Neues Material von 4 Hero wird längst nicht mehr so brennend erwartet wie zu Drum-and-Bass-Zeiten. Das ist ein kapitaler Fehler, wie ihr Album "Play with the changes" zeigt. Wir haben 4 Hero in ihrem Vorortstudio in London besucht und uns von vertanen Chancen und unbewusstem Avantgarde-Status erzählen lassen.
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 108

Legende

4 Hero

Mark Clair und Dego MacFarlane sind ein Phänomen. Zusammen haben sie wie kaum ein anderes Produzenten-Team Breakbeat-Forschung mit gediegen staatstragendem Orchester-Soul und Future-Jazz zu einem ganz eigenen Sound-Hybrid verflochten. Mit ihrem legendären Drum-and-Bass-Label Reinforced, das sie mit Gus Lawrence und Ian Bardouille, die in den Anfangstagen von 4 Hero auch hin und wieder die ein oder andere musikalische Idee beisteuerten, 1991 gründeten, waren sie über eine Dekade das ideelle Zentrum von Drum and Bass. Kompromisslos, eigenständig und Hype-resistent. It’s all about the music! Und was für ihr Label galt, galt immer und gilt nach wie vor für 4 Hero. Mark und Dego wollten immer Innovatoren sein, es ihren Vorbildern Derrick May und Juan Atkins gleich tun. 4 Hero waren immer die wohl einflussreichsten Außenseiter der Drum-and-Bass-Szene, die sich auf ihrer ganz eigenen Umlaufbahn befanden und immer mal wieder entscheidende musikalische Impulse aussendeten. Dabei haben sie sich nie um Szene-Befindlichkeiten gekümmert, sondern sich lieber tief in ihre Synthesizer und Sampler gegraben und sind im Studio auf sonische Entdeckungsreise gegangen. Und auf ihrem Weg haben sie sich immer mehr von den roh futuristischen Sample-Stunts und Sound-Innovationen der Anfangsjahre entfernt, um im warmen Schoß ihrer eigenen musikalischen Sozialisation zu landen und dem ganzen Format-Soul und R&B da draußen geschichtsbewussten und eigensinnigen Tiefgang entgegenzusetzen. Ein Reigen aus rhythmischer Komplexität und traditionell-souligem Wohlklang, in diesen Koordinaten bewegte sich 4 Heros letztes Lebenszeichen ”Creating Patterns“ eloquent in ehrenvoll zeitloser Geschmeidigkeit. Sechs Jahre später haben sie jetzt mit ”Play With The Changes“ ihr fünftes Album eingespielt. Nach zwei Major-Alben bei Talkin Loud/Universal sind sie bei dem von ihnen vor zwei Jahren gegründeten Label Raw Canvas, auf dem ”Play With The Changes“ erscheint, wieder ihr eigener Herr im Haus. Wenn die Beats jetzt weniger komplex frickeln und die Harmonien nach wie vor perfekt auf der Klaviatur der großen Soul-Gefühle spielen, dann ist man verblüfft, wie frisch und unangestrengt diese weitere Abkehr von ihren Wurzeln der Breakbeat-Science klingt. Mit Jody Watley, Ursula Rucker und Carina Andersson haben Mark und Dego neben diversen weiteren Gästen vertraute Stimmen in ihr Studio geladen.

Viel hat sich geändert. Gerade in den letzten zwei Jahren. Mark Mac wurde Vater und zog mit seinem Studio, in dem der Hauptteil von ”Play With The Changes“ eingespielt, programmiert und gemischt wurde, an den Stadtrand von London nach Bedfordshire. Das Büro von Reinforced, von dem es seit einer ganzen Weile schon keine Lebenszeichen mehr gab, wurde gleich mit nach Bedfordshire verlegt. Reinforced verlässt seinen Hometurf Dollis Hill, eine Ära ist zu Ende gegangen. Aber nicht nur für Reinforced, sondern auch für 4 Hero. An den Wänden des neuen Büros in einem kleinen, unscheinbaren Landhaus mit provisorischer Einrichtung hängen Goldene Schallplatten, die Reinforced überreicht worden sind. Eine für eine Major-Jungle-Compilation, zu der Marc und Dego einen Track beigesteuert haben, und eine für ihren Beitrag zu Goldies Meilenstein ”Timeless“. Jeweils über hunderttausend verkaufte Exemplare. Allein in England. Schön war die Zeit. Auf dem Kamin steht der MOBO-Award, den sie 1998 für ihr erstes Talkin-Loud-Album ”Two Pages“ bekommen haben.
Mark Mac sagt, dass er wahnsinnig stolz darauf ist, dass es 4 Hero im Jahre 2006 noch gibt. Dass sie allen Widrigkeiten und Umwälzungen in ihrem Leben, aber auch in ihrem Umfeld zum Trotz ein Album mit minimalem Budget eingespielt haben, das sich nicht hinter der Opulenz von ”Two Pages“ und ”Creating Patterns“ zu verstecken braucht. “Play With The Changes” ist ein Beweis der Ausdauer. Die Zeiten, in denen sich Major-Label für Acts wie 4 Hero interessiert haben, sind endgültig vorbei. Mark und Dego wissen das und haben, wie es der Titel nahel egt, die veränderten Bedingungen entspannt zur Kenntnis genommen. Herausgekommen ist ein schillerndes Alterswerk, dass bei allen klassischen Soul- und Funk-Referenzen klingt, als käme es von einem anderen Stern.

