Text: Anton Waldt aus De:Bug 109

VOLL GEIL: 2007

Für ein besseres Morgen

Saubere Leistung! 2006 ist gründlich ausgesessen, final absolviert und – jetzt können wir ja endlich offen drüber reden – als Jahr sowas von gestern, dass es weh tut, und zwar in etwa so weh wie ein hinterfotziges Ziehen in der Backenzahnwurzel. Gar kein Vergleich zum aktuellen Kalenderstand, der von verdammt guten Zeiten kündet: Die Bach-Nelkenwurz ist Blume des Jahres, featuring die Ritterwanze als das Insekt 2007. Bach-Nelkenwurz und Ritterwanze – mein lieber Herr Gesangsverein! Das geht sich lässig an, alles wird dauernd immer besser. Wobei gerade jetzt natürlich besonders gut ist, 2008 droht Anstrengung durch die Olympischen Sommerspiele in Peking, die per 3D-TV übertragen werden und damit unsere Aufmerksamkeitsspanne drangsalieren. Dagegen sollte mal was unternommen werden! Keck eine Bach-Nelkenwurz ins Knopfloch gesteckt, flott mit Ritterwanzen-Sekret mental gestärkt und ran an die Buletten. Etwa so wie unsere Jungs in Afghanistan, wo deutsche Lümmel im lebensnahen Killerspiel die Früchte ihrer vergeudeten Ego-Shooter-Jugend ernten, für die sie daheim, als potentielle Amokläufer gebrandmarkt, nur Verachtung erfuhren. Vorbei die Zeiten, in denen Politiker waffenvernarrte Teenager mit überdurchschnittlichen Counterstrike-Skills reihenweise ins Lager sperren ließen, im Gegenteil, das Lebensbewältigungsmuster schießwütiger Heranwachsender mit überdurchschnittlichen Counterstrike-Skills steht 2007 hoch im Kurs: “Killerspiele fördern!”, heißt es jetzt, “Je blutiger, desto besser!”, heißt es jetzt, “Am besten schon im Kindergarten!”. Die Role-Models aus der ZDF-Telenovela “Schwarz-Rot-Gold – Mit den Panzergrenadieren nach Kandahar” haben schließlich auch mal ganz klein angefangen, wie wir alle sehen konnten, in Guido Knopps Straßenfeger “Die Mütter der Panzergrenadiere von Kandahar” und natürlich auch im Anschlusserfolg “Die Arschgeweihbräute der Panzergrenadiere von Kandahar”. OK. Das klingt jetzt doch alles ziemlich uncool und es hat überhaupt nichts mit dem angekündigten 2007 aus dem offiziellen Trailer zu tun. Oder aus dem “Making-Of 2007”, das noch zu Weihnachten Begeisterungsstürme der Vorfreude entfachte. Was wurde da nicht alles an Unterhaltung und Spielspaß versprochen! Im Nachhinein alles nur Marketing-Fantasien aus unhaltbaren Andeutungen und sensationslüsternen Suggestionen: Angela Merkel verbrennt vor dem Reichstag ihren BH, um gegen die himmelschreiende Ungerechtigkeit zu protestieren. Rammstein schippern auf einem Lastkahn die Spreeschleife längs und blasen ihre Industrial-Version des Slime-Klasikers “Deutschland muss sterben” durchs Regierungsviertel – da hatten wir uns mental schon drauf hingefreut. Heute will die Kanzlerin natürlich nichts mehr davon wissen, schon gar nicht vom BH-Verbrennen, und alle, die das mit Lastkahn ausprobieren wollten, haben Anzeigen wegen Schifffahrtsgefährdung, Trunkenheit im Schiffsverkehr, Sachbeschädigung und missbräuchlicher Benutzung eines Fischereifahrzeuges kassiert. Die Sockensuchmaschine kommt auch nicht rüber, bleibt Bach-Nelkenwurz und Ritterwanze – und natürlich die Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten! Menschen, die gerne einkaufen, und Menschen, die sich für etwas Besonderes halten, sind entzückt. Weil sie jetzt viel mehr einkaufen können, bzw. weil es ihnen zusagt, Dienstagnacht um drei Uhr Zahnpasta und Toastbrot zu kaufen. Großartiges Retro-Potential! Westdeutsche Kleinstädte machen die Geschäftspause von 12:30 bis 15:00 Uhr (Fleischer, Schuster und Postamt) zur zentralen Botschaft im Tourismus-Marketing. Damit kriegen sie alle, die gerne Dienstagnacht um drei Uhr Zahnpasta und Toastbrot kaufen. Die stehen sowieso auf die westdeutschen Kleinstädte wegen der schrillen Namen (Meppen), und deshalb hängen sie jetzt von 12:30 bis 15:00 Uhr vor der Fleischerei rum. Wenn einer der zurückgebliebenen Residents um 12:35 auftaucht, weil er Appetit auf Rinderfilet hat … das kommt voll schrill. Flachvater im Dackelfarm-Bordell! Sich mental auf die XXIX Olympischen Sommerspiele in Peking hinzufreuen, ist eigentlich auch ganz cool. Für ein besseres Morgen: 3D-Brille klarmachen, Ritterwanzen im Auge behalten und die Moves lernen: Put your left hand in the air and stick your right hand in your underwear!

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Text: Anton Waldt aus De:Bug 107

Schluck
Für ein besseres Morgen

Im Herbst büxt der Ich-Schmerz regelmäßig aus, um sein Unwesen zu verbreiten: Wenn die Temperaturen fallen, muss sich die Affektdressur hin und wieder einen Herzwärmer-Tee kochen, das führt zu Getrödel in der Küche, zu sehnsüchtigen Blicken auf die Traumhügellandschaften der Beutelteepackungen und: Schwups hat die Affektdressur ihren Auftritt verpennt, sieht den Ich-Schmerz vielleicht gerade noch mit einem höhnischen Grinsen um die nächste Ecke düsen und zum Hinterhersprinten ist die Affektdressur dann so gar nicht aufgelegt, außerdem kocht das Wasser, die bereits mit Teebeuteln bestückten Tassen wollen aufgegossen werden, außerdem rennt es sich so schlecht in den Puschen. Der Ich-Schmerz hat natürlich Turnschuhe an und schon den gesamten Sommer über Puste gesammelt für seinen großen Zug um die Häuser, heimlich hat er sein Fahrzeug mit Sportzeug, Trinkzeug, Esszeug und Rauchzeug vollgepackt: Das verspricht eine tolle Saison zu werden! Wie jeden Herbst schaut der Ich-Schmerz erst mal in seiner Lieblingskneipe “Ganzkörperschmollen” vorbei, das gibt ein mächtiges Hallo! und eine Runde für die Kumpels, der Wirt winkt mit dem jungfräulichen Deckel, aber der Ich-Schmerz kann leider nicht lange bleiben, er hat heute noch wichtiges zu erledigen: Krach machen in der CEO-Corner zum Beispiel. Die CEO-Corner muss man sich ohne leichte Mädchen und Opiumpfeifen vorstellen, eher wie einen dieser modernen Wartesäle auf Bahnsteigen, die nur aus Glaswänden bestehen und besonders nachts kann man schon mal aufs Maul kriegen, weil eine enttäuschte Renditeerwartung in Rauflaune ist. Richtig übel wird es aber erst, wenn der Ich-Schmerz seine Show abzieht, da wird zwischenmenschliches Porzellan zerschlagen, kein Dialogbeautragtenauge bleibt trocken und am Ende ziehen die CEOs los, um ihr Mütchen an der Welt zu kühlen: Flott die Seitwärtsrenditen realisiert und den Cashflow in Kampagnenkanäle umgeleitet: “Ich bin klein, hässlich und dumm, aber ich möchte bitteschön trotzdem die Sixtinische Kapelle neu ausmalen lassen, auf der Decke bitte ein nettes Portrait von mir, aber ohne Photoshop, meine Pickel sind eine ästhetische Offenbarung, die der Menschheit nicht vorenthalten werden darf!” Was soll man machen? Die Welt ist ohnehin kalt und schlecht genug im Herbst, da kann man sich nicht über jeden kleineren Anfall von Egomanie aufregen, es gibt Gravierenderes, zum Beispiel, dass die Raubkopierer immer noch kleine Kinder fressen, so gesehen tötet jede Raubkopie eine Kinderseele, DAS sollte einem zu denken geben, aber da kann man sich gleich aus lauter Verzweiflung Scheiße in die Ohren schmieren. Oder dass Abfallfresser und Abfallidentifizierung wieder Schabernack treiben, die Tom & Jerry der blühenden Öko-Sci-Fi-Utopie-Fraktion: Jeder Fetzen Müll kriegt seinen Funkchip und wenn der Müll nach seiner Verwaltungslaufbahn endgültig weggeschmissen wird, futtern die Abfallfresser den Chip. “Leck mich am Arsch”, kommentieren so was Sandy und Mandy, die aufgeweckten Teenager, die den Ich-Schmerz nur als schlechten Scherz vom Hörensagen kennen, wir erinnern uns: “Prekär ist doch wohl nicht, wenn man über ‘nen Pratikumsplatz bei ‘ner Agentur für Gedöns jammert, weil das keine Kohle gibt und man trotzdem nett sein muss. Prekär ist doch wohl eher, wenn man sich nicht einigen kann, ob die Alte jetzt ihr Handy verschluckt hat, weil sie nicht wollte, dass der Kerl ihre SMS liest, oder ob er ihr das Handy in den Rachen gedrückt hat, weil er eifersüchtig war. Jedenfalls prekär ist, wenn beide so besoffen waren, dass das unklar bleibt mit dem Handy, und richtig fies prekär ist das, wenn die danach auch noch zusammenbleiben, die Asos.” Und natürlich haben Sandy und Mandy auch neuen Stoff: “Prekär ist doch wohl, wenn er ihr zum Jahrestag einen Gutschein vom Discount-Swingerclub schenkt und wenn sie dann ausflippt und er ihr dann eine reinsemmelt und sie hat zwei blaue Augen. Jedenfalls richtig prekär ist doch wohl, wenn die beiden jetzt jeden Mittwoch zum Gratiskrabbenbuffet im Discount-Swingerclub auftauchen, die Asos.” Für ein besseres Morgen: Ich-Schmerz wegsperren, Abstands-Assistenten abschalten, berüchtigte Koitusmusik mit obszön rammelnden Rhythmen hören und immer daran denken: kurze, kontrollierte Feuerstöße!

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Text: Anton Waldt aus De:Bug 106

Maep!
Für ein besseres Morgen

Scheißt der Papst in den Wald? Wenn der Weg das Ziel wäre, würde er nicht “Weg” heißen: Richtig Kacke gelaufen also, wenn man das Ziel, das nicht der Weg ist und daher auch weiter “Ziel” heißt, aus dem Blickfeld verliert. Zwiebelhauteng ins eigene mediale Korsett gezwängt, labt es sich deshalb landauf an der Angst und frönt landab dem Schlottern – kein Wunder, wenn die Schwächsten die Nerven verlieren. Kotzefresser-Lars aus der Sonderschule um die Ecke hat in der Fördergruppe ein Protestplakat gemalt: “Arbeitsplatzgarantie im Nichtraucher-Büro!” Big Time. Die einen erklären keck, Kotzefresser-Lars sei der Norbert Blüm der Generation Sack. Prompt kontern die anderen, dass Kotzefresser-Lars der Andreas Baader der Ära Arschkratz ist und gründlich weggesperrt gehört, am besten für immer. Frau Merkel will sich noch nicht festlegen und erntet dafür Unmut für fünf im Pressespiegel. Früher wäre so was nicht passiert. Keine Ursache, große Wirkung: Genau das ist das Fatale an der Möglichkeitsgesellschaft. Gestern hieß es: “… oder in China fällt ein Sack Reis um”, und die Diskussion war gegessen. Inzwischen ersäuft uns beim Sackbeispiel mindestens die gelbe Gefahr und Kotzefresser-Lars kann schon froh sein, wenn er wenigstens kein Terrorist wird. All-Exclusive in der Dackelgarage chillen ist eben nicht mehr. Die Jugend von heute lebt nämlich nach dem Motto der Spaßgesellschaft 2.0: Gesichtsverarschung können wir selbst. Sandy und Mandy sowie alle anderen Hüpfer, die einen Beruf ergreifen müssen, wollen denn heute auch nicht mehr Astronautin oder Friseuse werden, sondern – hört, hört! – Büttel, Totschläger oder Schweinepriester. Das liest jedenfalls das “trendence Institut für Personalmarketing” aus der Schülersuppe von heute heraus: 16 Prozent der Hosenscheißer und fast 14 Prozent der Arschgeweihträgerinnen finden, dass die Bundeswehr ein besonders attraktives Unternehmen für die eigene Karriere ist, womit die Traditionsfirma zum beliebtesten Arbeitgeber im Ranking wird. Auf dem zweiten Platz sonnt sich der Seniorensender ZDF, direkt gefolgt von der Polizei. Für diese Statistik wurden übrigens 12.000 Schüler aus Gymnasien, Haupt- und Realschulen befragt, Kotzefresser-Lars kam also erst gar nicht zu Wort. Jenseits dieses formalen Schwachpunkts kann man auf den Punkt bringen: Sandy und Mandy wollen am liebsten Polizist, Soldat oder schmierfähiger Journalist werden. “Ohne große Gefahr, uns zu irren, können wir behaupten, dass der Student (…) nach dem Polizisten und dem Priester das am weitesten verachtete Wesen ist”, hieß es dazu vor 40 Jahren im Manifest der situationistischen Internationale, heute müsste man wohl sagen: “Die gehören doch in ihr Prekariat getreten, und zwar mit ordentlich was Schmackes!” Mandy sieht das natürlich anders: “Die Segnungen des Sozialstaates sind die einzige deutsche Konstante seit 1871, und die wird uns jetzt weggenommen, das ist doch genug Grund für Fracksausen!” Sandy sekundiert: “Wenn Fürst Bismarck nur noch ein Korn ist, möchte ich sofort mit einem Offizier sprechen!” Erschauernd abgewendet und den eisernen Kanzler zur Brust genommen, muss man unwillkürlich an die Lieblings-Spam-Betreffs des Monats denken: “Keine Notwendigkeit, lokalen Drogespeicher zu besichtigen”, beziehungsweise: “Verdienen Sie das Geld mit der Ausnutzung Ihres Kontos!” Zuletzt noch ein Hinweis in eigener Sache: “Auch der schönste Urlaub am Ende der Fahnenstange ist irgendwann mal vorbei, dann heißt es Abschied nehmen vom herzhaften Gammelantentum und schamlosen Hedonismus”, hieß es an dieser Stelle in der letzten Ausgabe. Anders als vielfach gemutmaßt, ist der Satz nicht als dezenter Hinweis auf Insider-Wissen im heranrollenden Gammelfleischskandal zu verstehen: Gammelfleisch ist uns nämlich ziemlich letztrangig Schnuppe, solange wir uns noch täglich mit Gammelmusik, Gammelwetter und Gammelstudenten herumschlagen müssen. Für ein besseres Morgen: Props an gehirnverschmutzung.now–here.de, nicht jeden dahergelaufenen 12-Inch-Sassa an die Decks lassen, gefühlshochtourig die Seitwärtsrendite optimieren und immer daran denken: kurze, kontrollierte Feuerstöße!

