wichtige coverstory
Text: riley reinhold aus De:Bug 02

From Plus 8 to Concept

Riley Reinhold
rrr@buzz.de

Es gibt kaum ein Label, an dem die Entwicklung im Techno über die letzten sechs Jahre besser festzumachen ist, als das kanadische Label “Plus 8”. Angefangen im Jahre 1990 mit “F.U.S.E.”, dem Projekt des Labelmachers Richie “Rich” Hawtin, das sich zeitgleich mit dem Sheffielder Label “Warp” den Experimenten der subsonischen Bässe widmete, war es geprägt von einer Aufbruchsstimmung und der Aufgabe Neues zu erkunden. Aufrufe wie : “Join The New Social Class Of The 90’s, Become A Technokrat!” wurden riesengroß ins Vinyl gekratzt und die Stimmung war gut. Schnell war klar, daß hier ein Label entstand, das sich über die lokalen Grenzen hinweg einem übergeordneten Ziel verschrieben hatte.

Worum es dabei genau ging, war sicher auch den Machern von Plus 8 zu diesem Zeitpunkt nicht bewußt. Klar war, hier sollten in bester Indiemanier “Phreak Trax” entstehen, für all diejenigen, die etwas anderes wollten. Zwar wurden die Chicagoer und Detroiter Roots nicht verleugnet – im Gegenteil sie wurden auf musikalischer Ebene sogar zusammengeführt – , aber man war im Begriff, eine internationale Familie aufzubauen, die sich aus dem Freundeskreis Richie Hawtins rekrutierte, der schon sehr früh durch internationale DJ Bookings in der Lage war, Kontakte rund um den Globus zu knüpfen. Der Holländer Speedy J landete 1991 mit “Pull Over” einen Megahit, der bis heute auf Best-Of-Techno Compilations zu finden ist, und machte den Weg frei für Plus 8 in größere Plattengeschäfte. Einen Höhepunkt an Radikalität, mit dem plötzlich Underground Resistance gar nicht mehr so weit entfernt war, erreichte das Post-Acid Label 1991 mit dem unter “Final Exposure” erschienenen “Vortex”. Diese geballte Ladung freigewordener, genial hysterischer Energie wurde ein Dancefloor Klassiker in Underground-Techno-Szenen.
Projekte wie “Cybersonik” und “Circuit Braker” erschienen auf dem Sublabel “Probe”, das Richie Hawtin einmal als Testlabel für Plus 8 bezeichnet hat, und geben hartem Techno eine futuristische Form. Sie gehören zu den Innovativposten der Labels. Cybersoniks letzte Veröffentlichung “Jackhammer”/”Machine Gun” eskaliert und zerstört das Projekt.
1993 kehrt Richie Hawtin nach längerer Abstinenz wieder mit einem Soloprojekt zurück, Plastikman. Die Welt horcht auf, ist geschockt und zugleich entzückt, denn Richie Hawtin schreitet mit einer bis dato unbekannten Form von Minimalismus voran, die stilistisch nichts weiter tut, als sich zu strecken, um dann den geeigneten Zeitpunkt abzuwarten und sich wieder zusammenzuziehen. “It’s plastic it is spastic” könnte der Wahlspruch zu diesem Zeitpunkt lauten. Richie Hawtin hat ein neues Kind geboren und dies bedeutet für ihn einen enorm wichtigen emotionalen Aufschwung, der sich für kurze Zeit in einem Pop-Status seiner Person manifestiert. Mit silberner Jacke und rotem Plastikman Logo sieht man ihn, den Guru, in diversen Gazetten. Mit mehreren Platten bricht er, unter dem Projektnamen Plastikman, letztendlich den 4/4 Takt und versucht sich mit Trip Hop ähnlichen Arrangements, die allerdings nur von wenigen akzeptiert werden. Vapourspaces “Gravitational Arch of 10” wird 1993 zu einem weiterem Plus 8 Hit und überzeugt selbst diejenigen, die gedacht hatten, schönlebiger Trance wäre tot. Mit der Entdeckung des Japaners Ken Ishii veröffentlicht man, unter dem Synonym Utu, dessen Debutplatte, die zu seinen besten zählt und den Anfang seiner Karriere auf R&S kennzeichnet.
Ab Ende ’94 kann man endgültig nicht mehr von dem “Plus 8 Sound” sprechen. Viele Projekte sind für den Dancefloor nicht geeignet, immer mehr neue Artisten werden unter Vertrag genommen, als wüßte Richie Hawtin, daß eine neue Ära anbricht. Die schillerndste Persönlichkeit des Jahrgangs ’95, Jamie Hodge, überzeugt mit seiner Platte “Born Under A Rhyming Planet” auch die Abtrünnigen, die angesichts des großen Angebots an Minimal-Technohouse auf Plus 8 die Übersicht verloren haben.
Ende 1995 hat Richie Hawtin die Planung für sein Concept Label abgeschlossen, das ein Jahr lang jeden Monat eine Platte veröffentlicht. Wenige erkennen, daß es sich dabei um eine logische Weiterentwicklung von Plastikman-unter-Extremsituationen handelt. Acid ist weg und das scheint einige zu schmerzen. Die Diskussion ist groß, viele kommen mit diesen Platten nicht zurecht, aber das Label gewinnt neue Freunde.

