Unser Anton im September...
Text: Anton Waldt aus De:Bug 95

Für ein besseres Morgen

Kleiner Schwanzdreher für zwischendurch gefällig?

Schicksal 2005: Der Sohn des Nudisten-Königs will in eine kalte Stadt ziehen, in der es dauernd regnet. Aber auch der Nachwuchs der Angezogenen hat an unhandlichen Päckchen heftig was zu wuppen: Vor einem Jahr war “Sommer der Liebe 2004” der Konsens-Claim der Saison, 2005 herrschten auch in der Clubfrische Verwirrung und Desorientierung vor. Der rabiate Polizeieinsatz beim CzechTek, der die schönsten “Tagesschau”-Bilder des Jahres lieferte, die gar nicht in der “Tagesschau”, sondern in den “RTLII-News” zu sehen waren, ist beispielsweise nach eingehenden Recherchen auf einen eklatanten Mangel an Erfrischungstüchern zurückzuführen und nicht auf den kolportierten massenhaften Landfriedensbruch und schon gar nicht auf das bisschen Old-School-BummBumm. Neues Leibsprichwort: “Wer bei den Erfrischungstüchern spart, zahlt irgendwann mit Verbandsmull ordentlich drauf.” Verwirrung, Desorientierung und so mal gar keine Tüchlein zum Schweißtupfen auch bei Bertelsmanns Musikabteilung: Statt sich still daran zu freuen, dass die Miet-Musikanten von 2raumwohung endlich den Quotenquatsch bleiben lassen und stattdessen ihrem Jobprofil nachkommen, gab es ein großes Buhei, weil die schicke SonyBMG-“Repräsentanz” unter den Linden anlässlich einer Industriesause mit Körpersäften und Chemieresten eingesaut wurde. “Sapperlot!”, soll übrigens ganz grün vor Neid Friede Springer kommentiert haben, die zwar endlich auch eine TV-Gruppe, aber eben immer noch kein Rock ‘n’Roll-Stadl ihr eigen nennen darf, wie ihre ärgste Konkurrentin Liz Mohn. Verpecktes Erbrechen. Und dann die Affaire um die korrekte Techno-Definition: “Montag” war ja vom Ansatz her mal eher korrekt, aber eben in der Dimension völlig verspult, und Verspulung ist neben der Verfügbarkeit von Erfrischungstüchern immer noch ein Axiom. Dass nach Mittwoch trotzdem noch was gearbeitet werden kann, verdanken die Raver dagegen immer noch dem vorherigen Leibsprichwort: “Scheiß aufs Hirn – PC denkt eh.” Allerdings kommt irgendwann der Moment, an dem man einsehen muss, dass da mitnichten hartnäckige Fettflecken auf dem Monitor picken. Und dass die letzten 20 Powerpoint-Folien oder wahlweise auch die 14 letzten Effekt-Plugin-Spuren nicht am Rechner, sondern auf einem aufgeklappten Pizzakarton erstellt wurden und der Laptop seit vorgestern im Altpapier liegt. Da stehen die Säcke vor der Entscheidung, die das weitere Schicksal prägt: Entweder das bisschen Restwürde zusammenkratzen und den Karton mit Firewire nachrüsten oder nie wieder in die Disco gehen. Drolligerweise führen beide Wege in endgültige Demenz und schwersten Alkoholismus. Soll übrigens immer öfter auch unter Fünfunddreißigjährigen passieren. Braindrain sogar bei den sonst an dieser Stelle hochgeschätzten, klugen Wissenschaftlern, die während des Sommers lediglich herausbekommen haben, dass auf den äußeren Hybriden Taumelkäfer leben und dass starke Magnetfelder [Bass] gegen Depressionen gut sind – da wurde offensichtlich die Ibiza-Sause als Studienreise ausgewiesen. Immerhin war dafür der Sommer in der Pornoindustrie schwer ereignisreich: Die jahrelang unangefochten angesagtesten Fluff-Boys Oskar und Gregor nehmen ihren Abschied aus der Branche, weil endlich auch bei ihnen “mal jemand richtig kommen soll”. Der Vollständigkeit halber und weil es so lange keine Gelegenheit gab, diese Details zu erörtern, hier noch auf die Schnelle die aktuellen Abkürzungs-Hotspots: POI = “Pissed off Iraqis”, dürfte demnächst auch via HipHop auf MTV aufscheinen. FTP: = “Fuck the Pope”, der Klassiker aus Nordirland macht derzeit weltweit mit Schwerpunkt Südamerika Karriere. Und zu guter letzte: GTF = “Good to fuck”, kommt jetzt auch in Gütersloh schwerst in Mode. OK: Wer Fußmeilen vom Schuh-Franchise statt Flugmeilen beim Metropolenhopping sammelt, sollte wirklich besser das Maul halten. OK, OK: Wenn euch das nächste Mal jemand so blöd zulabert und die Sau hat nicht das Glück, sich hinter einer Magazinseite verstecken zu können, dann sagt ihm: “Über Leute wie dich rede ich doch hinter ihrem Rücken.” Für ein besseres Morgen: “Space invaders against racism” unterstützen, immer genug Erfrischungstücher am Start haben, das Springer-Kartell zerschlagen, aufpassen, dass sich auch ja niemand die Eier wund schwätzt, spuddelige Spuddelköpfe auch mal tätscheln und keine hanebüchene Scheiße auslassen.

