligen Hauses an. Im Herbst wird Mute bei EMI neue Räume beziehen. Damit ist der Verkauf des Traditionslabels auch räumlich endgültig abgeschlossen. Dann ist Mute dreißig Jahre, Miller knapp doppelt so alt.

Miller hat in dieser Zeit nicht nur Popgeschichte mit Bands wie Depeche Mode, Yazoo, Erasure, Goldfrapp oder Moby geschrieben, Industrial von Musikern wie Non oder Throbbing Gristle hatten auf Mute ebenso Platz wie die Neubauten, Nick Cave, D.A.F., Nitzer Ebb, Barry Adamson oder Holger Hiller. Auf Sublabeln wie Novamute oder Blast First holte er Sonic Youth und Richie Hawtin mit ins Boot und veröffentlichte Soundtracks zu den Filmen von Derek Jarman. Mit der opulenten 10-CD-Box “Mute Audio Documents 1978-1984″ wird jetzt der Frühphase des Labels gedacht. 128 Tracks, chronologisch auf die Perlenkette gezogen, bringen natürlich Bands wie Depeche Mode, Yazoo oder Fad Gadget wieder in die Erinnerung, falls man solche Ausnahmekünstler wirklich vergessen kann. Aber eben auch das Abseitige, verstaubte 7”-Releases, obskure B-Seiten.

Vor allem aber: Daniel Millers eigene Musik. Seine 7″ von 1978, The Normals “Warm Leatherette/T.V.O.D.” ist ein nach wie vor unerreichter Meilenstein der elektronischen Musik. Dann produzierte er Soft Cell. Der Antipol dieses Experiments folgte auf dem Fuß: Als Silicon Teens spielte Miller eine ganze LP elektronischer Coverversionen von Rock’N’Roll-Klassikern ein. John Peel liebte das und einige verrückte Plattenkäufer auch. Seymour Stein zum Beispiel, Chef von Sire Records in den USA, der beide Projekte von Miller lizenzierte. Knapp dreißig Jahre Mute, knapp anderthalb Stunden Interview mit Daniel Miller.

Herr Miller, nächstes Jahr feiert Mute Records seinen 30. Geburtstag. Doch das Label gehört Ihnen nicht mehr, Ihre alten Büros haben Sie gerade verlassen, EMI, Ihr neuer Arbeitgeber, entlässt Mitarbeiter. Die ganze Musikindustrie lässt keine Chance aus, die sinkenden Verkäufe zu beklagen, und Sie veröffentlichen jetzt eine aufwendige 10-CD-Box, die die Frühphase des Labels chronologisch kompiliert, Musik, die EMI heutzutage mit Sicherheit nicht releasen würde. Komische Zeiten, oder?

Daniel Miller: Eins nach dem anderen. Unser Umzug und die Veröffentlichung der Box fallen rein zufällig zusammen, die Kompilation ist keine Grabrede für unser Büro, in dem wir zwanzig Jahre gearbeitet haben, und auch nicht das Ende einer Ära. So eine Box zusammenzustellen, dauert einfach. Die Planungen begannen, als sich noch niemand ausmalen konnte, dass Downloads irgendwann CD-Verkäufe ablösen könnten. Downloads sind praktisch und ich kann verstehen, warum viele Menschen lieber Musik laden, als sich die Tonträger zu kaufen. Aber als Label muss man sich im Klaren darüber sein, dass man jegliche Kontrolle über seine Musik aufgibt.

Sprechen Sie vom Ende des Albums?

Daniel Miller: Nein, vom Ende des Tonträgers. Wenn alles online ist, wird nichts mehr gepresst. Wenn sich dann der Anbieter überlegt, dass er doch lieber ein Fußball-Team kaufen will, und den Server abstellt … dann haben die Labels nichts mehr. Rein gar nichts. Ich mag Tonträger. Ich weiß, dass die Box nicht gerade für den Massenmarkt gemacht ist, aber es steckt viel Arbeit dahinter und zeigt, wie es mit Mute angefangen hat, lässt unsere ersten Jahre Revue passieren. Das ist mir wichtig. Auch der nicht-musikalische Teil: Für jedes Jahr gibt es spezielle Linernotes, zum Beispiel von Biba Kopf, der schon in den Anfangstagen des Labels für uns geschrieben hat … das konterkariert die nerdige Chronologie der CDs.

Hätten Sie sich in der Frühphase des Labels vorstellen können, irgendwann so eine Box zu veröffentlichen? Sagen wir … 1982?

