Wir lagen in Stalingra-ad und hatten kein´ Handy-Empfang!
Text: Anton Waldt aus De:Bug 120


Grafik: Harthorst

Für ein besseres Morgen

Wir lagen vor Madagaskar und hatten kein´ Handy-Empfang! Der neueste Klingeltonhit geht der Nation gründlich auf den Sack. Sandy und Mandy haben es auf dem Handy, wie alle orientierungslosen Jugendlichen. Sandy und Mandy haben auch nichts gegen Eurotrash-Geplocker, weil sie, wie alle orientierungslosen Jugendlichen, auf billigstem Popnuttenniveau dahinvegetieren. Diese Jugend vergiftet mit ihrem trendy Bodyspray die Atemluft für Mensch und Tier, das Eurotrash-Geplocker aus ihren schrill aufgedrehten Smartphones ist gottlos, und der Schlumpfrefrain erregt heftige Übelkeit:

Wir lagen vor Madagaskar und hatten kein´ Handy-Empfang!

Die defätistische Hatespeech setzt dem Ganzen natürlich die Krone auf, die Schlaumeier aus dem Feuilleton sind sofort hellwach und hibbelig, Nikotin-verranzte Zeigefinger schieben klobige Denkbrillen über Nasenrückenhubel, und nach einigen “Ähms” und “Ähs” geht es los: Erosion des Gatekeeping – völlig überzogenes Erwartungsmodell – Amok-Droge Tillidin – Sie hat einfach keinen Spaß beim Mitdenken, diese verkommene Jugend. Sandy klebt Glitzerbärchen mit Erdbeeraroma auf ihr Handy, Mandy hat Plärrstöpsel in den Ohren, um sich mit dem Schlumpfgesang das Gehör zu ruinieren: “Total süß, auf jeden Fall!” Mandy singt mit, bis sie Husten muss: “Mein Hals, ey, wie ne Omatitte, total ausgeleiert, Scheiß-Rauchen, ey. War Madagaskar eigentlich DDR oder kommen da die Fidschis her?” Sandy steckt eine Nailextension ins Nasenloch und legt ihre Stirn in Falten: “In der DDR hatten die gar keine Handys, nicht mal die Stasis hatten welche … voll krass, auf jeden Fall….”

Womit die Jugend ausnahmsweise mal Recht hat, auch wenn´s Zufall ist, das notorische Blindhuhnkorn mal wieder, aber die Tatsachen der jüngsten deutschen Geschichte sind ja heute auch älteren Semestern erschreckend oft gar nicht mehr geläufig: Dabei liegt doch auf der Hand, dass die Geschichte ganz anders verlaufen wäre, wenn die IMs ihre Montagsdemonstrationsberichte nicht mit Durchschlag getippt, sondern schnell und unkompliziert per SMS geschickt hätten. Und auch wenn Devisen knapp waren, hätten die 12 Westpfennige wenigstens für “Schild und Schwert der Partei” drin sein können. Typischer Fall von am-falschen-Ende-gespart, zudem auch noch ein typischer Fall von Nichts-aus-der-Geschichte-gelernt, schließlich hat übertriebene Wertkartenknauserigkeit schon die Nazis schwarz geärgert, als in Stalingrad die Muni knapp wurde.

Aber die ganze Episode ist ja dermaßen mit Denkverboten belegt, dass sogar entscheidendes Detailwissen verloren geht: Wir lagen in Stalingra-ad und hatten kein´ Handy-Empfang! Als Klingelton mit Schlumpfrefrain undenkbar, eines der letzten Tabus der haltlosen Mediengesellschaft. über Stalingradsoldaten macht man einfach keine Witze, Punkt, Aus und Ende. Besonders verboten gehört in diesem Zusammenhang der ordinäre TV-Sketch: Landsern, die erst in ganz Stalingrad keine Steckdose finden, dann aber doch, und am Ende haben sie nur ein Sony-Ericsson-Ladegerät, aber eine Samsung-Funke dabei – Das ist kein Wohlfühl-Movie, und für unsere Jungs am Hindukusch ist es sogar ein regelrechter Dolchstoß.

Nur Sandy, Mandy und ihres Gleichen finden es sicher wieder voll krass, soweit ist die Youtubisierung hierzulande schon gediehen. Lipglossfunkelnd, in schrittbetonte Junkiejeans gequetscht machen sich die Youtubisten auf dem Bürgersteig breit, für normale Menschen gibt es da kaum noch ein Durchkommen. Jungdelinquente Breitbeiner, die sich wie im betrunkenen Billigausland gebärden, und die Mütter der Panzergrenadiere von Kandahar anpöbeln. Schon leidet das Konsumklima, Normaltariflinge flüchten sich ins Anspruchsdumping, aber neulich auf der Konsumklimaschutzkonferenz wurden schon radikalere Lösungen propagiert, da hieß es plötzlich ganz unverblümt: Wir brauchen eine neue Zukunft! Dolle Sache, so eine Konsumklimaschutzkonferenz. Noch ein bisschen Crowdsourcing, dann gehen die Experten ans Storyfinding, und am 1. Juni wird der Killerswitch in die neue Zukunft umgelegt.

Für ein besseres Morgen: Spaßig mitdenken, die Stöhnstelle in der Karaokekaschemme meiden, Luftknödel futtern, und nicht mit den Schmuddelbloggern spielen.

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Elektronische Lebensaspekte.

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