Rasmus Hägg und Dan Lissvik stehen auf Tangerine-Dream-Albencover und "slow thinking". Die beiden Schweden sind auf der Spur von großen, netten Gedanken.
Text: Lars Hillebrand aus De:Bug 122


Die Etymologie des Wortes Studio kommt aus dem Lateinischen und bedeutet Eifer, Arbeit und Mühe. Studio, das gemeinsame Projekt der Schweden Rasmus Hägg und Dan Lissvik, scheint in seinen Veröffentlichungen eine Menge dieser Tugenden versammelt zu haben. Die Reviews und Artikel zu ihrem Album West Coast, das 2006 erstmals erschienen ist, waren bombastisch, und spätestens mit Yearbook 1 (eine umfassende Compilation ihres Schaffens von 2007) waren sie in den Blogs und Musikgazetten in aller Munde und das Verdikt “oberheißer Scheiß“ war ihnen nicht mehr zu nehmen. Sogar Kylie Minogue bat um einen Remix für ihren Track “2 Hearts“, den die Jungs von Studio auch prompt lieferten.

Studio-Tracks zerbersten förmlich vor Referenzen auf eine verschüttet geglaubte musikalische Sprache, die sich in den Parametern Postpunk, Kraut, Prog, New Age, Synth und Disco ansiedeln lässt, ohne dort heimisch zu werden. De:Bug sprach mit Sänger Rasmus Hägg, frisch aus Japan zurück, selbst ernannter “slow thinker“ und Jahrgang 1977, über ihre Musik, Kunst, Referenzen, die 70er und die perfekte Party.

De:Bug: Da war er da. Der Erfolg. Das positive Feedback war enorm. Wie fühlt sich so was an?

Rasmus Hägg: Es war ehrlich gesagt ziemlich verwirrend. Überwältigend. Da wir alles selbst gemacht haben: das Proben, das Aufnehmen, das ganze Endprodukt. Und das alles wegen unseres West-Coast-Albums. Wir geben immer noch nicht viele Interviews und gehen nicht auf große Tourneen, aber trotzdem verkaufen wir viele Platten. Ich wusste nicht, was wir erwarteten, als wir das West-Coast-Album 2006 veröffentlichten. Schau, vor einer Woche gingen wir nach Japan und veröffentlichten dort dieselben Tracks, dasselbe Album noch einmal! Drei Jahre später!

De:Bug: Da ist immer die Frage, welche Musik man machen will. Es ist eine Entscheidung. Wollt ihr euch von etwas abgrenzen? Was wollt ihr herausarbeiten?

Rasmus Hägg: Ja, Ja, die große Frage ist immer, was man nicht tun will. Das ist die grundlegende Frage, die man beantworten muss. Was willst du von deinem Produkt ausschließen? Da ist aber so ziemlich alles möglich. Vielleicht nicht gerade das Philharmonische Orchester …

Ich bin mir immer sehr bewusst, was ich da eigentlich mache. Aber in Wirklichkeit geht es darum, dass man etwas Neues und Aufregendes für sich selbst machen möchte. Das ist ziemlich egoistisch. Also zum Beispiel, ich bin ein großer Neil-Young-Fan. Aber eine Platte zu machen, die wie Neil Young klingt, wäre schlichtweg langweilig.

Es ist eher so, dass ich Dinge in meiner Musik verarbeite, die man normalerweise nicht erwarten würde. Vielleicht, dass man die Musik in die etwas kitschigen “Cheesy“-Ecken der Popkultur bringt, obwohl cheesy vielleicht die falsche Bezeichnung ist. Es ist wichtig, verschiedene Wurzeln auszuprobieren. Nicht unbedingt cool oder heavy sein zu müssen, wie deine eigene Plattensammlung, oder sich danach auszurichten, wie die gegenwärtige Szene momentan ausschaut. Ich möchte all diese Dinge und Einflüsse in einem Song präsent haben, darum sind unsere Songs auch so lang und eigenartig arrangiert. Es geht nicht um Kitsch, aber da ist eine sehr feine Linie zwischen Dingen, die du richtig, richtig super findest und Dingen, die nicht gut oder gar lächerlich sind, aber dennoch großartige Qualitäten haben. Ich mag das einfach, diese unterschiedlichen Dinge zu verarbeiten.

De:Bug: Was sind das für Dinge?

Rasmus Hägg: Ein bestimmter Gitarrenklang, eine bestimmte Art zu spielen. Sich nicht dafür schämen zu müssen.

De:Bug: Obwohl Studio-Songs am Rechner programmiert sind, haben sie dennoch eine Art “Jam“-Charakter. Wie schreibt ihr eure Stücke?

Rasmus Hägg: Tatsächlich haben wir als Jam-Band angefangen. Unsere ersten Probesessions hatten Schlagzeug und Bass. Wir haben unzählige Stunden an Material aus den Jamsessions mitgeschnitten. Aber eigentlich arbeiten wir in verschiedenen Kontexten: Manchmal jammen wir und manchmal sitzen wir herum und editieren nur ein kleines Soundfragment. Ich denke, unsere Musik ist das Produkt eines sehr eklektizistischen Produktionsprozesses.

