Fahren wir nach Peking oder schauen wir uns die XXIX. Olympischen Sommerspiele im 3D-TV an? Natürlich auf dem Handy, mitten drin im lustigen Sommerfrischeleben, Eimersaufen, Eckekotzen und trotzdem voll dabei, beim Kugelstoßen in China. Live is life!
Text: Anton Waldt aus De:Bug 124


Grafik: Harthorst

Schalensitz oder Schalentier? Manchmal sollte man gar nicht erst versuchen, den Dingen mit Logik beizukommen. Fahren wir nach Peking oder schauen wir uns die XXIX. Olympischen Sommerspiele im 3D-TV an? Natürlich auf dem Handy, mitten drin im lustigen Sommerfrischeleben, Eimersaufen, Eckekotzen und trotzdem voll dabei, beim Kugelstoßen in China. Live is life!

Die Mehrwertsteuerkröte und das Pendlerpauschaltier haben es sich zwischen leergesoffenen Eimern und Spritzguss-Plastikgedöns gemütlich gemacht, weich in der Birne, aber fest im Vorsatz, sich keine Minute Leichtathletik entgehen zu lassen. 14-jährig oder 14-köpfig? Die Mehrwertsteuerkröte wälzt sich in spastischen Zuckungen am Boden und gibt sich trotzdem aufs redlichste Mühe, das Handy-Display nicht aus dem Blick zu verlieren.

Das verschmierte 3D-TV-High-Tech-Telefon mit beiden Händen umklammert, rumpelt die Mehrwertsteuerkröte gegen Eimer, der Gummibärchenschnaps schwappt fröhlich über, bis sich das Pendlerpauschaltier erbarmt und seinem Kumpel eine Vitaminspritze ins Gesäß rammt: 14-jährig oder 14-köpfig ist doch völlig Schnuppe, von so einem Mist lassen wir uns doch nicht die Petersilie verhageln, Prost, alter Schwede! Heute lieber ohne Logik.

Die Mehrwertsteuerkröte und das Pendlerpauschaltier futtern fettige Domain-Pizza, spülen mit Stagnationswasser nach und rülpsen über den Strand. Gediegene Aperitivkultur, in Peking pesen sie im Affentempo über die Tartanbahn, und aus dem Blaster donnert HipHip, der freshe Sound der Saison. Aber dann, sozusagen plötzlich, jedenfalls aus der Perspektive unserer Helden, dann das:

Stillstand im 3D-TV und bevor es weitergeht mit dem Speerwerfen der Damen, bitten wir um eine Minute Geduld für eine Sicherheitsmaßnahme, denn die Terroristen kennen keine Sommerfrische! Das Bild mit den irren Buchstaben nennt sich Captcha. Damit finden die Chinesen heraus, ob du eine Person oder ein Terrorist bist. Indem du die Buchstaben vom Captcha entzifferst und in das Feld darunter tippst, hilfst du den Chinesen, tibetanische Selbstmordattentäter zu stoppen.

Satanische Schmelzmobkrawatten später? Jetzt heißt es volle Pulle konzentrieren, diese irren Buchstaben sind wirklich sehr weggeschossen heute, das Pendlerpauschaltier fokussiert aufs Handy-Display, angestrengt stierend, die Zunge im Mundwinkel pendelnd. Auf der Stirn des Pendlerpauschaltiers bilden sich Schweißperlen, die anfangen ineinander zu rinnen, bis ein ätzend salziger Strom ins linke Auge fließt: Das tut so weh! Aber das Pendlerpauschaltier ist ein unverwüstlicher Geselle, der sich weder totsagen, totsaufen noch von Chinesen verarschen lässt, so wahr ich Pendlerpau heiße!

Mit letzter Kraft tippt es die letzten irren Buchstaben, alles korrekt, gleich geht’s weiter zum Speerwerfen der Damen, aber vorher spendiert das olympische Komitee noch die Chance auf tolle Gewinne, kleiner Dank für die Kooperation bei der Sicherheitsmaßnahme. Man könnte auch sagen: Nachdem offiziell festgestellt wurde, dass das Pendlerpauschaltier ein Konsument und kein Terrorist ist, soll er sich nicht so haben: Trink den Weihnachtsmann unter den Tisch und gewinne einen Gratisklingelton! Lass mich, lass mich, lass mich!

Die Mehrwertsteuerkröte japst aufgeregt und schnappt dem Pendlerpauschaltier das Handy weg, aber hibbelig und betrunken, wie die Kröte ist, bleibt sie chancenlos und auf dem blöden Trostpreis sitzen: Eine Tafel Schweizer Schokolade in der freshen Geschmacksrichtung “mexikanische Gewürzexplosion”. Astreiner Ferienspaß, und schon bricht die Nacht über den Strand herein! Unsere Freunde trollen sich in den Grölschuppen, mehr HipHip, mehr Gummibärchenschnaps, und irgendwie geraten die Dinge ganz schnell außer Kontrolle: Rave-Arier, Nacktsurfer und
Jumpstyler wollen der Mehrwertsteuerkröte an die Wäsche, ausgeflipptes Pack.

Körpergeruchsfans schmocken los, ungewollt schwangere Teenager pogen zum HipHip, die Grenze zwischen Arbeit und Medienkonsum verschwimmt. Kiffer diskutieren die Bröselschwelle, EasyJet-Punks düsen durch die Weltgeschichte, um Kleingeld zu schnorren und Dosenbier zu kaufen, und dem Pendlerpauschaltier wird übel: Ich habe das Gefühl, alles dreht sich nach außen und mein Arsch sitzt auf seinem Arsch, aber auf der Kante. Für ein besseres Morgen: Raus aus der Rotzwolke, rein ins Kick-off-Meeting, Identity Consumption meiden und immer dran denken: Outer-Space is not a better place.


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Elektronische Lebensaspekte.