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Text: Anton Waldt aus De:Bug 105

Auch der schönste Urlaub am Ende der Fahnenstange ist irgendwann mal vorbei, dann heißt es Abschied nehmen vom herzhaften Gammelantentum und schamlosen Hedonismus. Stattdessen: Erst mal gründlich die Bierkiste mit den Basisemotionen entstauben und dann das Ich-Optimierungs-Programm hochfahren. Klar kriegt man da die Motten, aber Zicken werden genauso wenig gemocht wie Klugscheißer, also – bitte schön – einfach das Körperteil der Wahl feste zusammenkneifen und rein in die irritierenden Wirren der Möglichkeits-Gesellschaft: mein lieber Schwede! Das fängt ja gut an: Sandy und Mandy haben das gleiche Handy! Schwerer Unfall im Medienmorgen, da haben die beiden possierlichen Teenager, die gemeinhin als etwas langsam im Kopf gelten, wohl zu tief in die Tüte mit dem Werbeklebstoff geguckt: “Telefonieren ohne nachzudenken” heißt es schließlich in der aktuellen Kampagne eines Handy-Ramschers, aber Sandy! Mandy! In der Web2.0-Fibel für Schulabgänger ohne Perspektive steht doch etxra dick und unterstrichen: niemals und auf gar keinen Fall die Personalisierung vernachlässigen. Web2.0 ist eben nicht nur die nette Reprise des Internet-Booms, sondern läutet auch die zweite Runde Arschkartenziehen ein: Spam wird beispielsweise mitnichten in afrikanischen Schwitzhütten für einen Hungerlohn verschickt, wie der Aushilfshausmeister einer Hauptstadtzeitung mutmaßt, sondern aus den Kellern deutscher Arbeitsagenturen, in denen hunderttausend Werbetexter seit dem Zusammenbruch des Neuen Marktes auf Rache sinnen: “Schon Elias Canetti wusste: Die Masse macht´s!”, erklärt ihr Pressesprecher, dem die Jahre im dunklen, feuchten Keller zwischen ausgedienten Akten und den Käfigen für schwer vermittelbare Alkoholiker deutlich auf Gesundheit und Gemüt geschlagen haben: “Wir fordern natürlich zuerst mal den Heine-Preis für unseren Tophit ‘Fwd: Keine Notwendigkeit, lokalen Drogenspeicher zu besichtigen’, sowie den Bachmann-Preis für ‘Keine Party ohne Blasen’. Danach wollen wir wieder diese Flipper, die früher bei den Startups rumstanden, weil man bei deren Geklingel so schön eindämmern kann.” Man merkt sofort: Da geht noch was, da wird die Sau gnadenlos durchs Dorf getrieben und das Medienmorgen nimmt endlich konkrete Gestalt an: Sandy und Mandy gucken durchs Entscheidungsfenster und schauen Erstaunliches: myspace.com/adolfhitler ist im erweiterten Freundeskreis, aber er will genauso wenig ihr richtiger Freund werden wie /heinrichhimmler, /benitomussolini und /josefstalin. Sandy und Mandy essen erst mal eins von den Joghurts aus der Werbung, die die vollmundigen Erdbeeren drin haben, weil die Jugend immer ein Anreizpaket braucht, bevor sie sich äußert, aber dann legen Sandy und Mandy richtig los: “Prekär ist doch wohl nicht, wenn man über ‘nen Pratikumsplatz bei ‘ner Agentur für Gedöns jammert, weil das keine Kohle gibt und man trotzdem nett sein muss. Prekär ist doch wohl eher, wenn man sich nicht einigen kann, ob die Alte jetzt ihr Handy verschluckt hat, weil sie nicht wollte, dass der Kerl ihre SMS liest, oder ob er ihr das Handy in den Rachen gedrückt hat, weil er eifersüchtig war. Jedenfalls prekär ist, wenn beide so besoffen waren, dass das unklar bleibt, mit dem Handy, und richtig fies prekär ist das, wenn die danach auch noch zusammenbleiben, die Asos.” Damit ist die Laber-Prepaid-Karte allerdings schon wieder leer und Sandy und Mandy jeansen los, um sich neue Handyschalen zu checken, weil das so ja nicht weitergeht. Der nette Wissenschaftler von nebenan bleibt allein zurück, er hat eine Laber-Flatrate und daher das letzte Wort: “Die paar statistischen Auffälligkeiten sind noch lange kein Grund, dass hier alle hysterisch kreischend im Kreis rumrennen. Fazit: Ein Land ohne Kinder ist kein Land ohne Hoffnung, sondern ein Land mit perfekten Voraussetzungen, eine ruhige Kugel zu schieben, weil weder das Puddinghungergeplärr der Kleinen noch das Perspektivengejammer der Großen nerven.” Für ein besseres Morgen: Gerüchte über Parkinson-Befall mit gezielten Revolverschüssen dementieren, das “Ausverkauft!”-Schild gut sichtbar im Schaufenster platzieren, die Gleichgewichtstechnologie immer auf dem letzten Stand halten und bloß nicht den Übermorgen-Konflikt unterschätzen.

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Text: Anton Waldt aus De:Bug 104

“Dumm fickt gut”, verkünden die Zukurzgekommenen gerne und lautstark, aber sogar solch banaler und kostengünstiger Trost offenbart in der Möglichkeitsgesellschaft gefährliche Untiefen: Zunächst verbittet es sich eigentlich von selbst, angesichts der offiziellen Angst vor der Volkskörperschrumpfung mit einem potentiellen Zeugungsakt leichtfertig Scherzchen zu treiben. Des Weiteren haben Geschlechtsverkehrsoptionen durch die Erkenntnisse schlauer Erbgutspezialisten erst jüngst eine neue, melodramatische Dimension erhalten – Mensch und Affe haben nämlich nicht vor sieben, sondern erst vor zwei Millionen Jahren die gegenseitige Befruchtung eingestellt, und damit die Schimpansenlobby erst gar nicht nervös wird, ist Schweigen zu IQ-Fragen im Korpulations-Zusammenhang die weise Entscheidung. OK: Bevor es richtig verwirrend wird und die Aufmerksamkeitsverweigerung einsetzt, hier schnell die guten Gewissheiten: Das Universum ist mit ziemlicher Sicherheit ziemlich exakt 13,7 Milliarden Jahre alt. Wir haben Sommer, die Blut-Hirn-Schranke funktioniert einwandfrei und die Amüsiernorm hält sich ebenfalls wacker, an der Schnittstelle zwischen Tun und Nichtstun wird jedenfalls immer noch getanzt. Gleich hinter den guten Gewissheiten gähnen allerdings Kompetenzlöcher, was wiederum die Berufsschwätzer magisch anzieht: “Da geht noch was”, sagt sich beispielsweise Lucy Redler, die gutaussehende Trotzkistin aus dem Fernsehen, und lässt ihre Medienberater von der Leine. Im Herbst wird die gutaussehende Trotzkistin aus dem Fernsehen dann zur Sprecherin der Interessensgemeinschaft deutscher MySpace-Profile gekürt, was die Legitimation der herkömmlich gewählten Regierung schlagartig in Frage stellt und hektische Reaktionen auslöst: Familienministerin Ursula von der Leyen stellt alle verfügbaren Aufnahmen ihrer 17 Kinder ins Netz und die ungeschnittenen Videos aus dem Kreissaal werden weltweit Blockbuster, woraufhin Frau Minister die Legitimation ihrer Kabinettskollegen in Frage stellt und anschließend mit Lucy Redler, der gutaussehenden Trotzkistin, gemeinsame Sache macht: “Bereits gedruckte Wahlzettel können wir ja einfach als Filter benutzen, nä?” Am Ersten März 2007 übergibt die Bundesregierung ihre Amtsgewalt freiwillig der Interessensgemeinschaft deutscher MySpace-Profile, deren Zahl schnell auf eine halbe Milliarde schnellt, südkoreanische Scherzkekse, die Marketingabteilungen und russische Neo-Nazis regieren fortan das Land – so was kann passieren, in der Möglichkeitsgesellschaft, die sich gerade zum Epochenbegriff mausert. Die Möglichkeitsgesellschaft ist eine verkorkste Art spekulativen Futurismus für Besserwisser und gut an ihrem Erscheinen scheint zunächst die ordentliche Neubesetzung der seit dem Tod der Moderne vakanten Zeitalterbeschriftung. International wird die Möglichkeitsgesellschaft so ungefähr “Sci-Fi-Age” genannt werden, was angesichts der Tatsache, dass die neuen Zeitmaßstäbe eine Menge Leute richtig wuschig machen werden, gar keine so üble Wortwahl ist. Prinzipiell gilt dabei aber erst mal: Moderne war die Bejahung des Jetzt, das dem Früher vorzuziehen ist. Der neuste Stand der gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und technischen Entwicklung entsprechender Kram war heiß, “zeitgemäß” ein rundum anerkanntes Prädikat. Unterdessen haben sich allerdings alte Paranoia und technischer Fortschritt munter gegenseitig angestachelt: Die faktische und erst recht die potentielle Verfügbarkeit von Daten und Simulationen scheint unbegrenzt, das dynamische Element der “Echtzeit” ist schon fast abgegessen, der Nullpunkt überschritten und allenthalben lässt die Möglichkeitsgesellschaft erste Konturen erkennen: Realisierte Gewinne sind für den Aktienkurs völlig Wurst, wichtig ist das Fantasiepotential. Als “Hooligan” Markierten werden Grundrechte aberkannt, weil nach geltenden Kriterien Straftaten für möglich erachtet werden. Die größte Furcht der USA sind Waffen, die noch nicht gebaut wurden: “Shoot ’em, before they shoot you”, sagt der Marine. Der Fokus verschiebt sich vollständig auf als wahrscheinlich angenommene Zukunftsszenarien. Vergangenheit und Gegenwart interessieren an sich niemanden mehr, beide schrumpfen in der Wahrnehmung zum doofen Ausgangspunkt für die aufregenden Sachen, die demnächst gehen könnten. Lieber schnell alles immer mitfilmen, ob Kunst, Müll oder Beweisstück rumkommt, wird sich fügen. Die Verbrechensrate in Deutschland sinkt, die Zahl der Inhaftierten steigt. Da werden reichlich Arschkarten verteilt, nur mit wortreichem Optimismus, überzeugend zur Schau gestellter Euphorie und Wissen um die Datenbankstruktur gibt es Chancen, eine verkackte Situation mit Labern zu bügeln: “Anti-Aging lautet die Strategie für kraftvolles, gesundes und glänzendes Haar.” Für ein besseres Morgen: Pausenbrot-Projekte fördern, Kompetenzlöcher mit Lachwichteln zupömpeln und bloß nicht den Übermorgen-Konflikt unterschätzen.

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Für ein besseres Morgen // Beliebtheitsverformung
Text: Anton Waldt aus De:Bug 103

Der Tageslichttrinker und seine Kumpane nehmen sich After-Work-Urlaub, um dem “Leichter als Luft”-Prinzip zu frönen. Die rechte Stimmung will sich allerdings nicht recht einstellen, woraufhin die Erkenntnis reift: “Man kann auch Drogen nehmen, ohne Spaß zu haben.” Beliebtheitsverformung nennt man dieses Phänomen, das brandaktuell aus vielen schmutzigen Löchern ins Scheinwerferlicht der zentralen Wahrnehmung drängt, beispielsweise als klebriger Zeugungspatriotismus oder in der leidigen Diskussion um die Arschgeweihsteuer und mittels Globalisierung, die sich ja nicht nachsagen lassen will, eine Einbahnstraße zu sein, ist der Trend auch schon längst in Asien angekommen. So macht sich Singapur, Heimat von Funktionsunterhemd und Hochleistungshose, jetzt mal locker und fängt damit beim Kaugummi-Verbot an: Nachdem zuletzt schon der bloße Besitz unter empfindlicher Geldstrafe stand, werden Kaugummis etwa zur Vorbeugung von Mundgeruch nun in Apotheken verkauft – gegen Vorlage des Ausweises, aber immerhin ohne Rezept. Der Stadtstaat will mit der Maßnahme sein Image für Menschen aus kreativen Branchen aufpolieren, weil in denen ja die Zukunft begraben liegt. Erste Erfolge lassen sich schon jetzt in den Schlangen vor den Apotheken beobachten, wo Mundgeruchsopfer und andere jugendliche Kaugummi-Zielgruppen Singapurs selbstbewusst ihre Funktionsunterhemden und Hochleistungshosen der neuesten Generation präsentieren: “Früher haben wir die meiste Zeit mit Schlafen und Trinken vertrödelt und den Rest mit Kotzen und Schmollen zugebracht – aber jetzt haben wir Kaugummis und alles wird viel kreativer.” Die Trendscouts der heimischen Beliebtheitsverformer kolportieren so eindrucksvolle Erfolge natürlich prompt und naturgemäß übertreiben sie dabei ein bisschen (Kommt ihnen sowieso keiner drauf: Die Globalisierung ist ja vielleicht wirklich keine Einbahnstraße, aber zwischen Singapur und Berlin-Mitte liegt trotzdem immer noch ein nervenzehrender Langstreckenflug). Demnach steht zu erwarten, dass der Apotheken-Kniff bald zur Lösung aller möglichen Probleme, die mit konventionellen Methoden nicht in den Griff zu kriegen sind, herangezogen wird und der vom Arzeneimittelspargesetz arg gebeutelten Branche ein fetter Boom bevorsteht. Zum Auftakt kommt der Klassiker aus dem Hause Bayer, Heroin (“Das Beruhigungsmittel für Erkältungskrankheiten”), wieder auf die Theke, dann Zertifikate für Feinstaubschlucker und benachteiligungsfreie Beat-Burner für untalentierte DJs. Aber auch die leidigen Parallelgesellschaften können aufatmen: Alleine das gemeinsame Schlangestehen vor den Apotheken wird Brücken schlagen, wo heute Abgründe aus Unverständnis und Ignoranz gähnen. Jugendliche ohne Ausbildung und Perspektive werden sich mit religiösen Fundamentalisten aller Couleur Kippen teilen, Sexsüchtige werden mit alkoholabhängigen Kleintierzüchtern über die Details ihrer Funktionsunterhemden und die Parameter ihrer Hochleistungshosen diskutieren. Und vielleicht lässt sich sogar das dräuende demografische Problem mit dem Apotheken-Kniff im Keim ersticken oder wenigstens in ein wohlriechendes Lüftchen auflösen, was angesichts der aktuellen Schandtaten der Stasi-Rentner-Gang echten Schmerz aus dem Arsch nimmt: Das hochbejahrte Sicherheitsfachpersonal stellt nämlich mitnichten eine der historischen Spezialsituation geschuldete Ausnahme dar, sie sind vielmehr die Vorboten einer echt üblen Rüpelrentner-Plage, gegen die die grobschlächtigen Streiche der Jugendlichen ohne Ausbildung und Perspektive sich wie das obligatorische Bäuerchen nach einem Butterschmaus ausnehmen werden. Einer rosigen Zukunft steht also mal wieder gar nichts im Weg, wenn die heimischen Beliebtheitsverformer sich von der überflüssigen Wertedebatte verabschieden und ihre Navigationsnippel ausnahmsweise mal auf die Restrealität konzentrieren. Dafür ist allerdings ein Mindestmaß an Einsicht in die Tatsachen vonnöten, sonst ergeht es uns wie dem perversen Massenschlächter, der knapp vor der Verhaftung in seinem Blog verriet: “Ich habe Angst, dass die Bullen in meine Wohnung kommen und meine ganzen Messer und Schwerter sehen – und die Horrorfilme und die Serienmörder-Dokus. Außerdem ist mein Bettzeug immer voll Blut, aber das ist doch mein eigenes Blut. Am Ende verdächtigen die mich noch.” Für ein besseres Morgen: Niemals mit der Ausklappware geizen, auf der After-Pray-Party mit Nasse-Haare-Laszivität auftrumpfen, regelmäßig den Pointenreservetank nachfüllen und nicht jede Beliebtheitsverformung mitmachen.

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Prekär: Flexible Selbstständigkeit.Man tut, was kommt.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 102

Außer Nasebohren und Rauchen mal wieder nix auf die Reihe gekriegt? Vor lauter neuer Bürgerlichkeit über den Schlips gestolpert? Im jugendlichen Überschwang 40.000 E’s gegessen und immer noch Probleme mit dem Kau-Organ? Schon wieder auf der Suche nach einem Programm, wo man doppelte Sachen rausschmeißen kann? Sind die Zeiten zu hart? Oder die Köpfe bloß zu weich? Meister Stanislav Lem – Gott hab ihn selig – predigte, dass die Welt ein gravierendes Idiotenproblem hat. Was für ein Scheißglück, dass UNO-Generalsekretärin Merkel jetzt das Snooze-Prinzip von den Weckern auf alle anderen Problemzonen übertragen lässt, auf dass sich diese in Wohlgefallen auflösen: “Wir wollten später in die Disco und hatten irgendwie kein Vorprogramm, da haben wir ein Mittagsschläfchen bis fünfe gehalten und anschließend erst mal englisch gefrühstückt, da waren wir topfit um neune auf dem Floor, einfach ein prima Wochenende, sogar die Afterhour war extrem beglückend und gegen Ölwe am Montachmorgen hatten wir diese irre witzige Diskussion mit den Asos am Knorpelwurststand, da hat es wieder mal richtig gefunkt mit die Wähler”, erklärte die oberste Frau des Staatenbundes auf einer Pressekonferenz, womit sie die internationale Presse aber sowas von überzeugte, dass ihren Sidekicks Madonna, Bill Gates und Friedbert Pflüger nur eilfertiges Nicken und zustimmendes Murmeln blieb – den Aufmerksamen unter den fünf Milliarden Zuschauern der TV-Live-Übertragung dürfte allerdings nicht entgangen sein, dass die drei Zicken innerlich vor Neid bebten. Das folgende Sleep-In hält immer noch an und niemand wird bestreiten, dass die Welt durch den gleichmäßigen Zehn-Minuten-Rhythmus aus Labern, Wegdösen, Aufmerken und irgendwoanders Weiterlabern eine bessere geworden ist. Wegdämmern jezze. Snooze. 12 Prozent aller männlichen und sieben Prozent aller weiblichen Heimarbeiter erledigen ihren Job nackt, dementsprechend entstehen etwa zehn Prozent aller Texte, Grafiken und Musiken, die uns täglich erfreuen, überraschen und ankotzen, in einer unakzeptablen Manier. Was gelernt? Eben: lieber wieder Wegdämmern – Snooze. Die Medienrevolution findet statt: Der Mainstream kommt uns abhanden. Ob das schlimm ist? Keine Ahnung, wie zur Hölle sollten wir das auch mitbekommen können? Parallelkommunikationsgesellschaften, so weit das Auge reicht. Snooze. Snooze! Die Welt funktioniert wie MySpace auf schlechtem Ketamin: Die Verwandtschaft vermehrt sich fortlaufend durch Inzucht, aber dezimiert sich durch Jagdunfälle nur ungenügend, so dass immer ein dräunendes Plus bleibt. Snooze. Im ersten deutschen Senioren-Supermarkt werden Mohrrüben, ästhetisch wertvolle Campinghocker und ergonomisch geformte Dritte-Zähne-Aufbewahrungsbehälter von Ein-Euro-Jobbern so lange vorgekaut, bis der Mehrwert positiv und weich ist. Snooze. Bitte jetzt extra locker: Snooze. Die neue Bürgerlichkeit hat einen Digitalisierungskropf: Anno dunnemal sagten Kinder: “Nach der Sonntagsschule habe ich dem lieben Großvater ein Bild gemalt.” Schon morgen verkündet der präpotente Nachwuchs dagegen: “Ich hab Opa freigestellt, jetzt paste ich ihm krasse Möpse auf die Ohren.” Snooze, Erwachen mit Schrecken: Das mag zwar alles ein großartiger Hobbykellerspaß sein, aber es lässt jede Konsistenz vermissen und vielleicht sollten wir unsere Fähigkeit, in total verkackten Situationen lässig zu bleiben, auch nicht überstrapazieren. OK: Tschabos mit pornografischem Gedächtnis, die die Welt lediglich als mentales Abschreibungsprojekt verstehen, sollten sich ganz schnell eine adäquate Selbsthilfegruppe suchen. OK, OK: Wenn euch das nächste Mal jemand dermaßen verscheibt von der Seite anredet und der Knopf hat nicht das Glück, sich hinter einer Magazinseite verstecken zu können, dann sagt ihm: “Es geht mir voll auf den Sack, aber das ist OK.” Für ein besseres Morgen: Das “Apfel” in Adamsapfel ernst nehmen, den Lieben daheim und vor den TV-Geräten endlich reinen Acid einschenken, dem Vibes-Bringer eine zweite Chance geben und Frühlingsgefühle mit Dosenbierpartys im Keller begrüßen.

