Outer-Space is not a better place.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 121


Grafik: Harthorst

Mit zu viel Alkohol ist die Party schnell vorbei! Dr. Elisabeth Pott, Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, macht mal einen Bummel über den Praktikantenstrich. Nude-farbenes Neckholderkleid, comme ils faut, mit einem breiten Lächeln im Gesicht und dem ganz dicken Knüppel hinterm Rücken, schön auf Tuchfühlung mit der Zielgruppe.

Dr. Pott bringt ihre Message ganz nah ran an die Generation Sack, die sich auf den matschigen Trampelpfaden des Stricherreviers rumdrückt und der Mobiltoilettenkultur frönt. Zum Beispiel Suicide-Gabi, die gerne “was mit Medien” machen würde, aber die Ziege nicht aus dem Kopf kriegt. Oder Kotzefresser-Lars von der Sonderschule um die Ecke, dem seine Begeisterung für die Slow-Home-Bewegung, die gegen standardisiertes und homogenes Design kämpft, zum Verhängnis wurde, weil die Erziehungsbeauftragten immer nur “Home-Grown” verstehen und Kotzefresser-Lars für einen unverbesserlichen Kiffer halten, der auf die Sonderschule gehört.

Herzergreifend, aber auch schrecklich deprimierend, und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat für Praktikanten sowieso nur in der Kantine Verwendung, wo ein Pseudo-Kiffer mit Designambitionen und Kotze im Namen bestimmt nichts zu suchen hat. Frau Doktor schlendert also lieber zum VIP-Zelt rüber, da hat das Pack keinen Zutritt, dafür trifft man immer gute alte Bekannte, außerdem ist das Catering erlesen. Die Erklär-Hostessen versichern, dass die Käsehäppchen klimaneutral hergestellt wurden, und an der Tofugulaschkanone rümpfen Günter Grass und Dr. Eike Wenzel, Chefredakteur des Zukunftsinstituts, die Nasen.

Natürlich nicht über das Tofugulasch, an dem gibt es nichts auszusetzen. Aber der Vulgärpragmatismus der hoffnungslosen Gestalten vor dem VIP-Zelt macht Grass und Wenzel schwer zu schaffen, so was hat es früher nicht gegeben, versichert der eine, und so was wird es in Zukunft bestimmt nicht mehr geben, erklärt der andere. Grass und Wenzel sind nämlich ein Spitzenteam, zusammen haben sie absolute Lufthoheit über Gestern und Morgen, nur im Jetzt hapert es manchmal, aber das kaschiert Grass einfach mit seinem Bart und Wenzel mit seinem iPod: “Der braucht keine umweltschädlichen Batterien oder Akkus, sondern kommt in eine Ladestation!”

Grass ist mächtig beeindruckt, also verärgert, jetzt müsste ihn ganz schnell eine MP3-Player-Anekdote aus dem Krieg einfallen, oder wenigstens von der Gruppe 47, aber da gab es immer nur Walkman mit erschreckend hohem Batterieverschleiß, wobei bis heute nicht geklärt ist, ob das Sabotage des japanischen Achsenendes war oder nur am Rumgebrülle auf den Literaten-Tapes lag. Verdammte Klugscheißer, besserwisserisches Pack, denkt sich Grass, aber dann erlöst ihn die Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aus der peinlichen Situation, Bussi hier, Bussi da, lecker das Tofugulasch heute, gell? Und zum Nachtisch unvergleichliches Yes-Torty-Aroma – das untergegangene West-Germany!

Das illustre Grüppchen verzieht sich schulterklopfend in die Kuschelecke des VIP-Zelts, um ungestört Tofugulasch zu schlabbern, eimerweise Rauchwaren zu konsumieren und Sticheleien auszutauschen: Lifestyle kann die Welt verbessern! Jawoll, und darauf eine Runde Grappa. Shoppen hilft, die Welt zu retten! Die Erklär-Hostessen versichern, dass auch der Grappa klimaneutral hergestellt wird, also noch zwo Runden. High-Energy vom Trendmedikament!

Frau Doktor kramt eine Audioslideshow aus ihrem Täuschungsbeutel, noch eine Runde Schnaps, und bald wird ungehemmt mitgegrölt: Am Wochenende fahr’n wir nach Berlin, denn da ist die Scene! Grass kruschtelt in seinem Behelfsdarm, holzschnittartige Chiffren der Nachdenklichkeit kullern durch Grappaschwaden in den Tofugulaschmatsch, Hyper-Zuversicht macht sich breit: Bigger than Edison! Bigger than Life! It is extremely not real. Für ein besseres Morgen: Raus aus der Rotzwolke, rein ins Kick-off-Meeting, Identity Consumption meiden und immer dran denken: Outer-Space is not a better place.

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Elektronische Lebensaspekte.