Die Krise als Chance? Da kommt doch der Otto Normalraver schon lange nicht mehr mit.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 131


Grafik: Harthorst

Gruppenaustritte, Gerichtsprozesse, Porno-Affäre: Die Early Adapter Convention´09 wird schon im Vorfeld von Hiobsbotschaften überschattet. Man hätte irgendwie gewarnt sein müssen, aber die Early Adapter lassen sich von ein paar Nazi-Nippeln an der Wand nicht beeindrucken und Mitgliederschwund wird in ihren elitären Zirkeln sogar begrüßt.

Dazu konnte nach ungezählten vergeblichen Anläufen dieses Jahr endlich der Convention-Papst Karl Kafka als Keynote-Speaker gewonnen werden, der bekanntermaßen auf Vorabkasse besteht. Den Early Adapters blieb also nichts anderes übrig, als die Veranstaltung durchzuziehen, auch wenn das bedeutet, dass die arg dezimierte Schar der Mitstreiter Nachtschichten mit dem Schwingschleifer schieben muss, um die Nazi-Nippel von den Wänden zu stauben. Die reine Todesverachtung, aber schließlich steht die Early Adapter Convention ´09 unter dem Motto “Krise als Chnace”, da sollte man wegen ein bisschen hochtoxischem Nazi-Nippel-Staub nicht den Mob machen.

Als die Convention dann trotz aller Widrigkeiten pünktlich eröffnet, ist das Organisations-Komitee verhalten optimistisch und nachdem Convention-Papst Karl Kafka tatsächlich das Podium betritt, kommt sogar ein bisschen Oberwasser auf. Kafka, ganz Keynote-Speaker-Fuchs alter Schule, weiß, wie er sein Publikum drankriegt, und fängt mit ein paar verheißungsvollen Gemeinplätzen an:

“Die Datenautobahnen lassen noch viel Spielraum für Innovationen! Das Web wird sozialer, maßgeschneideter, sinnlicher und qualitativ hochwertiger, ohne dass die User Angst haben müssen, das Web X.0 nicht mehr zu verstehen. Denn Web bleibt erst einmal Web!”

Zustimmendes Murmeln der Early Adapter, aber auch eine leichte Unruhe im Saal, denn für diesen Schmäh hätte man sich wirklich nicht auf die überzogenen Gagenforderungen eines Karl Kafka einlassen müssen. Aber Kafka kennt natürlich seine Pappenheimer und packt erst jetzt den Hammer aus: Human Resources – Die Krise als kreativer Zerstörer! Jetzt hat er ihre ganze Aufmerksamkeit und haut richtig auf den Putz: “2009 wird ein Jahr der Zerstörung und das ist gut so! Denn Innovation braucht kreative Zerstörung!”

Das ist der Stoff, den die Early Adapters hören wollen auf ihrer Convention, nachdem sie das ganze Jahr als Looser verunglimpft wurden. Von der Allgemeinheit werden die Adapter ja als gescheiterte Gestalten betrachtet, die in den Networking-Hotspots von morgen rumhängen.

Networking-Hotspots von heute finden Early Adapters “voll Titte”, auch und gerade weil dort wirklich das Networking abgeht wie die Lucy. Dass die Convention dann doch ein Reinfall wurde, lag natürlich wieder mal an den Betonköpfen aus Brüssel. Die Nachricht platzt am letzten Tag der Convention ins Auditorium und explodiert wie eine schmutzige Bombe: Die EU verordnet einheitliche Handy-Adapter. USB!, schnaufen die Early Adapters empört: Universell! Lächerliche Gleichmacherei. Jeder Adapter ist etwas ganz Besonderes! Und erst recht die frühen.

Aber mal ehrlich, Hand aufs Herz, “Krise als Chnace”? was soll das eigentlich heißen? Mal abgesehen von der Alleinstellungsmerkmalsucht der Early Adapter bleibt doch nur ein abgegessener Spruch aus der Übermenschen-Schublade übrig. Die Krise als Chance: Da sind sie wieder, die kreativen Zerstörer, die Substanzzweifler, die die Moderne nur als Paradox aus Fortschritt und Zerstörung begreifen wollen.

Gleich fangen sie an, vom großen Wegfressen zu schwafeln, wetten? Wale fressen Menschen die Fische weg. Bänker fressen Rentnern das Geld weg. Rentner fressen Ravern die Pillen weg. Es läuft immer auf das Gleiche hinaus: Wegfressen oder weggefressen werden. Das ist natürlich totaler Quatsch aus der Trottelwelt, missverstandener Darwinismus von Idioten, die sich in der Wahrheit anderer Leute wesentlich heimischer fühlen als in der eigenen. Wissenschaftlich ist das große Wegfressen sowieso nicht haltbar: “Nahrungskonkurrenz zwischen Walen und Fischerei sind reine Erfindung”, erklärt die Meeresbiologin Kristin Kaschner vom Institut für Biologie der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

Die Krise als Chance? Da kommt doch der Otto Normalraver schon lange nicht mehr mit. Umgekehrt wird ein Schuh draus! Die Chance als Krise. Das beschäftigt doch die Leute wirklich. Für ein besseres Morgen: Bargeldarmut meiden, Überschriftenwissen anprangern, dem Klingeltonkaninchen das Fell abziehen.

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Elektronische Lebensaspekte.