Wir nutzen die Gelegenheit, um mit Mark und Dego zurückzublicken. Auf Drum and Bass im Allgemeinen und Reinforced im Besonderen. Auf jugendliche Unbekümmertheit und vertane Chancen.

Mark: Als wir mit Reinforced angefangen haben, ist Gus mit seinem Wagen herumgefahren, hat die Platten zu den Plattenläden gebracht und versucht, sie dort zu verscherbeln. Wir wussten nicht einmal, wie viel wir realistisch für eine Maxi nehmen konnten.

Debug: Wie habt ihr überhaupt ein Presswerk gefunden?

Dego: Ganz einfach, wir haben in die Gelben Seiten geguckt. (lacht)

Mark: Wir haben bei der ersten Telefonnummer, die wir dort finden konnten, angerufen. Music Manufacturing A-Z. Das war’s. Wir haben uns nicht einmal die Mühe gemacht, Preise zu vergleichen. Wir haben einfach losgelegt.

Dego: Mit der ersten Platte gab es gleich Probleme. Wir haben dann letztendlich siebenhundert oder tausend Stück pressen lassen.

Mark: Wie gesagt, wir hatten keine Ahnung, was wir da eigentlich tun. Wir sind mit unseren Kartons voller Maxis in die Plattenläden marschiert und haben quasi verlangt, dass sie uns fünf Pfund pro Stück geben sollten. Wir dachten, dass wäre ein guter Preis. Am Anfang haben die uns einen Vogel gezeigt und wieder weggeschickt. Bis Leute dann nach unseren Platten gefragt haben. Dann haben sie genommen, was sie kriegen konnten. Wir hatten das Glück, dass wir gleich mit den ersten zwei Veröffentlichungen große Hits landeten. Die zweite Maxi war ja ”Mr.Kirks Nightmare“, die war noch in Gus’ Schlafzimmer-Studio entstanden. Die hat sich über zwanzigtausend Mal verkauft. Das war unglaublich.

Reggae-Raves

Debug: Wie habt ihr eigentlich den so genannten Summer of Love 1987 erlebt? Der Start von Reinforced war ja auch eine direkte Reaktion auf die musikalischen und vor allem kulturellen Umwälzungen, die plötzlich losgetreten wurden.

Dego: Der Summer of Love war für uns am Anfang vor allem ein Clash der Kulturen. Für uns gab es damals nur Soundsystems. Da kamen wir her. Wir waren ständig auf irgendwelchen Partys, wo Soundsystems gespielt haben. Und die gingen damals schon bis sieben Uhr morgens oder länger. Wir waren schon am Raven, da war der Begriff noch nicht so besetzt. Andere Musik zwar, Reggae, Funk und Soul, aber im Endeffekt dieselbe Sache. Dann gab es noch das ganze HipHop-Ding, das uns wirklich wichtig war. Zu der Zeit sahen wir die Ultramagnetic MCs zum ersten Mal in London. Und dann gab es parallel dazu die aufkeimende Dance-Szene. Als plötzlich Acid-House über das Land hereinbrach und das ganze Rave-Ding explodierte, marschierten plötzlich all die Kids, die bis dahin meist nur in amtlichen Diskotheken tanzen gegangen waren, in all die Warehouses in London, in denen wir schon seit Ewigkeiten mit Soundsystems spielten. Ian war der Erste, der auf einen Rave ging. Irgendwann waren wir alle neugierig geworden, weil man immer wieder Leute davon reden hörte, aber Ian war der Erste. Sein Bruder arbeitete damals als Türsteher bei diversen Raves. Die Mischung an Leuten hat mich damals ehrlich gesagt ein bisschen schockiert. Auch die Mentalität war für mich gewöhnungsbedürftig, ein ganz anderer Lifestyle. Plötzlich fragen dich Fremde auf einer Party, ob sie mal aus deiner Wasserflasche trinken dürfen. So einen Scheiß waren wir nicht gewohnt. Es war sehr seltsam zu beobachten, wie das Ganze dann immer weiter und weiter wuchs.

Marc: Was die Soundsystems damals spielten, wurde meistens als UK Black Music bezeichnet. Und das Ganze war eine eher segregierte Sache. Als wir die ersten Platten von Juno Records oder Warp hörten, gab es plötzlich Elemente in diesem neuen Sound, die uns was sagten, zu denen wir eine Verbindung hatten. Und das war meistens Dub. Der Bass von LFO kam vom Dub und Reggae. Punkt. Und da wir echte Breakbeat-Nerds waren, brauchten wir einfach den Funk. Ohne den ging es nicht. Da der Sound der Stunde House und Techno war, haben wir eben unsere HipHop- und Funk-Breaks hochgepitcht, damit das Tempo stimmt. Eine rein funktionale Entscheidung. Wir hatten keine Ahnung, was wir da machten. Leute wie Shut Up And Dance oder DJ Hype damals zu hören, war eine große Inspiration. Das half uns, zu einem eigenen, solideren Sound zu kommen.

Vorbild Detroit

Debug: Ihr habt in einem Interview mal gesagt, dass ihr Reinforced nach dem Vorbild von Submerge und Underground Resistance in Detroit geformt habt. Wir kam es dazu?

Dego: Wir wurden von Kevin Saunderson nach Detroit eingeladen. Wir sollten auf dem ersten Rave in Detroit überhaupt spielen. Mit dabei waren Moby, Eddie Flashin Fowlkes und diverse andere Detroiter DJs. Es war eine große Sache. Kevin hatte gerade eine Mannix-Platte von uns auf KMS herausgebracht. Er stand auf den frühen Hardcore-Sound. Er hat ja zum Beispiel auch 2 Bad Mice und Blame für sein Label lizenziert.

