Gebrauchte MP3s auf dem Flohmarkt verkloppen ist total unzweinullig.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 117


Grafik: Harthorst

Für ein besseres Morgen

Neulich auf der Geberkonferenz: Überall stehen arme Leute im Weg rum und rauchen. Arme rauchen ja meistens wie bekloppt, weil sie sonst nichts zu tun haben. Was man von den Delegierten der Geberländer nicht sagen kann, die haben einen gescheiten Stress. Zum Beispiel klingelt dauernd ihr Handy. Und bei dem Dauergebimmel müssen sie dann superdiplomatisch sondieren, was die anderen Delegierten so im Schilde führen. Vieraugengespräche wollen geführt, Memoranden geschrieben, Kompromisse ausgeklügelt und Budgets kalkuliert werden. Das ist ein Heidenstress!

Da darf man sich nachher nicht wundern, wenn die Delegierten auch mal ausrasten wegen der armen Leute, die überall im Weg rumstehen und vorbeihastenden Delegierten Rauch in die Augen blasen. Bzw.: So lange die Delegierten noch mit zusammengekniffenen Augen durch den Pack-Parkour hasten können, ist ja alles in Butter. Aber wenn man sich da nur noch mühsam durchdrängeln kann und die armen Leute überhaupt keine Anstalten machen, ein bisschen zur Seite zu gehen, ist das Maß voll. Die Penner hören doch Martinshorn-mäßig am Handy-Klingeln, wenn ein Delegierter im Anmarsch ist. Jedenfalls kriegen bei der Geberkonferenz früher oder später immer ein paar obdachlose Afrikaner was auf die Fresse. Das ist dann kein schöner Anblick, vor allem wenn sich auch noch alle Kamerateams zum Ort der Keilerei durchdrängeln und dabei rücksichtslos eine Schneise in die Unterschichtmasse schlagen. Da werden schnell mal ein Doppeldutzend Armutsvisagen poliert und nachher heißt es dann wieder: Ihr sitzt da bloß rum und in Bangladesh kriegen die Kinder nur Schlamm zu Mittag!

Knick-knack, schnick-schnack

Deshalb wurde jetzt beschlossen, eine ständig tagende Geberkonferenz einzurichten, weil arme Leute zwar stumpf sind wie Hölle und sich jeden Castingkochshowdreck im TV reinziehen, aber nie lange den gleichen. Die Strategie geht natürlich voll auf, ob des fehlenden Highlight-Charakters lungern ziemlich schnell nur noch vereinzelt Transferempfänger auf der Geberkonferenz rum, die Luft ist auch schon viel besser. Endlich können die Delegierten ganz entspannt an der Gastroinsel des Eventcenters abhängen, Ökohäppchen schnabulieren, ein Bierchen zischen und Börsen-TV glotzen.

Der umstrittene frühere Börsenprediger Bernd Förtsch setzt mit seinem bisher nur im Internet ausgestrahlten “Deutschen Anleger Fernsehen” (DAF) zum Sprung ins richtige Fernsehen an! Und das heißt doch wohl glasklar: Knick-knack, schnick-schnack, wir werden alle gleichermaßen verarscht, wir haben es alle nicht leicht. Die Hartzvierler haben ihre Sorgen und die Delegierten der Geberkonferenz die ihren. Die Zukunft führt alle gründlich hinters Licht. Niemand hat irgendwas gepachtet und schon gar nicht die Wahrheit. Was sich die Jungs im Terrorcamp mal hinter die Ohren schreiben sollten, da würden ihnen der Kneipenschlägereiprovozierblick ganz schnell vergehen.

Liebe Terrorcamper!

Auch für Sprengstoffrucksacktouristen bleibt die Zukunft spannend, schließlich wurde ja auch nicht aus jedem marxistisch verlausten 68er ein gestandener Terrorist. Lehrer vielleicht, oder mit etwas Glück Werber, oder andersrum Taxifahrer. Für unsere Terrorcamper heißt das: nix Action, sondern als Kleinhändler über die Flohmärkte tingeln und gebrauchte MP3s verhökern. Stichwort: Schlepptop. Das wird superdeprimierend, vor allem, weil es in Zukunft sehr viel mehr MP3-Händler auf den Flohmärkten geben wird als heute Schallplattenhändler.

Gebrauchte MP3s auf dem Flohmarkt verkloppen ist jedenfalls total unzweinullig. Und das zeugt von einer starren Weltsicht, mit der man es nicht weit bringt, liebe Terrorcamper! Aber auch der Bioladen um die Redaktionsecke kann die Ohren spitzen: Auf eurem Holzschild steht “Bioladen & Yoga” und im Schaufenster stehen vegane Schuhe. Das ist bedenklich eindimensional. Genau wie die Machenschaften des Klonpapstes Hwang Woo Suklen, der jetzt in Thailand Haustiere klonen will. Als ob die Thailänder keine anderen Sorgen hätten als das ewige Leben ihrer besten Dackelfreunde.

Techno my dick

Total eindimensional, wo doch die Soziologen Marshall Meyer und Lynne Zucker längst nachgewiesen haben, dass Organisationen überlebensfähiger sind, wenn sie mit den widersprüchlichsten Anforderungen konfrontiert sind und deshalb nicht auf ein Ziel ausgerichtet. Das Modell effizienzorientierter, nur auf ein Ziel und eine Zielgruppe ausgerichteter Unternehmen hat ausgedient! Minimal my ass – Techno my dick!

Für ein besseres Morgen: lieber lachen als kotzen, Gastroinseln meiden und immer schön dran denken: Fußmeilen sind nicht die Bonuspunkte einer Schuhkette, und wer Bier über die Festplatte kippt, hat kein Anrecht auf Datenschutz.

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Elektronische Lebensaspekte.