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Nur das erste Mal ist umsonst
Text: Anton Waldt aus De:Bug 101

Am Ende der Afterhour ist immer eine Tortenschlacht drin: “Rutsch mal rüber, ich sitz hier im Bier.” Aber: Manchmal – genauer betrachtet immer öfter – kommt es gar nicht so weit, weil machmal haben die Türsteher auch einfach Weltschmerz, dann bleibt der Club leer und die Hausnation kann sehen, wo sie bleibt: “Nur Eckensteher in der Schlange sollen absprudeln”, zoomt Chef-Bouncer Gutikowsky so einen ruhigen Abend in der Eingangshöhle gerne ein, woraufhin sein Assistent Solarplexus die Luft rauslässt und es seiner Wampe gemütlich macht: “Hehe: Ich reime über Greime! Wieder mal Ärger mit die Halbstarken?” Aber Gutikowsky ist nicht zum Scherzen aufgelegt und geht gleich in die Vollen: “Wusstest du, dass 2004 indische Haare im Wert von 80 Millionen Euro exportiert wurden? Tatsache! Meist werden die Strähnen übrigens in der chinesischen Provinz Henan zu Perücken und Haarteilen verarbeitet. Tatsache! Die besten Stücke gehen dann aber meist in der amerikanischen oder europäischen Mode- und Filmbranche verloren. Tatsache!” Solarplexus nuckelt an einer Flasche Küstennebel und linst erstmal durchs Guckloch: Wenn Gutikowsky seinen Globalisierungskoller hat, ist der Abend sowieso gründlichst gelaufen und die zwölf Stunden bis zum Schichtende wollen rumgebracht werden, keine Eile geboten. “Hehe: mit denen aus der geschützten Werkstatt auf Augenhöhe! Und da vorne friert nebenbeist auch die abgeschnagelte Tante, die behauptet, hier heute aufzulegen! An die würde ich ja gerne mal lecker beigehen!” Gutikowsky verdreht die Augen, bis nur noch Weißgeädertes zu sehen ist: “Alles klar, wer hat den Käse zum Bahnhof gerollt? Solarplexus, du solltest dich eiligst bei deinem Therapeuten entschuldigen, bald ist von deinem Hirn nichts mehr übrig zum Dranrumdoktern!” Solarplexus kratzt sich ausgiebig am Arsch, knackt eine neue Flasche Küstennebel und visiert seinen Chef zwischen den Augen an: “Hehe: Ich sehe mein Privatleben eben nicht so professionell und überhaupt ist das Problem mit euch hirnlosen Optimisten eure Hirnlosigkeit!” Jetzt ist es an Gutikowsky, Zeit zu schinden, wenn Solarplexus seinen Fatalismus auspackt, ist Vorsicht geboten, man kann das Nasenbluten förmlich riechen und im Hintergrund knistert das fröhliche Konzert der gebrochenen Knochen. Gutikowsky aalt sich ein bisschen in der Abwärtsspirale seines Kollegen, dann stopft er sein Pfeifchen und stiert auf die frierende Menge, die inzwischen auf mehrere Hundert Ultralights-rauchende Schwachköpfe angeschwollen ist. “Alles Arschlöcher, die bekifft Mail checken als Arbeit bezeichnen! Außerdem habe ich nie einen Hehl daraus gemacht, ein hirnloser Optimist zu sein. Habe mich dafür sogar jahrelang verarschen lassen – kein Problem! Aber die hirnlosen Optimisten, die jetzt vom gefühlten Aufschwung schwätzen, sind in Wirklichkeit gar nicht hirnlos, das sind doch alles Zweckoptimisten und bei denen komme ich aus dem Kotzen nicht mehr raus. Zweckoptimisten sind genau wie der Typ, der immer im Darkroom das Licht anmacht und ‘Stimmung’ brüllt, egal wie oft wir dem die Niere eindrücken. Wenn Zweckoptimisten die Sache mit der guten Laune in die Hand nehmen, sollten sie den eingefleischten, den echten, den hirnlosen Optimisten eine Rente spendieren, damit wir uns auch mal erholen können. Nicht dass ich dir oder den anderen Schwachmaten plötzlich Pestilenz wünsche, aber ein Päuschen von der Weltverantwortung würde mir echt gut tun. Tatsache!” Den Rest des Morgens verbringen Gutikowsky und Solarplexus schweigend und genießen das verzweifelte Geböller der durchgefrorenen Hausnation an die Tür. Gegen acht geben es die letzten auf, um zehn beendet der Resident sein einsames Set, endlich können die Türsteher wirklich ungestört abhängen und sich richtig entspannen: “Hehe: Ecstasy ist Opium fürs Volk!”, versucht Solarplexus noch einmal Gutikowsky aus der Reserve zu locken, aber der lächelt nur noch gütig. OK: Leute, die in Wirklichkeit nur mal wieder scharf auf eine echte Techno-Arschversohlung sind, sollten sich lieber still schämen. OK, OK: Wenn euch das nächste Mal jemand dermaßen unvollständig zuschwallt und der Kopf hat nicht das Glück, sich hinter einer Magazinseite verstecken zu können, dann sagt ihm: “Laber mich nicht voll, ich hab schon Freunde.” Für ein besseres Morgen: Selbst-Servicierung ins Auge fassen, auch an windigen Wochenenden den inneren Bouncerhund überwinden, Nahrungsergänzungsmittel mit Bedacht wählen und die Schwellung am eigenen CO2-Fußabdruck geflissentlich ignorieren.

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aus De:Bug 99

Für ein besseres Morgen

Augen auf beim Amoklauf!

“Kann man auf Ecstasy weinen?”, fragt der letzte Hartz-IV-Sugar-Daddy seine Lieben. “Scheißt der Papst in den Wald?”, grölen die Fertigen und wollen deutlich mehr Dosenbier. “Gang-Scheiße war gestern”, realisiert jetzt endlich auch der letzte Hartz-IV-Sugar-Daddy und zeigt dem Block final seinen pickeligen Arsch. Eine saftige Döner-Stulle mit Knochenmehl und Fischköpfen futtern und dann immer den unerfüllten Träumen nach: Wenn man den Dalai Lama auf zwei Barhockern platziert, grinst er noch gemütlich, aber beim Fisten kriegt er sich nicht mehr ein und muss zwanghaft erleuchtet kichern. Dann kommen die Widergänger mit Erinnerungen und
abgestandenen Gefühlen: In dunkler Vorzeit haben wir uns ein Haus gebaut. Ein Haus aus Strom, Chemie und Liebe. Einst prächtig und machtvoll ist es inzwischen gründlich verkommen: Jack schimmelt im Keller, in der Belle-Etage dealen Crack-Süchtige mit Yuan-Optionen, Gott hat längstens Hausverbot und unter dem Dach vegetiert die wirklich letzte Afterhour. Sogar wenn man beim Nachfragen freundlich Köpfe tätschelt, kriegt man dieser Tage frappierend oft zu hören, dass 2005 ein besonders gediegenes
Mistjahr war. Entstellte Leichen werden nur noch notdürftig im Sand verscharrt, ein softes Fest für Kojoten, Recycling-Nazis und die anderen Aasfresser. Auf der anderen Seite waren die Gegner 2005 verdammt gut vorbereitet und hatten noch weniger Skrupel: So konnte die verkackte Umwelt mit Feuer, Wasser und Beben ordentlich austeilen, obwohl oder gerade weil wir schon seit Dekaden weder Wasser noch Feuer und schon gar keine Beben brauchen, weil wir sowieso auf Plastik, Beton und Atomkraft stehen und als Krone der Schöpfung eigentlich selbst ansagen sollten, ob es Wasser auf den Kopf oder Atomstrom aus der Dose gibt. Auch die Dummheit hat 2005 eine neue Rekordernte eingefahren und scharenweise neue Psychoanalyseopfer, bankrotte Pyramidenspieler, totgespritzte Punks, asoziale Geldsäcke und abgehackte Grabschfinger produziert: “Wenn wir alle den Schmerz fühlen, wenn wir alle die Kraft spüren, Leben heißt leben.” Und wenn die letzte Kippe geschnorrt, der letzte Schlürf verschüttet, die letzte Hüfte geschwenkt und der letzte Klönschnack ausgetratscht ist, dann verschwinden auch die scheiß Schuldgefühle und der überlebende Raver weiß
plötzlich: “Ich bin sensibel, weil ich merke, wenn die Leute spüren, dass ich sie hasse.” Aber: Aus der Scheiße wächst die Kraft und deshalb wird 2006 bestimmt richtig prima. Wir werden endlich kristallklar erkennen, dass uns die Marketing-Wichser beigebracht haben, beim Bierabsetzen ein “Aaah!” herauszupressen, das Erfrischung und Erleichterung signalisieren soll. 2006 werden wir zwar wieder oft das “Aaah!” praktizieren, aber nur noch weil es einfach geil ist, kaltes Bier zu kippen. 2006 werden wir auch – hoch und heilig versprochen – den illegalen Debug-Folterknast in Mitte auflassen, was aber natürlich kein satifikationstaugliches Eingeständnis darstellt. In den Feuilletons werden 2006 chronische Flachwichser nicht mehr ungestraft mit diffusen Debatten ihren Marktwert steigern dürfen, die Warlords dieser Welt werden im April auf Ali G’s Bong-Gipfel in Davos zu Hippies bekehrt und das stetig wachsende Heer arbeitsloser Bild-Journalisten macht mit Spam-Betreff-Perlen wie “Nichts rumliegen lassen!” oder “Krümel ganz schnell entfernen” sogar den Mail-Mülleimer zu einem Ort der Erholung und geistigen Erquickung. Nicht zu vergessen: Selbstredend wird der Soundtrack des Superjahres ekstatisch, unpackbar schön und vor Energie nur so strotzen: Ungehörte Melodien für den Morgen, Happy Retrocore für den Tag und elektronische Renaissance für die Nacht. Yep: “Hier kriegen Sie alles – außer Diskretion” OK: Leute, denen der Sabber aus den Ohren läuft, nur weil eine dahergelaufene Synthie-Hookline ein gutes Heute verspricht, sollten besser das Maul halten. OK, OK: Wenn euch das nächste Mal jemand so blöd von der Seite zusabbelt und der Eckensteher hat nicht das Glück, sich hinter einer Magazinseite verstecken zu können, dann sagt ihm: “Autismus ist auch nur eine extreme Form der Männlichkeit und dein Sack stinkt bis nach Moabit.” Für ein besseres Morgen: Scheiße auf Beinen mit Verachtung strafen, Armleuchtern kräftig auf die Wurstfinger hauen, dem Prinzip Glasauge um Glasauge keine Chance geben, nicht aufs Kärchern vergessen und den Club immer in einer vorbildlich würdevollen Haltung verlassen.

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Für ein besseres Morgen...
Text: Anton Waldt aus De:Bug 98

Nordic Stalking

Die eisigen Lüftchen kichern vergnügt in ihre Raureiffusselbärtchen und machen sich auf, um den jährlichen Schabernack in der Fußgängerzone zu treiben. 2005 sind sie besonders aufgedreht, Wetterkapriolen sind nämlich wieder très chic und sogar eisige Lüftchen drängt es mächtig zur medialen Prostitution. Überhaupt verspricht der Zeitgeist eine tolle Saison: Die Arbeitslosen werden ihre kalten Bierdosen besonders grimmig schlürfen und dabei besonders feindselig die Afterworker am Glühweinstand anstarren. Die Afterworker am Glühweinstand werden ihren wohl temperierten Grog mit doppeltem Rum ordern und doppelt zufrieden auf das arbeitsscheue Bierdosengesindel herabblicken: “Typen aus dem Proll-Penner-Milieu, die sich wichtig machen wollen”, werden sie sich zuraunen, bevor sie die dritte Lage Grog mit doppeltem Rum kippen. “Hass ist nicht das Ausschlaggebende, entscheidend ist viel mehr der Wille zur Zerstörung”, werden die Arbeitslosen feststellen, bevor sie mit klammen Fingern die nächste Dose knacken: “Old-Skol!” Wenn sich alle einig sind, dass der Tiefpunkt erreicht ist, kann man davon ausgehen, dass es jetzt richtig bergab geht. Untrügerisches Zeichen. Deshalb soll es ja demnächst Schnaps und Kippen auch nur noch gegen den Nachweis der Volljährigkeit mittels amtlichem Dokument geben. Ein prima Plan, der sich lückenlos in die erfolgsverwöhnte drogenpolitische Bilanz der letzten 50 Jahre einreihen wird. Das ist sogar so super ausgedacht, dass es schon vor der Umsetzung als neues Erfolgskapitel ins Standardwerk “Prohibition funktioniert ganz großartig” aufgenommen werden sollte. Und genau diese kristallinen Momente sind es, die Mut machen: Momente, in denen mit einer kleinen Geste der ganz große und komplexe Zusammenhang schlagartig klar wird, Momente, in denen das Wesentliche und Wahre kurz aufblitzt, Momente, nach denen man sich verdutzt die verheulten Augen reibt und fragt, ob das jetzt wirklich passiert ist oder Pattex bloß die Rezeptur geändert hat. Neulich gab es genau so einen magischen Moment auf CNN: Gerade hatte “Spiegel TV” erklärt, dass “Religion jetzt wieder Kult ist” und nirgendwo lief kein guter Kindercomic nicht, um den Würgreiz in den Griff zu kriegen, da brachte CNN Filmchen aus Paris, auf denen zu sehen war, dass die Polizei die Hose gestrichen voll hat, während die Randalierer sich so richtig in ihrem Randalierer-Element wohlfühlen – die haben sich geradezu darin gesuhlt! Dazu erläuterte ein französischer Spezialist auf Englisch die Lage aus dem Off: Dass Paris jetzt Beirut ist und dass auch in anderen französischen Städten die Autos brennen, zum Beispiel in Dijon, “das für seinen Senf bekannt ist”, oder in Bordeaux, “aus dessen Umgebung der berühmte Wein kommt”. Merke: Ein engagierter Marketingmann googelt bei Bedarf auch mal die Anleitung zum Molotow-Cocktail-Bauen und zündet die Autos seiner Vorgesetzten an. Und wenn er nicht die Traute hat, zieht er was vom guten Koks aus Kolumbien, “dem Land, in dem mein Kollege seit drei Jahren als Geisel im Dschungel schmort”. Merke zwotens: Marketing funktioniert nicht nur viral, sondern auch immer invers. OK: Leute, die seit 1998 auf ihrer persönlichen Fitness-Couch rumhängen, sollten besser das Maul halten. OK, OK: Wenn euch das nächste Mal jemand so blöd von der Seite zulabert und die Sau hat nicht das Glück, sich hinter einer Magazinseite verstecken zu können, dann sagt ihr: “Bescheid weißt du erst, wenn du die Hand ausstreckst und in den widerlichen Brei fasst, der mal das Gesicht deines besten Freundes war.” Für ein besseres Morgen: Den Partybeutel mit abgepackten Gummi-Schmeckies immer dicht am Körper tragen, Scheiße auf Beinen mit Verachtung strafen, den Ratzefummel auch mal während der Mathearbeit herborgen und immer tüchtig Kreischen, wenn ein Housepiano Freude verbreitet.