Mark: Nachdem wir in Detroit waren, wollten wir unbedingt eine reine Techno-Platte machen. Das war so 1992. Wir haben dann Reflective Records gegründet. Wenn man die Platten immer nur im Radio oder auf Parties hört, kann man sich nicht vorstellen, wie es wirklich dort ist, was dort passiert. Unsere Reise nach Detroit hat uns eine ganz neue Perspektive auf Techno eröffnet. Dieser Besuch hat für uns vieles verändert.

Dego: Als wir dort ankamen, hat es zwischen uns, Mad Mike und dem Rest der Detroiter sofort geklickt. Sie machten ihr Ding und versuchten sich gegenseitig zu unterstützen, aufeinander zu achten. Es gab diese Community-Idee um Submerge und Underground Resistance, mit der wir sofort etwas anfangen konnten. Im Endeffekt versuchten wir in London mit Reinforced nichts anderes zu machen. Nur dass die Jungs in Detroit schon viel weiter waren. Nachdem wir da waren, hatten wir das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein.

Mark: Wir hatten dieselbe Mentalität. Das hat uns sofort verbunden. Die Ähnlichkeiten waren auf allen Ebenen extrem. Ich erinnere mich noch, wie wir Mad Mike zum ersten Mal trafen, er Ian anguckte und verblüfft feststellte, dass sie Brüder sein könnten. Die beiden sehen sich einfach verdammt ähnlich.

School of Reinforced

Debug: Ihr habt auch ähnlich kompromisslos euren Weg verfolgt.

Mark: Es gab damals die so genannte ”School of Reinforced“. Dego hat in der Zeit einem ganzen Haufen der heutigen Top-Player gezeigt, wie man mit dem Equipment umgeht. Für Leute wie J.Majik oder Goldie war vor allem Dego am Anfang ihrer Karriere ein Mentor, der ihnen eine Menge beigebracht hat. Reinforced war damals für viele das Zentrum der Hardcore- und Jungle-Szene. Wir hatten das Equipment, wir hatten die Platten mit den Original-Breaks. Lemon D kam manchmal vorbei und bat uns einzelne Teile von Platten, die er mitbrachte, für ihn zu samplen. Für viele war Reinforced Anfang der Neunziger das Informations-Zentrum der Drum-and-Bass-Szene. Uns war das gar nicht so klar. Aber es stimmt, es kamen oft Kids bei uns in Dollis Hill vorbei, die wissen wollten, was für Equipment wir benutzten, welche Breaks wir gesamplet hatten und was wir sonst noch für Tricks kannten, um unseren Sound zu kreieren. Ich hatte damals noch einen 9 to 5 Job, aber Dego war fast den ganzen Tag im Studio. Also kamen alle immer zu ihm. Und er hat eine ganze Menge Platten für heute bekannte Leute produziert, ohne dass die nur einmal einen Knopf berührt hatten.

Debug: Trotzdem habt ihr euch aus Szene-internen Konflikten meist rausgehalten. Ich erinnere mich noch an das Komitee, dass Rebel MC einberufen wollte, als General Levy von den Majors plötzlich zum Gesicht von Jungle gekürt wurde.

Mark: (schmunzelt) Oh ja, ich erinnere mich …

Dego: Ich nicht, wovon sprecht ihr?

Mark: Erinnerst du dich nicht an dieses Komitee, das sie einberufen haben? Sie wollten, dass wir diesem Komitee beitreten, um Jungle zu schützen und zu regulieren, wer sozusagen offizieller Botschafter von Jungle sein durfte. Kurz nachdem General Levy seine großen Hits hatte und alle anfingen rumzujammern, dass er Jungle ausverkaufen würde.

Dego: (lehnt sich weit zurück und lacht) Oooh, … doch, doch, jetzt kommen die Bilder zurück. Ja, ich erinnere mich. Das war vielleicht ein Schwachsinn. Ich meine, sie hatten gute Gründe dafür, vorsichtig zu sein. Nachvollziehbare Gründe. Aber wie sie das Ganze angegangen sind, war falsch. Aus heutiger Perspektive würde ich ihnen aber in vielen Punkten zustimmen. Drum and Bass hatte nicht genug Zeit, sich in Ruhe zu entwickeln. Und es gab immer mal wieder einzelne Leute, die die Musik in Ecken gezogen haben, in die sie nicht gehörte. Die Idee, die Entwicklung von Drum and Bass zu überwachen, macht aus heutiger Sicht fast noch mehr Sinn, als sie es damals getan hat. Drum and Bass ist nach wie vor ein Baby. Und es war klar, dass die Major-Industrie nur so lange daran interessiert sein würde, wie sie Profit aus der Musik herausquetschen konnte. Wenn man damals cleverer gewesen wäre, hätten sich manche Dinge vielleicht anders entwickelt, wäre Drum and Bass länger interessant gewesen. Wie gesagt, ich konnte den Impuls verstehen, aber damals waren viele letztendlich auch nur auf ihren Vorteil bedacht.