Daniel Miller: Natürlich nicht. Ich hatte keinerlei Vorstellungen, wie wir uns entwickeln würden. Ich hatte keine Vision wie zum Beispiel: Mute muss das Motown der elektronischen Musik werden, einen Vergleich, der über die Jahre immer wieder aufkam. Ich wollte einfach Platten veröffentlichen.

extra1.jpgFoto: Elke Meitzel

Lassen Sie uns noch ein bisschen weiter in die Vergangenheit gehen. 1978 veröffentlichten Sie ihre eigene 7″ als “The Normal”. Ich nehme an, dass Sie die Tracks einfach releasen und nicht wirklich ein Label starten wollten.

Daniel Miller: Ganz genau. Obwohl ich sagen muss, dass mich der Prozess interessierte. Ich wollte wissen, wie sich das anfühlt … eine Platte zu releasen und dabei alles selbst zu machen. Musik war immer ein wichtiger Aspekt in meinem Leben, seit der Schule. Ich darf sagen, dass ich ein ausgesprochen schlechter Gitarrist war. Elektronische Musik hat mich immer interessiert und als die Geräte billiger wurden und gleichzeitig Punk alles veränderte, merkte ich, dass die Zeit gekommen war, in der man so ein Projekt wirklich allein bewältigen konnte. Aufnehmen, pressen und verkaufen.

Sie haben die Stücke niemandem angeboten?

Daniel Miller: Labels? Nein, ich wollte es selbst machen, 500 7″s pressen. Mir kam das zu viel vor, aber kein Presswerk war bereit, weniger Kopien herzustellen. Rough Trade hörte die Anpressung und bot mir einen Vertriebsdeal an und sagte gleichzeitig, ich solle mindestens 2000 Stück pressen. Mir wurde schwindelig, aber ich habe es gemacht.

Aprés-Ski-DJ
Was hat Daniel Miller davor gemacht?

Daniel Miller: Ich war Cutter und habe Fernseh- und Kino-Werbung gemacht. Danach war ich ein paar Jahre DJ. Nicht etwa hier in London, sondern in den Bergen. Ich habe Clubs und Bars in Ski-Gebieten bespielt. 1976 war ich dann wieder in London.

Es blieb nicht bei Ihrer 7″. Es folgten andere Künstler auf Mute. Also hatten Sie doch Lunte gerochen.

Daniel Miller: Ich war mir nicht sicher. Es dauerte ein Jahr, bis der zweite Release auf Mute kam. Bis zu diesem Punkt war ich zunächst einfach glücklich darüber, dass meine 7″ sich so gut verkaufte. Amerikanische Radiosender spielten meine Platte, und weil meine Adresse auf der Platte stand, dachten viele, Mute sei eine Plattenfirma und schickten mir Demos. Zunächst pushte Rough Trade meine eigene Musik. Buchten mir Gigs mit Throbbing Gristle und Robert Rental. Rental hatte das gleiche Problem wie ich: Er konnte seine Musik alleine nicht auf die Bühne bringen. Also machten wir es zusammen und spielten Normal/Rental-Shows. Später releaste er auch auf Mute. Wir spielten in Paris und dann schickte uns Rough Trade auf eine Package-Tour, gemeinsam mit Stiff Little Fingers und Essential Logic …

Was für eine absurde Mischung!

Daniel Miller: … perfekt, oder!? Es hat aber totalen Spaß gemacht und spiegelte gut wider, wofür Rough Trade damals stand. Für Robert und mich war das ausschlaggebende Argument, dass wir spielen konnten. Rock’N’Roll. Da war es auch egal, dass unserem Auto eine Tür fehlte. Erst als diese Tour vorbei war, spielte mir jemand Demos von Fad Gadget vor. Seine Musik war der Auslöser, mit Mute weiterzumachen. Ich liebte seine Musik, wir haben uns bestens verstanden, warum also nicht noch eine Platte machen. Außerdem hatte ich mein Silicon-Teens-Album … so kam eins zum anderen.

Ein eigenes Label zu gründen, bedeutet auch, dass man mit den anderen Labels nicht wirklich zufrieden ist, dass man etwas anders, etwas besser machen will. Wie sah die Label-Landschaft damals in England aus?

