Wenn die Revival schneller werden, als wir vor ihnen herleben können, gibt es einen Quantensprung, und Retro wird Zukunft. Damit hätten wir uns selbst überholt, und der Begriff Retro stirbt aus. Sieht so aus, als wäre es bald so weit, denn mit der Wiederholung unseres Selbst sind wir schon bei den 80ern.
Text: Daniela Künne / Daniela.Solveig@gmx.net aus De:Bug 50

Zurück oder Zukunft?
Warum das 80er Retro ein besonderes ist

Als ich dem 80er Revival zum ersten Mal gegenüberstand, schrak ich zusammen in einer Mischung aus Abscheu und Faszination. Es geschah in meinem Lieblingsturnschuhladen. Nichts war mehr wie früher. Er war zusammengezogen mit einem Szene-Klamottenladen auf der gegenüberliegenden Seite der Straße. Und so fand ich mich wieder zwischen stylischen Regalen und kleinen milchkaffeefarbenen Sofas, auf denen lagen teure Zeitschriften aufgeschlagen auf Seiten mit Fotos, die kleine milchkaffeefarbene Sofas zeigten. Aus den Lautsprechern scholl Spandau Ballet, und der Inhalt der Regale atmete pink. Ich fühlte mich zurückversetzt in eine Zeit, die ich lieber vergessen mochte und doch, etwas war anders. Dies waren nicht die 80er, nein, dies war ihr Revival, und der Unterschied war fühlbar.

Schließlich kaufte auch ich mir einen Nietengürtel (H und M, 14,- DM). Den habe ich dann zwar nie getragen, aber damit möchte ich mich nicht rausreden. Gekauft ist gekauft. Bleibt die Frage: Warum? Das 80er Revival ist die erste Retrobewegung, bei der ich die Originalklamotten noch im Schrank haben könnte. Klar hat meine Mutter mich als Kind mit gehäkelten Topfmützchen und blumenbestickten Jeans gequält, aber trotzdem empfinde ich die 60er nicht als bewussten Bestandteil meiner Sozialisation. Bei den 80ern ist das anders.

Steckt in Retrobewegungen die Weigerung anzuerkennen, dass man älter wird? Dass verdammt noch mal 2001 ist und wir es vielleicht nicht hingekriegt haben, aus unseren hochtrabenden Zukunftsplänen eine hochtrabende Realität werden zu lassen? Stilistische Steps back in Time als Verweigerung von Entwicklung?

Was verbindet sich überhaupt mit dem Stil der 80er? Kühler Glamour? Fortschritt? Die ökonomische Dekadenz von Yuppies? Ich erinnere mich an Klischees wie Karottenhosen, weiße Knöchelturnschuhe, Fönfrisuren, Netzhemden, Tennissocken, Sicherheitsnadeln und Buttons an der Jacke, NDW, ja und Synthezisermusik. Natürlich. Hatte diese Zeit damals etwas, das uns jetzt fehlt? Fragen wir jemanden, der sich auskennt. Martin Wuttke vom Berliner Modelabel Nextguru Now.

De:Bug: Warum jetzt die 80er? Hatten wir alles andere schon?

Martin: Die Zyklen der Mode sind keine Zeitabfolge – auf A folgt B. Es gelten eher die Gesetze von Bewegung und Gegenbewegung. Nach funktioneller Mode und Minimalismus musste als Antibewegung eben ein 80er Revival kommen.

De:Bug: Was mich zu der Frage bringt – was waren die 80er eigentlich?

Martin: Der kleinste gemeinsame Nenner der 80er ist “Bad Taste”. Das haben wir uns damals natürlich verschwiegen.

De:Bug: 60er und 70er Zitate sind einfach. Die bestickte Jeans oder die Schlaghose stehen als Einzelstück jeweils für eine ganze Epoche. Bei den 80ern könnte ich mich da nicht so richtig entscheiden.

Martin: Die 80er sind der Beginn der modischen Splittergruppen. Es gab die Wahl zwischen den Schubladen. Innerhalb dieser Schubladen ging es jedoch sehr uniformiert zu. Schlagworte wären: New Romantic: alles zwischen Duran Duran und Boy George. Pumphosen im Beduinenstyle (die sogenannte Bowie-Hose) für Herren mit gut geschnittenen Jackets dazu. Die meisten hatten immer frisch gefönte Haare und waren daher bei Eltern sehr beliebt. Auf der anderen Seite gab es aber auch Gruft und Dark Wave oder Popper in pinken Lacoste Hemden. Und moonwashed Jeans. Die gibt es heute wieder, aber – wichtig – neu geschnitten.

De:Bug: Was ist mit Punkrock?

Martin: Der auch, aber der hat überall sein Zuhause. Dann gab es noch, was ich den Denver-Clan-Style nennen würde. Und American Fitness: Leggins, pinkfarbene Schweißbänder. Ach, und Hard Rock nicht zu vergessen, die Ästhetik von Mega-Hardrockgruppen kommt übrigens wieder!

De:Bug: Aua. Auch VokuHiLas?

Martin: Ja, aber jetzt mit Strähnchen. Unsere Zeit lebt von Zitaten, aber die wirken nur dann gut, wenn sie kein All Over-Zitat sind. Zum Beispiel ein rosé farbenes V-Ausschnitt T-Shirt zu Leggins wäre zu hart. Aber mit einer Used-Look-Jeans wirkt es frisch und cool. Das Neue sind die Brüche.
Da fällt mir ein, Kraftwerk war auch 80er, ganz steif, rote Krawatte auf schwarzem Hemd. Und dann war da noch Miami Vice, breite Schultern, türkise T-Shirts zu Jackets. Neon war wichtig und furchtbar schöne Farben. Roxy Music, clean kalt, cool. In den 80ern gab es immerhin mehrere irgendwie geartete Revolutiönchen. Das gab es in den 90ern nicht mehr.

De:Bug: Kann man Revolutionen zitieren?

Martin: Damals waren Tattoos noch selten und provokant – heute haben Bankangestellte Piercings. Es gab noch politische Massenbewegungen. ‘Alle Menschen, die ein besseres Leben wollen, sollen upstaan’ wurde gesungen.

De:Bug: Gibt es DIE 80er überhaupt?

Martin: Höchstens in Form einer weißen Lederjacke mit Strasssteinen besetzt. Nein, ich könnte keinen Geist der 80er festmachen. Außer den Verrat.

De:Bug: Und was ist dann 80er-Retro?

Martin: Eigentlich die Wiederentdeckung des schlechten Geschmacks. Diese Sachen wurden so lange als furchtbar empfunden, dass sie jetzt einfach wieder knallen. Manche Dinge müssen im Kühlschrank bleiben, bis eine gewisse Distanz aufgebaut wurde, die ein neues Spannungsfeld ergibt.

Kein Grund zur Sorge also. Obwohl uns die Revival dicht an den Fersen hängen, müssen sie immer ein Vergessen weit hinter uns bleiben. Damit wir Dinge wiederentdecken können. Neu kennenlernen. Über Bekanntes freuen und erschrecken. Neues darin finden. Wie beim zweiten Lesen eines Buches.

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Elektronische Lebensaspekte.