Mark: Die Sache mit Reinforced ist, dass wir uns nie um solche Szene-politischen Fragen gekümmert haben. Uns ging es immer um die Musik. Wir wollten uns von niemandem irgendetwas vorschreiben lassen. Man startet doch kein unabhängiges Label, verkauft seine Platten aus dem Kofferraum seines Wagens und wird dann Teil einer solchen Regulierungsbehörde. Das war gegen alles, was wir mit Reinforced machen wollten. Wir haben die Entwicklung von Drum and Bass ab einem Punkt nur noch mit einem gewissen Abstand begleitet. Wir haben unser zweites Album nicht umsonst ”Parallel Universe“ genannt. Bis Mitte der Neunziger hatte kaum einer Degos und mein Gesicht gesehen. Wir waren sehr lange unsichtbar und haben uns nur auf die Musik konzentriert. Das war unsere Flucht vor unseren langweiligen Jobs. Und unsere Musik sollte keine Grenzen haben. Wir waren auf der Flucht vor den Genre-Schubladen. Purer Eskapismus. Das ganze Science-Fiction-Ding war auch so etwas. Das war Eskapismus in seiner höchsten Ausformung.

Dego: Auch innerhalb der Szene wussten lange nur wenige, wie wir aussahen. Außer, wenn wir unsere Shows gespielt haben, sind wir kaum ausgegangen.

Mark: (lacht) Das hatten wir ja alles schon hinter uns. Wir waren fünfzehn, als wir angefangen haben zu raven, zu den Dances der Soundsystems zu gehen. Goldie war am Anfang ein integraler Bestandteil von Reinforced. Er war der Link zur Szene. Zusammen mit Ian. Ihr Job war es, Reinforced ein Gesicht zu geben. Dego und ich saßen lieber im Studio. Reinforced hatte ein Gesicht, aber es war nicht das von uns. Goldie sah uns, als wir eine 4-Hero-Show in einem Club namens Astoria spielten. Er war wohl beeindruckt von dem, was da los war, und sprang auf die Bühne. Dort schnappte er sich Ian und so lernten wir Goldie kennen. Was ihn faszinierte, war mehr als nur die Musik. Er sah uns vier zusammen auf der Bühne und wollte Teil des Ganzen sein.

Kapital Backkatalog

Debug: Um Reinforced ist es seit einiger Zeit sehr still geworden. Habt ihr euch mittlerweile so weit von der Drum-and-Bass-Szene entfernt, dass es für euch keinen Sinn mehr macht, das Label am Laufen zu halten?

Mark: Es gibt immer noch Drum-and-Bass-Platten, die ich mag. Aber nicht mehr genug, um das Label wie früher zu führen. Wir konzentrieren uns auf die Sachen, die wir nach wie vor lieben. Und das ist unser Backkatalog. Wir werden alle alten Platten digital wieder erhältlich machen. Da liegt für uns die Zukunft von Reinforced. Wir haben knapp zweihundert Maxis in fünfzehn Jahren veröffentlicht. Man kann von einem kleinen unabhängigen Label nicht erwarten, dass es immer so weitergeht. Unser Backkatalog ist unser Vermächtnis. Wie bei den klassischen Disco- und Funk-Labeln.

Debug: Wenn ihr ein paar eurer persönlichen Reinforced-Favoriten nennen solltet, welche wären das?

Mark: Da gibt es zu viele, um die alle aufzulisten. Da erwacht dann der Trainspotter in mir, der jede einzelne Katalognummer durchgeht und sich fragt, von wem noch mal Rivet 15 war.

Debug: Könnt ihr euren Backkatalog auswendig aufsagen?

Mark: (lacht) Ich bin ein bisschen eingerostet, aber prinzipiell schon …

Dego: Ich kann das definitiv nicht. Konnte ich auch nie.

Mark: Ich glaube, Rivet 15 war von Tek 9.

(Eine kurze Recherche ergibt, das Mark tatsächlich etwas eingerostet ist. Rivet 15 ist von Basic Rhythm.)

Drum and Bass Tanzschritte

Debug: Es gab ja lange die weit verbreitete Hoffnung, dass Drum and Bass für England das wird, was HipHop für die USA geworden ist.

Dego: Ich habe daran nie geglaubt. Das waren Wunschvorstellungen, die aus der Anfangs-Euphorie heraus geboren wurden. Drum and Bass hatte nie das Potenzial, so groß und einflussreich zu werden wie HipHop. Auch nicht in England. HipHop war von Anfang an eine Kultur, ein Lebensstil, der ja über die Musik weit hinaus ging. Es gab all diese verschiedenen Aspekte: Graffiti, Breakdancing, Scratching und Rapping. Da war für jeden etwas dabei, mit dem er etwas anfangen konnte. Drum and Bass konnte das nicht bieten. Ganz abgesehen davon, dass die meisten Tracks instrumental waren und der größere Teil der Szene bei dem Gedanken daran, echte Vocals in Drum and Bass zu benutzen, sofort vor Missbilligung zusammengezuckt ist. Da wurden ja meist nur irgendwelche kurzen Samples verwendet …

Mark: Goldie hat das damals sofort verstanden. Er war ja Graffiti-Künstler. Er meinte immer, dass es Drum-and-Bass-Tanzschritte geben müsste. (lacht)

Dego: … trotzdem denke ich, dass England durch Drum and Bass mehr popkulturellen Einfluss hätte haben können. Leider wurden viele Chancen, die sich ergeben haben, nicht genutzt. Und dann hörst du einige Jahre später Radio und die erfolgreichsten Pop-Songs des Jahres, wie zum Beispiel Outkasts ”Hey Ya“ oder diverse Timbaland-Produktionen, basieren eindeutig auf Drum and Bass. Es ist schade, dass solche Tracks nicht von Produzenten aus der Drum-and-Bass-Szene produziert wurden. Das nicht unsere Leute den Sound in diese Pop-Sphären gehoben haben.

Debug: Warum habt ihr euch denn nie dieser Herausforderung gestellt?

