Der "Matter Compiler" stellt auf Knopfdruck jeden beliebigen Gegenstand Molekül für Molekül her. Die belgische Firma Materialise erweckt Neal Stephensons Traummaschine des "Diamond Age" jetzt zum Leben.
Text: Verena Dauerer aus De:Bug 106

3D

Möbel aus Flüssigplastik
Laser Sintering und Stereolitografie

Im Zeitalter der individuellen Maßanfertigung will jeder seinen Objekt-Kram persönlich produziert bekommen, vom Tapetenmuster bis zur Kreditkarte im eigenen Design. In der Welt der dreidimesionalen Produkte, etwa bei Möbeln, gestaltete sich das noch etwas zäh – bis vor drei Jahren der “Sinterchair” der Berliner Vogt + Weizenegger eine Technik aus dem Flugzeugbau Galerie-schick machte. Die Umsetzung von Möbeln mittels geschmolzener, sich auftürmender Plastikfäden nennt sich Laser Sintering und die belgische Firma Materialise hat das Prinzip inzwischen verfeinert beziehungsweise versponnen. In Leuven bestellt man sich jetzt die Stehlampe statt dem Maßanzug: Die derzeit zwölf Produkt-Designer bei Materialise schrabbeln in ihrem hauseigenen CAD-Programm “Magics” die Objekte im Gitternetz und lassen sie mit Polyamid- und Nylonfäden “gießen”. Genauer gesagt, werden abhängig von der Methode Fäden gezogen und Schicht für Schicht zusammen geschmolzen. Das dauert dann eine Weile, im analogen Vergleich so etwa wie Teppichweben. Die belgische Firma nennt es ein bisschen lahm “3D-Drucken”, wenn sich die Objekte mit Lasern in einer Sitzung materialisieren. Mit den Beschreibungen für diese Verfahren ist das aber auch so eine Sache und Übertragungen aus dem Handwerk greifen nicht. Vielleicht sagt man ja in ein paar Jahren beiläufig: “Jetzt sinter ich mir mal meinen neuen Deckenfluter in rosa.”

Transluzid in Indian Red
Zwei Techniken kommen derzeit in Frage, die Stereolitografie und das Laser Sintering: Bei der Stereolitografie, so Materialise, schmilzt in einem Gefäß aus flüssigem Polymer ein Strang auf den anderen. Wenn der Laser darauf trifft, erhärtet sich alles. Das verwendete Epoxid hat einen vornehm gläsernen, fast durchsichtigen Look. Beim Laser Sintern nimmt man dagegen Pulver statt dem Flüssigpolymer. Das Ergebnis sind elfenbeinhafte, sich matt auflösende Skulpturen. Und bei Materialise in den voll trendige Saisonfarben namens Indian Red, Champaign oder Grass Green. Produzieren kann man mit den Verfahren theoretisch jedes Möbel, das im CAD-System entworfen wurde. Ob man sich dann auch hineinsetzen möchte, ist eine andere Frage. Das Polymer wird nämlich bockelhart und eine Blütenkelch-Lampe von Materialise mag einen noch so hauchzart mit ihrer weichen Filigranheit anlocken: Wahrscheinlich piekst man sich früher oder später den Finger oder schlimmeres. Nach einer durchzechten Nacht ist es jedenfalls nicht ratsam, auf die “Lily”-Stehlampe zu fallen. Die schmale Zimmerleuchte mit den langen Nylon-gesponnen Blütenblättchen von Janne Kyttanen erhielt 2005 den Red Dot Design Award, und die Lampenkollektion von Materialise ist auch sonst ganz bezaubernd: Deckenleuchten und besagte Stehlampen erscheinen fast transluzid. Sonst ein dahin gesabbertes Wort, hier passt es ausnahmsweise für Lichtgestalten, die sich von der Birne gerade genug durchleuchten lassen, um eine heimelige Stimmung zu erzeugen. Materialise orientiert sich offensichtlich gern an der Natur: Neben Baumverästelungen, Windwirbeln und Käferpanzern fertigen sie zum Beispiel eine Lampe wie “Quin” aus Polyamid und Nylon, die mit ihrer löchrigen Oberfläche an einen schwulstigen Blumenrüssel erinnert. Und “Black Honey” ist eine zum Sessel umfunktionierte Bienenwabe, fleißig gesponnen aus pechschwarzem Epoxid. Wer hier schön sitzen will, muss eben leiden oder doch ein Kissen unterlegen. Einzig bei dem ein Klotzgestell namens “Open Cube” hat sich Materialise verschmolzen: Mehrere ineinander geschachtelte quaderförmige Netze in leuchtendem Orange sehen wirklich nur auf dem Monitor formschön aus.

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Elektronische Lebensaspekte.