Gute alte Fuß-in-der-Tür-Technik is hard to find these days.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 127


Grafik: Harthorst

Der Herbst bringt Heimweh und Durchfall über Stadt, Land und Kontinent, sogar bis nach Australien, zum Beispiel neulich in Alice Springs: Ein siebenjähriger Junge stieg außerhalb der Öffnungszeiten über den Zaun des Zoos, tötete 13 Tiere und warf sie dem Krokodil “Terry” zum Fraß vor. Der Junge gelangte unbemerkt über einen Zaun ins Innere des Reptilienparks, weil ihn das Sicherheitssystem aufgrund seiner geringen Körpergröße nicht erfasste.

Zur Ehrenrettung der Technik sei erwähnt, dass eine Überwachungskamera anschließend detailliert festhielt, wie Terry eine Riesenschildkröte, mehrere Bartagamen und verschiedene Echsen verschlang. Sleep very well in your Bettgestell! Terry war übrigens schon vor dem Vorfall die Attraktion des Reptilien-Centers, jetzt ist er landesweit berühmt und die POAs (Pissed-off Aussies) sind richtig angefressen. OK, “angefressen” ist eine unpassende Formulierung, wenn man Beef vermeiden möchte.

OK, “Beef” ist auch schlecht. Was sagt der Experte? Der Leiter des Instituts für Gesprächsforschung in Radolfzell, Martin Hartung, sagt: “Es gibt zwar schon 700.000 Kommunikationstrainer in Deutschland, doch kaum einer ist offen für die Realität, für die empirischen Ergebnisse.” 700.000 Kommunikationstrainer auf 80 Millionen Deutsche! Das sind fast 0,9 Prozent der Bevölkerung, Babys und Greise inklusive. Im Umgang mit Experten für Gesprächsforschung sollte man auf der Hut sein, erst recht, wenn sie von “der Realität” und “empirischen Ergebnissen” anfangen.

Bei 700.000 Kommunikationstrainern wäre der Leiter des Instituts für Gesprächsforschung in Radolfzell natürlich eine große Nummer, der Topexperte, der Megachecker, der ganz lässige Oberchiller. Klarer Fall von Tür-ins-Gesicht-Technik, bei der man einen echt großen Gefallen erbittet, der erwartungsgemäß abgelehnt wird, um so den Boden für die Erfüllung einer kleineren Bitte zu bereiten. Wobei Letztere bei Tageslicht betrachtet immer noch eine glatte Unverschämtheit darstellt, aber der Gefallen wird wahrscheinlich trotzdem gewährt, schließlich wurde uns zuvor ein schlechtes Gewissen gemacht und niemand ist gerne dauernd total geizig.

Also heißt es jetzt: 700.000 Kommunikationstrainer sind natürlich übertrieben, einigen wir uns auf 500.000, OK? Ehe man sich versieht, sind 0,6 Prozent aller Deutschen Kommunikationstrainer und dann suchen Psychiater nach Internet-Süchtigen im Second Life und erklären weitere 12,3 Prozent aller Deutschen zu Opfern der Computer-Mafia. Die Zeiten, in denen WWW mit “Werte, Wandel, Wachstum” übersetzt wurde, sind wohl endgültig perdu. Stattdessen erzählen Computer einem immer mehr Sachen, die man eigentlich gar nicht wissen will, so auf die pseudozufällige Tour.

Kurze Zeit später finden Marketingexperten dann raus, dass Menschen mit Akne und Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) am Rechner TV konsumieren, weshalb die Produktion von Gesichtsreinigungswasserwerbespots eingestellt wurde und Dangerfreak und sein Cleanteam arbeitslos werden. Dabei war ihr letzter Pickel-Track “More Underground (than you are)” ein echter Burner. Gute alte Fuß-in-der-Tür-Technik is hard to find these days.

Um einen lächerlich kleinen Gefallen bitten, der natürlich erfüllt wird, woraufhin das Opfer bei der nachgeschobenen größeren Bitte schon so verstrickt ist, dass es einwilligt – so viel Aufwand wird kaum noch betrieben. Aber wer hätte heute schon noch Zeit, seinem eigenen Gequatsche hinterherzurecherchieren? Vielleicht der Dangerfreak und sein Cleanteam, aber die zeigen Stinkefinger und schließen sich lieber der boomenden Drogenwandervogelbewegung an, von allen Seiten strömen die POAs (Pissed-Off Advertisers) in die Mittelgebirge und machen sich nackt.

Der Megatrend zum Spätherbst heißt nämlich: Die Mittelgebirge sind wieder da, im Mittelgebirge, da steppt der Bär, Outdoorhändler machen ihren Schnitt, Kapitalflüchtige lutschen Balsamicoeis und Drogenwandervögel lassen es sich ordentlich besorgen. Nur die Pilzsucher fehlen dieses Jahr. Die wurden nämlich von eingewanderte Pilzsorten dahingerafft, weil die in keinem Pilzbuch verzeichnet sind und ungehindert in Butter-Pilz-Omelettes vordringen. Für ein besseres Morgen: Facility Manager meiden, Props für Hausmeister droppen, die Multibeamsysteme auf Liebe einstellen und Raven, bis die Sensoren sausen.

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Elektronische Lebensaspekte.