Interview mit Labelchef Simon Halliday und A&R Jane Abernethy
Text: Alexandra Dröner aus De:Bug 164

Labels sind gerade im digitalen Zeitalter notwendig. Jetzt, wo jeder dank dem Internet glaubt, sein ganz eigenes Musikding drehen zu können, sorgen sie für Stil, Recht und Ordnung in dem unfassbaren Sumpf aus Künstlern. Wie wählt 4AD seine Schützlinge? Hat es nach drei Jahrzehnten überhaupt noch eine ästhetische Identität? Wir haben mit A&R Jane Abernethy und Labelchef Simon Halliday gesprochen.

10:30 in New York, Simon Halliday hat nicht viel geschlafen. Der 4AD Labelchef war die halbe Nacht lang in Philly unterwegs, um sich eine neue Band anzusehen: “Ihr Album ist ziemlich klasse, sechs wirklich gute Stücke, aber vielleicht ein bisschen zu poppig. Der Grat zwischen Pop, der zu 4AD passt, und Pop, der das nicht tut, ist ziemlich schmal.” Halliday wechselte 2008 von Warp Records US ins amerikanische 4AD Headquarter und hält seitdem die Fäden in der Hand. Alle Entscheidungen laufen über seinen Tisch, undemokratisch aber nicht totalitär, ein System mit Netz und doppeltem Boden: “Es müssen immer mindestens zwei Label-Leute hinter einem neuen Signing stehen und einer der Beiden muss ich sein. Selbst wenn ich auf ein Projekt total abfahren sollte, würde ich es nicht durchsetzen, wenn es niemand anderen interessiert. Aber noch ist es zu so einer Situation nicht gekommen.” Simons bevorzugtes Negativbeispiel für egomane Fehltritte erlebte er bei seiner alten Labelheimat Warp, das seiner Meinung nach mit Maximo Park einen kapitalen Bock geschossen hat – der Entscheidung einer Einzelperson. Er zieht Teamarbeit vor, auch wenn es so oder so keine Garantien gibt: “Am Ende handelt es sich eben doch um Kunst, egal wie sehr das Für und Wider abgeklopft wurde, du musst bereit sein, ein Risiko einzugehen. Als Jane mir Grimes vorschlug, fand ich ihre bisherigen beiden Alben nicht besonders gut, zu leicht irgendwie, aber das neue war beeindruckend, mit Beats und Tiefgang.”

4AD-Boss Simon Halliday (rechts) und Label-Manager Nabil Ayers (mittig)

Bauchgefühl und Kooperation
Jane, das ist Jane Abernethy, eine der wenigen, einflussreichen weiblichen A&Rs weit und breit. Wir treffen si im UK Headquarter in London. Jane, die schon mit 16 vom Labelbusiness träumte, kam noch vor Simon als Scout und Mädchen für alles zu 4AD, bis ihr Bon Iver vor die Flinte lief, ihr erstes Signing. Seitdem gehen viele der Projekte auf ihr Konto, die das inzwischen fast 33 Jahre alte Independent-Label auch weiterhin im Fokus halten. Mit Tune-Yards und Grimes bringt sie so unterschiedliche wie exzentrische Musikerinnen zum Label, vielleicht nicht bewusst in der Tradition von Elizabeth Fraser, doch passgenau für ein Imprint, das bis heute an seiner glorreichen Cocteau-Twins- und Dead-Can-Dance-Ära gemessen wird. Was sucht sie in einem Künstler? “Persönlichkeit und eine überzeugende Vision! Wenn die Artists eine wirkliche Idee und ein großes Vorstellungsvermögen haben, muss ich mir nicht so viele Sorgen machen. Eine großartige Stimme und eine gute Melodie tun ihr Übriges. Die Produktion ist dagegen nicht so wichtig, das ändert sich im Lauf der Karriere eh noch. Wenn der Sound absolut interessant oder ungewöhnlich ist, dann bleibe ich dran.”

