Der Reader
Text: Natascha Sadrhaghighian aus De:Bug 44

Information ist anders
Der Reader “384 Körperinformation”

“It is the code that carries genetic information” stellten Watson und Crick 1953 in einem Artikel in “Nature” fest. Stimmt, denkt sich unsereins. Denn wo ein Code drauf ist, muss auch Information drin sein. Warum sowas dann in einer Zeitschrift namens ‘Nature’ veröffentlicht wird, wundert heute auch keine Sau mehr. Mein Erbgut und ich sind alte Bekannte geworden. Da fragt man sich selten: Wie haben wir uns eigentlich kennengelernt? Wenn man sich nämlich Schnittstellen zwischen Informatisierung der Biologie und Biologisierung der Informatik unter der Lupe mit mindestens 1200 dpi anschaut, kann man sehen, wie das zusammengebastelt ist. So eine Lupe kann auch ein Buch sein und z.B. ‘384 Körperinformation’ heißen.
Als ich es dann in der Hand halte – dick ist es, viel Text hat es – sucht mein Auge zunächst vergebens Überschriften, Inhaltsverzeichnis, irgendwelche blinkenden Zeichen, die mir erzählen ob es lohnt, meine Aufmerksamkeit an dieses Format zu verschenken. Information geht anders, denk ich mir blätternderweise und leg es wieder weg. Grummel irgendwas von inflationären Contentsimulationen mit stimulierenden grafischen Oberflächen, und das auch noch zu dem Thema! Um meinen aufkeimenden Unmut auch belegen zu können, schlag ich das Buch wieder auf und fange sofort an zu lesen. Und ich sage euch: Information ist anders, und ‘384 Körperinformation’ hat etwas darüber zu erzählen. Das Inhaltsverzeichnis hab ich dann auch noch gefunden.

‘Die Genese des Gencodes – Misuse of Information Technology’ ist der Titel eines Interviews mit Lily E. Kay, Professorin am Department for History of Science, Harvard University, Boston. Lily Kay zeigt auf, wie der ‘Gencode’ auf die Welt kam, indem sie den Werdegang der Begriffsfamilie ‘code, message, information’ und seine Geschichte in Zusammenhang mit Genetik nachvollzieht. In den zwanziger Jahren taucht das Wort Information in der Biologie noch nicht auf. Diese Begriffspaarung war zu dem Zeitpunkt noch nicht interessant. Erst in den späten vierziger Jahren als Norbert Wiener, Claude Shannon und John Neumann die Fundamente für die Kybernetik gelegt hatten, fand der Informationsdiskurs seinen Weg in die Molekularbiologie. Allerdings nicht in der praktischen Anwendung, sondern auf einer metaphorischen bildhaften Ebene. Als Repräsentanten eines zeitgemäßen Erbgutes waren program, message und code bestens geeignet. Ein starkes Bild mit viel Potential. Denn es impliziert auch die Möglichkeit der Entschlüsselung.

Wie medizinische Standards zur Basis von Steuerungsmechanismen interaktiver Medienkunst wurden, ist eines der anderen Themen dieses Bandes. Dabei stehen im Kapitel ‘Körper/Schaltungen’ Aufsätze zu Biofeedback neben historischen Abhandlungen über ‘zuckende Leichen’ – Guillotinierte, die mit Elektroschocks ‘reanimiert’ wurden. Ein anderes Kapitel heißt ‘In/Formation’ und handelt u.a. von der Erfindung des Stechschritts im 16. Jhd und den Choreographien der Girls-Revuen in den 20ern.
Mit vielfältigen Links vermag diese Ansammlung von Informationsgebilden selbst fast eine Art Organismus zu bilden. Einen, der seine Überschriften durchstreicht und beim Joggen den wackelnden Horizont archäologisiert. Foucault kann ein Lied singen.

Liegt wahrscheinlich noch eine Weile auf meinem Lieblingsbücherstapel
und ist zu bestellen bei redaktion@kaleidoskopien

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Elektronische Lebensaspekte.