Die Ironie der Geschichte ist natürlich, dass die Schweinegrippe im Sommer sozusagen Winterschlaf hält.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 134

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Auf der Durststrecke ist die Hölle los. Die Abkürzung vom Früher, in dem alles besser war, ins Morgen, in dem alles noch viel besser wird, staubt nicht mal mehr. Früher mussten die wenigen Gestrauchelten, die vereinzelt über die Durststrecke wandelten, bekanntermaßen so gut wie permanent den Atem anhalten.

Der geringste Luftstoß konnte früher, als alles besser war, eine Staubwolke auslösen, die die halbe Durststrecke tagelang in eine Todeszone verwandelte. Wer da nicht bei drei in den Winterschlaf fallen konnte, ging langsam und qualvoll an einer Staublunge zu Grunde. Wegen solcher Überlebensstrategien bezeichnen die feingeistigen Bewohner des schon ein bisschen besseren Heute die Eingeborenen der Durststrecke meistens auch als “faszinierend”, wobei sich die “Faszination” meistens auf das Gefühlsbad aus Ekel und Neid bezieht, mit der die zivilisierte auf die vermeintlich wilde Menschheit hinabschaut.

Egal. Die Fähigkeiten der Eingeborenen sind ja wertlos, seitdem es kaum noch Staub gibt auf der Durststrecke. Weniger als Staub gibt es eigentlich inzwischen nur noch Durst, ausgerechnet der Durst ist nämlich zuerst verschwunden, als die Durststrecke wieder hip wurde. Klar, am Anfang gab es diesen komischen Zufall, der die Ereignisse ein bisschen in Schwung brachte, aber freiwillig machen Ereignisse ja nicht den kleinsten Finger krumm und Ereignisse haben verdammt viele Finger, unter denen sich bekanntermaßen wirklich mikroskopisch winzige finden.

Und so begann die Renaissance der Durststrecke mit einem komischen Zufall in Mexiko: Seitdem der Sommer eine weitere Ausbreitung der Schweinegrippe verhindert, suchen die Mexikaner nach einem lässigen Weg, um sich aus dem Staub zu machen, und dabei stellten sie zu ihrer freudigen Überraschung fest, dass man mit Schweinegrippemasken auf der Durststrecke ganz gut zurechtkommt. Danach gab es kein Halten mehr, 109 Millionen mexikanische Hosenböden halten die Strecke blitzblank, alle 50 Meter steht ein Wasserspender, alle 100 Meter ein Cola-Automat und alle 500 Meter findet sich eine Bar mit angeschlossenem Getränkemarkt.

Wie es so weit kommen konnte? Man hätte es sich eigentlich denken können: Das erste Dutzend Mexikaner mit Schweinegrippemaske organisierte umgehend ein fliegendes Getränkehändlerkartell, dem die nachströmende Masse Kunden im Überfluss brachte. Niemand ist jemals so unfassbar schnell so unermesslich reich geworden wie die Paten des fliegenden Getränkehändlerkartells auf der Durststrecke! Die Ironie der Geschichte ist natürlich, dass die Schweinegrippe im Sommer sozusagen Winterschlaf hält. Was den Mexikanern Gelegenheit bot, sich vom Staub zu machen, wodurch die Winterschlafüberlebenskunststücke der Durststreckenureinwohner über Nacht Folklore wurden.

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Ein Winterschlaf taucht auf, ein anderer verschwindet, wahrscheinlich ist das wieder so ein Ying-und-Yang-Ding, aber für solche Feinheiten hat der gnadenlose Malstrom der Globalisierung natürlich kein Gespür. Und so stehen die Eingeborenen der Durststrecke heute subjektiv ohne Hose im Startloch, aber wer hört schon auf das Gebrabbel irgendwelcher Indianer-Opas, wenn gerade ein Goldrausch nicht verpasst werden will? Die Lobby der indigenen Durststreckenbevölkerung schreit Zeter und Mordio, aber diese dolbysexuellen Päderasten behaupten angeblich auch, dass MySpace und StudiVZ “Konzentrationslager der Gedanken” seien. Egal.

Zurück zur Frage: Wie konnte das passieren? Wie konnten sich die versammelten Experten jahrzehntelang so irren? Wie konnten Rating-Agenturen die Durststrecke immer wieder mit einem D-Minus abspeisen? Wieso mussten erst Mexikaner mit Schweinegrippemasken auftauchen, um das Potential der Durststrecke zu entdecken? Hä? Die Experten sind in Wirklichkeit Pupsgranaten. Arme Willis, die nicht dabei waren, als es passiert ist. Und wer nicht dabei war, hat keine Ahnung, was passiert ist, und weiß deshalb einfach nicht Bescheid.

Solche armen Willis sollten sich schön raushalten und aus gebürtiger Entfernung beobachten, wie die Player ihre geilen Moves bringen. Zum Beispiel hat der französische Anthropologe Fernando V. Ramirez Rozzi vom Pariser Centre National de la Recherche Scientifique einen Neandertaler-Kinderknochen mit Spuren menschlicher Schneidewerkzeuge gefunden. Rozzi, das “V.” in seinem Vornamen steht übrigens für “Víctor”, fragt uns jetzt: Aßen wir unsere menschlichen Vettern am Ende auf? Immerhin fressen Raubkopierer ja auch kleine Kinder. Jedenfalls sollten sich die Durststreckenindianer die Botschaft hinter die Ohren schreiben, irgendwie befinden sie sich ja heute auch auf einem toten Ast der menschlichen Evolution, jetzt wo die Durststrecke prosperiert und alle eine gute Zeit haben auf der Abkürzung vom Früher, in dem alles besser war, ins Morgen, in dem alles noch viel besser wird.

Vorsicht! Fette kleine Monster mit Blumen! Das war knapp. Für ein besseres Morgen: Die Maultiere nur mit Qualitätsweb füttern, im Glashaus sitzen und mit Steinen werfen und den Actiongott verhöhnen.