Kalter Krieg, kalter Frieden, kalte Küche
Text: Anton Waldt aus De:Bug 126


Grafik: Harthorst

Kalter Krieg, kalter Frieden, kalte Küche. Zum Beispiel neulich auf dem Russlandgipfel: Überall stehen Magermodels im Weg rum und rauchen. Magermodels rauchen ja meistens wie bekloppt, allein um den gesunden Appetit zu unterdrücken, der 14-jährigen Blondinen aus Slomsk eigentlich zu eigen ist.

Aber wenn man wie ein Mähdrescher frisst, wird man bestimmt kein Magermodel, sondern eine fette Landpomeranze mit einem versoffenen Schwachkopf von Ehemann. Und da haben die Slomsker Blondinen von heute überhaupt keinen Bock drauf, die Slomsker Blondinen von heute wollen was sehen von der Welt, sie wollen Abenteuer erleben, Spaß haben und einen feschen Oligarchenspross heiraten. Also rasieren sich die Mädels die Beine und rauchen erst mal eine, um sich vor der gesunden Landluft und ihrem Appetit zu schützen.

Kurze Zeit später staksen sie dann auf 15-Zentimeter-Absätzen übers internationale Parkett und sind heilfroh, beizeiten mit dem Rauchen angefangen zu haben, weil sie sich sonst vor lauter Aufregung die Fingernägel abknabbern würden und sich die Aussicht auf Spaß, Abenteuer und einen feschen Oligarchenspross in die blonden Haare schmieren könnten. Abgekaute Fingernägel sind nämlich ein international geächteter Downer, den man nicht mal mit den berühmten Slomsker Wangenknochen wett machen kann.

Also stehen die Magermodels auf dem Russlandgipfel überall im Weg rum und rauchen wie bekloppt, und das ist auch so weit kein Problem, schließlich wird man bestimmt kein Russlandlandgipfel-Delegierter, wenn man sich an ein bisschen Qualm stört oder sonstwie zart besaitet ist. Russlandlandgipfel-Delegierte sind aus einem anderen Holz geschnitzt! Abgebrüht, trinkfest und humorlos, knallhart im Geben und Nehmen, gnadenlose Grabenkämpfer, die skrupellos ihren Killerinstinkten folgen – so sind sie, die Russlandlandgipfel-Delegierten!

Jeder von ihnen könnte es jederzeit im Alleingang mit einem ganzen Weltklimakongress aufnehmen, und wenn man einen Russlandlandgipfel-Delegierten mitten in einem Rudel hungriger sibirischer Wölfe aussetzen würde, hätten nachher Tierschützer alle Hände voll zu tun: Mit bloßen Fingern eingedrückte Wolfsaugen und mit kräftigem Delegiertengebiss durchtrennte Wolfskehlen, die halbe Tundra mit Blut, Hirn und Knochensplittern eingesaut. Aber – und jetzt kommt´s – ein Rudel hungriger sibirischer Wölfe ist harmloser Gulag-Budenzauber gegen eine Horde rauchender Magermodels auf der Suche nach Spaß, Abenteuern und einem hypersolventen Bräutigam.

Und daher droht der Russlandlandgipfel schon in der Sondierungsphase an den Magermodels zu scheitern: Hypernervös zucken ihre gertenschlanken Körper durch das Convention Center, wie Peitschenhiebe flackern sie durch die Gänge, in die Meetingrooms und quer durchs Auditorium. Aber am schlimmsten sind die hohen Slomsker Wangenknochen, die alles Aufschlitzen, was ihnen in den Weg kommt, zum Beispiel Delegiertengesichter. Besonders übel erwischt es die Energieexperten der Deutschen Hochdruckliga, weil ihre Popperfrisuren nach Slomsker Kriterien eine gute Partie signalisieren, außerdem haben sie ihre Jackettaschen mit Feuerzeugen vollgestopft, auf denen der neue Hochdruckliga-Claim als Svarovski-Intarsie funkelt: “The power to influence outcome”.

Ausgerechnet die Hochdruckliga, die immer wieder ehrfürchtige Vergleiche mit dem Deutschen Orden provoziert, auch wenn sie auf den ersten Blick scheinbar nichts gemein haben: hier die ungewaschenen aber edlen Christen-Ritter, die vor 800 Jahren plündernd und brandschatzend den Ost-Heiden Gottes Willen eingebimst haben. Dort die Overperformer von heute, die zum Frühstück auf dem Börsenparkett steppen, zum Lunch mit dem Solarmobil den Südpol durchqueren und zum Tee die Osama-Bande skalpieren, um auf den gegerbten Kopfhäuten der Superbösewichter einen Roman zu verfassen, in dem die Wörter “Linsengericht”, “Esau” und “Erstgeburt” schon auf Seite 1 vorkommen – Ein Werk von Weltrang.

Auf dem Russlandlandgipfel triumphiert die Hochdruckliga erst im Energiedialog, dann entfesselt sie eine Exzellenzhysterie, dass den Tschekisten hören und sehen vergeht: Wir pusten Günther Grass durch die Ostseepipeline! Gerhard Schröder beschnackt Grass, die EssPeeDee jetzt bloß nicht hängen zu lassen, etc, Grass steckt seinen Breitkordarsch ins westliche Pipelineende, die Genossen machen Hau-ruck! mit dem Bartstopfer und schon – sozusagen: Zack! – klebt Grass moralisierend an der Kreml-Mauer.

Eins zu Null für die Hochdruckliga, aber die Russen wollen sich als geborene schlechte Verlierer nicht damit abfinden, fortan geräucherten Hering aus ausgefransten Zeitungspapiertüten zu kletzeln, weshalb sie die Magermodels auf die Hochdruckliga-Recken hetzen. Für ein besseres Morgen: Touchtechnik trainieren, Kondomklingeltöne meiden, Supergutgefühle verbreiten und immer daran denken: Starke Magnetfelder sind gut fürs Hirn, also trollt euch in die Disko.

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Elektronische Lebensaspekte.