Text: Anton Waldt aus De:Bug 82

Für ein besseres Morgen

Wenn die Orakel auf einen Klönschnack vorbeikommen und dabei zufällig auch in die Gedärme von Nachbars Katze gucken, dann sagen sie wahrscheinlich, dass viele Menschen dieser Tage reicher und dicker, aber nicht zufriedener werden. Danach wollen sie natürlich wissen, wo man dieses nichtsaftelnde Pizzarädchen her hat und ob man den schicken Schafswollpulli bügeln kann und dann ignorieren sie beharrlich die Frage, ob die Nippel von Schaufensterpuppen wirklich größer werden und das alles schon Teil der ultraneuen Oberflächlichkeit ist oder aber nur eine Projektion des von der ultraneuen Oberflächlichkeit nachhaltig irritierten Gastgebergehirns. Nach so einer Enttäuschung lädt man die Orakel bestimmt lange nicht mehr ein. Schließlich machen andere den Job auch schlecht. Zum Beispiel die Frankfurter Tante, die doch glatt auf die obligatorische, Reiselust und Appetit anregende Frühlingsromanze verzichtet und behauptet, Pop wäre jetzt eine Rentneraffaire. Wir haben es schon mal gesagt, wir haben es beharrlich wiederholt und wir scheuen uns nicht, es noch mal zu sagen, bis sich endlich was tut: Die Kinder sind schuld, weil sie nicht in Ordnung sind. Sich einfach vom Internet, der gottverdammten Zufriedenheit, Handyklingeltönen, der falschen Verwendung des Wortes “Kult” und Alco-Pops lähmen zu lassen, ist nämlich definitiv nicht in Ordnung. Womit wir es schon wieder gesagt und wenigstens unsere Rollenschuldigkeit als alte Säcke bravourös absolviert haben. Ganz im Vertrauen und auf jeden Fall nicht zum Weitertratschen: Große Hoffnungen lasten ja auf der ganzen Stereoid-Szene, die wirklich niemand in der Redaktion, auf dem Klo oder den anderen hippen Treffpunkten von Dreißigirgendwassern kapiert. Die kennt man nicht mal richtig und vielleicht machen die ja längst zwischen zwei intramuskulären Spritzen auch ihren eigenen Sound, den wir dann endlich mal nicht kapieren. Das wäre super und wir könnten uns schlussendlich doch noch beruhigt auf das Dasein als Vierzigirgendwasser vorbereiten und uns Dingen zuwenden, die richtig nahe liegen: Am durchschnittlichen Büroarbeitsplatz nisten beispielsweise laut klugen Wissenschaftlern mehr Krankheitserreger als am Klo. Der endgültige Rückzug von letzterem Ort und die endgültige Festschreibung am ersten ist also in Wirklichkeit ein Risikozuwachs, wenn man davon ausgeht, dass an Tastatur, Maus und Telefon bis zu 400 mal mehr Mikroben zu finden sind als auf dem Toilettensitz. Am schlimmsten soll es übrigens um die Telefone bestellt sein, was wiederum eine fröhliche Gedankenverlorenheit begünstigt, denn in der Pubertät haben wir ja gelernt, dass wir alle von vertriebenen Telefondesinfizierern abstammen und dass die Vertreibung ein fataler Fehler war. Für ein besseres Morgen: die Gedärme von Nachbars Katze vor den Orakeln verstecken, trotzdem nicht in den Tierpark schiffen, mal wieder Boogiearsch statt Boogiebauch checken und beim Oralsex bloß nicht an die Krebsgefahr denken.

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Elektronische Lebensaspekte.