Hauptsache die Qualität wird reduziert
Text: Anton Waldt aus De:Bug 119


Grafik: Harthorst

Für ein besseres Morgen

Die Leute wollen, dass was passiert! Und zwar was Ordentliches, jedenfalls nichts von dem stinkigen Zeugs aus der Allerweltspresse: “Halbnackte Schwedinnen kämpfen gegen Bikini-Pflicht!” Da fragt sich der polyglotte Zeitgenosse doch unwillkürlich: What’s next? Der polyglotte Zeitgenosse schickt noch einen provozierenden Blick in die Runde, bevor er sich wieder seinem bengalischen Heilschleim zuwendet, aber Kenner des polyglotten Zeitgenossen haben schon genug gesehen, um zu wissen: Die Affaire ist damit noch keineswegs ausgestanden.

Also: What’s next? Werden Blöde gegen das Abitur demonstrieren? Wird die Briefpost bald vom Pizzaboten geliefert? Sind Blogger wirklich so ein saudämliches Pack? Und was sagen die Lokführer dazu? Von den Billigakademikern aus der Chefetage weiß natürlich wieder mal niemand eine Antwort, sie glotzen wie die Blinden in der Schlange vor der Krückstockausgabe, also muss der Expertenmob ran. Alarmstufe rot für Globalisierungsberater, raus aus dem bengalischen Heilschleim, rein in die Virtualisierungsoffensive. Keine Zeit, um in die Kompressionssocken zu schlüpfen, jetzt geht es um Sekundenbruchteile, um kurzfristige Knorpelschwächen können sich später die Billigakademiker kümmern.

Die Globalisierungsberater tigern durch den Meetingraum, um ihre Käsefüße zu ventilieren, sie tüfteln an einer Rabatztheorie, die dem Mob das neugierige Maul stopfen soll. Zuerst werden Gutscheine fürs Spindsaufen und Privatshopping ausgegeben, damit ist das Gesindel erst mal beschäftigt. Dann werden die Rädelsführer rausgepickt und in der nationalen Presse als pflanzenölautofahrende Umweltklugscheißer verleumdet und als Klimakrisenleugner angeschwärzt. Wenn das alles so weit klappt, ist der Rest Routinemaßnahme, Hauptsache die Qualität wird reduziert, das kann man dann nennen, wie man will, meinetwegen “Antisonntagsgesetz”.

Neue Sicherheitsmaßnahmen gehen eigentlich auch immer: “Hallo User! Das Bild mit den irren Buchstaben nennt sich ‘Captcha’! Damit finden wir heraus, ob du eine Person oder ein Computer bist. Indem du die Buchstaben vom Captcha entzifferst und in das Feld darunter tippst, hilfst du uns, Spammer und Phisher zu stoppen.” Man darf sich nachher nur nicht wundern, wenn die User anfangen, sich nach einem analogen Lifestyle die Lippen zu lecken: “Wir haben keine Probleme, wir sind bloß arm”, verkünden sie im Kosovo, und prompt juckt es den Entscheidern der Eurozone im Schritt.

Niemand kann es sich heute noch leisten, die Spruchebene zu ignorieren, weil alle endlich in der Informationsgesellschaft leben wollen, von der man schon so viel Gutes gehört hat. In der Informationsgesellschaft soll ja Kommunikation reine Wertschöpfung sein, und kommunizieren tun wir eigentlich sowieso alle dauernd, da wäre es Klasse, wenn man dafür gleich bezahlt wird. Stichwort: Killer-App-Telefon. Nur Schlagzeilen produzieren ist noch geiler als Telefon, also juckt es die Entscheider der Eurozone richtig doll: “Wir haben keine Probleme, wir sind bloß arm!” Ernsthaft betrachtet, heißt das ja wohl: Kosovo ist das neue Berlin. Hotspot für die trendy People.

Da guckt sich der Berlin-Bürgermeister aber ordentlich um. Aber schöne Scheiße passiert, wenn man mit Worten zündelt: Auf “Arm aber sexy” folgte nämlich prompt “Lieber lachen als kotzen”, und seit NewRave vorbei ist, will das niemand mehr hören. Jedenfalls nicht die hochmobile Zielgruppe, weil bei der ist jetzt Kosovo angesagt. In Berlin ist man derweil wieder unter sich, und es heißt wieder “Kotzen macht durstig”, wie damals im Frontstadt-Stadtteil Lichtenrade, wo der Bürgermeister als Nachwuchssteppke den Unterschied zwischen Suffkopp und Selbstschussanlage gelernt hat. Dabei war Städtemarketing mal so eine feine Sache. Jedenfalls so lange es nur die Top-Performer unter den City-Reisedestinationen praktizierten. Inzwischen ist der Sektor völlig aus dem Ruder gelaufen, das Kerngeschäft verbrannte Erde und in den anderen Tourismussegmenten ist der Kampf ums nackte Überleben ausgebrochen.

Für ein besseres Morgen: lieber Depp bei Depp statt Step by Step, immer niedlich und entschleimt sein, Wuschelrockern mit dem Langhaarschneider eine Abreibung verpassen und ordentlich was baumeln lassen!

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Elektronische Lebensaspekte.