A&R Jane Abernethy: klassisch und instinktgesteuert (Bild: Dan Wilton)

Obwohl sie viele Acts im Internet entdeckt und regelmäßig die Blogs durchkämmt, würde sie nie auf den Live-Eindruck verzichten. Erst die physische Präsenz einer Künstlerin oder eines Künstlers, die Performance, die Bühnen-Persona, können sie wirklich überzeugen. Ein Blog-Hype wirkt da eher abträglich: “Ich bin eine klassisch instinktgesteuerte A&R-Person, ich verlasse mich lieber auf mein Bauchgefühl als einem Hype hinterherzujagen, der schnell wieder vorbei sein kann. Es ist wichtiger, dass mir mein Instinkt sagt, wer talentiert ist und eine möglichst lange Karriere haben könnte.” Trotzdem, so ganz unrecht wird 4AD die virtuelle Aufregung um Grimes, Ariel Pink oder den zuletzt gesignten SpaceGhostPurrp sicher nicht sein. Nicht nur die Informationsmedien, auch die Profile der jungen Künstler haben sich gewandelt. Sind all die Social-Media-erprobten Selbstvermarktungsexperten nicht froh und dankbar wenn sie endlich gesignt werden und sich wieder mehr ihrer Musik widmen können? “Sobald ein Künstler oder eine Künstlerin daran gewöhnt ist, alles selbst zu machen, ist es schwierig, sie wieder davon abzubringen, es ist eher eine Frage des Lifestyles. Es kommt immer häufiger vor, dass sie auch noch ihre eigenen Videos machen wollen, was natürlich toll ist, aber eigentlich ein Job für sich. Früher musste man die Künstler mehr beraten und betreuen, heute geht es darum, sich in der Mitte zu treffen und eine Kooperation mit dem Act einzugehen.”

Querdenker und Dopeness
Früher, das bedeutet im Fall von 4AD die 80er, das goldene Zeitalter der Independent Labels, Factory, Creation, Mute und wie sie alle hießen, im quecksilbrigen Glanz ihrer Sonnenkönige Tony Wilson, Alan McGee, Daniel Miller oder 4ADs Ivo Watts-Russell. Jedes Label mit unverwechselbaren Künstlern und distinktivem Stil, das Logo als Geschmackswappen. Und heute? Diversifikation allerorten. Die Krise ist Schuld. Von Domino bis Hyperdub werden alle Register gezogen, die das Profil gerade noch zulässt, hurrah, wir leben noch! Gibt es trotzdem ein verbindendes Element zwischen Bauhaus und den Tune-Yards? Jane Abernethy meint ja: “Alle unsere Künstler sind Querdenker und Nonkonformisten. Sehr starke Individuen mit eigenwilligen Vorstellungen davon, was sie erreichen möchten. Das ist der rote Faden von Bauhaus bis heute, ein persönlicher, eher charakterlicher Link zwischen den Acts.” Simon bricht derweil das Auswahlkriterium für neue Releases oder neue Projekte auf zwei zentrale Attribute herunter: Originalität und Dopeness. “Wenn wir darüber diskutieren, ob etwas funktionieren könnte oder nicht, stelle ich für gewöhnlich immer die eine Frage: Is it dope? Und wenn es das tatsächlich ist, dann ist der ganze Rest Nebensache. Es muss sich noch nicht mal gut verkaufen, Hauptsache es ist großartig. Wenn die Leute im Lauf der Zeit sehen, dass wir verlässlich vier oder fünf fantastische Releases im Jahr haben, lernen sie unserer Marke zu vertrauen.” Natürlich spielen noch ein paar andere Aspekte eine Rolle, nicht jeder A&R kann all seine Schäfchen unterbringen, seien sie auch noch so großartig. 4AD veröffentlicht höchstens acht bis zehn Alben jährlich, um sich nicht selbst Konkurrenz zu machen und die Medien und Käufer nicht zu überfordern. Es muss strategisch zwischen aktuellen Veröffentlichungen des bestehenden Repertoires und denen neuer Signings abgewogen werden, und natürlich müssen auch die Zahlen stimmen, schliesslich ist man nicht allein auf der Welt, irgendwem muss immer Rechenschaft abgelegt werden. 4AD gehört zur Beggars Group wie auch Rough Trade, Matador oder XL, die mit ihrem Megachartserfolg Adele wahrscheinlich gerade noch am ehesten die Kriegskasse des Label-Zusammenschlusses auffüllen können.