Dego: Wenn wir clever gewesen wären, hätten wir in unserer Talkin-Loud-Zeit versucht einen großen Pop-Hit zu produzieren. Einen Track, der zwar im Herzen Drum and Bass, aber so eingängig ist, dass er die breite Masse anspricht. Aber so haben wir damals nicht gedacht. Und um ehrlich zu sein, denken wir auch heute nicht so. Unsere Zielgruppe war immer viel kleiner. Wir hatten nicht diese Ambitionen und es hat uns gereicht, dass unsere Freunde und die Leute, die wir respektieren, unsere Platten mochten. Das war und ist vielleicht ein Fehler. Musiker in Amerika haben immer gleich den Anspruch, global erfolgreich zu sein. Wir sind glücklich, wenn wir in Ruhe Musik machen können.

Mark: Wir haben eine andere Mentalität. Wir wollten nie Stars oder Superstars sein. So lange ich weiß, dass ich die Raten meiner Hypothek zahlen kann und auch sonst mit dem Geld hinkomme, reicht mir das.

Dego: Vielleicht gab es Mitte der Neunziger einige, die davon geträumt haben, der erste Drum-and-Bass-Superstar zu werden. Aber keiner von denen hatte das Know-how, das durchzuziehen. Wir waren alles Kids, die da in etwas hineingestolpert waren. Wenn damals niemand von uns von den Majors gesignt worden wäre und wir uns noch ein bisschen mehr oder minder ungestört entwickeln und Erfahrung mit den Abläufen in der Musikindustrie hätten machen können, dann wären manche Sachen wahrscheinlich anders gelaufen. Aber diese Chancen sind vertan. Heutzutage hätte sowieso kein Major mehr Interesse an uns. Ich glaube aber, dass die neue Generation britischer MCs diese Ambition mittlerweile hat. Dass sie wissen, was sie zu tun haben, um groß rauszukommen. Der amerikanische Traum und die uneingeschränkte Liebe zum Geld wird auch in England immer präsenter. Kano, Dizzee Rascal und Lady Sovereign haben sich wahrscheinlich irgendwann gefragt, was Jay Z getan hat, um da hinzukommen, wo er jetzt ist. Und dann haben sie losgelegt. Mit großen Träumen im Gepäck …

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Elektronische Lebensaspekte.

4Hero haben für ihr neues Album endgültig alle Mikrochips aus dem Entstehungsprozess verbannt und bestehen auf mit Edelhölzern verkleidete Studiowände. Vorbei die Zeit der Reinforced Platten in dunklen Kellern. Wir freuen uns auf den nächsten Klassik-OpenAir-Sommer
Text: jan joswig | janj@de-bug.de aus De:Bug 52

4 Hero
Mark & Dego im Orchestergraben

Das ist doch k-o-m-p-l-e-t-t undemokratisch! Wie kann man Produktionsstandards setzen, die für einen Großteil der Produzenten uneinlösbar sind? Nicht aus künstlerischer Überlegenheit, rein aus finanzieller. Ja, gibt es denn bald wieder nur an Herrscherhäusern Musik? Eine Verbourgeoisierung auf ästhetischer wie materieller Ebene frisst sich in die elektronische Musik, die so schön alle Punkforderungen von Produktionsmitteln für jedermann (weniger -frau im Punk wie in Elektronik, Gott sei’s geklagt) eingelöst hatte.
Was ist passiert? Den Trendsettern 4 Hero reicht ihre Elektronik nicht mehr, diesmal kategorisch. Für ihr neues Album “Creating Patterns” muss ein k-o-m-p-l-e-t-t-e-s Wetware-Orchester her. Studiozeit, Catering, Gagen – Kinder, das summiert sich. Schluss mit cheap Thrills und ungeklärten Samples. Die Elektronik hatte sich auf ihrem weiten Emanzipationsweg von der preisgünstigen Imitationsmaschine herkömmlicher Klänge zu einer immer noch preisgünstigen, sogar immer günstiger werdenden Maschine, die stolz ihre eigenen Klänge ausspielt, gemausert. Wer wollte wie das Royal Philharmonic Orchestra klingen, wenn der Innovationsdetektor bei Glitch ausschlug? Maximaler künstlerischer Mehrwert zu einem Minimum der Kosten. 4 Hero dagegen gehen zurück zur Geschichte von Haydn bis Philadelphia International Records. Streicher müssen streichen, das Sample muss weichen. Irgendwie die Luxusversion von Herberts Diktum, nicht von musikalisch definierten Quellen zu sampeln. Künstlerisch wertvoll meint wieder teuer. Und ‘gediegen’ wird zum neuen Zauber-Wort. Was, du arbeitest mit gecracktem Cubase? Das ist aber gar nicht gediegen!