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Für ein besseres Morgen
Text: Anton Waldt aus De:Bug 97

Schmerz im Arsch und Schleim in der Nase

Oder wem es beliebt, auch Schleim im Arsch und Schmerz in der Nase. Aber egal wo es raustropft, man nennt es immer November. Da gilt es wieder tüchtig Obacht geben, sonst summt man in der Supermarktkassenschlange ganz unwillkürlich trantütige Balladen, was strikt zu vermeiden wäre – man kann sich nämlich drehen, wie man will, der Bauch lappt immer vorne runter. In Schöneberg wurde das ja schon kurz nach dem Mauerfall überrissen, allerdings hat es anschließend 15 Jahre gedauert, bis ein solider Business-Plan daraus wurde: Den Ex-Wave-Schuppen “Metropol” zur führenden Senioren-Disco umbauen, Aktien verkaufen statt Gästemarken verschenken und das ganze “Goya” nennen! Der erste Club Deutschlands mit BPM-Limiter. Der erste Club überhaupt, der ein halbes Jahr vor der Eröffnung Hausverbote im Dutzend verhängt hat. Unsere haben wir rahmen lassen und zwar im Wedding – wegen des utopischen Elementes, das ja gerade ein furioses Comeback feiert. Ob dahinter Verzweiflung oder Optimismus steckt, ist unklar, aber auch oberegal, weil sich niemand der kuscheligen Atmosphäre des utopischen Elementes entziehen kann. Das utopische Element, oft auch liebevoll “uE” gerufen, ist jedenfalls 2005 hip wie die Dreckssau und hilft den Gebrechlichen beim Novemberschleim hochschniefen und Globalisierungspickel ausdrücken. Mit dem uE ist alles möglich, zum Beispiel könnte der kolumbianische Wirtschaftsminister verkünden, dass er die Energieprobleme seines Landes jetzt mit Rohstoffen vom Mars in den Griff kriegt. Anschließend erklärt der Chefforscher des kolumbianischen Wirtschaftsministers, wie der kosmische Transport mit einem neuartigen Koksantrieb zum Kinderspiel wird: “Sie müssen sich das wie eine riesige Nase vorstellen und natürlich gibt es auch einen gigantischen Geldschein.” Noch vor ein paar Jahren hätte man den guten Mann als Troll verhöhnt – weil eben nicht genug uE im Spiel war. Heute dagegen sind süchtige Politiker mit ordentlich was an der Waffel, koksgetriebene Marsraketen und vermeintlich total bekloppte Wissenschaftler die Grundvoraussetzung jeder “Science”-Veröffentlichung: Heißes Blubberwasser aus kilometertiefen Löchern erzeugt Wasserstoff für senkrechtstartende Individualüberschalljets. Künstlich erzeugte Hurrikans liefern genug Energie, um alle fetten Amerikaner auf den Mond zu schießen, wo sie dank der Siebtelschwerkraft ein erfülltes Leben haben. Und in chinesischen Sweatshops laufen für jedes Paar falsche Filas drei Taikonauten-Anzüge und zehn rote Unterseeboote vom Band. Dieses ganze Methan-aus-der-Tiefsee-Schlürfen und Antarktis-Gletscher-auf-den-Mars-Speditieren erinnert frappierend an “Hobby. Das Magazin der Technik”, das Deutschland in den 50er- und 60er-Jahren mit Techno-Visionen und unerschütterlicher Machbarkeits-Euphorie versorgte. Streng popkulturell gefolgert, regiert heute also wieder wissenschaftlich getriebener Optimismus. Trotzdem hält man in Deutschland Windräder und Kernkraftwerke gleichermaßen für Mist. Periodisch entwickelt dieser Befindlichkeitsbrei übelriechende Ausdünstungen, dann müssen Xavier Naidoo und Campino wieder eine “Ruck”-Kampagne fahren mit einem Haufen Scheiße in den Nationalfarben als Logo und einer Flash-Site von ’98 auf Methadon. Junkie-Jogging auch in den besseren Reichstagsfluren und erst recht bei den Loosern, deren Schicksal hier zuletzt ausgiebig erläutert wurde – daher noch schnell der Stand der Dinge: Checker-Joschka ist wegen Dialer-Abzocke eingefahren, Porno-Gerhard hat es mit der Weinerlichkeit und den Keksen übertrieben und wurde von Westbam rausgeworfen, aber Fluff-Boy Oskar und Gonzo-Guido können noch tiefer: Statt Kröten zu lecken, spritzen sie jetzt polnisches Kompott, was ihre Krakauer Streetworker so kommentieren: “18-jährige Holzfäller aus den Masuren halten das ein halbes Jahr durch. Abgehalfterte deutsche Politiker höchstens drei Wochen.” Und wo bleibt das Positive? Hat niemand mehr guten, sauberen Spaß? Doch: Am 1. Dezember sperrt die führende Senioren-Disco “Goya” auf, dann haben wir endlich auch was vom Hausverbot: Endlich dürfen wir nicht mit den 2.140 durchschnittlich 43-Jährigen Aktionären auf der Galerie Häppchen futtern, endlich dürfen wir nicht miträtseln, wo die investierten 6,3 Millionen Euro versenkt wurden. Das Unternehmen wendet sich laut Pressesprecherin übrigens an “ein wirklich breites Publikum”. OK: Leute, die die Basis für die Grundlage des Fundaments halten, sollten besser das Maul halten. OK, OK: Wenn euch das nächste Mal jemand so blöd zutextet und der Wurm hat nicht das Glück, sich hinter einer Magazinseite verstecken zu können, dann sagt ihm: “Ich hasse dich, du iPod-Nazi!” Für ein besseres Morgen: Nachmittags ruhig mal alles tropfen lassen, Kopfstärke beim Heimlich-Manöver, grausigen Gurkensalat meiden und den Grabschfingern ordentlich eins draufgeben.

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Für ein besseres Morgen...
Text: Anton Waldt aus De:Bug 96

The special K took my baby away

Wir kommen an und es geht los. Jedenfalls im Prinzip. In Wirklichkeit geht natürlich immer was schief: Wenn der dumme Rechner endlich mal mitdenkt und das ausgelaugte Hirn substituiert, wie er soll, läuft prompt beim Einschalten der Firewall Bier über die Tastatur. So wird das nix. Und wenn der Torrent für den angesagten Manga-Knaller zwei Wochen vor dem japanischen Kinostart 80 Seeds liefert, kommt bestimmt “Die weiße Massai” aus der Leitung: Da kichert der Ripper, aber so wird das bestimmt nie nix. Blamiert bis auf die schmutzige Unterhose, heißt es jetzt die strategische Spritreserve wegsaufen und dazu Katastrophen-TV gucken. So ist die Lage zur Debug-Deadline, eine Woche vor der Wahl – optimale Voraussetzungen, um über das Ergebnis zu räsonieren: Klar, dass wir das so nicht gewollt haben werden. Früher oder später fangen Gonzo-Guido und Fluff-Boy Oskar an, mit einer australischen Aga-Kröte vor dem Springerhaus abzuhängen, weil sie denken: Da wohnt bestimmt der Kanzler! Die coolen Bild-Tschabos haben für Penner selbstredend nichts übrig, höchstens dass mal eine mitfühlend christliche Sekretärin einen leicht angeschimmelten Big-Mac-Rest aus dem Fenster gallert. Wenn es regnet, lecken sie ein bisschen an der Kröte und solange Gonzo-Guidos iPod-mini noch Strom hat, teilen sie sich die Ohrstöpsel, um Dead Kennedys zu hören. Manchmal fährt das Krötensekret etwas zu heftig, dann zucken sie im Matsch und grölen laut mit, obwohl ihr Englisch sehr schlecht ist: Fluff-Boy Oskar steht ganz besonders auf “Kemikäl Worfär!”, Gonzo-Guide eher auf “Läz lünsch se ländlort”. So wird das natürlich auch nix. Nur die Aga-Kröte ist fein raus, weil ihre Brüder und Schwestern in Australien die übelste Zeit seit ihrem Import im Jahr 1935 haben. Auf einem Open-Air wurde nämlich unlängst bemerkt, dass die dummen Kröten magisch vom Schwarzlicht angezogen werden. In den Discofallen kriegen sie jetzt Saures für ihr Flagellantentum an der australischen Flora und Fauna, übrig bleibt giftiger Matsch. Stand jedenfalls im “Spiegel”. Daneben stand allerdings auch: “Die einst lebendige Metropole wirkt wie die verlassene Kulisse eines Katastrophenfilms.” So wird das erst recht nix, das kommt in diesem Fall wohl davon, dass Praktikanten mittels Fernstudium aus dem TV-Shoppingkanal zu Schreibtrollen mit Butterbrotfingern befördert werden. Freudscher Eierstock aber auch im Debug-Forum, das jetzt von Hopsis bevölkert wird, die beim Kirchentag nicht reingekommen sind. Und sie irren: Gott hat kein langes, schwarzes, zum Zopf geflochtenes Haar und er trägt auch keine Schlangenaugen-Kontaktlinsen. Gott hat auch mitnichten mehrere Jahrgänge Titanic oder gar drei Paar audiophile Kopfhörer mit selbst gelöteten Goldsteckern. Gott ist einfach eine Flat-Rate. Glasklar wie der dritte Fürst Bismarck nach einer Salzhering-Jause. Aprospos Kanzler: Porno-Gerhard hat es viel besser erwischt als Gonzo-Guido und Fluff-Boy Oskar. Porno-Gerhard muss auch keine Kröten lecken, um den Regen zu ertragen, weil Porno-Gerhard in der kuscheligen Küche von Westbam abhängt und lamentiert: “Das sind doch alles Totschläger und Wegtrinker, diese so genannten Politiker von heute!” Westbam schweigt und stiert. Porno-Gerhard haut sich noch eine Mulitvitaminbrausetablette ins Glas und suckelt Stumpen. Dann klingelt die Eieruhr und die beiden streiten ein bisschen über die richtige Rezeptvariante: Eineinhalb Kilo 1A-Haschbutter haben sie schon produziert, aber die Nussfrage ist noch vakant: “Mach doch, was de willst, mir stehts eh bis hier, was diesen Herrn Politiker heute so einfällt, da kommts mir echt hoch: Erst die Wahlkampfkostenrückerstatung versaufen und dann …” Porno-Gerhard sinkt theatralisch erschöpft in seinem Stuhl zusammen und kaut Stumpen. Nur gut, dass Westbam so ein knorker Kumpel ist: “Ey, aber Helmut Kohl, der hat doch echt genervt, ey.” Schade, dass das Checker-Joschka nicht hören kann, aber der ist wie immer auf die Füße gefallen und macht jetzt irre busy in Brandnew-Economy: Als Spammer verdient er auch schon wieder ordentlich, sein Hit ist der “Gewerbesauger für kleines Geld”. Und auskennen tut er sich: “In der Scene ist deine IP-Adresse deine Seele. Mit der kommen sie dir auf die Schliche. Wenn sie die rausfinden, dann gehörst du IHNEN.” So wird das eben nix. OK: Leute, die Dehydrierung für einen großen Hobbykellerspaß halten, sollten eigentlich das Maul halten. OK, OK: Wenn euch das nächste Mal jemand so blöd zulabert und die Sau hat nicht das Glück, sich hinter einer Magazinseite verstecken zu können, dann sagt ihm: “Zuckungen sind einfach nicht gut!” Für ein besseres Morgen: Heute tapfer sein und in Würde altern, auch mal loslassen können und dem Iran 1A-Atomwaffen schenken, Data-Retention verhindern und ganz flockig sein.

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Text: Anton Waldt aus De:Bug 94

Für ein besseres Morgen

Eines Nachmittags wacht man auf und merkt: Der Lutscher ist ausgelutscht, da ist nur noch ein feuchter, stinkender Stil. Und so was passiert in letzter Zeit nicht mehr nur Trance-DJs, Langzeitarbeitslosen und chronischen Rezept-Junkies, sondern auch CEOs, Politikern und A-Prominenten. “Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln”, hat beispielsweise Steve Jobs zu Apples neuem Konzern-Mantra erklärt und damit werden sich wohl ordinäre Chips mit proprietärer Software wirklich prima wegmeditieren lassen: “Bei mir hat’s jedenfalls geklappt”, bekannte Jobs und fügte hinzu: “Und das obwohl ich erst vor kurzem von Bier auf Crack umgestiegen bin. Das müsst ihr Rotznasen mir erst mal nachmachen.” Da wollen sich die Jungs von der Sternwarte natürlich nicht lumpen lassen und stellen keck die These auf, dass Kometen doch keine schmutzigen Schneebälle, sondern in erster Linie Gesteinsbrocken sind. Frech und irgendwie auch “fresh”, wie die Jugendlichen heute sagen, wenn sie “knufte” meinen und in Wirklichkeit ihre Desorientierung verbergen wollen. Wird aber auch alles immer vertrackter: Menschen, die Paris Hilton immer schon für doof hielten und ihr allein deshalb üble Beulen an den Arsch wünschten, weil sie sich einen Speicherplatz im Hirn erschlichen hat, auf dem auch nützliche Dinge wie die ersten 50 Kommastellen von Pi Platz finden würden, mussten zuletzt blass erstaunt feststellen, dass es doch noch was zu lernen gibt an dieser Oberfläche: Die Figur ist so unbestimmt, dass die Produkte, für die sie wirbt, einen positiven Imagetransfer leisten können, womit die herrschende Werbelogik endgültig umgekehrt wird. Die doofe Hotelerbin gewinnt nämlich Sympathien durch die leckeren Burger, für die sie wirbt, weil so leckere Burger können einfach keine schlechte Werbefigur haben. Wenn jetzt Carl’s Jr. von Paris für die Werbung noch was kassieren könnte, stünde auch einer Aussöhnung mit der fiesen Agentur-Welt nichts mehr im Weg – tolle Sache, fast so fresh wie der Neuwahl-Coup des neuen Apple-Chef-Beraters Gerhard Schröder. Seine alte Gang, die Hungrigen, die Satten und die Nervösen, ist natürlich schwer enttäuscht, weil sie nicht vorgesorgt hat mit coolen Berater-Verträgen. Jetzt hängen sie im Showroom des Club Goya an Berlins Budapester Straße ab, schnüffeln Klebstoff und beschimpfen potentielle Aktionäre. “Der hat uns echt auf dem falschen Dingsda erwischt, die Sau”, faselt Joschka und heischt nach Zustimmung von Otto, der sich allerdings gerade eingehend mit seinem linken Nasenloch beschäftigt: “Wenigstens ich hätte eine zweite Chance verdient, die Nationalhymne fehlerfrei abzusingen.” Hans pinkelt unterdessen neben das Designersofa und ist indigniert: “Besteht die Welt echt nur noch aus Schwächlingen, Zuhältern, Irren und Sex-Strolchen?” Da werden fünf gegeben, Patex inhaliert und der Fusel geschüttelt wie selig ’98 die Konzeptpapierchen. Traurig ist das trotzdem, und damit unserem properen Medienhaus so was nicht passiert, gelten in der Debug die strengen New-Economy-Regeln bis heute: Bevor das Brechsäckchen gezückt wird, erstmal Ralleystreifen auf die alte Karre kleben und sich dann aufs Lotto-Spielen konzentrieren. Flankierend werden jede Menge Google-Ads geschaltet und komme was wolle brav konsumiert, was da so angepriesen wird. Die Ultra-Beauty-Operators heißen ja schließlich nicht wegen ihrer coolen Fonts so, sondern weil ihnen die Körbchenvergrößerung zur Quartals-Routine geworden ist: Ein bis zwei Stunden Vollnarkose, manchmal auch nur örtliche Betäubung, stationärer Aufenthalt von ein bis drei Tagen, Fäden ziehen nach etwa 14 Tagen, vier Wochen speziellen BH tragen und Sport sowie körperliche Arbeit meiden. “Zimmer in Berlin” werden strikt zum überteuerten Stundenweise-Tarif gemietet und im “70er und 80er Retro-Look!” ausgestattet. Das treibt die Umsätze und wenn mal der Mann von der Bank oder dem Finanzamt vorbeischaut, kommen die täglich goutierten Seminare in “Körpersprache und Rhetorik” zum Einsatz: “Wenn sie in Vorträgen und Verhandlungen überzeugen müssen.” OK: Niemand hat hier bestritten, statt Büchern nur noch T-Shirt-Aufdrucke zu lesen. OK, OK: Wenn euch das nächste mal jemand so blöd zulabert und die Sau hat nicht das Glück, sich hinter einer Magazinseite verstecken zu können, dann sagt ihm: “Ego reimt sich nicht auf Team.” Für ein besseres Morgen: Sich mal wieder gründlich zum Löffel machen, Kinder füttern und nicht machen, den Lautlos-Modus reiflich nutzen und keine hanebüchene Scheiße auslassen.