De:Bug: Wenn man sich das Artwork eurer Releases anschaut, liegt es nahe, dass ihr eine starke Ausrichtung auf eine generelle Bandästhetik habt.

Rasmus Hägg: Für uns ist es sehr notwendig, sich die Idee des ganzen Projekts bewusst zu machen. Ich denke, das Cover ist genauso wichtig wie die Stücke, denn du willst ein Gefühl präsentieren oder eine titelbasierende Idee. Alles muss zusammenpassen. Wir haben als Studenten mit Malerei und Grafik angefangen. So war es logisch, diesen Weg weiter zu beschreiten. Es wäre sehr befremdlich, wenn wir jemand anderen die ästhetische Gestaltung machen ließen. Es ist eine so persönliche Sache. Es dreht sich alles um Struktur und Balance. Es ist der Versuch einer Art Konzeptkunst, die kein Dogma sein soll. Aber das Ganze ist schon sehr konzeptuell gedacht.

Bei unserem Artwork legen wir großen Wert darauf, nicht zu viel hineinzupacken. Du kannst schon ziemlich viel in unsere Musik hineinlesen. Die visuelle Ästhetik muss heruntergefahren werden. Wir brauchen keine Blumen, Raumschiffe oder Fotografien. Keine Dinge, die unsere Musik “schmackhaft“ machen. Wir versuchen so wenig wie möglich zu geben und dennoch ein Stück Kunst zu produzieren. Das ist die ganze Idee hinter unserem Artwork für die West-Coast-LP. Da gab es nur einen Kreis, der dieselbe Größe wie das eigentliche Vinyl hatte. Es basiert nur auf Funktionalität.

Viele Künstler arbeiten auch so minimalistisch, denke z.B. an die Gestaltung der Tangerine-Dream-Alben. Wie diese ganzen minimalistischen Progressiverock-Bands. Wir mögen das hypnotische Artwork von Pink Floyd, das auch ein sehr konzeptuelles Gefühl zur Kunst vermittelt. Oder der Typ, der die ganzen Hawkwind-LPs gestaltet hat. Ich habe seinen Namen vergessen. Die Gestaltung ist wirklich psychedelisch und ganz schön weit draußen. Sie kommen meistens ohne großes Brimborium aus. Sie haben so ein 1984-Feeling: Die Maschinen übernehmen die Kontrolle und so weiter.

De:Bug: Was wäre für dich ein ikonisches Cover aus den 70ern?

Rasmus Hägg: Ich mag das eine Simple-Minds-Album sehr gerne. Es hat nur ein blaues Cover. Es ist schon ziemlich langweilig. Aber es hat die Basisinformationen, die man braucht: Titel und Interpret. Und es ist so ein klares Blau. Ein eher hartes Album, fast schon Industrial und sehr experimentell. Und vor allem ist es einfach nett, ein blaues Album zu veröffentlichen. Es ist wie Blues. (Anmerkung: Es handelt sich um die zweite Simple-Minds-LP “Real To Real Cacophony“ von 1979)

Von der Konzeption her ist es Andy Warhol. Ich mag diese ganze Factory-Idee, die später auch der Haupteinfluss für Factory Records wurde. Du kannst heute nichts machen, ohne seine Themen zu berühren. Es ist nicht sonderlich spannend, sich für Warhol zu entscheiden, aber da ist einfach dieses gewisse Bewusstsein bei ihm. Und der Mensch, der den tragbaren, leuchtenden Globus erfunden hat. Das muss ein ziemlich cooler Typ gewesen sein.

De:Bug: Natur und Paranoia – Zwei zentrale Begriffe der 70er. Siehst du Parallelen zu unserer heutigen Zeit?

Rasmus Hägg: Willkommen in meiner Welt! (lacht) Es dreht sich alles um Natur und Paranoia. Das wird immer ein Thema bleiben. Ich denke, dass das nicht auf die 70er beschränkt ist. Heute ist es derselbe Horror, derselbe tragische Geisteszustand, derselbe Stand der Technik, den damals die Leute während des Vietnam-Krieges hatten.

Aber generell sind die Leute heutzutage individueller. Diese ganze Kollektiv-Idee der Siebziger war ganz schön groß. Große, nette Gedanken von Leuten, die nette Dinge zusammen gemacht haben. Das alles ist in den 80ern auseinander gefallen. Heute hat man die gleichen Fragen. Es ist halt alles mehr auf der persönlichen Ebene. Sich Öko-Produkte zu kaufen, ist eher eine Lifestyle-Entscheidung als etwas anderes.

De:Bug: Was wäre die perfekte Party für dich?

Rasmus Hägg: Die perfekte Party wäre, wenn wir 2009 in Okinawa während der totalen Sonnenfinsternis auftreten. Japaner tanzen am Strand. Sake trinken. Wir werden versuchen, das wahr werden zulassen.
http://www.myspace.com/sstudio

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Elektronische Lebensaspekte.