Die bekifften Knalltüten von der gutlaufenden Mediaagentur
Text: Anton Waldt aus De:Bug 114


Grafik: Harthorst

Ackerschnacker

Neulich wäre es fast so weit gewesen. Alles hätte gut sein können. Alle wären happy gewesen. Die Welt hätte sich in Wohlgefallen auflösen können. Aber dann haben es die bekifften Knalltüten von der gutlaufenden Mediaagentur wieder voll versemmelt. Jetzt haben wir den Schlamassel, der große Braingain ist bis auf weiteres abgesagt, Grübelpornografie macht sich breit und Paranoia kriecht durch die Ritzen der Weltgeschichte.

Zum Beispiel die Sache mit der gelben Gefahr: Bildungsbürger und andere Unterhaltungsdrückeberger trauen sich schon gar nicht mehr aus dem Bett, starr vor Schreck und inzwischen wohl auch vor Dreck erwarten sie den Angriff der Beethoven-Chinesen, die bestimmt keinen Stein auf dem anderen lassen. Wie auch? Man muss sich das mal bildlich vorstellen: Bereits 20 Millionen Chinesen eifern ihrem Idol Lang Lang am Klavier nach, als wäre “Clockwork Orange” nie passiert. Man muss sich das wirklich plastisch vor Augen halten, der Einfachheit halber zunächst ohne “den guten, alten Ludwig van”: 20 Millionen kapitalistisch gewendete Maoisten spielen synchron eine Cis-Moll-Tonleiter und zack: Japan versinkt im Pazifik.

Man muss nicht mal den Feuilleton-Katholizismus bemühen, um sich den weiteren Gang der unseligen Dinge auszumalen, mindestens wird eine Godzilla-Plage Kalifornien von der Landkarte fegen. Und das ist natürlich erst der Anfang. Wenn 20 Millionen Lang-Lang-Epigonen mit den Tonleitern fertig sind und sich Beethovens Fünfte vorknöpfen, geht das Abendland schneller unter, als eine bekiffte Knalltüte aus der gutlaufenden Mediaagentur “Latte Macchiato” sagen kann.

Womit auch schon die leidige Brotaufstrichaffaire angeschnitten wäre: Nutella kommt jetzt im Latte-Macchiato-Glas. Denkschwabbeligkeit greift um sich, der Nachwuchs kennt kein Halten. 45 Prozent aller Kinder unter 17 Jahren hegen “bekiffte Agentur-Knalltüte” als Berufswunsch, so das Ergebnis des “Kinder- und Jugendgesundheits-Surveys”. Aber KiGGS stellt auch klar, dass nur 22 Prozent der Kleinen psychische Auffälligkeiten wie Ängste, gestörtes Sozialverhalten oder Depressionen zeigt. Der Zug zum Traumberuf ist demnach für 23 Prozent der Jugend bereits abgefahren, bevor sie auch nur in die Nähe des Fahrscheinautomaten kommen konnte. Die verlorene Viertelgeneration wird wohl lebenslang mit Bier auf dem Bahnhofsvorplatz vorlieb nehmen müssen und außer ihren Pöbelpotentialen nicht viel entwickeln.

Und was macht die Deutsche Bundesbahn? Sie träumt vom Börsengang und versucht den Billigfliegern Konkurrenz zu machen. Letzteres läuft unter dem Motto “Dauerspezialaktion” und soll mehr bekiffte Agentur-Knalltüten zum Bahnfahren bewegen, etwa Ruck-Zuck zum Schnäppchenpreis nach Paris, Zürich oder Ibiza. Was nichts an der Tatsache ändert, dass “Dauerspezialaktion” nach Auschwitz klingt. Und ein Konzern, den es als internationaler Logistikdienstleister aufs Börsenparkett zieht, sollte Nazi-Brandings strikt vermeiden. So schwer ist das gar nicht, die Deutsche Post schafft es ja auch, Briefe und Pakete ohne Führerpostwertzeichen und Hakenkreuzstempel auszuliefern. Das macht allein deshalb Sinn, weil Nazis die einzig wahren Globalisierungsgegner sind, die alles Grenzüberschreitende außer Angriffskriegen ablehnen. “Dauer-Spezialaktion” ist für den Schnellzug nach Paris deshalb genauso ungeeignet wie die Hitler-Briefmarke auf dem Weihnachts-Päckchen nach Polen.

Mieses Branding eben, genau wie das Wort “Globalisierungsgegner” oder auch “-Kritiker”, weil es streng genommen nur für Nazis passt. Die medial solchermaßen Geschmähten sollten korrekt Kapitalismusgegner oder -kritiker genannt werden, schließlich sind sie nicht prinzipiell gegen Grenzüberschreitendes, sie finden bloß, dass Geld strenger und Menschen weniger streng kontrolliert werden sollten.

Der Sommerheiterkeit zu Liebe sei erwähnt: Trotz aller Widrigkeiten ist gutes Branding noch nicht tot, es findet sich zum Beispiel gleich neben der Palette Nutella im Latte-Macchiato-Glas an der Supermarktkasse. Feuerzeuge mit dem praktischen Griff, der verhindert, dass man sich die Pfoten verbrennt, wenn man einen Gasherd oder einen Grill entflammt, heißen jetzt “Funktionsfeuerzeuge”. Das ist großartig, vor allem weil es verheißt, dass ordinäre Feuerzeuge zum Entzünden von Zigaretten bald “Genussfeuerzeuge” heißen werden, die es nur ab 18 gibt.

Für ein Besseres Morgen: Bauchumfangsrisiko ignorieren, Agenturjobs auch für psychisch Unauffällige, und schlagt den Feuilleton-Katholizismus, wo ihr könnt!

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Elektronische Lebensaspekte.