Daniel Miller: Es gab großartige Labels: 4AD, Factory, Beggars, Rough Trade. Als ich meine 7″ machte, gab es viele Musiker in meinem Alter, die diese Musik machten, aber keine Labels, die sie veröffentlichten. 1977 musste man das selbst machen. Das änderte sich sehr schnell, schon zwei Jahre später gab es großes Interesse an dieser elektronischen Musik. Die Labels hatten aber alle einen sehr klar definierten Stil. Und es war ganz normal, dass ich Ivo von 4AD anrief und ihm ein Demo schickte, das eigentlich für mich war. Und umgekehrt. Wir kannten uns alle und arbeiteten eher zusammen als gegeneinander. Sehr Gentleman-like.

Wann dachten Sie zum ersten Mal: Jetzt wird es ernst.

Daniel Miller: Als ich anfing, mit Fad Gadget zu arbeiten. Wenn man mit der Musik anderer Musiker arbeitet, muss man verantwortlich damit umgehen.

Dann kam Depeche Mode, später dann Yazoo. Zwei Bands, die Mute plötzlich ins Rampenlicht brachten. Chart-Erfolge, Tourneen, Teenie-Presse, kurz: mehr Arbeit, sehr viel mehr Arbeit. Wie sind Sie damit umgegangen?

Daniel Miller: Ich weiß es selbst nicht.

Ich frage, weil Sie nicht nur die Platten veröffentlicht haben, sondern auch alles mitproduziert haben.

Daniel Miller: … und fast alle Konzerte meiner Künstler gemischt habe …

Glück statt Handy
Sehen Sie!? Ist Daniel Miller Musiker? Produzent? Geschäftsmann?

Daniel Miller: Weder noch. Ich habe damals alles ein bisschen gemacht, für meinen Job gab es keine Bezeichnung. War bei dem Stress auch nicht nötig.

Und das alles ohne Handy!

Daniel Miller: Und ohne Fax! Ich hatte auch kein Telex. Da musste ich immer zu Freunden. Ich glaube, ich hatte einfach Glück. Ich lernte die richtigen Leute zum richtigen Zeitpunkt kennen. Mein Radio-Plugger war damals ganz neu im Geschäft, heute ist er einer der erfolgreichsten Promoter in England. Dann lernte ich jemanden von Sonet kennen, ein schwedisches Label, das vor allem Folk machte, dann aber das Silicon-Teens-Album lizenzierte und mir half, internationale Partner zu finden. Es passte einfach. Davon abgesehen, war es schlicht die Hölle. Schon allein Platten zu pressen, gestaltete sich schwierig. Man darf nicht vergessen, dass wir damals unfassbar viele Platten verkauften. War man in den Charts auf Platz 100, verkaufte man bereits 2000 Platten pro Tag. Pro Tag! Stieg man auf in die Top 75, waren es schon bis zu 30.000 pro Tag! Goldene Zeiten. Aber so viele Platten zu pressen ohne eigenes Presswerk war ein Albtraum. Wir mussten ständig Kapazitäten blocken bei kleinen Presswerken.

Und Rough Trade, Ihr Vertrieb, musste ein Warehouse nur für Mute bauen!?

Daniel Miller: Ja. Nein. Irgendwie schon. Sie entwickelten sich in dieser Zeit vom Plattenladen, der viele andere Läden belieferte, zu einem “richtigen“ Vertrieb und mussten eine Infrastruktur aufbauen.

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Versuchen Sie sich an … sagen wir 1983 zu erinnern. Wie sah Ihre letzte Woche im Büro aus, bevor Sie mit Depeche Mode “Construction Time Again” aufnahmen.

Daniel Miller: Um Gottes Willen. Ich schlief nicht, rauchte wie ein Schlot, hatte gerade Birthday Party gesignt, switchte hin und her zwischen Büro und Studio, wo ich mit Depeche Mode das Programming für das Album machte, schaute immer wieder bei Vince Clarke vorbei, der mit Feargal Sharky “The Assembly” startete … wir waren im Büro damals zu sechst, wenn ich mich recht erinnere. Und ich weiß noch genau, dass ich überhaupt kein Interesse hatte, neue Bands zu signen, weil ich mich nicht hätte um sie kümmern können. Wir hatten das Geld, aber ich wollte nicht brutal wachsen. Das hat uns aus heutiger Perspektive gerettet.