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Text: Anton Waldt aus De:Bug 80

A Better Tomorrow

Für ein besseres Morgen
Das ausgiebige Herzeigen sekundärer Geschlechtsteile macht ja die meisten ganz huschig. Andererseits: Die Zahl der Selbstmorde in Deutschland ist in den vergangenen 20 Jahren um 40 Prozent gesunken und da muss man eben abwägen. Sich dem huschigen Weiterleben hinzugeben kann ja auch als knorke Lifestyle verstanden werden. Andererseits muss man schon den dritten Air-Erguss – allein das Wort ist eine Zumutung – über sich ergehen lassen, obwohl Supertramp-Scheiben bei jedem Trödler und wohl auch bei Saturn wohlfeil zu haben sind: Ich hab’s schon zweimal gesagt, jetzt sag ich’s zum letzten Mal: Air raus, Supertramp rein. Und wenn der gut gemeinte Apell erwartungsgemäß ungehört verhallt, respektive wieder mal als “skurrile Anmerkung eines Sonderlings” aufgefasst wird, soll bitte schön auch die Empörung ausbleiben, wenn Begriffe wie “Rauschgift” oder “Abartig” ihre Revivals feiern und der Rausschmiss des Chefs des Arbeitsmarkt-Service ungestraft als “Sieg der Gegenreformation” angepriesen wird – an der Entstehung von Trendsätzen mit einem Der-des-des-Stakkato sind natürlich auch zuviel Hall in Popmusik und das ausgiebige Herzeigen sekundärer Geschlechtsteile maßgeblich beteiligt. Es ist zwar anzunehmen, dass zwischen Redaktionsschluss und Lesevergnügen die Aufmerksamkeit, die flüchtige, sich schon längst nicht mehr an die Causa erinnert, trotzdem muss hier noch mal in die Bresche gesprungen werden: Als der rechte Mops von Janet Jackson in aller Munde war, hatten die Trolle Hochkonjunktur, die sagten, dass man da “mal wieder” sehe, wie dumm doch die Bürger der USA so seien und wie prüde obendrein. Dem gehört aber erwidert: “Nein, du täuscht dich, Troll, die Empörung ob des Aufscheinens des rechten Mopses von Janet Jackson in einer Sport-Übertragung im TV ist rechtschaffen und solide.” Wenn man Sport goutieren will und das eventuell im Kreise seiner Lieben, dann hat man auch ein verdammtes Recht auf die Abwesenheit von sekundären Geschlechtsteilen. Wenn die geneigte Leserschaft sich an den genauso köstlichen wie lehrreichen Plattenbesprechungen der allseits für ihre musikalische Allwissenheit gepriesenen Debug-Spezialisten laben will, dann soll sie ja auch – jetzt mal ganz beispielsweise – auch nicht durch den Umstand behelligt werden, dass das Layout dieses Magazins traditionell durch gänzlich unbekleidete Design-Profis erfolgt. Nicht einmal Anhänger von miesen Air-Machwerken wollen wir den Schock zumuten, mitten in der Lektüre das Bild eines angejahrten Layouter-Sacks zu assoziieren, insbesondere, wenn dieser über die Sitzfläche eines Sperrmüll-Bürostuhls schabt. Daher folgt auch Plattenkritik auf Plattenkritik und zwischendrin wird eben nicht auf das fragwürdige Gebahren bei der Anordnung der Texte hingewiesen. Nie. Alle, die jetzt zu recht “Ihhh!” gesagt haben, müssen nämlich auch “J!” sagen. “J!” wie “Ja, der Mops war deplaziert” und “Ja, die Empörung war rechtschaffen.” Diese Erkenntnis ist deshalb wichtig, weil dieser Tage wirklich überall religiös motivierte Fundamentalisten ihre Ansichten unters Volk bringen. Fundamentalisten erkennt man zielsicher daran, dass sie ein großes Getöse um “ihre” Toten machen. Viel Leichen-Buhei auf den Titelseiten bedeutet daher schlicht das Vorrücken von Fundamentalisten, weil aufgeklärten Personen der Verbleib ihrer sterblichen Überreste vornehm schnuppe ist. Da darf geschnippelt, gematscht, auch nach Herzenslust gebastelt – und wenn’s Freude bereitet – auch ein flotter Burger gebraten werden. Aufgeklärte Personen bevorzugen nämlich Menschenwürde für die Lebenden und müssen den Mangel an Würde zu Lebzeiten nicht mit Projektions-Riten auf die Toten kompensieren. Für ein besseres Morgen: Nachhilfestunden für die korrekte Fallbildung von “Möpse” nehmen, freien Personenverkehr einfordern, Popmusik nur sparsam mit Hall versehen und Entblößungen immer richtig timen.

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