Born to phreak

Abseits der Dance-Metropolen im kanadischen Windsor, Zuhause bei Vater, Mutter und Bruder Matthew, hat Richie Hawtin sein Hauptquartier aufgeschlagen. Ursprünglich in Banbury England geboren, zog er nach Windsor, weil sein Vater dort einen Job in der Autoindustrie bekam. Nach einer Punkrock Phase fängt er an, sich für elektronische Musik zu interessieren, die zu diesem Zeitpunkt (1988) von Detroits Radio DJ No.1, dem Electrifying Mojo, gespielt wird. Im Detroiter Club Shelter legt Richie Hawtin 1989 schon vor einer vorwiegend weißen Crowd auf, um danach ins Music Institute zu Derrick May zu gehen. Im Shelter trifft er auch John Aquaviva mit dem er sich dann entschließt, ein Label zu gründen. Man nennt das Label entsprechend der bevorzugten, aufgerissenen Stellung des Pitchreglers beim Technics – “Plus 8”.
Schnell hat man mit Kenny Larkin und Daniel Bell zwei excellente Künstler verpflichtet, die das Label innerhalb kürzester Zeit in die Höhe schießen lassen. Aber Richie Hawtin reicht das nicht, er vermißt die Detroiter Warehouseparties, das Ambiente für Phreaks, die nicht in die Clubs gehen wollen. Er fängt an, selbst Parties in Detroit zu veranstalten, die zu den besten der Stadt zählen, allerdings bei der schwarzen Community nicht immer auf Wohlwollen stoßen.
Die Dankesliste auf der ersten Plus 8 Compilation 1991, liest sich schließlich wie das A-Z des Techno. Keiner darf fehlen, jeder der Richie Hawtin unterstützt hat, wird berücksichtigt. Es zeigt sich, wie wichtig für ihn so etwas wie ein Family Spirit ist. Mit der Gründung des Houselabels “Definitiv” und dem Intellinet-Vertrieb baut man das Konzept aus. Er veröffentlicht zum ersten Mal Remixe auf anderen Labels, nicht selten für Majors. Eigene Tracks jedoch veröffentlicht er nicht auf anderen Labels, mit Ausnahme von “Dimension Intrusion” auf Warp.

CONCEPT 1 : Progression Through Repetition

Was war deine Motivation, das Konzept von “Concept” – ein Jahr lang jeden Monat eine Platte – durchzuführen?

RH: Es gab und es gibt immer noch mehrere Motivationen, die für den Start von “Conpect” als Label und “Concept” als Serie verantwortlich sind: Eine Verpflichtung, neue Klänge, Texturen und Strukturen beim Produzieren von elektronischer Musik zu erforschen; meine eigenen Grenzen und mein Know How zu erweitern; einen mehr theoretischen Anspruch gegenüber Musik zu vertreten, im Gegensatz zu der Arbeit, die sich nur einer Platte widmet; eine Plattform zu schaffen, um allen Arten künstlerischer Ausdrucksform gerecht werden zu können, ob es nun Musik, visuelle Kunst oder andere kreative Formen betrifft.
Auf die eine oder andere Art hat mich “Concept 1” wieder dem kontinuierlichen Arbeiten mit Musik nähergebracht. In den letzten Jahren hat das Label immer mehr Zeit verschlungen und hat zu ernsten Einschnitten in meiner Produzententätigkeit geführt. Sich einem einjährigen Projekt zu widmen, bedeutet ein Jahr konstant Musik zu produzieren und ins Studio zu gehen.
Es machen sowieso immer mehr Leute Platten, nur um Platten zu machen. Concept 1 wurde realisiert, um dem konzeptionellen Gedanken beim Produzieren mehr Gewicht zu geben, um mit Ideen und Theorien bahnbrechend umzugehen, vielleicht sogar, um Leute zum Nachdenken zu bringen. Viele Leute sagen elektronische Musik ist nur Tanzmusik, aber manchmal kann es mehr als nur das sein.