Ich habe sowieso den Eindruck, dass Mute damals eine Art Familie war. Künstler konnten ihre unterschiedlichen Projekte releasen, kollaborierten miteinander …

Daniel Miller: Bis zu einem Punkt war das so, ja. Neue Leute kamen mit der Birthday Party dazu. Als sich diese Band auflöste, hatte ich plötzlich Nick Cave, Crime & The City Solution und These Immortal Souls. Die hatten nichts zu tun mit der Depeche-Mode-Gang. Es gibt aber keinen Mute-Club, wo sich alle treffen, Whiskey trinken und sich Geschichten erzählen. Ich erinnere mich an eine Konferenz mit unseren Lizenz-Partnern, das muss so 1987 gewesen sein, und zu der Abschlussparty lud ich die Musiker ein. Da merkte ich, dass Vince Clarke und Nick Cave sich noch nie begegnet waren. Das war merkwürdig.

Macht man Verträge mit Familienmitgliedern?

Daniel Miller: In den frühen Jahren hatten wir generell keine Verträge, nein. Mit einigen Künstlern ist das bis heute so. Nice and simple. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätten wir nie mit den Verträgen angefangen. Mute und die anderen Labels, die in den späten 70ern angefangen haben … wir hatten keine Ahnung, wie man ein Label führt. Deswegen waren wir so gut. Die Musik zählte, ein Handschlag reichte. Hey, lass uns eine Platte machen. Wenn was übrig bleibt, machen wir 50/50. Das ändert sich zwangsläufig, wenn Bands Manager engagieren und man Platten im Ausland lizenziert. Je internationaler ein Label agiert, desto komplizierter das Setup.

Und Verträge helfen, die Künstler in Zeiten an sich zu binden, wenn das Label Entscheidungen fällt, die der Musiker nicht mittragen würde. Zum Beispiel, wenn man das Label an einen Major verkauft.

Daniel Miller: Aber genau das habe ich ja gemacht, wenn auch deutlich später. Ich war in den 90ern an einem Punkt, wo ich das Gefühl hatte, es würde Mute gut tun, wenn das Label das Backup eines großen Konzerns hätte. Ich ging zu EMI, weil wir in vielen Ländern bereits miteinander arbeiteten. Sie akzeptierten meine Bedingungen und der Deal war gemacht. Natürlich habe ich das auch mit den Bands besprochen und zum Glück waren alle einverstanden. Sie waren eher überrascht, dass ich so eine Entscheidung mit ihnen bespreche. Ich hoffte, dass sich dadurch auch neue Chancen für die Bands ergeben würden und generell ein bisschen Stabilität in unsere Arbeit kommen würde. Wir haben den Deal kurz vor dem Crash der Industrie gemacht und natürlich denkt heute niemand mehr an Stabilität, aber damals gab es zumindest eine Aussicht auf Stabilität und Ruhe in diesem neuen Setup.

Richard Branson riecht Lunte
Erinnern Sie sich an das erste Übernahmeangebot, das Sie bekommen haben?

Daniel Miller: Oh ja. Das kam von Richard Branson. Sehr früh … das muss so um 1982 gewesen sein. Er bot mir unvorstellbar viel Geld, ich war aber einfach nicht interessiert. Wir waren klein, hatten aber dennoch Erfolg. Alle Majors haben damals versucht, Depeche Mode abzuwerben, haben ihnen alles versprochen, aber die Band wollte mit mir weitermachen. Und ich habe gesagt: Den zeigen wir`s, wir können das auch schaffen. Und es hat funktioniert. Absurderweise haben wir ja jetzt irgendwie doch an Virgin verkauft, aber diese wahnwitzigen Merger konnte sich damals niemand vorstellen.

Sie haben immer mit den Majors geflirtet, wenn sie Lizenzpartner ausgewählt haben … in England waren Sie bis zum Verkauf komplett in einem Indie-Netzwerk. Nach welchen Kriterien haben Sie ihre Partner ausgewählt?

Daniel Miller: Da muss ich wieder auf Sonet zurückkommen. Deren Strategie war es, nach Partnern zu suchen, die das gesamte Label-Programm unterstützen. Genau das habe ich gemacht. Und das waren eben unterschiedliche Partner. Groß und klein. In den USA hatten wir einen sehr guten Kontakt zu Sire. Sire waren unabhängig damals. Seymour Stein, der damalige Boss, flog regelmäßig nach London, nur um bei Rough Trade Platten zu kaufen. Und er lizenzierte meine 7″ für Amerika. Dann machte er die Silicon Teens, dann Depeche Mode.

Sie kennen sich aus in der Musikindustrie. Wann hatten Sie zum ersten Mal das Gefühl, dass sich die Dinge ändern. Wann kam Angst auf?