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Text: Anton Waldt aus De:Bug 93

Wir sind abgekackt und wieder aufgekackt, jetzt wird durchgeblickt: Auch die renitenten Redaktions-Praktikanten können nicht länger leugnen, dass die großen roten Es, die überall in Berlin rumstehen, nicht an den Beginn der Ecstasy-Saison, sondern an Albert Einstein erinnern sollen. Durchblick auch sonst allenthalben rund um unser bescheidenes Druckwerk: Das neue Format ist endlich an einen Strand ohne Kopfschmerzen umgesiedelt und Zeitschriftenhändler in westdeutschen Hauptbahnhöfen erklären beim Erwerb jetzt ungefragt: “Das bedeutet entkäfern!” Jenseits dieser egozentrischen Idylle geht es allerdings weiter holprig dahin: Das Medium der “Spiegel”-Redaktion hat ein Alkoholproblem und bekommt bei der wöchentlichen Redaktions-Seance statt Rudolf Augstein immer öfter Walt Disney in den Seelen-Kanal. Ab Herbst wird es deshalb nur noch Hitler-Cover geben und um die Verwertungskette zu schließen eröffnet 2006 der verlagseigene Vergnügungspark “Hitler-World”, der neben dem üblichen Nazi-Kitsch wie dem Fisch-Brötchen “McDönitz” auch mit der weltgrößten Wasserrutsche aufwarten wird. Es gibt aber auch gute Nachrichten aus der verpeilten Abteilung: Die klugen Wissenschaftler haben festgestellt, dass “Kiffen vor dem Herzinfarkt schützt”, weil das THC die Aterienverkalkung verhindern kann – jedenfalls bei Mäusen mit einer Vorliebe für Bongs. Und in Berlin wurden gleich zwei neue Crossover-Jugendkulturen entdeckt: Die “Zombie-Fragger” spielen eine Gotcha-Variante, bei der rostige Spaten und zu viel Jägermeister zur Grundausstattung gehören, die “Antifa-Popper” sind dagegen laut einem seriösen Leserhinweis “hin und wieder druff, aber trotzdem politisch nicht verstrahlt”. Ein Zusammenhang mit der Tresor-Schließung und der Love-Parade-Absage wird von tonangebenden Trendscouts übrigens nicht ausgeschlossen. Im Mainstream ist unterdessen der Hype der letzten Trend-Saison, der Mitteficker, angelangt: Auch die Herrn Politiker wünschen sich viel mehr Geschlechtsverkehr im Land, allerdings ohne Präser, damit möglichst viele stramme Beitragszahler für die Sozialkassen dabei rumkommen. Bevor jetzt allseits die Brechsäckchen gezückt und die Mutterkreuz-Produktion wieder angeworfen wird, sollte vielleicht etwas gegen die Arterienverkalkung getan und auf Helge Schneider gehört werden: “Die Herrn Politiker … die solln doch erstmal einen durchziehen … bevor sie was entscheiden.” Und beim Wegdösen können sie darüber nachdenken, wie charmant und cool das Aussterben gerade für die Deutschen sein wird: “Jetzt haben sie endlich mal einen vernünftigen Schlussstrich hinbekommen”, wird es heißen, wenn 2090 die letzten Deutschen in der “Hitler-World” bestaunt werden: “Sie waren zwar Arschlöcher, aber sie haben sich freiwillig vom Acker gemacht”, werden die Besucher sagen, wenn sie Wabo-Soße zu den Torpedo-Fritten bestellen. “Ganz schön clever: keine langweiligen Jugendlichen hier – richtig schön luftig”, werden sie anerkennend feststellen, bevor sie die letzten Deutschen mit McDönitz-Burgern bewerfen und anschließend mit dem Magnetschwebebahn-Express “Papa-Ratzi” durch das leere Land die Heimreise antreten. Papst Benedikt XVI wird dann mit 163 Jahren zwar auch schon ordentlich wackeln, aber garantiert nicht im fatalen Rhythmus jugendlicher Verderbnis: “Solche Musik legt die Schranken der Individualität und der Personalität nieder; der Mensch befreit sich darin von der Last des Bewusstseins. Musik wird zur Ekstase, zur Befreiung vom Ich, zum Einswerden mit dem All”, hat der Mann nämlich schon vor mehr als zehn Jahren messerscharf analysiert: “Die profanierte Wiederkehr dieses Typs erleben wir heute in der Rock- und Pop-Musik, deren Festivals ein Antikult gleicher Richtung sind – Lust der Zerstörung, Aufhebung der Schranken des Alltags und Illusion der Erlösung in der Befreiung vom Ich, in der wilden Ekstase des Lärms und der Masse.” Der Mann ist einfach zu smart und muss anscheinend immer recht haben, aber: Klugscheißer mag keiner, nicht mal wenn sie dem Kult um den untoten Gott vorstehen. Oder wenn sie T-Shirts tragen, auf denen “Delfine sind schwule Haie” steht. OK: Wenigstens das kann man Herrn Ratzinger nicht vorwerfen. OK, OK: Wenn euch das nächste Mal jemand so blöd zulabert und die Sau hat nicht das Glück, sich hinter einer Magazinseite verstecken zu können, dann steckt ihm: “Präpotentes Arschloch kann ich selber.” Für ein besseres Morgen: rostigen Spaten nicht vergessen, die Liste mit den Themen, zu denen man keine Meinung hat, ordentlich ausbauen, immer schön spotzig sein und es mit Chris Korda halten: “Save the planet, kill yourself.”

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Für ein besseres Morgen
Text: Anton Waldt aus De:Bug 91

Für ein besseres Morgen

Roland Koch wird Bundeskanzler, U2-Bono Weltbankchef und schwer erziehbare Kinder müssen jetzt “verhaltensoriginell” tituliert werden: “Das war aber wirklich originell von dir, Klausi, dich mit dem Butterfly in Ramonas Gesicht auszudrücken.” Aber auch knallhart recherchierte Filmdokumente versuchen uns einzureden, dass früher doch alles besser war: Kommen zwei junge Frauen aus dem Arbeitsamt, sagt die eine: “Ich habe Arbeit!” und die andere erwidert: “Ich auch!”. Daraufhin umarmen sie sich und gehen schließlich eingehakt ab. So stellt jedenfalls die US-Produktion “Ein Richter für Berlin” von 1988 die deutsche Realität von 1978 dar. Und während im weiteren Verlauf des Films Martin Sheen als Richter Guantanamo-Verhältnisse mit dem Hinweis verhindert, er sei ja schließlich “kein Nazi”, kann man sich trefflich vorstellen, wie die beiden en passant in Lohn und Brot gebrachten Frohnaturen nach Hause gehen, eine dufte Scheibe auflegen und einen Leserbrief an die “Bravo” schreiben: “Liebe Bravo! Wir sind ganz tolle Fans von euch und das Olivia-Newton-John-Poster war spitze! Genial wäre es, wenn ihr mal wieder was über Black Sabbath bringen könntet!” 2005 sagen junge Leute im TV Sachen wie “Mein Körper besteht aus schmierigem Schleim und stinkender Rotze” oder gleich krypto-neoliberales Zeug wie “Spuzi-Bomm-Schlauba”, und statt ausgesuchter Höflichkeiten bekommen Musikmagazine von ihren Lesern Meldungen wie diese geliefert: “ey da war ich mal bei eurer scheisshaustour, luciano war cool, die de:bug hauseigenen assi djs waren schwulstens, eigentlich keine gute werbung. guten tag ihr trotteln.” Der ungestüme Leser reflektierte mit diesem Kommentar übrigens die Auftaktveranstaltung der Debug-Tour in Wien und ein anderer Kommentator reüssiert aus dem gleichen Anlass mit folgenden Zeilen: “Genau sollen wir lieber finlandia kaufen oder de-bug. wahrscheinlich zuerst finlandia, wenn besoffen dann de-bug falten reinkotzen und fertich.” Dabei hatten wir uns schon dafür entschuldigt, dass Papst und Dalai Lama das köstliche Getränk unseres Sponsors noch nicht zu integrativen Bestandteilen ihrer Weltanschauungen gemacht haben: Im Trendland Madagaskar gibt es nämlich eine lokale Gottheit, deren amtliches Lieblingsgetränk Coca Cola ist, also kaufen auch die Ärmsten reichlich, um ihrem Gott was auf die Erde zu kippen, der offensichtlich auf diese Art trinkt. Aber auch nach unserem Bekenntnis zu dieser Benchmark des viralen Marketings sagt der kundige Leser: “im langweilig sein die chefmässig aufgetretten – gähn”, was stark nach “Spuzi-Bomm-Schlauba” klingt und das verstehen wir ja auch nicht. Sämtliche Hoffnung auf eine baldige Besserung der Situation und eine akkurate Ausdrucksweise macht ausgerechnet die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” hin, die kaltschnäuzig erklärt: “Wir sind verdammt zur Verlängerung der Jugend.” Exakter: zur ewigen Verlängerung. Das kann auch echt abgebrühte Teekannen mürbe machen, vor allem weil zu befürchten steht, dass die Charme-Bestandteile eines keck aus dem Saft sprießenden “Spuzi-Bomm-Schlauba” mit den Jahrzehnten verdunsten und durch bewährte Ungustl-Elemente alter Sackhaftigkeit ersetzt werden, wie das derzeit vom “spektakulären Club für Erwachsene” vorexerziert wird: Das Metropol am Berliner Nollendorfplatz soll dafür ab Ende des Jahres “Goya” heißen, und alle, die jetzt ein Aktienpaket für schlappe 3.960 Euro kaufen, dürfen nicht nur für umme rein, sondern auch auf den zweiten Balkon. “Goya” attestiert sich selbst ein “integratives und avantgardistisches” Konzept, die passenden Angestellten sollen dafür bitteschön “bescheiden und loyal” sein – übrigens auch die DJs, die nach dem Casting erstmal das fix und fertige Musikkonzept büffeln müssen: Der “hauseigene Stil hat seine Wurzeln in Global Beats, Jazz und Soul.” Aber Hallo! Natürlich nicht in “Welt-Musik für Wollsocken, sondern zeitgenössische, nach vorne gewandte Sounds.” Für junge Menschen, die sich nach einem Beruf umsehen, lautet die Alternative demnach: Goya- oder Lidl-Casting. Es gibt ja auch zwei Sorten Bartschatten und der im Gesicht kann je nach Licht- und sonstigen Umständen vorteilhaft wirken, der andere spackt immer nur blöd im Waschbecken. OK: Lidl verlangt von seinen Hilfskräften nicht, ausschließlich seine eigenen Dosen anzufassen, Goya-DJs verfaulen dagegen die Hände, wenn sie für Nicht-Aktionäre Platten drehen. OK, OK: Und wenn euch das nächste mal jemand so blöd zulabert und das Schwein hat nicht das Glück, sich hinter einer Magazinseite verstecken zu können, dann schmettert ihm entgegen: “Schreib das doch in deinen Weblog.” Für ein besseres morgen: Die explizite Pest verklausulieren, Göttern mit Lieblingsgetränken misstrauen, Castings noch strikter meiden und ordentlich was wegziehen.

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Text: anton waldt aus De:Bug 90

Für ein besseres Morgen
Aus dem versprochenen Wellness-Jahrtausend wird wohl wieder nix. Ein Jahr
nach Nipplegate werden sogar die Schaufensterpuppen immer obszöner, die NPD ist auf dem besten Weg, eine Partei mit “umstrittenen Ansichten” zu werden, und das Leben nach GTA: San Andreas ist ein einziger Bauchfleck. Unterdessen machen die Temperaturen ohnehin fragilen Nasen mächtig zu schaffen und die Flüche der alten Fürze, die ihr verfaulendes Fleisch verdammen, hallen trostlos durch nächtliche Straßen. Hin und wieder ertönen dazu verdammt fröhliche polyphone Klingeltöne, auf dass sich das unappetitliche Husten, Schniefen und Brabbeln der Alten mit den akustischen Zeugnissen jugendlichen Verderbens zu einem bedrohlichen Soundbrei mischt. Prompt machen Gerüchte die Runde: Besonders sensible Zeitgenossen sollen Fachgeschäfte für Schreibwaren aufsuchen, um sich mit extraharten Bleistiften und Präzisionsspitzern ausgerüstet zielstrebig die Trommelfelle zu perforieren: “Das hör ich mir nicht länger an” und “Hauptsache Bass” werden als beliebte Kommentare kolportiert. Klugen britischen Wissenschaftlern ist das natürlich viel zu subjektiv, daher haben sie akribisch nach den Ursachen der grassierenden Verderbtheit geforscht und
dabei Erschreckendes festgestellt: Die durch und durch heikle Phase der Jugend erstreckt sich mittlerweile über fast die Hälfte der gesamten Lebenszeit. Die üblichen Benchmarks für den glücklichen Abschied vom Trichtersaufen, Pillenessen und die Rabatten Vollkotzen lauten dabei: E
erfolgreicher Schulabschluss, eigenes Geld verdienen und nicht mehr bei den Eltern wohnen. Keine so schwere Übung, könnte man leichtfertig denken, aber in Großbritannien erfüllt inzwischen nicht einmal mehr ein Drittel der Dreißigjährigen diese “Reifekriterien”. Schlechte Entwicklungsprognose also
auch für Prinz Harry, auf den wir gerade noch so stolz waren, weil er im Johnny-Rotten-Kostüm seine Untertanen verschreckte. Kluge deutsche Wissenschaftler haben ja keine Prinzen zum Missverstehen und erklären die Verhältnisse auf der Insel außerdem mit dem Fallout einer seit Jahrzehnten
gehätschelten, Export-orientierten Popmusik-Industrie: “Das kommt davon,
wenn man The Streets hört und nicht die Söhne Mannheims und außerdem haben wir viel bessere Reifekriterien”, sagen die klugen deutschen Wissenschaftler und reiten uns damit erst recht so richtig in die Scheiße: Erwachsen ist demnach nämlich, wer damit beginnt, wieder freiwillig früher ins Bett zu gehen. Eine Untersuchung der Schlafgewohnheiten von 25.000 Deutschen und Schweizern hat angeblich ergeben, dass Heranwachsende ihre Schlafphasen erst immer tiefer in die Nacht verlegen, aber irgendwann “sogar an den Wochenenden” dieses unvernünftige Verhalten wieder
einstellen. Genau an diesem Punkt gilt man dann als erwachsen und Frauen sollen mit 19,5, Männer mit exakt 20,9 Lenzen soweit sein. Womit die Ergebnisse vor allem den Verdacht nähren, dass die klugen Wissenschaftler selbst noch ziemlich viel Trichtersaufen, Pillenessen und die Rabatten Vollkotzen praktizieren und anschließend ihre Zahlenbasis nicht mehr im Griff haben. Vielleicht ist aber auch alles ganz anders und die Doktoranden haben polyphone Klingeltöne. Oder der Wissenschaftlernachwuchs raubt den klaren Verstand, weil er jetzt doch nicht mehr Biologie studieren will, sondern
sofort Lidl-Superazubi werden. Erster Merksatz des Jahres: “Ein Drecksjob bleibt ein Drecksjob, auch wenn er mit dreckswitzigen Werbespots angepriesen wird.” Zweiter Merksatz des Jahres: “NPD-Wähler sind keine Modernisierungsverlierer, sondern dumme Arschlöcher.” Der erste Merksatz ist übrigens nicht zynisch, weil immer saugen wird, die Sauerei in Reihe drei aufzuwischen. Der zweite Merksatz ist übrigens nicht banal, weil offensichtlich auch 66 Jahre nach dem fingierten Überfall auf den Sender in Gleiwitz [“Fall Weiß”] nicht klar zu sein scheint, dass jede Nazi-Aggression eine sorgsam konstruierte Opferrolle voraussetzt. “Das ist mir hier alles viel zu negativ und überhaupt, wo bleibt das Positive?”, fragen die unverbesserlichen Optimisten und sie sollen ihr Futter kriegen: Polen ist jetzt super, weil es europäische Softwarepatente erstmal torpediert hat. Das scheint bei anderen EU-Ländern mächtig Eindruck zu schinden und nun kann der frohen Erwartung gefrönt werden, dass die Patentierbarkeit “computerimplementierter Erfindungen” der Rohrkrepierer des Jahres wird. Und Frankreich ist jetzt super, weil der erzkonservative “Nouvel Observateur” eine Initiative für den repressionsfreien Tausch von Musik im Internet lanciert hat. Aus einem Land, das sich über Zivilisation definiert, hören sich Aufrufe zur Rettung der Kultur vor den Klauen der Verwertungsindustrie richtig gut und vernünftig an und außerdem erwarten wir täglich, dass sich die FAZ ein Beispiel nimmt und der heimischen IFPI gehörig in den Arsch tritt. Für ein besseres Morgen: Auf keinen Fall den neuen Trend zur Faulheit verpennen, Wundsalbe horten, die DNA von Ladendieben als neuen Gral der Zivilgesellschaft hüten und Nasivin niemals länger als eine Woche anwenden.

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Text: anton waldt aus De:Bug 89

Für ein besseres Morgen

Einfach nur vor dem Fernseher rumhängen war auch schon mal einfacher. Die
wohlriechende, gut angezogene Elite rümpft die Näschen, wenn jemand “SuperRTL” sagt, und kennt die wirklich wichtigen TV-Serien immer schon zwei Jahre vorher – natürlich im O-Ton, der ja allein die Lacher an den richtigen Stellen sicherstellt. Die uncoolen Schlappsäcke kuscheln sich dagegen in ihre Sofasitzkuhlen und geben sich dem Strom der vorprogrammierten Bilder hin. Dabei wird die abgegrabschte Fernbedienung süchtig in fettigen Händen balanciert und konstant befingert, um mit der
Kanalwechselfunktion permanent zwei elektronische Schleimspuren im Blick zu
behalten. Wohlfühlen und Kontrollwahnsinn in perfekter Harmonie – das hat eine gefühlte Ewigkeit lang funktioniert, aber zuletzt fiese Dellen bekommen: 2004 war das Jahr, in dem die Edutainment-Schnösel auf erniedrigende Weise Recht bekamen, weil das reguläre TV-Programm, das der normale Haushalt so über Kabel bekommt, ganz übel abgestunken ist. Auch im Licht von sechs Bier und einer Bong betrachtet war das Gebotene meistens langweilig, abgedroschen und mies. SMS-Chat-Laufbänder, Crossmarketing, Glücksspiele am Rande der Legalität, knauserige Serien-Einkäufe und billige Pseudo-Reality haben zahllose Stunden wertvoller Medienkonsumzeit
verknuspert, ohne dass dabei der gewohnte Trash-Erfahrungsfaktor abgefallen wäre. Und die fiese B, -C,- D,- und E-Prominenz muss so viel Sendezeit wie noch nie mit ihren Fickgeschichten füllen, womit das BILD-Aufmerksamkeitsprinzip, das selig Wallraff in den 70ern beschrieben hat, neuen Höhepunkten zustrebt. Mach eine Wurst zum Medienhans und du kannst ihn bei der nächsten Tombola verramschen. Ein fieser Teufelskreis, aus dem nur Selbstmord, Selbstverleugnung oder ein Paradickmannwechsel helfen. Moralist sein war übrigens auch schon mal einfacher. Die Eckensteher wispern: Tag der Ehre – da gibt’s was auf’s Maul. Die in der U-Bahn rüpeln: Was guckst du, Alter? Und ziehen sich Heroin durch die Nase. Und die vom Spiegel zetern neidisch: “Robbie Williams hat in einem Interview gesagt, er würde wahrscheinlich weiter Drogen nehmen – wenn der Stoff ihn bloß nicht so fett machen würde.” Ja liebe Jugendschützer, da wird man aber echt sauer auf Herrn Williams. Und: Ja, liebe Jugendliche, der Stoff macht fett – oder ihr seid beschissen worden: “Totally fucked, can’t hardly fuckin’ stand. This is fuckin amazing; argh.” Alte, übergewichtige
Furze, die höchstens noch dann und wann ihre Laptops vollkotzen, finden das selbstredend alles Pillepalle und retten sich über das peinliche Schweigen, das sie irgendwie immer öfter umgibt, zuletzt mit Rülpsern, was wiederum der Reputation und dem Sozialleben nicht zuträglich ist und so eine verhängnisvolle Eigendynamik entwickelt: Zwanzig Jahre nach Band Aid sagt Bob zu Bono: “Wir müssen noch tiefer sein und daher muss ein Bambi auf das Cover, und das muss dem hungrigen Neger auf den Arsch glotzen.” Begehrlichkeiten sudern sich ihre Bahnen und so sangen sie wieder und wieder: “And tonight thank God it’s them, instead of you” als die perfekte
Welle das perfekte Weihnachten hinmachte: “Globalisierung ist eben keine Einbahnstraße”, schaltet Bob genauso flott wie zerknirscht, und wenn das stimmt, dann sind jetzt wohl Terrorismus und Tourismus die Gleitmittel des weltweiten Geschlechtsverkehrs.