Wird es Concept Releases in Zukunft auch auf Plus 8 geben?

RH: Man sollte keine 100%igen Concept Releases auf Plus 8 erwarten, eher Einflüsse auf zukünftigen Plus 8 Projekte.

Wer ist Plus 8 heutzutage?

RH: John Acquaviva, meine Wenigkeit, Carla Acquaviva, Matthew Hawtin, Clark Warner, Tim Price, Tosh Cooey and Peter Grove.

Wie haben Leute, die Dich kennen, auf deine Serie reagiert? Gab es Freunde die dich nicht verstanden als du Concept ins Leben riefst?

RH: Ganz egal was du machst, du kannst nicht alle zufriedenstellen. Manche meiner Freunde dachten, ich wäre jetzt völlig abgedreht, andere haben gar nichts gesagt. Meine engsten Freunde haben mich verstanden und respektierten den Gedanken, etwas neues zu versuchen. Es gab auch jene, die meine frühen Werke als FUSE mochten und mein Concept Material z.B. besser fanden als das von Plastikman. Warum, daß weiß ich nicht. Es ist aber interessant.

Inwiefern hat sich das Konzept deiner Labelpolitik durch deine Concept-Reihe verändert?

RH: Die Serie hat definiv meine Meinung über Plus 8, wie auch über Label im allgemeinen, verändert. Als ich mit Plus 8 anfing, waren alle Künstler Anfänger in dieser Richtung von Musik und somit waren die Ergebnisse alle auf ein Ziel ausgerichtet, was dazu geführt hat, daß sie ähnlich waren und letztendlich für das standen, was man den Plus 8 Sound nennt. Mit der Zeit haben sich die Künstler weitergebildet und ihren eigenen Stil geschaffen, der nicht mehr kategorisierbar ist.
Ich glaube mittlerweile, daß ein Kollektiv von Musikern der beste Weg ist ein Label zu gründen, eine lose Vereinigung von Leuten, die avantgardistische Musik produzieren. Das erlaubt einem, sich als Individuum zu fühlen und trotzdem in den Genuß der Energie einer Gruppe zu kommen.

Hat die Dynamik des Zyklus für dich funktioniert?

RH: Alle Stücke sind im Verlauf des Jahres entstanden. Die meisten der Stücke sind in dem Monat produziert worden, in dem sie herauskommen sollten. Weil ich viel unterwegs bin, als DJ sowie geschäftlich, habe ich meinen Plan so erdacht, daß ich immer am Ende des Monats und am Anfang des nächsten zu Hause war. Mein Plan war, die neuen Stücke zu einem Zeitpunkt zu produzieren, zu dem ich die alten noch im Kopf hatte. Obwohl es ein hektischer Zeitplan gewesen ist und ich nicht immer völlig erfolgreich war, war es ein einmaliges Erlebnis. Der einzige Teil des Projektes der vorher feststand (Ende 1995) war das Artwork. Die erste Platte auf Concept 96:01 entstand Neujahr um 5 Uhr morgens! Im Verlauf der nächsten sechs Monate hatten wir viel Probleme. Eine der Platten mußte, aufgrund eines Pressfehlers, neu gepreßt werden, wodurch sich das ganze Projekt um einen Monat nach hinten verschob. Im Normalfall machen wir Testpressungen von unseren Platten, aber wegen der Art des Projektes hatten wir nie Zeit. Wir haben definitiv aus unseren Fehlern gelernt.

Ist jede Platte ein Remix des Vorgängers?

RH: Man könnte es so sehen, weil die Arbeitsweise so war. Manchmal habe ich einige Platten übersprungen. Man muß wissen, daß durchschnittlich acht Stücke pro Monat produziert worden sind. Die Tatsache, daß wir nur zwei veröffentlichten, haben wir dem Umstand zu verdanken, daß nicht genügend Platz für alles da war.

Man hat deine Platten oft als Dub-ähnlich qualifiziert.

RH: Das war nicht meine Intention, aber der Umstand, daß die Stücke alle sehr reduziert waren, hat erforderlich gemacht, daß ich mich sehr mit Basslines und wie sie sich bewegen beschäftigt habe.

Bei einer deiner letzteren Concept Releases hast du Breaks als Rhythmus Elemente benutzt.

RH: Manche der letzteren Concept Releases arbeiteten mit anderen Zeitabständen. Das waren Ideen, die ich schon mit Plastikman verfolgt habe.

Bist du zufrieden mit deinem Projekt? Hast Du eine Platte, die Du am gelungensten findest?

