Kathryn Bigelow gilt als eine der wichtigsten Hollywood-Action-Regisseurinnener letzten Jahrzehnte. Kassenhits wie "Gefährliche Brandung", "Blue Steel" oder auch "Strange Days" gehören zu ihren Arbeiten. Nachdem sie einige Zeit von der Bildfläche verschwunden war, meldet sie sich mit dem Irakkriegsdrama "The Hurt Locker" fulminant zurück. Text aus De:Bug 134.
Text: Sulgi Lie aus De:Bug 134

Nach dem Misserfolg ihres letzten Films, dem U-Boot-Drama ”K 19“, war auch Kathryn Bigelow für lange Zeit abgetaucht. Nach sieben langen Jahren ist eine der ehemals größten Action-Stilistinnen Hollywoods wieder mit einem Film zurück in den Kinos, der im Gegensatz zum vorangegangenen öden Harrison-Ford-Star-Vehikel mit kaum bekannten Schauspielern gedreht worden ist, die Regisseurin aber wieder auf der Höhe ihrer Kunst zeigt.

Für ihr Comeback hat Bigelow sich mit dem Irak-Krieg ausgerechnet ein Sujet gewählt, mit dem die meisten Hollywood-Filme der jüngsten Zeit ziemlich baden gegangen sind. Ob Arthaus-Schmonzetten wie das unerträgliche ”In the Valley of Elah“ von Paul Haggis oder aber auch ambitionierte Versuche wie zuletzt Brian de Palmas ”Redacted“: Sowohl das sentimentale Einfühlungskino klassischer Machart (Haggis) als auch die gewollte Anverwandlung an neuere digitale Bildformate (de Palma) laufen letztendlich auf die Selbstbestätigung der eigenen korrekten Anti-Kriegs-Haltung heraus.

”The Hurt Locker“, der letztes Jahr auf dem Filmfestival in Venedig seine Premiere feierte, entgeht diesen moralistischen Fallen von vornherein, weil er sich jeder politischen Kontextualisierung des Kriegsgeschehens entzieht. Während sich de Palma in ”Redacted“ zwischen Spektakel und distanzierender Didaktik nicht entscheiden kann, interessiert sich Bigelow ausschließlich für die Inszenierung von reinen Action-Suspense-Situationen:

Im Zentrum des Film steht ein Bombenentschärfungskommando der US-Army in Bagdad, das nach dem Tod ihres Anführers von James (Jeremy Renner) geleitet wird, der nach eigener Aussage über 800 Bomben entschärft hat. Die beiden anderen Teammitglieder Sanborn (Anthony Mackie) und Eldrige (Brian Gerahty) müssen immer wieder mit ansehen wie sich James der Gefahr ihres Jobs mit einer fast obsessiven Lust hingibt und auf dem schmalen Grat zwischen Leben und Tod wandelt.

”The rush of battle is often a potent and lethal addiction, for war is a drug“, heißt es in dem Anfangstitel des Films und dies ist durchaus wörtlich zu nehmen: James ist ein Süchtiger, abhängig von dem Kick der Todesgefahr, dem Moment, in dem die Bombe immer auch hochgehen könnte. Der Film macht sich diesen Rausch des Ausnahmezustands ganz zu eigen, indem er streng die Perspektive der Soldaten einnimmt.

”The Hurt Locker“ erzählt weniger eine kohärente Geschichte, als dass er aus einer episodischen Aneinanderreihung von Militäraktionen besteht, deren Gefahrenpotential sich im Laufe des Film immer mehr steigert: Mal sind Bomben im Müll verschüttet, mal ist der Zünder eines Autos mit Sprengstoff verkabelt, und ein anderes Mal gerät das Team in der Wüste in einen Hinterhalt. Einige Kritiker haben den Film aufgrund dieser ausschließlichen Fokussierung auf das feinjustierte Handwerk des Bombenentschärfens als Ode an einen Howard Hawks’schen Professionialismus verstanden: Männer, die lässig ihren Job machen.

Doch bei Bigelow schlägt dieser Professionalismus in Exzess um: Wie der Film gegen Ende in einer wunderbar lakonischen Szene zeigt, kann es für James keine Rückkehr in die Normalität geben, denn er ist längst der Sucht nach dem Krieg erlegen. In diesem Sinne reiht sich der Protagonist von ”The Hurt Locker“ in die Tradition von Bigelows früheren Filmhelden ein, die allesamt Getriebene, oder gar Triebwesen sind: die Biker-Vampire aus ”Near Dark“, immer noch eines der schönsten Filme der 80er Jahre, die besessene Polizistin und ihr psychopathischer Gegenspieler in der Thriller-Nocturne ”Blue Steel“, die todessüchtigen Surfer in ”Point Blank“ und schließlich die futuristischen Junkies von Bigelows letztem großen Film, der Sci-Fi-Allegorie ”Strange Days“, in der eine neue Technologie namens SQUID die retroaktive Simulation von fremden Erinnerungen und Erfahrung ermöglicht und seine gierigen User ins synaptische Verderben treibt. Wenn James sich mit gepanzertem Schutzanzug und Helm auf den Weg zur nächsten Bombe macht, sieht er aus wie ein Astronaut, der sich längst von der Welt abgewandt hat und seiner ”Addiction“ erlegen ist.

