Warten auf den perfekten Wohlfühlmoment
Text: Anton Waldt aus De:Bug 111


Vektoren von Harthorst

Für ein besseres Morgen
Kaum springt die Konjunktur an, dreht die Möglichkeitsgesellschaft am Rad: Selbstgenügsame Traditionalisten konstruieren einen Supercomputer, um das menschliche Gehirn zu simulieren, moderne Performer bauen eine Mondrakete und die bedrohte Arbeitnehmermitte abonniert sich Schnaps-Flatrates. Das Tohuwabohu machen sich natürlich sofort auch Strolche zu Nutze, Auspuffsünden lümmeln auf dem Trottoir, Testosteronkasper shoppen dem Trend nach, Ohrenschmalz begibt sich auf Abwege, um die Blut-Hirn-Schranke zu überwinden. Vernunftbegabten Menschen bleibt an solchen Tagen oft nichts anderes, als sich mit Fäkalien zu beschmieren und schreiend im Kreis herumzurennen – wenn der glückliche Zufall nicht einen perfekten Wohlfühlmoment inszeniert.

Man könnte beispielsweise auf dem Heimweg vom Supermarkt – die Dämmerung hat bereits eingesetzt – plötzlich Gewahr werden, dass Ullrich Wickert im Wartehäuschen einer Straßenbahnhaltestelle sitzt. Der verrentete Anchorman scheint mit trauriger Frisur, leichten Hängebacken, praktischer Touristenhose in Beige und einem lila Bauchbeutel auf die Straßenbahn zu warten. Vermutlich vom Sight-Seeing schon ganz geschafft, sitzt er auf der Kante des schmutzigen Bänkchens und streitet sich mit zwei Jugendlichen, die vor ihm stehen und genervt gestikulieren. Dann wenden sich die Jugendlichen ab und Wickert wartet mit einem nicht ganz glücklichen Ausdruck alleine auf die blöde Straßenbahn zur Museumsinsel. Die Jugendlichen waren wahrscheinlich seine Neffen, die “auch mal alleine die Stadt erkunden” wollen, was darauf hinauslaufen dürfte, dass sie sich Hauptstadtrauschgift und witzige T-Shirts kaufen.

Als die Neffen abgehen, schaut Wickert ihnen noch eine Weile irritiert hinterher, aber dann macht er eine wegwerfende Handbewegung, die wohl sagen soll: “Sollen sie halt Hauptstadtrauschgift und witzige T-Shirts kaufen, wir müssen alle unsere eigenen Erfahrungen machen, allerdings hätte ich die Jungs in diesem Punkt für reifer gehalten, schließlich hat ihr Onkel auch seine wüsten Zeiten gehabt und dabei mehr als einmal Hauptstadtrauschgift und witzige T-Shirts gekauft …” Dann lächelt Wickert, wahrscheinlich denkt er an seine Zeit als ganz junger Auslandskorrespondent, als er noch kein berühmter Anchorman war, aber eben auch noch nicht so verbissen Content-orientiert. Das wäre dann der perfekte Wohlfühlmoment.

Dabei spielt es eigentlich keine Rolle, ob der Tourist im Wartehäuschen wirklich Ullrich “Ulli” Wickert ist. Und die Jugendlichen könnten auch nur zwei dahergelaufene Strolche sein, die den Touristen, der nur aussieht wie Wickert, um Kippen angeschnorrt haben. Wahrscheinlich gehen sie auch keine witzigen T-Shirts kaufen, sondern ganz normal Flatrate-Saufen. Reines Ketzertum. Schließlich ist auch Gott eine Flatrate, und wenn man nicht will, dass es Frösche regnet, sollte das Prinzip auf luftige und fluffige Dinge beschränkt bleiben. Die “Ford Flatrate” des gleichnamigen Automobil-Herstellers geht zum Beispiel gar nicht, vor allem die inkludierte “Mobilitätsgarantie” könnte Gott ganz mächtig erzürnen, er könnte glatt seine berüchtigten Schläger losschicken, um den Frevlern die Beine zu zertrümmern. Da würden sich die vorwitzigen Lästermäuler schön umschauen und mit der Mobilität wäre es auch aus.

Aber morgen mit dem Wissen von heute klarkommen, war halt schon immer schwerer, als heute mit dem Wissen von morgen lustzuwandeln. Außer natürlich für Guido Knopp, der immer einen Dreiteiler fürs ZDF draus macht: “Flatrate ohne Kniescheiben” und so weiter. Damit es nicht so weit kommt, haben deutsche Wissenschaftler beschlossen, Nachschau zu halten, ob Gott wirklich auf dem Mond hockt und uns beobachtet, wie es die Alten immer erzählen: “Bisher sind nur 18 Prozent des Mondes bekannt”, erklären die Wissenschaftler: “Der Mars ist genauer erforscht.” Also werden sie eine Sonde zum Erdtrabanten schießen, die die Mondoberfläche mit einer hoch auflösenden Kamera Stück für Stück abfotografiert. Die Finanzierung ist noch ein bisschen wackelig, aber die deutschen Wissenschaftler sind zuversichtlich, dass das OBI@OTTO-Team kräftig Rabatt auf die nötigen Bauteile gewährt. Die Möglichkeitsgesellschaft ist eben wirklich wahnsinnig verwirrend.

Für ein besseres Morgen: Zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, den lieben Gott einen guten Mann sein lassen, sich schon mal die Hände reiben und das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.