RH: Ich weiß nicht, welche Platte mein Favorit ist. Aber eine Sache, die ich interessant finde ist, daß ich mit 90% des Materials zufrieden bin. Bei einigen wenigen Releases mußte ich mich schnell entscheiden und wenn ich die Möglichkeit gehabt hätte, das zu überdenken, hätte ich vielleicht eine andere Entscheidung getroffen. Aber dies war die Natur des Projektes und dazu muß man stehen wie zu einigen Dingen im Leben, die man nicht beeinflussen kann.

Wieviel wurden von jeder Platte gepreßt?

RH: Wir haben 2000 Stücke von jeder gepreßt und 900 Boxen. Wir haben momentan noch 25 Stück von jeder Platte für Mailorder auf Lager. Keine der Platten wird nachgepreßt. Eventuell gibt es eine CD-Compilation, aber ich glaube eher nicht.
Was nicht beabsichtigt war: wir wollten das die Leute die Möglichkeit haben, die ganze Serie zu besitzen, nicht nur 96:01, 96:05 and 96:11 und obwohl viele Vertriebe uns sehr unterstützt haben, haben wir herausgefunden, daß einige verschiedene Releases in verschiedene Städte geschickt haben.

Wie spielst du deine Concept Platten?

RH: Ich spiele sie bei den seltenen Anlässen, bei denen es mir möglich ist längere DJ Sets zu machen. Die Platten sind nicht unbedingt für das Club-Umfeld gemacht worden. Vielleicht eher für einen Ambient/Experimental DJ. Ich weiß es nicht genau. Nach der Veröffentlichung einer jeden Platte beginnt sie ein Leben für sich.

Du bist jetzt seit 1988 DJ. Gefällt dir der Job noch immer?

RH: Ich mag es noch immer, rund um den Globus aufzulegen. Nicht nur daß es eine gute Promotion für Plus 8 ist, sondern es ist auch ein Teil meines Lebens, den ich nicht denke aufzugeben, obwohl ich mir nicht unbedingt Clubs aussuche, wo ich weiß, daß es gut werden wird. Ich mag es, neue Leute zu treffen und andere Clubs auszuprobieren. Für mich ist es aufregend, zu einem Ort zu fahren, wo du nicht weißt, ob die Leute deine Musik mögen.

Du bist bekannt dafür in Detroit Parties zu veranstalten, die zu den besten dort zählen, was ist daraus geworden?

RH: Wir waren gewohnt all unsere Parties in Detroit zu veranstalten, aber nachdem man mir die Einreise verweigerte, mußten wir Parties hier in Windsor organisieren. Man hat mir jetzt erlaubt wieder in die USA einzureisen und somit werden die Parties wieder in Detroit stattfinden.

Du hast mal gesagt, aus Jamie Hodge wird mal ein ganz großer Musiker. Warum hat er keine Platte mehr bei euch veröffentlicht ?

RH: Jamie war in den letzten Jahren zu sehr mit der Schule beschäftigt. Ich weiß nicht, wann wir noch einmal etwas von ihm releasen können. Wir haben noch einige unveröffentlichten Stücke von ihm hier auf DAT und ich werde weiter versuchen ihn dazu überreden, sie freizugeben.

Was wirst du als nächstes veröffentlichen?

RH: Die nächste Platte wird Plastikman Sickness/Panikattack auf Plus 8 sein. Sie erscheint Mitte Juli. Die nächste Plus 8, die nicht von mir ist, kommt von Theorem Ende September, gefolgt von einer neuen Silvershower Ende des Jahres.

Woran arbeitest du momentan?

RH: Ich sortiere gerade Ideen für Concept 2 und arbeite an meiner Plastikman LP.

Wie schätzt du Speedy Js Platte auf Plus 8 ein?

RH: Die Platte von Speedy J ist die erfrischendste Platte, die ich seit langem gehört habe.

Man hört des öfteren Dinge über deinen Plus 8 Fanclub und limitierte Pressungen, was ist wahr daran?

RH: Es gab ein exklusives Release über Plastikprodukt, welches drei unveröffentlichte Plastikman Tracks beinhaltete. Die Stücke waren: “Are Friends Electrik?”, “Slak” (Live) und “Untitled Choir (Live)”.

Out now: new Plastikman EP auf Novamute via Discomania!


stilistisch nichts weiter tut als sich zu strecken, um dann den geeigneten Zeitpunkt abzuwarten und sich wieder zusammenzuziehen.

It’s plastic it is spastic

“Join The New Social Class Of The 90’s, Become A Technokrat!”

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Elektronische Lebensaspekte.