360 Grad ist nicht gut fürs Hirn, also trollt euch in die Disko.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 128


Grafik: Harthorst

Wenn die Mittelstandsbeule juckt, bleibt keine Zeit für große Gefühle. Der Lead landet nämlich immer noch da, wo der größte Anteil des Spending zu liegen kommt, und Ausreden werden nicht geduldet. Dass sich zum Beispiel dein RSS-Feed gerade heulend auf dem Klo eingeschlossen hat, interessiert niemand.

Wenn die Mittelstandsbeule juckt, muss man qualifizierte Leads generieren, an denen der Kunde einfach nur lecken will, und dazu muss man sich vom überholten ergebnisorientierten Handeln lösen und dem angesagten lösungsorientierten Denken zuwenden. Der kanadische Drogenhändler Michel “Big Mike” Lapointe hat es geschnallt, er brachte 204 Kilogramm auf die Waage und wurde wegen Fettleibigkeit aus dem Gefängnis entlassen.

Das Bett zu schmal, der Stuhl zu klein, Big Mike hat es einfach faustdick im Brain. Der italienische Mafioso Domenico Magnoli hat es dagegen überhaupt nicht geschnallt, er ging zum Fettabsaugen an den Oberschenkeln in eine kalabrische Privatklinik und wurde beim Aufwachen aus der Narkose wegen mehrfachen Mordes verhaftet. Selbst schuld, wenn er partout nicht lösungsorientiert denken will.

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Oder, um es in den Worten des Finanzjunkies zu sagen: Wenn man Scheiße baut, brennt der Joint schlecht. Fragt den Braintrainer, der muss es wissen. Aber der Braintrainer hat sich neulich zu weit aus dem Beratungsfenster gelehnt und ist mit 360 Grad auf die Erlebnistreppe geknallt. Jetzt versucht der Braintrainer in einer Wellness-Oase auf Sri Lanka zu relaxen, er lässt sich vom Zwischenzehenabtrockner durchwalken und murmelt sein Lieblingsmantra: “Es ist schön, beim Yoga die aufgehende Sonne zu spüren.”

Aber Relaxen ist kein Kinderspiel, wenn im Whirlpool ein Dutzend Kapitalflüchtige gleichzeitig die Blasen erleichtert, und dabei ihr eigenes Lieblingsmantra repitieren: “Man gibt Trinkgeld, um im Kleinen zu helfen.” Das ist natürlich weder sexy noch relevant, und der Braintrainer muss unwillkürlich an den chinesischen Schopfhund “Gus” denken, der ein Auge im Kampf mit einer Katze verlor und dann ein Bein, das wegen eines Tumors amputiert werden musste. Danach war Gus so abstoßend, dass sein Herrchen ihn in der grauen Holzkiste ganz hinten in der Garage versteckt hielt, und die Sache schien schon gelaufen, aber dann wurde Gus zum hässlichsten Hund der Welt gekürt und als “King des Looser Generated Content” weltberühmt.

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Wenn er an Gus denkt, kann der Braintrainer immer relaxen und sogar den Kapitalflüchtigen Verständnis entgegenbringen: Zig-Millionen Menschen leiden ja an “schüchterner Hirnblase”, was panische Angst vor dem Urinieren auf öffentlichen Toiletten verursacht. Die Folge: Aktivitäten werden vermieden, soziale Kontakte verkümmern, Depressionen blühen auf und führen mitunter zum Selbstmord.

Die meisten Betroffenen verschweigen ihr seelisches Leid allerdings einfach, sie erleichtern sich lieber unauffällig im Whirlpool. Die Folge: Soziale Kontakte verkümmern, Depressionen blühen auf und führen mitunter zum Selbstmord. Lebensstilsystematisch ist die Verdrängung also kein echter Vorteil, fragt Hugh Hefner, der muss es wissen. Der Playboy hat nämlich auch sein seelisches Leid verschwiegen und sich lieber unauffällig im Whirlpool erleichtert.

Die Folge: Die Bunnys finden es voll eklig und sehen zu, dass sie Land gewinnen. Schon bald wird Hugh ganz allein im Whirlpool sitzen und seiner Haut beim Schrumpeln zusehen. Weil er unter schüchterner Hirnblase leidet, weil er Bunnys als Fast Moving Consumer Goods betrachtet und weil er ein notorischer Besserwisser ist. Schweizer Forscherteams haben ja gerade herausgefunden, dass Besserwisser, die ihren Mitmenschen ständig Lektionen erteilen, nur einem natürlichen Impuls folgen. Wer andere zurechtweist oder sie für unpassendes Verhalten bestraft, wird nach diesen Erkenntnissen nämlich vom Hirn belohnt.

Und mit Hirnbelohnungen kennen sich Schweizer Forscherteams wirklich gut aus, Hirnbelohnungen sind schließlich die Fast Moving Consumer Goods dieser unverbesserlichen Klugscheißer. Für ein besseres Morgen: Kontinuierlich Looser Generated Content generieren, Supergutgefühle verbreiten, kein Applaus für Scheiße, und immer daran denken: 360 Grad ist nicht gut fürs Hirn, also trollt euch in die Disko.

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