JENSEITS DER ALGENGRÜTZE
Wenn der Optimismus irgendwann den Schleim besiegt hat, sollte man aber wieder mal geradeaus gucken. Darauf freuen wir uns schon: Windräder werden Nazis vergrätzen. Die DLRG hat jetzt in der Prenzlauer-Allee eine Niederlassung. Die passenden Tauchkurse kann man auch schon in Berlin Mitte absolvieren. Debug-Redakteure schwören auf Augen-Gymnastik. Nicht nur Putin und Schröder bekommen im ICE einen 1A-Kaffee. Häuser beschlagnahmen statt besetzen wird der neue Supertrend, die Mieteinnahmen werden uns ernähern und liebkosen wie Mana, und Maut auf alle Autos auf allen Straßen wird dazu den Champagner spendieren. Die Leichtigkeit des Nutzlosen, ein Schlemmerstück der Dienstleistungsgesellschaft. Für ein besseres Morgen: Präpotente Arschlochhaftigkeit strikt meiden, viel Rauchen, sich an knuddeligen Dingen erfreuen, und immer schön den Griff an die Nase trainieren. Oder aber, wie das mein Mann Rapp formuliert: “Deep House macht weiter. Trance macht weiter. Miami Bass macht weiter. Techno macht weiter. Drum n Bass macht weiter. Chicago House macht weiter. Dub macht weiter. Electronica macht weiter. Detroit Bass macht weiter. Schranz macht weiter. Garage macht weiter. Wir machen weiter.”

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Text: Anton Waldt aus De:Bug 87

A Better Tomorrow

Hitlers drogenabhängige Urenkel werden immer schlaffer, die Kackspechte aus der Musikabteilung wittern Morgenluft und Käptn Iglu rotiert im eisigen Grab: Photoshop hat zugeschlagen und dem alten Mann seine lustige Gabel genommen. Im neuen Logo konnte der Käptn auch mit seiner neuen Brille nichts als einen farbigen Batzen mit zu viel Farbverlauf ausmachen, das hat ihn über die Planke getrieben. Über die ist nach kurzem, aber echt lauten, Buhei vorerst auch die “Quote für deutsche Popmusik” gegangen, aber sie wird zur ungeeigneten Zeit garantiert wieder auftauchen und weitere Blut-oder-Boden-Verwirrung stiften: Fallen die Reeperbahnmitschnitte der Beatles in die Quote? Oder Elvis Kracher vom “Städele”, aus dem er hinaus muss? Oder beides nicht, weil die Herren keine deutschen Ausweispapiere besaßen? Eine Popkomm plus eine Kulturausschuss-Sitzung des Bundestages sind mit diesen Fragen schnell gefüllt, da schmecken die Anti-Downloader-Käse-Schrimps-Häppchen beim anschließenden Buffet gleich nicht mehr ganz so schal und es lässt sich trefflich über neue Pauschalabgaben und andere Fiesematenten räsonieren. Über die Quote für deutsche Musik und wie die jetzt klingen muss, wird später noch mal debattiert, schließlich kann man nicht alles auf einmal haben und der Sommer hat ja immerhin schon eine neue Nazi-Benchmark für Landtagsabgeordnete und eine allgemein gültige Hitler-Quote gebracht. So ein nettes Führertitelbild zum Ausschneiden und an die Wand hängen wird der Spiegel jetzt jedenfalls mindestens einmal im Jahr bringen, Guido Knopp wird im nächsten Fünfjahresplan des ZDF seine Produktion mindestens verdreifachen und Bernd Eichinger arbeitet an Remakes seiner größten Produktionserfolge mit dem GröFaZ als jeweils neuem Hauptdarsteller: “Die unendliche Geschichte II”, “Wir Kinder vom Bahnhof Zoo II”, “Ballermann 6 II” und “Werner – Beinhart II” sollen die Nachfrage nach dem endlich entdeckten “Menschen Hitler” befriedigen und gerade durch diesen ganz persönlichen Zugang aller Konsumenten deutscher Popmusik die Dringlichkeit eines permanenten Sitzes im UNO-Sicherheitsrat für die Achsenmächte Deutschland und Japan begründen: Menschen, die nur noch den Mitmenschen Hitler an der Nadel oder auf dem Zauberdrachen sehen, haben nämlich bestimmt auch die richtige Haltung für Friedens-erhaltende oder – sichernde Militäreinsätze rund um den Globus. Da freut sich der Herr Außenminister und der Kanzler auch. Blöd nur, dass der letzte deutsche Kaiser kein Katholik war, sonst könnte man den jetzt auch noch selig sprechen lassen. So ein seliger Kaiser hat ja jede Menge Vorteile, er bringt Glanz in die Zeiten vor der ganzen langweiligen historischen Normalität und es wird kolportiert, dass er auch den inneren Schweinehund aus dem kollektiven Bewustsein pusten kann. Das wäre Klasse, weil dann die Seelen frei baumeln könnten und so schaukelnde innere Werte sind ja die Basis für gute Popmusik, die dann massenhaft produziert wird und nicht nur hier zu Lande die Radioprogramme zu reinem Zucker macht, sondern natürlich über die Soldatensender weltweit genossen werden darf. Für ein besseres Morgen: E immer gut schütteln, GEZ für den “Internet-PC” verhindern und Montag bis Freitag um 12:50 brav “Mucha Lucha” auf RTLII schauen.

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Für ein besseres Morgen
Text: Anton Waldt aus De:Bug 85

Wenn die Moral nachlässt, fängt sofort der Schmerz an, erst recht in der Clubfrische. Die erste Verdunklung des obligatorischen Silberstreifs ging dabei ausgerechnet auf die Kappe der werten Leserschaft, die nicht mal hundert Zeilen Gonzo aus Barcelona ohne Meckertran abkonnte. Prompt heulte die Notbeleuchtung im Debug-Gefechtsstand los, die Marketingabteilung begann hektisch mit Gucci-Schweißtüchern zu tupfen, die Grafikdivision zog Hosen an, das Plan-B-Siegel wurde erbrochen, die vorgesehene Notration Champagner runtergeschüttet und Softraven als das neue Sommerding geboren: weniger Zuckerschlecken, mehr Zappeln, voll im Trend: “Welche Genüsse gibt es für eine 21-jährige, allein erziehende Mutter von drei Kindern in einer Sozialwohnung? Der einzige Genuss ist oft, sich eine anzurauchen”, erläutert der geschätzte britische Gesundheitsminister John Reid “eines der wenigen Vergnügen der Armen”. Der Tiefpunkt ist allerdings weder in der Sozialwohnung noch beim Softrave erreicht, jede Menge unknorke Scheiße am Start in diesem Sommer: Da saßen zum Beispiel die Herren Schirrmacher, Aust und Döpfner mit Erektionsproblemen auf Sylt fest und verlangten lautstark nach Linderung und Restauration. “Mir steht der Sinn nach einer Hunnenrede”, delliert Aust und setzt die Calvados-Flasche auf 180 Grad. “Richtig fragen und bloß kein grünes Blut”, assistiert Döpfner und lässt unheilvollen Odem über die Dünen von Westerland ziehen. Gezielt das Mütchen kühlen heißt in diesem Fall: Traditions-Herausgeber Laarmann, der schon 1994 sagte: “Einige werden sich noch sehr wundern, wenn das passiert, was
passieren muss und wird”, aus dem Keller holen, auftauen und mit
umfassenden Spesenvollmachten an den Strand beordern, auf dass sich Kohl auf Kokain und Schröder auf Methadon neutralisieren. Die Deutsche Post will
unterdessen was gegen Alcopops und sonstige Verrohungstendenzen unternehmen
und hat daher ihre Paketformate geändert, schließlich führen Mailordertum und der Handel mit gebrauchtem Vinyl schnurstacks zu DJ-Nachschub und wo an diesem kein Mangel herrscht, blühen Clubs mit fragwürdiger Einstellung zu feuerpolizeilichen Auflagen und sonstiger Verkehrspolitik und dem sollte entschieden Einhalt geboten werden – wobei leider die Reformunfähigkeit der Trolle brutal unterschätzt wurde: Platten kommen jetzt nämlich mit viel Luft zweifelhafter Herkunft an und die Jugend verfuselt unter dem dräunenden Einfluss von Weinalkohol erst recht und wird immer frecher. “Ganz schön Scheiße hier ohne Drogen, was?” Sowas haben übrigens auch die einbeinigen Praktikanten gemurmelt, als sie zuletzt gesichtet wurden. Wollten wohl weder die neue Feten-Doktrin noch die luftigen Paketstapel länger mittragen und haben sich wegen des Prozacs im Trinkwasser und solider Grime-Sause nach London abgesetzt. Für ein besseres Morgen: Softraven, so lange es auszuhalten ist, Papperlapapp bloßstellen, das Sylt-Kartell zerschlagen und viel Rauchen.

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Text: Anton Waldt aus De:Bug 81

Für eine besseres Morgen

Statt sich am Frühling oder anderen knuddeligen Dingen zu erfreuen wie der Glückspilz von einem schottischen Busfahrer, der unlängst einen 428 Millionen Jahre alten Tausendfüßer gefunden hat, werden die Schlaumeier dieser Tage immer spitzfindiger. Es dürfte daher angeraten sein, die Fettnäpfchen in Erwartung des nächsten Schlaumeiers zum Beispiel mit Campingkochern ordentlich zum Sieden zu bringen. Wie witzig das digitale Leben wird, wenn Schlaumeier mit einem abgeschlossenen Jurastudium sich auf das Verklagen von Schulkindern und anderen Verbrechern verlegen, ist bald keine exklusive Erfahrung von US-Bürgern mehr: Das EU-Parlament hat Mitte März in recht trauter Einigkeit die “Richtlinie über die Maßnahmen und Verfahren zum Schutz der Rechte an geistigem Eigentum” durchgewunken, nur die grüne Fraktion verhielt sich in diesem Fall korrekt und lehnte ab. Die Richtlinie sollte sich ursprünglich gegen Fälscher von Bremsschläuchen oder Modemarkenramsch richten, die Berichterstatterin zum Thema, Janelly Fourtou, ist allerdings zufällig die Gattin des Vivendi-Chefs und so entstand eine Gesetzvorlage gegen Filesharer und unbotmäßige Besitzer von CD-Brennern. Wenn die Direktive in den Mitgliedsländern umgesetzt ist, können wir uns auf lustige Hausdurchsuchungen wegen des Verdachts der KaZaA-Nutzung gefasst machen. Und als ob das nicht Arsch genug wäre, schleichen sich durch die Richtlinie die unseligen Software-Patente wieder an, nachdem sich die Hörste (Plural zu Horst) im EU-Parlament im letzten Herbst in einem ihrer offensichtlich raren nüchternen Momente wenigstens gegen diesen Schwachsinn ausgesprochen hatten. Wobei “Irgend so ein Horst” zwar eine schöne Redwendung ist, aber auf absehbare Zeit auf der DeBug-Blacklist landen dürfte und in diesem Fall können wir uns bei den Schlaumeiern Merkel, Westerwelle und Diekmann bedanken. Bordell, wohin man auch blickt, so auch hier: “Erschreckend, ich bin jetzt genauso alt wie Hitler, als er so alt war wie ich”, stellt Herr Rubinowitz fest, wobei er allerdings unterschlägt, dass man die Flasche Schnaps ja auch als halb voll betrachten kann: “Fantastisch, ich bin jetzt genauso alt wie Wernherr von Braun, als der so alt war, wie ich jetzt, und da war er schon kein Nazi mehr, sondern hat Amerikaner zum Mond geschossen.” Von Brauns Enkerln haben unterdessen am Rave gelernt und deshalb bekommen die Iraker jetzt was auf die Ohren und das ist dann schon nicht mehr so gut, allerdings immer noch besser als erschossen werden: Das “Long Range Acoustic Device” (LRAD) macht zielgerichteten Lärm, der mit 150 Dezibel auf 30 Meter Entfernung jeden Querulanten vertreiben soll. Da das handliche Gadget nicht nur fiese, psychoaktive Brummtöne beherrscht, sondern auch aus beliebigen Soundquellen gefüttert werden kann, dürfte es auch drollige neue Partyszenen in “Three Kings II” geben. Für ein besseres Morgen: Ersatz für Horst suchen, mit der Demokratie in der EU Ernst machen, sich an knuddeligen Dingen erfreuen und spitzfindige Schlaumeier frittieren.

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Elektronische Lebensaspekte.

Zurückblicken kann in seelischen Notlagen mit dauerhaften Dellen im Schadensprofil enden. Deshalb hat der De:Bug-Kopfspengler - für alle ohne das Lexikon der charmanten Mundartwendungen: der Klempner -, also der durchaus berechtigt um die Organe der werten Leserschaft besorgte Spezialist nachdrücklich und unter Kastrationsdrohungen angemahnt, das Gute auf keinen Fall zu kurz kommen zu lassen und das am besten gleich am Anfang. "Kein Prob, Doc, wir sind ja keine unverbesserlichen Grantler."
Text: Anton Waldt aus De:Bug 78

Für eine besseres 2004

Toll war in 2003 zum Beispiel, dass der gut ausehende, coole, aber sozial deklassierte Tschabo als auch noch läuterbarer Verbrecher in deutschen Krimiproduktionen voll angesagt war und damit ein Klima der sozialen Wärme verbreitet hat. Und auch bei anderen Pantoffelkinoformaten flossen zu Fug und Recht Tränen der Rührung, etwa wenn Bernd und Bob unseren geschwächten Gemütern Mut einflößten und auch noch der Hoffnung auf eine Generation mit aufrechten Vorbildern fette Nahrung gaben. Voll Klasse und lichtverbreitend waren auch die Wissenschaftler, von denen sich ganz ehrlich nur der kleinste Teil mit Killerbakterien, die uns alle zu grauem Matsch verdauen, beschäftigt. Die anderen finden aufrechte Sachen raus, wie dass Mäusehirnen zuviel Sport überhaupt nicht gut tut, woraus unweigerlich folgt, dass sich dünnbrüstige, latent von Keuchhusten bedrohte und chemisch uneinwandfreie Zeitgenossen ganz und gar zu Recht schlauer als die Leibesertüchtigten finden. Knorke, knorke, knorke natürlich auch der 500ste Geburtstag des wichtigsten Blutergänzungsmittels: Wenn man noch mehr Stoli saufen könnte, hätten wir es getan. Großes Gästelistenplatzehrenwort. Und auch anders veranlagte Schlucker können einer blendenden Zukunft entgegen blicken, wenn sich das Klima weiter so viel versprechend entwickelt und der erstklassige Bordeaux jetzt vor Frankfurt reift, während das Original von einer Überdosis Sonne pampig wird. Hippieske Liebe und Optimismus durchflutet uns bei der Lektüre der Bilanzen der Konzert- und Clubveranstaltungsbranche, die nur vom Wachstum der US-Wirtschaft im dritten Quartal übertroffen werden. Und wenn man so eine gute Welt schon gar nicht mehr packt, kommt auch noch Genosse Struck und heitert uns mit seinen klassischen Kader-Taschentricks auf: Was haben wir gelacht, als Günzel ging und Herr Koch sich umsah. Und demnächst geht auch noch die Musik-Industrie, wie wir sie kennen und nicht goutieren, den Bach runter. Echt prima Welt. Für ein besseres Morgen: Den Kühlschrank regelmäßig auf Herrenrassenbakterien kontrollieren, Unebenheiten beachten, Schnaps immer in viel Seidenpapier einwickeln, mal wieder Es zu Abend essen, präpotente Arschlochhaftigkeit strikt meiden, Nebenstellen aufsuchen, Retro-Sampler mit der Dampfwalze reorganisieren, immer hübsch beim Thema bleiben, Lines nach dem Rasenmäherprinzip anordnen, Klarschiff machen, nach dem Gießkannenprinzip Trinkgelder verteilen, Finger weg vom De:Bug-Aschenbecher und bloß nicht nüchtern werden. Und weil einem von so viel Optimismus ja irgendwie doch übel wird.