COVERENDE

Es gab immer fünf Modelle, sich zum Luxusdesign als dem Maßstab aller Lebensqualitätsdinge zu verhalten. 1.) die Ikea-Anfangsidee: wir setzen diesem Maßstab, der nur den kapitalistischen Leistungszwang sublimiert, unseren eigenen entgegen, der da heißt, Sperrholz ist günstig und schön, und das zeigen wir! (Befreiungsversuch vom herrschenden Wertekanon, noch halb negativ abhängig), 2.) die Möbel Kraft-Idee: wir schämen uns dafür, dass wir uns nur Sperrholz leisten können, deshalb imitieren wir die Antiquitäten, die bei unserem Chef stehen (unreflektierte Abhängigkeit vom herrschenden Wertekanon, voll positiv abhängig), 3.) die Ikea-Nowadays-Idee: schämen gibt es nicht, aber wir finden es ungediegen, dass wir mehr Kultur als Geld haben und imitieren deshalb das klassische Moderne Design, von dem wir erwarten würden, dass es bei unseren Chefs steht (Befreiungsversuch gescheitert), 4.) die Habitat-Idee: wir sind endlich selbst Chefs und können es uns leisten, den Kanon in Originalexponaten fortzuschreiben, den wir ehemals (Ikea-Anfangsidee) bekämpften, jetzt nachträglich zugegeben nicht aus Überzeugung, sondern schlicht pekuniärer Not (klassenkonforme Befreiung, die die anderen zu Modell 1 bis 3 zwingt), 5.) die Ikea-, Möbel Kraft-, Habitat-Idee zweiter Ordnung: uns doch egal, wir kennen den Scheiß, definieren uns aber nicht darüber, sondern gucken, was uns in den Schoß fällt, und erklären das als neue Unabhängigkeit, die aus privilegiertem Bildungssurplus einen Arte Povera-Snobismus entwickelt (klassenkonforme Befreiung, die nur intern wahrgenommen wird).
Drum and Bass und auch 4 Hero war immer Modell 1, Punkrock eben. Jetzt kleben 4 Hero an Modell 4. Klar, 4 Hero, Modell 4, da muss man kein Zahlenalchimist sein, um die zwangsläufige Affinität (‘Wahlverwandtschaft’ nennt der 4 Hero-Held Goethe das) zu erkennen. Wenn das Vorgängeralbum “2 Pages” den Zwischenschritt von Drum and Bass zum Gerontologensoul markiert, ist “Creating Patterns” endgültig nur noch 1 Page und 4 Hero wohl angekommen. Angekommen im Schoße alteuropäischer Wertigkeitsmuster, die vor alle Kunst die Frage setzen, wie edel das Material sei. Prinzessinen statt Kartoffeln. Oder eben Marvin Gaye, Curtis Mayfield, Stevie Wonder und ihr sinfonischer Feingeist. He, wer so spricht, eilt doch nur seinem Familiendasein mit Volvo Kombi voraus. Dagegen Timmy Thomas’ “Why can’t we live together” mit prä-Casio Rhythmusmaschine, tschick klick, tschick klick, das nenne ich Fliegerseidentrainigsanzugsoul mit Abgrenzungspotential.

Ausreiten mit Marc und Dego

In ihrer 11jährigen Karriere bezogen 4 Hero gerne auch den soulig / housigen Außenposten im Drum and Bass, auch zu Jungle- und Hardcore-Zeiten. Schon auf der “Headhunter”-EP oder ihren Tom & Jerry- und Maximum Style-Tracks ließen sie jenseits von hochgepitchter Happy-Ironie in vollem Ernst raushängen, was ihre Plattensammlung an Gesang plus geraden Beats birgt. He, aber nicht mit den Mitteln und Idealen des vorletzten Jahrhunderts. In die haben sie sich erst mit “Creating Patterns” schlussprogrammatisch eingeschnürt. 4 Hero haben die Pferde gewechselt. Sie würden zwar sagen, sie reiten eh alle Pferde gleichzeitig und immer zu erst. Aber jetzt sitzen Marc und Dego erstmals mit ihrem 4 Hero-Projekt in den Sätteln des West London Fusion Sounds fest (wie Dego mit seinem “2000 Black”-Label und ihr Reinforced-Labelmate Seiji alias Opaque, Homecookin’, Bugz in the Attic auch). Ein Sound, über dem ja auch bei allem Kiffer-Laissez Faire hochwertig eingraviert ‘gediegen’ prangt. Und wirklich ist es verlockend, wie rhythmische Komplexität im soultraditionellen Wohlklang eingemildert wird. Wie sich der Versuch, den schlapper in der Hose hängenden Arsch musikalisch zu überhöhen, als kreativer Fortschritt ausgeben lässt, den man als ernstzunehmender Künstler zwangsläufig vollziehen muss. Natürlich gelingt das 4 Hero beeindruckend gut – ein Meisterwerk, wie Justus Frantz attestiert -, zwischen Mitwirkenden von Spoken Words-Aktivistin Ursula Rucker (gediegen radikal in ihren Lyrics) bis Folk-Songwriter Terry Callier (radikal gediegen an der Gitarre). Musikalische Raffinesse, aufgeklärte Attitüde, kalkulierte Übertretungen und die Contenance wahren – so predigen es alle verantwortungsbewussten Staatsbürger mit Hang zum Schönen und Guten seit Jahrhunderten. Aber wer will jemandem im fortgeschrittenen Alter schon die klamme Frage verdenken: Vielleicht sieht Justus Frantz mit Frack und Taktstock einfach attraktiver aus?
PS: Dennoch mein Modetip für alle, die der Ikea-Anfangsidee nachtrauern: weiße Plastiktrainungshosen, bei denen man den Gummizug an den Beinabschlüssen auftrennt, oder vielleicht ein paar Reinforced Platten kaufen.

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Elektronische Lebensaspekte.