Daniel Miller: In der Zeit, als ich meinen Deal mit EMI machte. Da merkte ich, dass sich die Umstände verändern. Die erste Katastrophe war Deutschland, dann kam Frankreich. Die Zahlen brachen ein, von einem Tag auf den anderen. In England ging das alles deutlich langsamer. 2000, 2001 … da bemerkte ich Veränderungen.

Wovor hatten Sie Angst?

Daniel Miller: Da muss ich ein bisschen ausholen. Mute hatte große finanzielle Probleme in den mittleren und späten 90ern. Die Stimmung in der englischen Presse war sehr anti-Mute. Es ging nur um Britpop und niemand interessierte sich für unsere Releases. Ich wiederum interessierte mich nicht für Britpop …

Sie hatten aber die Inspiral Carpets unter Vertrag …

Daniel Miller: … ja, eine Band, die wir schon vor der Britpop-Explosion auf dem Label hatten, die für mich immer einfach eine gute Popband war und die, hätte sie sich nicht aufgelöst, bestimmt auf der Britpop-Welle hätte mitschwimmen können. Aber dann kamen Oasis etc. … Noel Gallagher war übrigens der Roadie der Inspiral Carpets … und wenn man als Band nicht zu viert war und das klassische Instrumentarium verwendete, bekam man keine Aufmerksamkeit. Es gab Momente in dieser Zeit, wo ich wirklich alles hinschmeißen wollte. Wäre nichts passiert, hätte ich verkaufen müssen. Zu Bedingungen, mit denen ich nie glücklich gewesen wäre.

Moby macht den Laden flott
Und dann?

Daniel Miller: Kam Moby. Zehn Millionen Alben später waren wir gerettet. Ab diesem Punkt konnte ich wieder die Bedingungen diktieren.

Wann haben Sie den Verkauf zum ersten Mal bereut?

Daniel Miller: Bis jetzt habe ich ihn gar nicht bereut. Es gibt Aspekte, die ich nicht mag, aber den Deal zu bereuen, wäre dumm.

Was mögen Sie nicht?

Daniel Miller: Die Bürokratie. Wir müssen Dinge viel genauer budgetieren zum Beispiel. Aber niemand sagt mir, was ich zu tun oder zu lassen habe, welche Acts ich signen oder droppen soll.

Ich darf Sie zitieren?

Daniel Miller: Ich ahne, was jetzt kommt …

1999 sagten Sie in einem Interview, dass sich die Mitarbeiter bei Mute viel stärker mit der Musik identifizieren, mit der sie arbeiten, als bei Firmen wie EMI.

Daniel Miller: Stimmt immer noch. Man darf nicht vergessen, dass wir innerhalb von EMI immer noch unabhängig sind und autonom wirtschaften.

Lassen Sie uns über Musik sprechen. Wenn ich mir die Box anhöre, finde ich die Spontaneität und die Leichtigkeit immer noch beeindruckend, auch wenn klassischer Synthpop sich mit schweren Noise-Attacken abwechselt. So was muss man heute mit der Lupe suchen. Wo ist diese Leichtigkeit hin?

Daniel Miller: Wahrscheinlich, weil wir damals nicht wirklich wussten, was wir taten. Es war alles offener, es war mehr möglich. Und es gab kein Midi. Wenn man einen Bass wollte, musste man ihn programmieren, nicht nur die Presets durchschalten. Und man musste sehr konzentriert arbeiten. Das erste Album von D.A.F., das wir machten … da hatten wir drei Tage im Studio. So was ist heute undenkbar. Es gab keine Regeln damals, nur deinen Synth für 100 Pfund. Kein Preset-Designer machte dir deine Sounds. Heutzutage ist die Technologie noch viel billiger und gibt mehr Menschen die Chance, Musik zu machen, aber die Leute ticken anders. Dancemusic ist etabliert und man eifert immer den Stars nach. Früher war der erste eigene Sound der Himmel, heute gibt es GarageBand.

Wo verorten Sie sich in diesem Zusammenhang? Erst machten Sie Platten, dann produzierten Sie, später noch ein paar Remixe und jetzt gibt es gar nichts mehr von Daniel Miller. Haben Sie keine Zeit mehr oder ist Midi Schuld?

