Überraschend gut: 8 Mile ist ein beeindruckend unprotziger Vorort-Rap-Film mit einem beeindruckend unprotzigen Hauptdarsteller, der es schafft, die Befindlichkeiten eines weißen Underdog-Rappers ohne ausbeuterische Stilisierungen und falsche Heroik in fesselnd triste Bilder zu bannen.
Text: Jan Joswig aus De:Bug 67

He, Kim Basinger-Fans, wusstet ihr, der Eminem, der ist ihr Sohn, und die beiden leben (unfreiwillig, angeknackst, versoffen (Kim) und mit dem Wunsch, sich raus zu rappen (Eminem)) in einem Trailerpark. Aber Eminem als Bunny Rabbitt hat’s schwer. Der Hase muss feststellen, dass der Widrige-Umstände-Igel immer schon voraus ist. Okay, die Story vom Tellerwäscher/Mikrofon-Großmaul mit broken down Car, Fabrikjob, Kumpels, die Klotz am Bein und vier Fäuste für ein Hallelulja gleichzeitig sind, rivalisierender Gang und einer unerreichbaren Liebe bis zum siegreichen Showdown auf dem Präsentierteller (die Tanzfläche bei “Saturday Night Fever”, der Ring bei “Rocky”, die HipHop-Bühne bei “8 Mile”) kennen wir aus dem Effeff. Aber diese “Coming off age”-/”Coming out off the gutter”-Filme leben auch nicht vom Plot, sondern von der Erzählung. Der Rahmen ist fix, wie er gefüllt wird, da liegt der Hase im Pfeffer und 8 Mile im überzeugend patinierten Realismus schrottiger Outskirts – Kulissen, Kostüme, Charaktere und Dialoge (zumindest in der OV). 8 Mile scheint sein Milieu nicht filmisch zu rekonstruieren, sondern stellt sich in das empirische Milieu, den 8 Mile-District in Detroit, mitten rein. Und verhält sich damit zu Mariah Careys “Glitter” wie “Saturday Night Fever” zu “Flashdance”. Das Sysiphus-mäßige Rumgekraxel wider die Übermacht der widrigen Umstände, das Eminem als Bunny Rabbitt so schön in die Oberlippe gebrannt ist, bekommt in diesem gezielt unspektakulären Setting erst seine packende Nieselregen-Romantik.
Und Eminem? Der Rap-Star als Schauspieler? Der hat mindestens so viele differenzierte Arten drauf, provokant in die Leere zu starren, wie Sylvester Stallone. Er kann den angry young man mit maskulinem Schmollen beim Freestyle-Duell genau so ohne unfreiwillige Komik mimen wie beim Zoff mit dem Vorarbeiter und dem abtastenden Tete à Tete mit der Traumfrau, deren sexy Eis-Aura kurioserweise über bestrumpfte Waden-Ansichten transportiert wird und die schon das Ticket weg aus Rabitts Welt in der Tasche hat. Eine andere Rolle ist für Eminem auch gar nicht gefragt.
8 Mile ist ein beeindruckend unprotziger Vorort-Rap-Film mit einem beeindruckend unprotzigen Hauptdarsteller, der es schafft, die Befindlichkeiten eines weißen Underdog-Rappers ohne ausbeuterische Stilisierungen und falsche Heroik in fesselnd triste Bilder zu bannen.

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Elektronische Lebensaspekte.