Raus aus der Spaßzone, rein in die Primärdefizitbetrachtung
Text: Anton Waldt aus De:Bug 108

Die Tage werden kürzer, die Mütchen kühler und das Gesocks unverschämter: Weil der Heizölpreis kapriolt, pirschen notorische Großstadtbewohner durch die feindliche Atmosphäre heimischer Wälder und hacken Bäume zum Verheizen um.

Soweit jedenfalls der mies ausgetüftelte Plan, der vorhersehbarerweise gerne damit endet, dass Beinchen statt Bäume gehackt werden. Sagen jedenfalls die Krankenkassen, deren Vertrauenswürdigkeit seit der Skandal-Kampagne “Kein Service für die Armen!” allerdings eher grenzwertig ist, genauso grenzwertig übrigens wie das Treiben der Heizmittelorganisatoren im Wald: Schließlich haben schlaue Wissenschaftler gerade herausgefunden, dass per Genmanipulation künstlich unterkühlte Mäuse älter werden. Die Körpertemperatur beeinflusst nämlich die Lebenserwartung maßgeblich, Frösteln spart demnach nicht nur Geld, es erhöht auch die Chancen, das dynamisch dahinhuschende Renteneintrittsalter noch zu erreichen. Aber auf so was Optimistisches lassen sich die prekären Forstarbeiter und ihre Krankenkassen selbstredend nicht ein, eher werden sie dafür sorgen, dass die Ich-Schmerz-Richtlinie um eine neue Modekrankheit erweitert wird: Eingehackte Beinchen könnten beispielsweise Ahmadinedschad-Syndrom heißen, weil ohnehin alle Angst vor dem neuen Bart haben.

Das Ahmadinedschad-Syndrom ist natürlich weder phänomenologisch noch intentional mit dem “Network Broken Limbs Syndrome” zu verwechseln, auch wenn das dem Ich-Schmerz so passen würde: Nebrols grassiert in Uganda, weil der Ausbau der Netzinfrastruktur der Nachfrage nicht nachkommt, ist dort auf dem Land der Empfang nämlich oft mies, weshalb man zum Telefonieren auf einen Hügel oder einen Baum klettern muss. Das geht dann wiederum mit Blessuren bis zu gebrochenen Armen und Beinen einher, kurz: Nebrols. Mit alten Ecken machst du eben kein neues Phänomen, das gibt’s auch nicht beim Erlebnisdiscounter, wo Etzi und Fetzi, die Jugendlichen, Geschenke für ihre Bräute klarmachen, weshalb dann Sandy und Mandy das gleiche Handy haben und das Geschrei groß, der sexuelle Mehrwert aber eher sehr klein ist.

Raus aus der Spaßzone, rein in die Primärdefizitbetrachtung: Jede Raubkopie tötet eine Kinderseele, die Entwertung der Lebensbewältigungsmuster des untergegangenen Westgermany schreitet unaufhaltsam voran und der Partybeutel mit abgepackten Gummi-Schmeckies ist auch schon leergefuttert. Kein Wunder, dass sich angesichts der schwindsüchtigen Euro-Noten Panik breit macht, kaum jemand traut sich noch, sein Bargeld anzufassen, könnte ja Sulfat-Salz drauf sein, dass sich mit dem Handschweiß zu Schwefelsäure verbindet und die Penunze vor den Augen des rechtschaffenen Besitzers in Nichts auflöst, für das man weder eine Axt noch ein Handy bekommt, für keinen Schein bekommt man ja nicht mal Schnaps. Deprimierender Scheiß, die Jugendlichen und ihre Krankenkassen-Vertreter scharen sich um den Ich-Schmerz, trinken Dosenbier und jammern sich eins vor. Sie sitzen breitärschig rum und kauen Rotze. Sie haben keinen Kuchen und mampfen widerspruchslos Döner. Sie dünsten Faulheit aus und verlangen nach weniger Pipifax und mehr Ordnung, weshalb beschlossen wird, dass jeder Bundesbürger ab Juli 2007 eine eindeutige und dauerhafte Identifikationsnummer bekommt. 80 Millionen Personenkennziffern für 80 Millionen Hooligans, ausgegeben vom Bundeszentralamt, dessen Existenz man zwar eigentlich immer schon ahnen konnte, aber dass tatsächlich da ist: mein lieber Herr Gesangsverein!

Ok: Die Tage werden kürzer, die Mütchen kühler und da ist einem manchmal dumm zumute, das Notfallvermeidungssystem versagt und man kapiert nichts mehr. Trotzdem gibt es noch einen Unterschied zwischen voll deep und Volldepp, den man auf keinen aus den Augen verlieren darf, sonst bekommt man eine Nummer und steht richtig doof ohne Schamschutz da. Für ein besseres Morgen: Billige Zuckerbeißer meiden, das Kopfhautmilieu sauber halten und immer daran denken: kurze, kontrollierte Feuerstöße!

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Elektronische Lebensaspekte.