70er-Revival, diesmal aber ernstgemeint
Text: Jan Joswig aus De:Bug 122


Die 70er sind das Jahrzehnt des Hippie-Jetsets, das Jahrzehnt, in dem sich die ehemaligen Blumenkinder zu Eso- und Öko-Unternehmern wandeln. Dekadente Langhaarige, die von LSD auf Koks, von der kollektiven Weltrettung auf Ego-Trip mit Privatanalytiker umschwenken, ihre privaten Hubschrauber in Regenbogenfarben bemalen und für ihre musikalischen Innerlichkeits-Exkurse mindestens ein 54-Spur-Studio in Nussholz benötigen (und fünf Sattelschlepper für ihre Touren).

T-Rex fasste das Jahrzehnt, dem Tom Wolfe die “Ich-Gesellschaft“ attestierte, in einem Zweizeiler zusammen: “I need a Rolls Royce / cause it’s good for my voice“. Hippie-Laissez-Faire und Kapitalismus hatten sich auf eine Weise ausgesöhnt, die man in den idealistischen 60ern noch für absolut bigott gehalten hätte – und die in den späten 70ern so unerträglich selbstsüchtig und aufgebläht wurde, dass man mit der Punk-Axt dazwischengehen musste.

Ausgerechnet im Gefolge von Grunge, dem amerikanischen Post-Punk der 90er, wurde das Herz für das Pathos und die Schweinegitarren des 70er-Heavy-Rocks von Led Zeppelin, Deep Purple oder Black Sabbath und für den stadiontauglichen Fusion-Jazzrock von Santana oder King Crimson entdeckt.

Die Grunge-Nachfahren Audioslave (mit Chris Cornell von Soundgarden) ließen das Cover ihres Debütalbums von der 70er-Design-Ikone Storm Thorgerson/Hipgnosis gestalten. Ihr Produzent Rick Rubin hatte 2008 als neuer Entscheider bei Columbia nichts Dringenderes zu tun, als die 70er-Erbverwalter MGMT zu veröffentlichen, deren Video “Time to pretend“ wie aus Hipgnosis-Versatzstücken zusammengeschnitten scheint.

Aber während Grunge modisch auf die Parka-70er setzte mit praktischer Hinterwäldlergarderobe und an der Haltung vor allem das Anti-Pop-Moment, das kernig Rockige liebte, ist das jetzige Revival von dem saturierten Laidback des ehemaligen Beatles-Drummers Ringo Starr auf seiner mexikanischen Ranch oder Yves Saint Laurents in seinem marokkanischen Anwesen fasziniert, von einem Verwöhn-Luxus ohne steife Etikette.

Nach dem kühl-sportlichen Jersey, Neon und Metallic der Neo-80er kuschelt man sich in Mohair, Kaschmir, Satin, Samt und Tweed. Weich, wellig, hängend – die 70er sind das Perwoll-Jahrzehnt schlechthin, in dem man sich sein Schlafzimmer in Pyramidenform gestalten lässt. Weil es gegen Falten und schlechtes Karma hilft. Die New Yorker Folk-Oberstyler Devendra Benhart und Scott Matthew machen es in flauschbärtiger Samtigkeit vor. Die Pyjamalooks von Lanvin und Veronique Branquinho, die Wiederbelebung der Marke Halston, dem Inbegriff legerer Wickelkleid-Eleganz, und die allgegenwärtigen Römersandalen, die von Prada über Raf Simons, Louis Vuitton, Burberry bis Balenciaga die Frage nach dem Zehennagellack aufwerfen (oder gleich mit ausgeleierten Wollsocken kombiniert werden wie bei Vivienne Westwood), schlagen in die gleiche Bresche und machen eines klar:

Das jetzige 70er-Revival hat nichts mit “Rocky Horror Picture Show“-Klamauk oder sonstigem Plateauschuhen-Karneval zu tun. Die Disco- und Glamrock-70er waren gerade gut für einen schalen Witz, etwa wie das Easy-Listening-Revival (falls sich noch jemand erinnert). Viel weiter helfen die Filme von Woody Allen oder John Cassavetes – mit Ben Gazzara, der in unvergleichlicher Lässigkeit Knitter-Sakkos mit Smoking-Revers über die Schulter wirft (genau die, die man 2008 bei Dries Van Noten, Gucci oder Prada sieht).

Die 70er werden nicht als ein ulkiges Jahrzehnt geplündert, das besonders fern liegt, stattdessen werden die ästhetischen Antworten auf Fragen ausgegraben, die damals wie heute die Schlagzeilen bestimmen. Das jetzige Revival meint es ernst – und deckt sich mit dem Öko-Hype um Karmakonsum und Nachhaltigkeit. Die Buzz-Wörter: Natur und Paranoia. Plastik durfte Anfang der 70er plötzlich nicht mehr nach Plastik aussehen, sondern musste Holz imitieren.

Wirtschaft und Politik wackelten fundamental zwischen dem “Limits to Growths“-Horrorszenario des Club of Rome 1972, dem Watergate-Skandal 1973 und dem Deutschen Herbst 1977, zwischen den Ölkrisen von 1973 und 1979. Und die Endlichkeit der Natur-Ressourcen wurde unter dem Begriff “Environmentalism“ zum drängenden Thema erhoben. Natur und Kapitalismus am Arsch, das Ego gestreichelt, alles wie 2008 also.

Wir stellen vier Bands vor, die bravourös den Sound des desillusionierten Kuschel-Jahrzehnts in Musik und Bild wieder aufleben lassen: Studio (Bowie zur “Station to Station“-Phase), MGMT (Pink Floyd), A Mountain Of One (Santana) und die Rubies (Fleetwood Mac).

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Elektronische Lebensaspekte.