Vinyl, Lautsprecher und immer oben auf: Ariel Pinks Glamrock-Memorabilia (Bild: Dan Wilton)

Familie und Filter
Wie liest sich da die Verpflichtung des jungen Rappers und HipHop- Produzenten SpaceGhostPurrp? Ein weiterer Schachzug bauernschlauer Label-Politik, um neue Märkte zu erschließen? Oder vielmehr ein Künstler, der genauso gut in seine Zeit und zur 4AD-Ideologie passt, wie weiland Pete Murphy oder die Cocteau Twins? “Wir haben uns nicht überlegt, unbedingt einen HipHop-Act signen zu wollen,” erklärt Simon, “er war plötzlich da. Einer unserer Leute in L.A. und ich waren Fans seiner Mixtapes, so dark und neu! Aber eigentlich war es Zomby, der als erster meinte, dass wir ihn signen sollten und uns überhaupt auf die Idee gebracht hat. Wir sind dann auf SpaceGhost zugegangen und konnten es kaum glauben, als er tatsächlich mit uns arbeiten wollte, anstatt auf einen Majordeal zu warten. Der kannte uns natürlich gar nicht, die 30-jährige Label-Geschichte und Büros in New York und London sprachen aber für sich, er war überzeugt, dass wir wissen was wir tun.” Und tatsächlich, Spaceghostpurrp ist ein seltener Fang. Auch in der so wundervoll revitalisierten und verjüngten HipHop-Underground- Szene der letzten zwei Jahre wird nach den Majors geschielt, von Odd Future bis A$AP Rocky, der Bling soll her, die Kids kennen es nicht anders. Der 21-jährige Spaceghost, der in Florida bei Mama wohnt, hat noch einen anderen Vorzug: Er schreibt seine Instrumentals selbst. Kein Sample-Clearing, keine Verhandlungen mit Beat-Machern oder dollarhungrigen Pseudo-Managern, sondern klassische Independent-Label- Arbeit, der Künstler als Familienmitglied, dem mit Respekt und Integrität zu begegnen ist: “Wenn du gut zu deinen Leuten bist, sind sie auch gut zu dir.” So einfach sieht das Simon Halliday. Was aber wenn Independent- Labels obsolet würden und keine Künstler mehr nachrückten, zu denen man gut sein kann? Was wenn die Möglichkeiten des Internet schlussendlich die Plattenindustrie killen? “Das Netz wird die Labels nicht ausrotten, aber ihre Arbeitsweise und die Wertschöpfungsmechanismen nachhaltig verändern. Schau dir z.B. The Weeknd an, es gibt keine einzige Platte, die der Produzent dahinter veröffentlich hat, er arbeitet mit keinem Indie oder Major, aber dieser Act kann ohne Weiteres auf Tour gehen und jeden Abend vor 2.000 Leuten spielen. Das interessiert uns natürlich auf eine beunruhigende Weise. Wenn du den Hype auf deiner Seite hast und das Produkt gut ist, kannst du eine ziemlich lange Zeit ohne Label auskommen, gesetzt den Fall, du gibst dich mit deinen Live-Gagen zufrieden. Wenn The Weeknd es schaffen würde, selbst all die Samples, die er benutzt, zu klären, könnte er sogar anfangen, die Tracks zu verkaufen und würde vielleicht auch langfristig ohne Label auskommen. Bedenkt man aber, wie viele – und wie viele schreckliche – Bands da draußen genau das versuchen, sollte man sich wieder auf die Filterfunktion, die wir als Label eben auch haben, besinnen.” Sagt Simon und fast möchten wir die Faust hochrecken zum revolutionären Gruß, für die Tradition und für eine Welt, in der echte Musikversteher sich für uns durch den Morast kämpfen, seit drei Jahrzehnten, immer wieder neu.
Warum allerdings das Dead-Can-Dance-Album, das im August nach 16-jähriger Pause erscheinen soll, nicht auf 4AD herauskommt, mag niemand so recht beantworten. Es war wohl nicht dope genug.

4AD im Netz