Die beiden San-Francisco-Wickelkleidträgerinnen Terri Loewenthal und Simone Ruby versöhnen Softrock mit Danceelektronika. Warum es etwas an Fleetwood Mac auszusetzen geben könnte, verstehen sie partout nicht.
Text: Felix Denk aus De:Bug 122


Eine Erscheinung – nein, das wäre zu viel. Aber der Auftritt der Rubies im Berliner Tape-Club hatte seine entrückten Momente. Das lag zum Teil daran, dass Simone Ruby und Terri Loewenthal in Pailletten-Tops und Glitzerstirnbändern auf die Bühne kamen, die um die Wette zu funkeln schienen, und ihre Lidstriche über die Schläfen bis zum Haaransatz wandern. Das lag aber vor allem an ihrem federleichten Pop, dessen sonnig-sorglose Melodielinien über dem sanften Dance-Groove zu schweben scheinen.

Und als sie einmal das Tempo anzogen und elektrisch wurden, schloss Simone Ruby die Augen, wiegte den Kopf hin und her und ruderte mit den Armen zu Terri Loewenthals selbstversunken gehauchten “Tsch Ha Ha“. Ihre Ergriffenheit und ihr exaltierter Esoterik-Look mag an eine dieser semibedenkliche Sekten erinnern, die in den frühen 70er Jahren auf dem geistigen Humus der Hippie-Bewegung so zahlreich gediehen. Dabei geht es den Rubies um etwas anderes: um eine offensive, bis an die Grenze des Pathetischen gehende Natürlichkeit. Und das irritiert die Streberbrillen, gepflegten Vollbärte und ausgefransten Ponies im Publikum, vor allem weil die Band aus Kalifornien auf eines komplett verzichtet: Ironie.

“Wir hören schon seit zehn Jahren Softrock. Wir wollten damals weg von dem ganzen 60er-Jahre-Ding, das in San Francisco unheimlich präsent ist. Jeder hat schon mal ein Mitglied von Grateful Dead in einer komischen Shorts rumlaufen sehen“, erzählt Simone Ruby zwei Tage nach dem Auftritt und ärgert sich über die Laufmasche in ihrer aquamarin-blauen Strumpfhose.

Eine Spätfolge des Konzerts, genau wie ihre tief sitzende Müdigkeit. The Whitest Boy Alive präsentierten den Gig ihrer erklärten Lieblingsband. Zuerst gaben sie die Edel-Gogos, dann griffen sie selbst zu den Instrumenten und spielten mit, schließlich übernahmen sie ganz und brachten als Zugaben handgespielte House-Klassiker wie “Gypsy Woman“ und “Good Life“. “Erlend Oye ist ein alter Freund von uns. Wir haben uns vor ein paar Jahren auf einem Festival kennen gelernt“, erzählt Terri Loewenthal. Der gemeinsame Auftritt kam durch keinen dieser schnöden Myspace-Freundschaften zur wechselseitigen Selbstvermarktung zustande, sondern war eine echte Herzensangelegenheit.

Ach! Und am Tag darauf trafen sie sich gleich wieder und jammten noch mal die ganze Nacht. Mit der Musik der 70er Jahre scheinen auch gewisse sozial-experimentelle Praktiken in Mode zu kommen. Denn auch als Band sind die Rubies ein sehr flexibles Gebilde. Auf Tour spielen sie in unterschiedlicher Besetzung am Schlagzeug und an der Gitarre. Und wer gerade in der Nähe ist, wird in die Show einbezogen. Der Waldschrat Devendra Banhart etwa und die elfenhafte Feist, die auch auf dem Synthie-Pop-Hit “I Feel Electric“ mitsingt.

Nicht witzig, nicht cool
Von einem Hipster-Joke ist der fein austarierte Sorglos-Sound der Rubies meilenweit entfernt. “Unsere Musik will nicht cool sein“, sagt Terri Loewenthal. Und das passt zum Zeitgeist: “Alles im Supermarkt ist bio, alle sind unzufrieden mit der Politik. Nachdem unser Leben sich so stark beschleunigt hat durch das Internet, gibt es eine Sehnsucht nach Ursprünglichkeit.“ Ihre Musik beschreiben sie entsprechend – völlig unübersetzbar und sehr kalifornisch – als “breezy, chilled out coastal thing“.

Und für dieses Stil-Ideal gab es nun mal echte Großmeister in den 70er Jahren. “Fleetwood Mac? Wie kann man die nicht lieben!“, sagt Simone Ruby jetzt hellwach. “Das Softe der Sounds, dazu der straffe Rhythmus – das ist doch toll.“

Terri Löwenthal: “Es fällt mir total schwer zu sagen, was ich am besten an Fleetwood Mac finde. Jedes Mitglied hat etwas Wichtiges beigetragen. Und sie hatten so viele Mitglieder. Ich mag die Phase nach Peter Green am liebsten, als sie mehr Richtung Pop gingen.“

“Ja, da war so viel Melodie in jedem Song. Überall, sogar im Bass …“

“… und die Harmonien schichten sich auf, sind fast orchestral. Das haben nur die so hingekriegt.“

Die gefühlszentrierte Opulenz, den eskapistischen Optimismus und die Weltflucht im Weichzeichner, die die frühen 70er Jahre musikalisch ausmachen, kultivieren die Rubies auch auf ihrem Album “Explode from the Centre“, das gerade auf dem norwegischen Edelpop-Label Tellé erschienen ist. Es klingt wie eine Hommage an jenen Sound, bei dem ernsthafte Rock-Hörer die Stirn kräuseln und alle, die erst mit Punk in das Musikgeschehen einsteigen, als aufgeblasen abtun.

Clever, könnte man meinen. Dabei ist Simone Ruby die exzessive Rückschau nur so halb sympathisch: “Die Leute suchen heute so unglaublich viel. Es ist beinahe schwieriger, etwas Altes aufzugreifen, das noch unentdeckt ist, als etwas Neues zu machen. Scheinbar können wir nicht mehr loslassen von dem, was war. Alle scheinen sich auf die Regel geeinigt zu haben: Wenn es nicht kaputt ist, reparier es nicht.“

Die pragmatische Lösung der Rubies: Variier es. Die dezenten Dance-Grooves in ihren Stücken bieten viele Anknüpfungspunkte zur elektronischen Musik. Von “Room without a Key“ etwa gibt es einen zauberhaften Balearic-Remix von Studio – neun Minuten Gitarrengezupfe, da kommen auch Andreas-Vollenweider-Fans voll auf ihre Kosten. “I Feel Electric“ haben Trans Am in eine tief brummende Kraut-Disco nachbearbeitet. Etwas weniger geglückt, aber vollelektronisch sind die Versionen von Shinichi Osawa und Max Essa. Und Dan Judd, einer der Gastmusiker auf dem Album, produziert als The Sorcerer kosmische Disko-Schleicher.

“Wir lieben elektronische Musik. In San Francisco passen wir deshalb nicht so recht in die Szene. Besonders die Folkies finden uns recht europäisch“, sagt Terri Loewenthal. Was den Rubies in der elektronischen Musik aber fehlt, sind die Fehler. “Die sind doch eine Qualität in der Musik, die man heute nicht mehr findet. Sogar wenn die Bands früher 100 Takes aufgenommen haben, um es möglichst perfekt zu machen, kann man hören, wie sehr sie sich bemüht haben. Das hat eine ganz spezielle Wärme. Die ersetzt heute Autotune.“ Doch wo, bitte, bleibt da die Natürlichkeit?

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Elektronische Lebensaspekte.