Sitzen zwei Glückskatzen beim Frühstück und jammern
Text: Anton Waldt aus De:Bug 123


Grafik: Harthorst

Sitzen zwei Glückskatzen beim Frühstück und jammern, was das Zeug hält: Schädelbrummen, großes Aua, uns geht es sooo schlecht. Laber mich nicht an und dreh den Toaster leiser! Fresse halten, ich knall dich ab wie einen räudigen Köter, nicht jetzt, aber nachher, wenn mein Schädel nicht mehr so erbärmlich brummt! Miese Stimmung in der Glückskatzen-WG in Berlin-Friedrichshain und jetzt fällt auch noch die Sonne durch die dreckigen Küchenfenster.

Die Glückskatzen verstummen, blinzeln grimmig, während ihre linken Pfoten emsig weiterwackeln. Die billigen Spritzgussschalen der Glückskatzen funkeln um die Wette im Sonnenlicht, aber da es sich bei diesen Glückskatzen um zwei Exemplare des gleichen Modells handelt, ist eigentlich kein Unterschied zu erkennen, die WG-Genossen unterscheiden sich tatsächlich nur durch ihren Geruch. Der eine müffelt nach Bier, seit er im Container auf dem Weg nach Rotterdam den Koller kriegte.

Sein Mitbewohner stinkt seit einer verunglückten Affaire mit einem Nussknacker nach ranziger Milch. Wenn sie nicht so billig wären, könnten sich die Glückskatzen natürlich einfach aufschrauben und reinigen lassen, aber so billig wie sie nun mal sind, wurden ihre Vorder- und Rückschalen heiß verklebt, das hält bombig. Die Glückskatzen trinken Kaffee, rauchen ihre Morgenkippen und lesen Zeitung. In Italien gibt es jetzt einen Minister für Vereinfachung.

Roberto Calderoli, ein 52-jähriger Zahnarzt aus Bergamo, mag keine Kinderschänder: “Kastration mit der Schere, ohne Desinfektion!” Einwanderern legte er ans Herz, “in der Wüste mit Kamelen oder im Dschungel mit Affen zu sprechen”. Calderoli hat offensichtlich richtig schlechte Laune, seitdem seine geliebte Heimatprovinz “zum Auffangbecken für schwule Ärsche” wurde.

Die Goldkatzen trinken bedächtig ihr erstes Bier und reden sich in Rage: Den Penner sollten sie mal bei uns vorbeischicken, dem würden wir aber schön was husten! Diesem Nudelplagiator würde ich meine Meinung pfeifen, dass ihm die Eier sausen! Kastration und schwule Ärsche: Nicht mit mir, mein lieber Herr Minister, nicht mit mir! Der sollte sich erst mal von einem Profi das Vereinfachungs-Business erklären lassen, bevor er die Klappe aufreißt! Wenn Calderoli sich in der Nase bohrt, ist das schon komplexer als meine komplette Existenz!

Mit der Pfote wackeln, nach Bier stinken und aus die Maus! Die Goldkatzen machen Kräuterlikör-Stößchen, eine liebgewonnene WG-Tradition, mit der schlechte Mauswitze abgefeiert werden. Widerlich das Zeug so auf nüchternen Magen, die Wackelpfoten erzittern fast unmerklich, so heftig würgt es die Glückskatzen in ihrer Friedrichshainer WG-Küche, als das Handy der Katze mit dem ranzigen Milchgeruch klingelt.

Guten Tag, wir führen im Auftrag des DIKuBs, dem renommierten Deutschen Institut für Kundenbindung, eine Umfrage durch, sind nur zwei Fragen, und als Belohnung winken ihnen tolle Preise an unserem SMS-Glücksrad! Einfach “Anschubs” an die 0900 262626 schicken und hier kommt Frage Numero uno: Wie viel verdienen Sie? Die Glückskatze wackelt höhnisch mit der Pfote, da kommt auch schon Frage Numero zwo: Wie oft onanieren Sie? Irgendwas zwischen “Gleich gibt’s auf die Fresse” und “Ich möchte ihren Vorgesetzten sprechen”, schätze ich mal, aus der Leitung, du missratener Zappelpudding, sonst zeige ich dir meinen neuen Nahkampfmove! Die

Glückskatzen lachen ab, wackeln zufrieden mit den Pfoten und rascheln an der Zeitung. Hillary Clinton, Angelika Merkels tragische Schwester, geht mit wehenden Fahnen unter. Losership statt Leadership. Das imponiert den Friedrichshainer Gammelbrüdern, die ihre Konfuzius-Stipendien mit Online-Poker und Flaschensammeln aufpeppen: Eine Bier-Buddel bringt 8 Cent, macht 32 Flaschen für einen Ecstasy, für das man wiederum 10 Euro von italienischen Rave-Touristen bekommt, oder 15 von den skandinavischen.

Im letzteren Fall ist der weitere Verlauf des Abends easy going, weil man für 15 Euro locker 32 Biers kriegt, die man schnell austrinkt, um an das Pfand zu kommen – das perfekte Perpetuum Mobile, pflegt die eine Glückskatze zu sagen, wofür sie von der anderen eins auf den Deckel kriegt, weil es kein unperfektes Perpetuum Mobile gibt. Für ein besseres Morgen: Virgin Caipirinhas zum Mittagsmahl, Maß halten bei der Kinnverlängerung und wie die Glückskatzen wackeln, dann gibt’s auch Peace und Understanding in der Küche und auf dem Floor.

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Elektronische Lebensaspekte.