Daniel Miller: Man darf nicht vergessen, dass ich damals da so reingeraten bin. Ich wollte meine Platte machen, ja, aber ich habe die frühen Releases auf dem Label nur produziert, weil ich zufällig ein bisschen mehr über Studiotechnik wusste als die Musiker. Außerdem: Einen professionellen Produzenten anzuheuern, war nicht Teil des Plans damals. Wir wollten Platten machen, deren Sound von uns bestimmt war, nicht von einem Produzenten. Und es hat Spaß gemacht. Aber dann war es vor allem die mangelnde Zeit, die mich immer weniger machen ließ. Mein Powerbook ist aber immer noch voll mit Software und ich kaufe auch wieder Hardware-Synths. Für meinen persönlichen Spaß. Ich nenne es auch gerne Forschungsarbeit. Viele unserer Bands sind elektronische Bands, haben aber nicht so sehr die Technik auf dem Schirm. Da kann ich dann ein wenig beraten. Kauft den Synth, versucht die Drummachine. Ich war gerade auf der Musikmesse und habe mich sehr gefreut, dass es immer mehr neue, analoge Synths gibt.

Wer soll die CD-Box kaufen? Glauben Sie, Goldfrapp-Fans haben Anknüpfungspunkte?

Daniel Miller: Wenn sie sie kaufen, ist das schon eine gute Sache, denke ich. Es gibt mit Sicherheit viel zu entdecken und wenn junge Leute sich mit der frühen Labelgeschichte auseinander setzen, ein paar Tracks mögen und dann weiterforschen, dann bin ich schon sehr zufrieden.

Das nächste Ding: die Underage Scene
Was begeistert Sie heute?

Daniel Miller: Im Moment begeistert mich jede Menge, es ist eine extrem gute Zeit für neue, frische Musik. Ich habe meine Minimal-Techno-Sucht, das versteht mittlerweile niemand im meinem Umfeld mehr, und für mich ist es meistens nicht minimal genug, aber hier in England entwickelt sich gerade etwas sehr Spannendes, die “Underage Scene”. Spezielle Konzerte für 11- bis 15-jährige Kids. Zunächst spielten da Indiebands einfach Gigs für Kinder, die sonst nicht in Clubs reinkamen, aber mittlerweile sind auch die Bands und die DJs in diesem Alter. Der Stilmix ist einfach unglaublich. Den Kids ist es egal, wann die Platte gemacht wurde oder welches Genre es ist. Sie haben einfach Spaß an der Musik. Ich bin da ein bisschen involviert, da diese Sache losgetreten wurde vom Sohn eines Add-N-To-X-Mitglieds, die ja bei uns auf dem Label sind. Sam ist 14 und wollte einfach Shows sehen. Wir bereiten ein Label mit ihm vor … der jüngste A&R in der Geschichte, denke ich. In Deutschland gibt es Tokyo Hotel, aber das ist total Mainstream. Hier machen die Kids strangen Psychedelic Noise. Die erste Band auf dem Label heißt “Xerox Teens”. Den Namen werden wir noch ändern müssen, ich will nicht noch einmal so einen Stress wie mit Pan Sonic, aber die Musik ist unfassbar. Die sind zwar schon knapp 20, kommen aber aus dieser Szene. Es war das erste Mal, dass ich 11-Jährige beim Stagediving beobachtet habe. Dann gibt es eine Band aus den USA, die “Tiny Masters Of Today”, eine Punkrock-Band von zwei Geschwistern, 11 und 14 Jahre … Es ist die Energie, die Liebe zur Musik, die Begeisterung. Elektronische Musik begeistert mich auch noch immer. Auch wenn ich mir denke: Als wir anfingen, sollte der Synthesizer die Orgel erweitern, vielleicht für einen Flöten-Sound. Wir und alle anderen Musiker aus dieser Zeit haben das anders gemacht, wir haben das Gerät missbraucht. Das ist heute alles schon im Preis enthalten, die Geräte und die Software ist vor-missbraucht, wenn man sie kauft. Die Technologie ist den Musikern voraus. Es gibt großartige Sounds, aber nicht zwingenderweise großartige Künstler dahinter. Deshalb finde ich Grime und Dubstep interessant. Diese Musik ist so leer, so minimal, dass die wenigen verwendeten Sounds so überzeugen müssen, so sitzen müssen, dass man sehr schnell gut von schlecht unterscheiden kann. Jeder Sound zählt. So war das bei uns auch damals.

Vielen Dank für das Gespräch.
http://www.mute.com

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Elektronische Lebensaspekte.

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