Wenn die Herren Redakteure sich im Dezember in ihren Clubsesseln vor dem Kamin scharen, um zu checken was bleibt, ist das Ergebnis meistens Porno. Und während der “Kampf gegen den Terrorismus” endgültig zu einer Phrase verkommen ist, mit der von der Hundesteuer bis zum Kolonialkrieg alles vermarktet wird, gibt es neben den symbolischen auch ganz konkrete Ferkeleien: Der Imam von Guantanamo, ein konvertierter West-Point-Absolvent, wird jetzt nicht mehr der Spionage und sonstiger Hintertreibereien beschuldigt, sondern des Speicherns von Pornografie auf Regierungseigentum. Die Schlacht des Imperiums gegen das Böse reduziert sich damit wirklich auf Moral- und Stilfragen, aber die haben es in sich: Handelt es sich um echte Nackedeis, oder gar um entblößte Taliban? Dann wäre es mit Gotteskriegern allerdings nicht weit her. Oder tragen die Mädels aus Kandahar nur nichts drunter? “Du gibst mir deine ganze Liebe, du schenkst mir all deine Küsse – und dann berührst du meine Burka und weißt nicht, wer das ist,” sang dazu die erste Girl-Group aus Kabul auf Viva, die treffsicher vom Goethe-Institut im Kampf gegen den Terror produziert wurde. Darauf wäre der Patron bestimmt genauso stolz, wie auf den Börsenverein des Buchandels, der die Wiedergeburt der deutschen Leseratte annoncierte, was wir mit Grauen unter den Zehennägeln bestätigen können: Im Kaufhof am Alex stehen an der Kasse der Grabbelecke zwei Moores neben einem Bohlen und der Plus am Kotti macht mit der Rowling das Maß voll. Im Mittel ergibt sich ein esoterisch verbrämter Penisbruch, an dem bestimmt Herr Bush schuld ist, weil wir dem Ami schon aus Prinzip nicht mehr trauen und uns daher lieber mit den Chinesen verbünden. Die einen, weil sie noch zu grün hinter den Ohren sind, die anderen, weil sie ihre Apokalypse-Angst vor dem NATO-Doppelbeschluss vermissen und die ganz anderen, weil sie dem Ostküsten-Establishment und dem internationalen Kapital schon misstrauen, seitdem es in Russland 1918 sein wahres Gesicht gezeigt hat. Dieser traurige Inhalt des deutschen Kopfs 2003 wird auch noch mit den miesesten Frisuren der letzten 500 Jahre dekoriert, natürlich ohne einen Gedanken an die Revival-Konsequenzen für 2015 zu verschwenden, gegen die sich der zählebige 80er-Schmuh wie ein heiteres Frühlingslüftchen ausmachen wird. Die Anstandsreste, die der üblen Haartracht trotzten, fielen schließlich den Puma-Schuhen zum Opfer, mit deren Hilfe die “Deutsche! Kauft nicht beim Ami!”-Schilder auf die Schülerdemo getragen wurden, oder aber den Alcopops, mit denen sich 14-Jährige auf ihre Jobs im Call-Center vorbereiten, wobei ja wenigstens die Motivation wieder OK geht: Das Gejammer der Werktätigen höre ich mir auch erst wieder an, wenn die ersten Jungwerber der etablierten Konkurrenz die Herzen rausschneiden, um danach mit Death-Row-Ads am chinesischen Markt vollbeschäftigt durchzustarten. Weil im Jahrzehntrückblick wird 2003 ja das Jahr, in dem wir was mit den Chinesen angefangen haben. Erstens, weil die einfach mehr sind, und zweitens, weil die nicht die Amis sind und sie allein deshalb jede Menge Props für eine Beteiligung an Galileo bekommen. Wie ja überhaupt die Kalte-Krieg-Weltraum-Symbolik wieder schwer angesagt ist, nur dass es jetzt eher um Satelliten- als um Mondhoheit geht, wogegen die mühsamen Sachen wie Demokratie und Menschenwürde schwere Wahrnehmungsprobleme haben, nicht zuletzt, weil die Neo-Cons hier Ratz-Fatz die Lautstärke aufgedreht haben, weshalb wir jetzt immer noch einen Pfeifton im Ohr haben, der daran erinnert, dass das Wahlrecht nach Kompetenz verlangt, was nicht leicht aber immer öfter von der Zunge geht. Außerdem haben unsere neuen Lover ja auch ein paar Irritationen in dieser Richtung zu bieten und da wollen wir doch die nächste Nummer nicht durch Zickigkeit gefährden. Zum Beispiel die geile Sause, wenn die Ex-IG-Farben-Firma Bayer 1,3 Milliarden biometrische Ausweise liefern darf. Die nächsten 300 Millionen gehen dann bestimmt auch noch flott vom Band, weshalb wir schon einen Termin für die Hinterlegung einer Speichelprobe haben, schließlich gibt es nichts zu verbergen und das Bier im Kühlschrank bekommt 2005 auch seine individuelle Funkchip-Nummer, was dann wenigstens das elendige Pfandproblem elegant lösen wird. Für ein besseres 2004: Verhaltensregeln von Seite 2 beachten.

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Text: Anton Waldt aus De:Bug 74

Der De:Bug-Wetterfrosch hat gesiegt, was die Layouter aus seinen Eingeweiden prophezeiten wurde wahr und die Sommerpause war aber sowas von angebracht. Die De:bug-lose Zeit wurde aber selbstredend nicht nur mit dem
Gerangel um den einzigen Redaktions-Liegestuhl und das letzte Redaktions-Bier vertrödelt, natürlich wurden auch die Praktikanten-Lemminge mächtig angeschnauzt, damit sie sich hurtig auf die Suche nach den angesagten Clubs in der weltweiten Sommerfrische begeben. Sollte ein ganz großes Special werden und endlich die Reiseveranstalter als Anzeigenkunden ködern. Außer unverschämten und völlig verdreckten Spesenabrechnungen ohne Quittungssubstanz kam aber nix rum, weil Sommerfrischler ein unbeständiges
Pack sind und Sommerfrische-Partyveranstalter windige Hunde. Was bleibt ist
das immer hippere Zuhausebleibing oder aber das wieder kommende klassische
Erholing, wobei letzteres im Erfolgsfall ein unangenehmes Erwachen zur Folge haben kann, wenn das Hirn so weichgekocht ist, dass einem wochenlang nicht mal mehr einfällt, warum bildende Kunst hassenswert ist. Menschen machen eben Fehler, auch wir machen Fehler. Und das am liebsten nach dem “Rasenmäherprinzip”, dem jetzt übrigens als Wort des Jahres die Revival-Konkurrenz durch den “Konsumterror” droht, was nicht unwesentlich
an der fehlenden Standarddemenzüberprüfung für 50+Texter zu liegen scheint. Menschen machen also Fehler, auch wir machen daher Fehler. Zum Beispiel zu Musikmessen jeansen, statt darauf zu warten, dass sie von alleine
angedackelt kommen. Und das nur, um eine Jammerpackung abzuholen, die sich
aber sowas von gewaschen hatte. Zwischen Schäferhund-Attrappen, Bravo-Postern, Kuckucksuhren, Hirschgeweihen, Skihütten-Attrappen,
Doppeldeckerbussen und anderem Gelsenkirchener Barock spülten salzige
Bächlein und dazu wimmerte es die gleiche Rotzballade vom bösen Netz, wie
schon seit vier Jahren. Einen erfreulichen Lichtblick bot lediglich die Demo des Bundesverbands der Veranstaltungswirtschaft, der den Plattenindustrie-Hugos seine vollen Brieftaschen zeigte und das Publikum eindringlich bat, doch bitteschön nicht mit den WarnerBMGSonyEMIUniversal-Luschen verwechselt zu werden. Letztere sind übrigens jetzt auch noch daran Schuld, dass ich meinen Schlafzimmervorhang auswechseln muss, was eine genauso leidige wie komplizierte Angelegenheit ist. Als unerschütterlicher Optimist traut man ja einer Anti-Nazi-Organisation mit einem so wunderschönen Logo wie der EU über
Gebühr nichts Böses zu, aber nachdem wir mit der Copyright-Richtlinie schon
ein halbes DMCA als Pickel auf den Arsch bekommen haben, droht jetzt mit
der “Intellectual Property Enforcement”-Direktive die zweite Hälfte,
umfassende Auskunftspflicht für Provider gegenüber der Copyright-Industrie
inkludiert. Über Hinweise auf Bezugsquellen für UNO-Flaggen wäre ich daher
extrem dankbar. Für ein besseres Morgen: Plattenspieler mit Dieselgeneratoren aufrüsten, Cyborg werden um Fehler zu vermeiden, dem
Konsumterror eine subventionierte Ausstellung widmen und präpotente
Arschlochhaftigkeit strikt meiden.

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Elektronische Lebensaspekte.


Text: Anton Waldt aus De:Bug 72

A BETTER TOMORROW
Wenn man statt leerer Flaschen Rentenpunkte sammeln würde, könnte man glattwegs mit dem Ausprägen von Sorgenfalten beginnen. Wandelt man dagegen von Gram unbefleckt durch die Stadt, blinzelt freudig und nimmt sich vor, ordentlich zu konsumieren, um der darbenden Ökonomie Impulse zu verleihen, kann es vorkommen, dass einem im Geldinstitut nicht nur Bargeld, sondern auch die Frage “Sind sie eigentlich Bausparer?” begegnet. Das ist nachvollziehbar, aber nicht schön, und so empfiehlt sich als Antwort: “Nein, aber ich rauche zwei Päckchen am Tag und hin wieder nachts noch eins und das sollte Ihren Nachwuchs eigentlich umfangreich entlasten, denn ich werde zeitig sterben und bestimmt bis zum letzten Schluck wacker arbeiten.” Den gleichen Satz kann man übrigens auch verwenden, wenn auf dem Weg zum Flaschencontainer ein TV-Team lauert und wissen will, ob man die Tabaksteuer gutheißt oder ob man an das Geschwätz vom allgemeinen Niedergang glaubt. Sinngemäß hat das auch der thailändische Finanzminister so gehalten, nachdem er aus seinem Dienst-BMW befreit wurde, in dem er zuvor fast gestorben wäre, weil der Bordcomputer unter Windows CE lief und beim Absturz die Türen verriegelte und die Klimaanlage deaktivierte. Da wurde die Atemluft knapp und heiß, weil auch in Thailand der Frühling dräut. Verdammt klug übrigens, einen Krieg kurz vor dieser beliebten Jahreszeit abzuhalten, weil dann aber auch alle damit beschäftigt sind zu blinzeln und dadurch die Verweildauer vor dem TV-Gerät sinkt. Einige denken sogar wieder mal an Sex. Oder an 500 Jahre Wodka saufen, wie beispielsweise die Russen. Was wie der Krieg auch eine gemeine Mache ist, die nur im Frühjahr funktionieren kann, denn eigentlich ist die Labung älter. Aber die einzige Koryphäe auf diesem Gebiet, William Pochljobkin, verstarb unlängst bei einem Raubüberfall, der von echten Trink-Praktikern durchgeführt wurde, die sich später an nichts erinnerten und daher auch nicht von Schamgefühlen übermannt wurden. Letzteres sagen Küchenpsychologen neuerdings aber Herrn Bush nach, der demnach auf die Züchtigung durch das alte Europa wartet, die ihm abgeht, weil er früher ein Schluckspecht war und Papa immer alles richten musste, wenn Sohnemann wieder besoffen einen Job verbockt hatte. Der Küchenpsychologen-Dreh setzt dabei den alten Kontinent symbolisch für den alten Herren ein. Das ist natürlich abwegig, aber wenn man es zum ersten Mal hört, ist man verblüfft und macht ein dummes Gesicht und das ersparen wir den werten Lesern hiermit. Herr Bush kompensiert in echt natürlich mit Gott und nicht historisch-geopolitisch. Und bei Gott ist er auch gut aufgehoben, denn der ist eindeutig neokonservativ und wirtschaftsliberal, wie sich letzt in Österreich zeigte, als es nach wochenlanger Dürre taubengroß und heftig hagelte und zwar auf die Minute pünktlich zum Gewerkschaftsaufmarsch gegen die fiese Pensionsreform. Österreicher bekommen nämlich Pension und dafür keine Rente, aber eben demnächst viel weniger, was die Gewerkschaften nicht gut finden. Vom Demonstrieren haben die sich allerdings durch die Wettermanipulation nicht abhalten lassen, was allgemein auf den eifrigen Konsum von Bratwurst mit Käseeinlagerungen zurückgeführt wird, die in Wien charmant “Eitrige” gerufen wird. Wozu eigentlich Wodka gut passt. Und mit dem kann man demnächst auch sein Notebook betreiben, denn bald gibt es Brennstoffzellen, die aus Ethanol Strom erzeugen. Viele Schreiber werden dann entweder uninspiriert, aber arbeitsbereit oder inspiriert und stromlos dasitzen. Für ein besseres Morgen: Immer hübsch beim Thema bleiben, Fahrrad fahren, Debug-Merksätze einprägen und bloß nicht nüchtern werden.

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Text: Anton Waldt aus De:Bug 71

Haarige Zeiten mit Kollateralschäden an Nerven und Leber. Und weil der zwanghaft gesteigerte Info-Konsum nicht schon genug Anlass zu Schwermut und Perspektivlosigkeit bietet, muss die Achse der Anständigen auch täglich im echten Leben angreifen. “Deutsche! Kauft nicht beim Ami!” tönt es unisono munter und einfältig sowohl aus verknitterten wie aus taufrischen Gesichtern, die ihre persönliche Betroffenheit angesichts denkwürdiger Tatsachen mit Stumpfsinn kompensieren. Die “Krieg ist echt doof, du”-Plakate haben eine “Nieder-mit-der-Schwerkraft”-Qualität, die jeder Pisa-Nörgelei schwerstens recht gibt und auch dass die katholische Kirche mitmischt, passt prima ins Bild. Machtlosigkeit führt offensichtlich auch in satten Gesellschaften zu Dummheitsschüben ungeahnten Ausmaßes, die aber pronto die ranzigen Reste vergangener Arschloch-Generationen anlocken und in der Folge zu unappetitlichen Solidarisierungseffekten führen. Und weil sich die Runzeligen und die Glatten dann doch nicht in Echt vereinen wollen, einigen sie sich aufs Masturbieren für den Frieden (masturbateforpeace.com), wo die Saftlosigkeit der Bewegung schamlos zum Rückzug in die ganz privaten Zonen missbraucht wird. Selbstredend müssen auch unbescholtene und anständige Zeitgenossen Sorgengesichter angesichts der Entwicklung in den mit guten Gründen geschätzten Vereinigten Staaten entwickeln, kann doch gerade in globalisierten Zeiten die dortige Entwicklung nicht beruhigen. Wenn schon die Aushöhlung der demokratischen Rechte durch das Bootcamp-Prinzip den Faltenwurf unterhalb des Haaransatzes beträchtlich förderte, muss die Übertragung des kaum verholenen Enron-Prinzips auf einen ganzen Krieg natürlich zu gänzlich unattraktiven Vorderkopfgestaltungen führen. Ich glaub’ mich sticht der Hafer, heißt es dann allseits, wenn Halliburton und Qualcomm in den Startlöchern stehen, um die ganze Affaire zum dreisten Raubzug zu machen und so sollten die freigesetzten Empörungsenergien doch bitte schön auf die Re-Demokratisierung der freien Welt gelenkt werden und nicht auf auf eine Rückbesinnung auf alt-europäische Dummheiten. Für ein besseres Morgen: Pazifismus trotz des Frühlings vermeiden, die Hüften reaktivieren, oft Kater haben, weil man dann viel Cola trinken muss und den Langhaarschneider zur Burger-King-Blockade mitnehmen.

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Text: Anton Waldt aus De:Bug 66

Die Tage werden kürzer, Captain Subtext und Schwammkopf übernehmen das Kommando und morgens muss man sich jetzt immer gleich unflätigen Vokabulars bedienen, damit der Kreislauf soweit in Gang kommt, dass er wenigstens für Körperwärme sorgen kann. Direkt vor meiner Haustür ist der Irakkrieg dafür schon in die heiße Phase getreten, exakter an meiner Haustür. Nach jahrelangem Martyrium weist nämlich jetzt ein fröhliches Saddam-Bild auf den Umstand hin, dass die Billigabsteige, die vor allem von US-Rucksacktouristen auf EU-Biertour frequentiert wird, nicht in meinen Gemächern, sondern einen Stock tiefer zu finden ist. Das Bild des großen Wüstensohns erweist sich bislang als wesentlich effizienter als das “No Hotel”-Schild oder auch das Hitler-Portrait, die jeweils für lokale Folklore befunden wurden, die sich an Türen zu Billigabsteigen eben so finden. Befremdete Nachbarn können übrigens ohne weiteres mit dem Hinweis beruhigt werden, dass es sich selbstredend um ein Portrait des dritten Doppelgängers handelt, das ist nebenbei der, den auch immer Jörg Haider in Bagdad trifft. Dessen FPÖ übt sich unterdessen zusammen mit der FDP in der ganz neuen, wegweisenden Disziplin, der Synchron-Demontage, womit die jeweils als Naziauffangbecken gegründeten “Liberalen” wieder mal einen europäischen Trend setzen.