Diese Macht des Triebes findet in der Filmästhetik Bigelows ihre kongeniale Umsetzung in einer extremen Subjektivierung der filmischen Bilder durch Handkamera und Soundeffekte, die gezielt mit panoramatischen Ansichten und barocken Tableauxs kontrastiert werden. ”Strange Days“ kann auch 14 Jahre nach seinem Entstehen als einer der wenigen Filme gelten, die den Einsatz der subjektiven Kamera maximal ausgelotet haben. In ”The Hurt Locker“ sind diese subjektiven Effekte vorsichtiger dosiert, doch die rauschhafte Intensität einer permanent gespannten und gefährdeten Wahrnehmung ist in jeder Einstellung zu spüren.

Bigelow und ihr Kameramann Barry Akroyd adaptieren den atemlosen Kamera-Stil neuerer Actionfilme wie der ”Bourne“-Trilogie, in der auch die Bilder von einem dauerhaften Ausnahmezustand befallen zu sein scheinen und niemals zu Ruhe kommen. Doch Bigelow wäre nicht die Action-Ästhetin, die sie ist, würde sie die hyperbolische Beweglichkeit der Handkamera zu (pseudo)naturalistischen Zwecken einsetzen: Im Gegensatz zum modischen Verismus des ”Handkamera-Actionfilms“, der mittlerweile bereits im letzten Bond-Film zur Schau gestellt wird, lädt Bigelow ihre Bilder mit einer halluzinatorischen Qualität auf, die den visuellen Raum zum Resonanzboden einer instabilen Wahrnehmung machen. Der für Bigelow typische Einsatz von Teleobjektiven mit langen Brennweiten bringt Figuren und Gebäude zum Flirren, extreme Zeitlupen sorgen für irreale Bildverlangsamungen.

In einer brillanten Szene bringt Bigelow die sensorische Modulation der Kriegserfahrung zwischen langer Anspannung und kurzer Entladung auf den Punkt: Als ihre Einheit in der Wüste in einen Hinterhalt gerät, verschanzen sich James und seine Mitstreiter hinter einer Düne. Nachdem sie den Ort des Gegners lokalisiert haben, beobachten James und Sanborn per Zielfernglas mit unendlicher Geduld die feindlichen Bewegungen in einem fern gelegenen Haus. Sie eliminieren den Feind Mann für Mann, während ihnen ein aufkommender Wüstenwind den Sandstaub in die Gesichter bläst.

Bigelow macht in dieser Szene die Zerdehnung der Zeit auch für den Zuschauer fast unmittelbar spürbar. Die Konzentration und wachsende Erschöpfung scheint sich auch auf den Körper des Zuschauers zu übertragen. Trotz dieser offensichtlichen Mimikry an die Mono-Perspektive der Soldaten ist ”The Hurt Locker“ weit davon entfernt, ein heroisches Loblied auf das Militär zu singen. Das Team wird durchaus in seiner machoiden, Whiskey-geschwängerten Prolligkeit gezeigt, als Männer, die sonst nichts anders können und haben, als sich immer wieder dem Rausch der Gefahr auszusetzen.

Der US-Filmwissenschaftler Steven Shaviro hat in seinem einflussreichen Buch ”The Cinematic Body“ Bigelows Filme als Beispiel eines radikalisierten Körperkinos ins Feld geführt, in der die taktile Visualität der Bilder alle übergeordneten Bedeutungen und Ideologien sabotiert. Eine Diagnose, die auch auf ”The Hurt Locker“ zuzutreffen scheint. Es ist ein leichtes, dem Film seine moralische Indifferenz gegenüber den Irak-Kriegs vorzuwerfen und ihm seine stylishe Action als virtuosen filmischen Selbstzweck vorzuwerfen.

Dies mag zwar stimmen, doch Bigelows Film hat gegenüber der routinierten Empörung der (Anti)Irak-Kriegsfilme die Einsicht voraus, dass auch jeder Kriegsfilm zunächst einmal ein Film ist, der notwendigerweise sein Sujet ästhetisiert. Während jedoch die moralistischen Irak-Filme ihr inhaltliches Anliegen vor die filmische Form stellen, stellt Bigelow diese Ästhetisierung offen aus. Das soll jetzt kein Plädoyer für eine apolitische ”l’art pour l’art“ sein, doch gerade in einem so umstrittenen Genre wie dem Kriegsfilm scheint es durchaus nicht unangebracht, auf die ästhetische Eigenlogik eines Films zu beharren, in der Action die hohe Schule der kinematographischen Kunst ist: Action ist Addiction.

3 Responses

  1. marden

    USA hat den Irak wegen Ölreserven besetzt. Der Film zeichnet ein total anderes Bild, als würden Amerikaner armen Iraker von Bomben schützen, obwohl sie hunderttausende von Iraker mit US Bomben umgebracht haben. Mit dem Blick der Besatzer und von den Seiten der Besatzer kann man nur die US-Besatzung legitimieren, egal was man erzählt.

  2. christian

    @marden:
    der film zeichnet überhaupt gar kein politisches bild, und das zeichnet wiederum den film auch aus. dem film geht es, wie du in dem artikel oben nachlesen kannst, in erster linie darum, dir die gezeigten vorgänge somatisch zu vermitteln und somit begreifbar zu machen. er zielt, wie ein krieg auch, zunächst auf deine körperliche integrität. ein solch distanz-aufhebender körperhorror ist denn auch viel kräftiger als irgendwelchen herausposaunten politischen statements.
    filme, selbst welche die oscars gewinnen, sind kunst und keine politischen flugblätter oder geschichtsbücher.

  3. fezaffe

    “extreme Zeitlupen sorgen für irreale Bildverlangsamungen”

    ^ das ist mir auch aufgefallen! krass oder