Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 28

Sweet Home Alabama Manchmal hat eine Feuersbrunst in Alabhama auch etwas Gutes. Dann nämlich, wenn dabei der Proberaum einer Gitarrenband mitsamt Equipment abbrennt und der Gitarrist plötzlich beschliesst, fortan, mehr im Alleingang, elektronisch unterwegs zu sein. Fünf Jahre ist das nun her. Seitdem sitzt Chris Jeely in seiner Südstaatengarage, erfindet ausladene Gitarrendrones und mixt sie mit holpernen Breakbeats und allerhand anderen elektronischen Köstlichkeiten. “Ich war immer grosser HipHop-Fan und als ich von der Versicherung das Geld für das Equipment bekam, war klar, dass ich zunächst mal einen Sampler brauche, um mit diesen Beats zu arbeitenÒ, erzählt Chris am Telefon während im Hintergrund sein neues Hundebaby durch die Gegend kläfft. ãEigentlich wollte ich mich ganz von den Gitarren trennen, aber irgendwie gefielen mir meine ersten Tracks überhaupt nicht…ziemlich diletantischer DrumÕnÕBass eben. Ich kam mit den Sounds nicht zurecht. Also holte ich die Gitarre wieder raus und versuchte, Drones und Breaks zusammenzubringen. Hat funktioniert.Ò Das Ergebnis war das Album “Narcotic BeatsÒ, das Mitte letzten Jahres in England erschien, komplett vergessen wurde und nun plötzlich langsam seine Kreise zieht. Es ist dieses Gefühl von Weite und gleichzeitger Geborgenheit, das “Narcotic Beats” zu einer grossen Platte macht. Die Unendlichkeit der Gitarren versteht sich bestens mit den schlecht geloopten Breakbeats, so dass man sich fragt, warum noch niemand zuvor auf diese Idee gekommen ist. Alles Indie, alles LoFi, alles knuffig, alles super. “Ich adaptiere eigentlich nur das altbewährte Prinzip von HipHop, das sagt: Mach etwas Neues aus deinen musikalischen Wurzeln!” Und da ich nicht mit Soul und Funk aufgewachsen bin, sondern mit My Bloody Valentine, müssen sich bei mir die Gitarren vor der Digitalität verantworten.Ò Seitdem hat Accelera Deck in Birmingham/Alabhama die eine oder andere Platte gehört, sein Equipment ausgebaut, das Label Pitchcadet mitbegründet, seine Fühler in die grosse bunte Welt der elektronischen Musik ausgestreckt und auch andere Spielarten elektronischer Musik für sich entdeckt. Zwei CD-Rs auf Pitchcadet, E.P.s auf Blackbean & Placenta und dem Darla-Ableger Fuzzybox und diverse Remixe haben ihn in die Herzen aller katapultiert, die den Glauben an Indie nie verloren, sich aber gleichzeitg immer gewünscht haben, dass die Helden von gestern endlich den nächsten Schritt wagen und der Elektronik einen festen Platz in ihrem Pophimmel geben. Der räumliche Abstand zur sowieso sehr kleinen Electronikszene in den USA hat ihm dabei geholfen. ãElectronica heisst in Alabhama Chemical Brothers und nicht etwa Autechre. Es ist schwierig, an Platten ranzukommen und nach einer Weile verliert man das Interesse und arbeitet lieber an eigenen Tracks, als seine ganze Energie darauf zu verwenden, bestimmte Maxis aufzustöbern. Wenn ich in New York oder L.A. leben würde und Teil dieser IDM (Intelligent Dance Music, T.H.) )-Szene wäre, hätte ich vielleicht ein schlechtes Gewissen, wenn ich Autechre sample. Hier ist mir das egal.Ò Verbindungen sind dennoch schnell geknüpft in dem lockeren Netzwerk aus Musikern, Programmierern, Fricklern und Moschern, die zwar musikalisch alle völlig unterschiedliche Ideen haben, sich aber dennoch gegenseitig unterstützen und respektieren. So ist es auch kein Wunder, dass zu der nächsten Accelera Deck E.P., die auf dem deutschen Morrmusic-Label erscheinen wird, Kid 606, Lexaunculpt und Arovane Remixe besteuern werden. Chris Jeely sitzt derweil weiterhin in seiner Garage, filtert crunchige 4-Bit Sounds durch eine alte Analogbandmaschine und freut sich.

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Elektronische Lebensaspekte.