Roman Flügel ist ein vielbeschäftigter Mann. Neben den Labeln Playhouse, Klang und Ongaku wirft er alle Nase lang mit seinen musikalischen Alter Egos (eins heisst auch gleich so) neue Tracks auf den Markt. Mit seinem Soloprojekt Eight Miles High hat er jetzt einen heterogenes Debutalbum in Katalogform fertiggestellt. Und ab.
Text: Olian Schulz aus De:Bug 61

Elektronika

Romantisch, intuitiv, vielleicht altmodisch

Eight Miles High / Roman Flügel

Dieses Projekt ist das Steckenpferd eines Produzenten für elektronische Tanzmusik. Roman Flügel macht zusammen mit Jörn Elling Wuttke Sensorama, Alter Ego und Acid Jesus. Als Betreiber mischt er mit bei den Labels Klang, Playhouse und Ongaku. Viel zu tun unter dem funktionalen Diktat des Dancefloor. Deshalb gönnt sich Roman Flügel seit sieben Jahren eine Spielwiese und schwebt ganz privat “Eight Miles High”. Früh erhielt er Klavierunterricht, spielte dann Schlagzeug. Trotz seines “Punkerlebnis Acid House” und der Hinwendung zum Heimstudio hört er heute viel klassische und zeitgenössische Musik. Gleichzeitig “liebt” er Curtis Mayfield, Sun Ra und Missy Elliot. Und manchmal lauscht er Pop. Jetzt erscheint mit “Katalog” der erste Longplayer von Eight Miles High. Wie klingt die Freizeitgestaltung dieses musikalisch versierten Mannes?

Stellen wir uns vor, wir werfen einen Eisblock in ein Warmwasseraquarium. Eine Zeitlang halten die kristallinen Strukturen stand: Klare und nervöse Rhythmen, mal etwas Jungle (schließlich füllt sich das Zimmer mit feuchter Luft ob des im lauen Wasser schmelzenden Eises), mal aufgeräumter Funk, zuweilen baut sich doch wie hintenrum ein Dancetrack auf. Brüche im Block können nach Jazz klingen. Sicherlich charakteristisch bleiben die aufsteigenden Elektronika-Stückchen – immer verwaschener, je mehr sie sich der Oberfläche nähern. Die Gewinner des Klimaumschwungs im Mikrokosmos sind die fröhlich knatternden “Frogs”, die Verlierer sind die toten Minimal-Fische “Im Schatten”.

Debug: Sag mal, warum hast du dir “Eight Miles High” als Projektnamen ausgesucht?
Roman Flügel: Das war zu einer Zeit in der ich mich streckenweise mindestens so weit oben gefühlt habe. Als 1995 die erste 12″ unter diesem Namen herauskam, veränderte sich gerade sehr viel in meinem Leben. Damals stolperte ich über diese seltsame Version des Byrds-Klassikers von Roxy Music und kurze Zeit später über das gänzlich andere Original. Ich mochte den Song, ich mochte die Zeile, das war´s.

Debug: In welcher Situation, in welcher künstlerischen Phase ist Eight Miles High entstanden?
Roman Flügel: Zum Zeitpunkt der ersten Eight Miles High Single, für mich also der Beginn von Katalog, waren die Strukturen, in denen ich mich befand (Label,Vertrieb usw.), weitestgehend auf das Phänomen Techno als reine Clubmusik ausgerichtet. Zu diesem Zeitpunkt war das Konzept von Eight Miles High ein Wagnis: Es hieß, sich die Freiheit zu nehmen, das zu veröffentlichen, was am nächsten “an einem dran” ist. Eight Miles High ist dabei sehr wenig akademisch, vielmehr romantisch, intuitiv, vielleicht altmodisch aber nicht nostalgisch. Für mich war es ein Befreiungsschlag. Musik machen ist seitdem wieder spannender geworden.

Debug: Katalog ist ein sehr vielfältiges Album, mir ist es gar ein wenig zu heterogen. Woher nahmst du die unterschiedlichen Anregungen? Welche Stimmung möchtest du beim Hörer hervorrufen?
Roman Flügel: Katalog ist ja über weite Strecken eine Compilation. Insgesamt umfasst das Album einen Zeitraum von fast sieben Jahren. Damit erklärt sich vielleicht dein erster Eindruck. Für mich ist diese Heterogenität aber auch Bestandteil von Eight Miles High. Da es wohl mein “persönlichstes” Projekt ist, gerät es zum direktesten Ausdruck meiner Persönlichkeit. Die Einflüsse sind teilweise so privater Natur, dass ich nicht gewillt bin, sie jedem Leser mitzuteilen. Entscheidend ist zunächst mal, dass sie tatsächlich persönlich sind und nicht irgendeinem Kalkül folgen. Jedes Stück auf Katalog ruft, denke ich, individuelle Reaktionen hervor. Manche Tracks sind für mich mit einer sozusagen “unteilbaren” Situation verbunden. Die Inspiration kann aber auch der Besuch einer fremden Kultur, einer Ausstellung oder die Musik eines anderen Musikers sein. Es bleibt wohl unmöglich, diese Situation im Augenblick der Wahrnehmung durch Dritte exakt zu vermitteln. Letztlich bin ich nur in der Lage, grobe Stimmungen zu transportieren. Ich hoffe vielmehr, dass mancher Hörer durch meine Musik selbst in Situationen gerät, die diese wiederum für ihn zu einem unvergesslichen Erlebnis werden lassen.

Debug: Wie arbeitest du bei der Produktion von Eight Miles High? Gibt es irgendwelche Besonderheiten?
Roman Flügel: In sieben Jahren verändern sich auch die Produktionsmittel. Katalog ist aber weitgehend unberührt von der Entwicklung von z.B. Softwaresynthezisern. Manche der Stücke wurden auf einem extrem kleinen Setup von vielleicht drei Komponenten (Sampler, Synthie, Mixer) auf dem Boden meines Schlafzimmers gemacht. Entscheidender als das neueste Equipment sind für mich eher eine Vertrautheit mit seinen Möglichkeiten. Sie macht es leichter, auf bestimmte musikalische Stimmungen spontan zu reagieren.

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Elektronische Lebensaspekte.