Text: michael bush aus De:Bug 13

4 hero in rough territory von Michael Busch Acht Jahre später. Einhundertfünfundzwanzig Veröffentlichungen. Grund genug zu feiern, klar, aber lieber am Boden und trotzdem vorneweg sein. Schon immer. Dollis Hill – eine gute Adresse. Hier wird Hardcore nach Belieben groß oder klein geschrieben, hinter dem Tellerrand spielt das Leben! Das scheint aller Orten gerne vergessen zu werden. Marc Mac und Dego Macfarlaine braucht das nicht zu kümmern. Erstaunlich, mit welcher Energie die beiden in den letzten Jahren Breakbeat und/oder Drum&Bass gepusht haben, konsequent und kompromisslos, nie zugewiesenen Trends und stilistischen Varianten verhaftet. Mit ihrem eigenen Label ‘Reinforced’ lagen sie von Anfang an auf Pole Position Kurs, ohne je an Bodenhaftung zu verlieren. Gleichzeitig war jede neue Veröffentlichung spannend und nicht zu berechnen. Dabei trotzdem nicht verkrampft experimentell zu werden, ist schon respektabel genug. Über den Stand der Pioneers in der Szene herrscht seltene Einigkeit, auch wenn die beiden ersten Alben der Pseudonymsammler ‘In Rough Territory’ und ‘Parallel Universe’ ungleich weniger Beachtung fanden wie nachfolgende Werke anderer Künstler, weil sie der Zeit einfach voraus waren. Das wird sich mit ‘Two Pages’ ändern, dem dritten Longplayer, der nicht nur den Sommer 98 versüßen wird, sondern locker im nächsten Jahrtausend Platz nimmt, die komplette Black-Music-Geschichte intus hat und debilen Diskussionen, z.B. über mangelndes Medieninteresse an D&B, den Wind aus den Segeln nimmt. DEBUG: Acht Jahre ‘Reinforcing’ – anscheinend ist euer Antrieb über die Zeit hinweg kein bißchen weniger geworden. MARC: Klar, auf jeden Fall, sonst wären wir jetzt nicht hier. Das betrifft auch nach wie vor das Label – Reinforced – und die alten und neuen Künstler darauf. Genauso wie unser neues Album, welches die Sache für uns persönlich weiter nach vorne bringt. DEBUG: Ihr seid ja gerade dafür bekannt, immer wieder musikalische Grenzgebiete auszuloten und Schranken aufzuheben – wird das nicht immer schwieriger, die hohen Erwartungen und selbst gesetzten Standards zu erfüllen ? DEGO: Wir denken erst gar nicht über den Druck und die Erwartungen nach, wir bringen uns lieber selbst weiter. Es ist nicht so, daß wir uns überlegen : was erwartet man von uns. Ehrlich gesagt sind uns die Erwartungshaltungen ziemlich egal. Wir machen instinktiv immer neue Sachen und nehmen es wie’s kommt. Wenn du erst mal anfängst, auf die Meinung der Medien zu hören, hast du verloren. Die einzigen Erwartungen, die man zu erfüllen hat, sind die Eigenen. DEBUG: Was waren denn Eure eigenen Erwartungen und Ansprüche an das neue Album ? DEGO: Das eigene Ziel war, etwas zu schaffen, das man auch noch in 10 Jahren hört. DEBUG: Echt nur 10 Jahre ? DEGO: Ja, ich meine 10 Jahre wären schon ganz gut für uns, würde uns wirklich reichen. Im Allgemeinen versuchen wir Musik zu machen, die keinerlei Verfallsdatum hat, das ist immer noch das vorrangige Ziel. ’Two Pages’ – mindestens doppelbödig, mit unglaublicher Tiefe auf oft zitierten Popgewand, dessen Umfang sich irgendwo zwischen den bekannten Koordinaten Hiphop, Rare Groove, Techno, Electro, Two-Step-Kuschelvariation Version 1.7 und weißnichtwas einpendelt. Seite eins der CD erinnert an große rare-groove Momente, gute Soulsängerinnen, kritisch und entspannt. Macht jeden A&R glücklich. Bestimmt und sogar im Sommerloch. Lyrics von Butterfly (Digable Planets), Poetress Ursula (Loveless) Rucker und der unsterblichen ‘Universal Love’ Carol. Alle dieser gerade aufgeführten Vokal-Akrobaten hätten eigene, große Berichte verdient – querverweise von Terri Callier bis Roy Ayers, von New York City bis Philly, Dollis Hill presents: Technicolored-Breitwand-Real-Funk. Seite zwei zeigt sich dann eher elektronisch, hart, vertrackt und bringt D&B, Techno & ƒlektro auf den Punkt und nach belieben überall hin. Viele Zitate, kaum Pathos – Wow ! DEBUG: ‘Two Pages’ wird eine Doppel-CD werden, wobei jede CD sehr unterschiedliche Stile enthält. Warum habt ihr euch für dieses Format entschieden ? Ist das die perfekte Balance zwischen Tradition und Moderne oder nur ein cleveres Marketingkonzept, um alle Zielgruppen zu erreichen? DEGO: Nein, weder uns noch der gesamten Reinforced-Family geht es darum, clever Zielgruppen abzuchecken. Wie schon gesagt: wir tun, was wir tun müssen, da geht es nicht um strategisch, kalkulierte Züge oder so etwas. Wir haben anfänglich an eine einfache CD gedacht, welche beide Musikstile enthalten sollte. Nur wurde das dann von der Menge her einfach zu viel, und deswegen haben wir’s auf zwei CD’s gepackt. Hat auch den Vorteil, daß man je nach Stimmung auf die ruhigere oder die zweite Seite zurückgreifen kann. Das ist der Hauptgrund, warum es jetzt auf dieses Format rausläuft. DEBUG: Es wird dann auch eine einfache CD geben, die dann etwa 80% von der ersten und 20% von der zweiten CD enthält. MARC: Diese Single-CD ist einfach eine Angelegenheit der Plattenfirma. Wir haben ein Doppelalbum gemacht. Ein paar Leute werden sich dann gedacht haben, daß sich Doppel-CD’s wegen dem höheren Preis schlechter verkaufen. Die einfache ist dann quasi für die Leute mit schmalerem Geld-beutel. Wir haben letztendlich nur Kontrolle über eine Veröffentlichung. DEBUG: Böse Zungen werden euch vielleicht unterstellen, daß ihr mit der ersten Hälfte von Two Pages auf irgendwelche Charts abzielt. MARC: Da haben wir kein Interesse dran, darum geht es überhaupt nicht. DEGO: Wenn das vielen Menschen gefällt – gut. Allerdings können wir gar keine Platten machen, die für die Charts bestimmt wären. Selbst ‘Loveless’ oder ‘Planetaria’ passen dort nicht unbedingt hin. Sollte sich eines Tages solch ein ‘Unfall’ ereignen, wäre das aber schon lustig – such is life ! DEBUG: Im Vorfeld wurde schon ein bißchen über eure angebliche Streicher-Vorliebe spekuliert, habt ihr tatsächlich eine solche Philly-Strings Affinität ? MARC: Two Pages ist eigentlich gar nicht an einen bestimmten oder gar Lieblingssound angelehnt, auf der anderen Seite gab es natürlich in den 60/70 Jahren einige Labels in Chicago, Philladelphia und sonstwo, die einen wichtigen Sound hatten – aber glücklicherweise ist D&B ja offen ausgerichtet und in seiner Gesamtausdehnung zwar auch, aber nicht nur von diesen beeinflußt. DEBUG: Wie lange habt ihr dazu gebraucht, Two Pages fertigzustellen ? DEGO: Wir haben etwa 2 1/2 Jahre gebraucht, aber nicht ständig daran gearbeitet. Es gab ja auch immer genug andere Sachen zu erledigen: Label machen, Playstation zocken, äh .. … DEBUG: Drum’n’Bass live ist ja immer so’ ne Sache. Werdet ihr dieses Jahr als Live-Act zu sehen sein ? MARC: Ja, wir werden ein paar Auftritte machen, unter anderem mit einer 8-köpfigen Streiche-Sektion, Live Drums und wenn es ganz gut klappt – mal sehen. DEBUG: Könnte in einem kleinen Club ja zu Problemen führen. DEGO: Wieso sollte das in einem kleinen Club zu Problemen führen? DEBUG: Ich meinte rein vom Platz her ! DEGO: Ach so, falls ein paar Streicher die kleine Bühne runterfallen … aber vom Sound her wird das ziemlich gut. DEBUG: Bei vielen D&B Live-Acts war ich im nachhinein enttäuscht: Drum&Bass erwartet – Acid Jazz Konzert bekommen ! MARC: Da muß ich dir recht geben. Ich bin auch oft enttäuscht. Aber es ist auch schwierig zu bewerkstelligen, zumal die Leute immer sehr kritisch bei Live-Geschichten sind. Da müssen wir unseren Weg auf jeden Fall finden, um die Erwartungen nicht zu enttäuschen. DEGO: Aber wir machen sowieso nicht viele Gigs – weil wir nämlich Produzenten sind, lieber im Studio arbeiten – und keine Band sind ! Wir machen ein paar wenige ausgesuchte Auftritte – that’s it. DEBUG: Nebenbei betreibt ihr auch noch eine monatliche Clubnacht – the ¨-solution – die keine gewöhnliche D&B Veranstaltung ist, sondern eine Art Freestylesession? DEGO: Wir mögen nun mal die verschiedensten Musikarten und würden uns wahrscheinlich langweilen, wenn man den ganzen Abend nur einen Stil zu hören bekäme.Wir wären auch nicht Reinforced, wenn wir das nicht ein bißchen anders gestalten würden. Es läuft auch nicht nur Stuff zum Tanzen, man muß die Leute auch fordern, ihnen immer noch, auch wenn’s blöd klingt, was beibringen. Deswegen laden wir Leute ein, die wir gut kennen oder respektieren, von Kirk Degiorgio bis Claude Young, Nucleus, der dann oft nur HipHop spielt, Randall bis Goldie. Es soll einfach ein schöner Abend für Musikliebhaber sein. Das Ganze lief bis vor kurzem im ‘The Dragon’, ab September geht’s wieder in einer anderen Location los. DEBUG: Wer ist denn 98 noch in Reinforced involviert? DEGO: Die alte Mannschaft, das wären Ian und Gus, welche das Label schmeißen, dann noch fünf weitere Leute, die für den technischen und graphischen Teil zuständig sind, namentlich: M.A.D., Decoy, George, Sami und Dominic und natürlich Sarah. DEBUG: Eure letzte Enforcers-Compilation hatte den Untertitel ‘Beginning Of The End’ – wie wollt ihr denn die nächste Zusammenstellung betiteln ? DEGO: Hmm, wissen wir noch gar nicht. MARC: Vielleicht ‘The End’ ? Schluß mit lustig? Sicher nicht. Schön zu sehen, daß Souveränität nicht hinter Klischés verschwinden muß, schön zu hören, daß aus dem Reinforced-Camp immer wieder Hoffnung auf die Plattenteller kommt, und schön zu wissen, daß da noch einiges mehr kommen wird. Two Pages kommt Ende Juli in einen Plattenladen Deiner Nähe! ZITATE: Wenn du anfängst, auf die Meinung der Medien zu hören, hast du verloren. Man muß die Leute auch fordern, ihnen, auch wenn’s blöd klingt, was beibringen.

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Elektronische Lebensaspekte.