Blockwart Remix
Noch vor wenigen Monaten als Psychopathen beschimpfte Heranwachsende, die der populären Sportart “Counter-Strike” frönen, werden jetzt noch schneller rehabilitiert: Ab sofort müssen nämlich alle Ordnungskräfte im TV Sturmhauben tragen und sich irgendwas mit “Spezial” nennen. Als Entschädigung für den verhinderten TV-Ruhm, der bislang jedem Herrn Wachtmeister zustand, der Breaking-News-relevant tätig wurde, genießen die modernen Vollzugskräfte alle Privilegien aus der Videospielvorlage, inklusive Geiselerschießungen, wenn die Einsatzlage oder Captain Subtext dies gebieten. Da die Stoffmasken, die von pubertierenden Linkradikalen früher auch liebevoll “Hassies” gerufen wurden, im Alltag die Sicht dann doch einschränken und immer noch nicht überall Kameras vor Ort sind, werden jetzt Bus- und Taxifahrer und andere “Teile der Bevölkerung, die sich berufsbedingt im öffentlichen Raum bewegen”, zu Hilfs-Sheriffs ausgebildet, die via SMS auf ihre Handys immer die neusten Fahndungsaufrufe erhalten. “Die schnelle und direkte Einbeziehung ausgewählter Berufsgruppen eröffnet der Zusammenarbeit von Polizei und Bevölkerung neue Perspektiven und erhöht die Wahrscheinlichkeit, eine Straftat unmittelbar nach ihrer Begehung aufzuklären”, erklärt BKA-Präsident Ulrich Kersten die “SMS-Offensive”. Und wenn die Beteiligten des derzeit laufenden Pilotversuchs sich den Erwartungen entsprechend als Denunzianten bewähren, müssen sich die maskierten Spezial-Büttel schon in fünf Monaten nicht mehr mit der lästigen Suche nach Handtaschendieben aufhalten, sondern können sich entspannt auf die Erschießung, Vergasung oder Sprengung Verdächtiger konzentrieren. Für ein besseres Morgen: Totalverweigern, mit Saddam-Button FDP-Mitglied werden, Ausweispflicht für alle Ordnungshüter und täglich den Schwammkopf besuchen (ab 19:45 auf super-RTL).

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Text: Anton Waldt aus De:Bug 65

Die besten Ideen fallen oft unter den Tisch, obwohl das selbstredend im Falle des Vorschlags von Herrn Hussein, in einem fairen Zweikampf mit Herrn Bush die offensichtlichen Differenzen zu klären, eine große Schande und ein unbezifferbarer Verlust für die Unterhaltungsindustrie ist. Herr Hussein hatte dabei ganz Gentleman natürlich einen neutralen Austragungsort (Schweiz), einen fairen Schiedsrichter (Dalai Lama) und Waffengleichheit im Sinn. Letzteres bedeutet wohl, dass auch Herr Bush drei Doppelgänger einsetzen darf, was wiederum nicht nur die Spannung steigert und zwischen den Runden, die im Tekken-Style in verschiedenen, malerischen Kulissen ausgetragen werden, auch Werbeblöcke erlaubt hätte, ohne die Dynamik hinzumachen. Bei einer guten Regie könnte der Kampf also mit insgesamt vier Leben pro Staatsmann über sieben Runden gehen. Nach einem aufregenden und wahrhaft denkwürdigen Straßenfeger-Fernsehabend wären wir die leidige Fehde endlich los und alle könnten sich wieder den wirklich wichtigen Dingen wie der Versorgung der ganzen Menschheit mit Nahrung, Wasser, Bildung und Würde hingeben.

Zu früh gefreut
Die Chancen auf eine solchermaßen konstruktive Zukunft stehen allerdings nicht wirklich gut und statt eines Duells bekommen wir “Conflict: Desert Storm” zu Weihnachten, um schon mal an der heimischen Konsole den Sturm auf Bagdad zu üben. Der allgegenwärtige Kriegsgeruch macht aber nicht nur Pazifisten und anderen verantwortungsvollen Zeitgenossen zu schaffen, auch der gemeine Hedonist wundert sich zusehends über das, was so geht. Im Nochnicht-NATO-Land Österreich beispielsweise wird Fleisch inzwischen als Partydroge angepriesen, wobei auf das Muster der Pringles-Werbespots zurückgegriffen wird, also junge, gutaussehende Menschen sich langweilen, bis jemand ihnen eine Überdosis fettiges Essen anbietet. Ob hier nur ein Werber unter Cholesterinschock leidet oder aber die Eckensteher Recht haben, die behaupten, hier soll eine Generation auf den Einsatz auf dem Schlachtfeld vorbereitet werden, bleibt abzuwarten. Glasklar offenbart sich der Zeitgeist – übrigens ein Begriff, der jetzt wieder völlig ironiefrei verwendet werden darf – dagegen durch die Ablösung der Chaos- durch die Graphentheorie, die davon ausgeht, dass doch alles irre übersichtlich ist und daher auch “Small World”-Theorie heißt und deren Obendrüberbeweis die Bekanntschaft von allen und jedem über nur sechs Zwischenschritte sein soll. Der Zaunpfahl ist dabei selbstredend, dass man sich weniger fürchtet, wenn extrem übersichtliche Verhältnisse herrschen. Und wer trotzdem auf eine Zwangserkrankung wert legt, weil diese im Vergleich mit der Realität nach vorherrschender Definition vergleichsweise reizvolle Perspektiven bietet, wird neuerdings wieder mit Elektroschocks beglückt und zwar direkt im Kopf, was dann schickerweiser “Hirnschrittmacher” heißt. Dazu werden den Patienten die Elektroden durch kleine Bohrlöcher im Schädel eingesetzt und unter der Haut werden Kabel bis zum Taktgeber auf dem Brustmuskel verlegt. Zukünftig soll die Methode auch Durchschnittsbürger, die durch zwanghaftes Fernsehen und Essen von der Wehrertüchtigung abgehalten werden, auf die richtige Bahn bringen. Für ein besseres Morgen: Totalverweigern, die europäischen Datenspeicherpläne durchkreuzen, das Vegeterierdasein doch als ernsthafte Option ins Auge fassen und Hirnschrittmacher und drei Doppelgänger für alle.

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Text: Anton Waldt aus De:Bug 64

Der Abfolge von Redaktionsschluss, Wahl und Erscheinungstermin ist es geschuldet, dass zum Zeitpunkt der Niederschrift dieser Zeilen noch unklar ist, ob die neue Regierung die größte Scheiße seit Scheißegedenken darstellt oder ein kleineres Übel, das aber bestimmt auch reichlich mit Fäkalausdrücken bedacht werden muss. Angesichts dieser trüben Aussicht liegt es nahe, in die Zukunft zu schweifen, denn in der Ferne ist es derzeit in der Regel auch nicht besser bestellt, meistens sogar gravierend schlechter. Offensichtlich verdammt kluge Wissenschaftler haben das selbstredend vor dem Rest erkannt und wollen einen Satelliten mit “Nachrichten der ganzen Welt” 50.000 Jahre lang um die Erde kreisen lassen, bis dieser wieder auf unseren Planeten zurückkehrt. Der Briefkasten für Botschaften mit garantiert elendslangsamer Zustellzeit soll 50 Millionen Euro kosten und kann dafür satte sechs Milliarden Nachrichten aufnehmen. Diese können derzeit von Sergio [“DER Sergio?”] und Lieschen Müller online bei den klugen Wissenschaftlern deponiert werden, die sie auf eine Glasplatte gravieren, bevor die Post in den Orbit geschossen wird. Die üblichen notorischen Nörgler wenden jetzt natürlich ein, dass die intelligenten Spezies auf der Erde in 50.000 Jahren entweder mutierte Kakerlaken und damit viel zu blöd für die Glaspostkarte sind, oder aber die wirklich smarten Nachkommen der Menschen, die ob des Schwachsinns, der sie da aus der Vergangenheit belästigt, die Platte aber pronto in den Müll hauen und ihre Abstammung leugnen, wenn sie das nicht schon längst getan haben, wofür eigentlich alles spricht. Vorbildliche Optimisten – Einstellungsvoraussetzung Nummer Eins bei der De:Bug – hoffen dagegen, dass sich mit einem gewissen Abstand ein Sinn aus den Ereignissen unserer Zeit ergibt und dass die erfolgreichsten Bollywood-Filme des Jahres 52.002 in unserer Zeit spielen werden. Dabei wird natürlich nicht der “Style” der Generation “Sack” oder “Golf” die Coolheit verkörpern, weil die nach langweiligen und fetten Jahren jetzt im Angesicht einer kleinen ökonomischen Krise ihre böse Fratze zeigt. Sattdessen werden die echt abgehangenen Hörste zu Rolemodels des Filmchic 52.002. Tschabos wie der erste Mensch, der sich “Emil” [Endoskopische Mikrokapsel-Lokomotion] in den Arsch geschoben hat, den lieben Roboter zur Früherkennung von Darmkrebs. Oder der populäre Schubi-Schaukel-Musikproduzent, der wegen einer hysterischen Nudel im Chatroom mit seiner viel zu jungen Geliebten nackt in den Wald flüchten muss, weil sich die Bullen von einem Warnschuss aus der Schrotflinte nicht abschrecken lassen. Oder der mutige Stadtrat von L.A., der trotz horrender Einnahmeverluste das Verbot von Softdrinkautomaten an Schulen durchsetzt. Alles knorke Helden, deren Gesichter als Bio-Maske DER letzte Schrei im Karneval 50.002 werden, wo natürlich Mittelchen konsumiert werden, von denen wir nur träumen können. Für ein besseres Morgen: Die europäischen Datenspeicherpläne durchkreuzen, einsehen, dass Politik einfach langweilig sein muss, nur noch mit Pyjama ins Bett gehen und mit dem Roboter im Arsch Freundschaft schließen.

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Text: Anton Waldt aus De:Bug 62

A BETTER TOMOROW

“Botschaft!” haben sich die Chinesen gedacht, als ihre Regierung
behauptete, dass Falun Gong für neun Tage einen TV-Satelliten gekapert und
19 Programme exklusiv eingespielt hat. So ähnlich ging es dann auch der
De:Bug angesichts des Lobhuddelungs-Gewitters zum Geburtstag, das allzuoft
die Esssenz “unverständlich aber cool” enthielt und damit außer dem Drang
auf die Gästeliste aber gar nichts erhellte. Am Schwitzen und Remixen
scheint dieser Tage aber niemand vorbeizukommen und auch unsere
Navigationshilfen “Terror” und “Kult” fangen mangels Kühlsystem an,
bedenklich nach Science Fiction zu stinken. Richtig übel schwabert es
beispielsweise aus der Berliner Rave-Industrie, die offensichtlich
beschlossen hat, dass Hippies, die den Tiergarten vor Pisse schützen
wollen, als Feindbild ausgedient haben und dass dafür bärtige Fanatiker,
die die Welt mittels Sprengladung vor dem Anblick nackter
Geschmacklosigkeiten säubern wollen, ohnehin viel besser fahren. Am
Schwitzen kommen unterdessen nicht einmal mehr die Maschinen vorbei, seit
“Wissenschaftler in Hongkong” einen transpirierenden Roboter entwickelt
haben. Die Mensch-Maschine namens “Walter” ist perforiert und sondert zu
Modedesignzwecken Feuchtigkeit ab, was offiziell “Soldaten, Athleten,
Feuerwehrmänner und Astronauten” zugute kommen soll, aber wie das Business
eben rennt, wird die Produktion eher nächstes Jahr an der Siegessäule zu
finden sein. Unterdessen schöpfen auch Industriezweige, die bislang leider
nicht als offizieller Sponsor der Rave-Konzerne auftreten dürfen, Hoffnung,
zum Beispiel die europäische Amphetamin-Branche: Nachdem sie durch kluges
Reinvestieren letztes Jahr den Schritt ins Export-Geschäft geschafft hat
und damit die EU-Aussenhandelsbilanzen verschönt, darf die Abwerbung des
Spitzensportlers und Werbeträgers Ulrich von der Telekom als Meilenstein
auf dem Weg ins Establishment gelten. Und vielleicht findet ja nächstes
Jahr auch der britische Roboter-Kollege, dessen Fluchtversuch unlängst
schon auf der Parkplatz-Party vor seinem Domizil gestoppt wurde, seinen
Weg nach Berlin. Der feierwillige Bot namens “Gaak” ist aus dem “Magna
Science Adventure Centre” in Rotherham ausgebüxt, weil er die Nase von dem
Evolutions-Experiment, das die Entwicklung künstlicher Intelligenz zum Ziel
hat, gestrichen voll hatte und er seinem Vorbild “Bender” in Sachen Saufen
und Ficken nacheifern wollte. Leider hat ein eifriger Besucher “Gaak” beim
Abhängen auf dem Parkplatz erwischt und ihn den fiesen Forschern
zurückgebracht. “Unsere Roboter sind harmlos und werden noch [!] nicht die
Macht übernehmen,” kommentierte der Konstrukteur. Dass Maschinen sowieso
viel mehr auf dem Kasten haben als die Wetware, hat die Bot-Communtiy dafür
anlässlich des Crashs über dem Bodensee ausführlich gefeiert. Für ein
besseres Morgen: Ungarische Schwamerl-Suppen mit Schleim im Kloß meiden,
Schily in die Battlebot-Arena schicken, Teetrinken und auf die
US-Planwirtschaft warten.

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Elektronische Lebensaspekte.

Unser Wiener Korrespondent mit seinem Monatsrückblick.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 61

A BETTER TOMOROW

Trotzdem es merklich wärmer wird und sich eigentlich der ein oder andere Unmut in Wohlgefallen aufzulösen hätte, führen “Terror” und “Kult” weiter die Parade der Irregeleiteten. Internationale Tierschützer sind dazu übergangen, Reservate in Zentralafrika effizient mittels nach Tariflohn bezahlter und zumeist südafrikanischer Söldner zu schützen. Dabei wird ob des abschreckenden Effekts die Tötung von Wilderern nicht nur hingenommen, sondern forciert betrieben. In heimischen Gefilden bricht sich unterdessen der Terror vor allem als Kinder- und Jugendschutz seine Bahnen. Der Stoiber-Bundesrat will Pädophilen nicht in den Kirchen sondern in den Datennetzen nachsteigen, wozu sämtliche Verbindungsdaten gleich aller Kommunizierenden (Festnetz, Handy, SMS, Mail und Surferei) möglichst dauerhaft gespeichert werden sollen. Damit ist er sich mit der Schily-Regierung eigentlich supereinig, allerdings will diese die Maßnahme selbst setzen. Gekrönt wird dieser Haufen Überwachungsscheiße durch das EU-Parlament, das fast zeitgleich beschlossen hat, die eigentlich vorbildlichen europäischen Datenschutzrichtlinien bis zur Unkenntlichkeit auszuhöhlen, auch wenn das im Beschluss zunächst etwas wohlklingender formuliert ist: Die Mitgliedsstaaten dürfen den Datenschutz nämlich “nur” zur Verbrechensbekämpfung oder zum Schutz der öffentlichen oder nationalen Sicherheit aufheben, “wenn diese Maßnahme innerhalb einer demokratischen Gesellschaft notwendig, angemessen und verhältnismäßig ist.” Um die Verhältmäßigkeit ist es dieser Tage allerdings ganz übel bestellt, wie die werte Bundesfamilienministerin, Frau Bergmann, eindrucksvoll demonstriert: “Ich habe mir ‘Counter Strike’ und ähnliche Spiele angesehen und fand sie schrecklich,” befand die Expertin für Krabbelgruppen und Holzspielzeug. Und wenn einmal erschrocken wurde, muss bei Frau Bergmann auch verboten werden, auch wenn die zuständigen Stellen sich weigern, weil sie die Zeichen der Zeit nicht begriffen haben und noch was von Verhältmäßigkeit halten. Die inverse Seite des Ego-Shooter-Irrsinns demonstriert unterdessen die US-Army, die mit lustigen Ballerspielen auf Gaming-Messen neue Rekruten anwirbt und gleichzeitig das Haupthindernis für den Eintritt in die Army (“die Gefahr”) durch Waffensysteme, wie den ersten echten Luftkampfroboter (X45 von Boeing) für die US-Soldaten demnächst völlig abschafft. An dem schnuckeligen Waffensystem, das unlängst seinen Jungfernflug absolvierte und 1,36 Tonnen Bomben- oder Raketenlast in einen Aktionsradius von rund 1.200 Km einsetzen kann, hätte unser Lieblingswaffenschieber Möllemann sicher auch seine helle Freude, aber leider, leider dürfte er als Nebeneffekt seiner Nebentätigkeit als Politiker seinen arabischen Kumpels dieses Baby nicht bieten können. Das ist dann offensichtlich der Preis für den erfolgreichen Import des “Feschismus” aus Österreich. Für ein besseres Morgen: Schily und Stoiber als Wilderer in den Kongo, Fallschirmlaufmaschen für Faschisten, ansonsten Blut nur virtuell schlürfen und ordentlich einen durchziehen, schließlich ist Sommer.

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Elektronische Lebensaspekte.

Der Moment, in dem der Raver den Club verließ und plötzlich WUSSTE, dass der Beat weiterläuft, war der Beginn des digitalen Zeitalters. 300 Jahre alte Grenzen fielen in diesem Augenblick: die Trennung der Party von der Arbeit (Alltag) und die des Menschen von seinen Maschinen.
Text: anton waldt | waldt@quintessenz.at aus De:Bug 50

A BETTER TOMORROW

Die verblüffende Gleichzeitigkeit und Übereinstimmung des Denkens und Fühlens: “Musik ist ein Exercitium der Seele in der Arithmetik” beschrieb Leibniz dieses Bewusstsein, das vernichtet wurde, als eine namenlose Epoche zu Ende ging, deren Wissen seziert und in akademische Fächer geteilt worden ist. Die europäische und nordamerikanische Geschichte folgte von nun an einer bürgerlichen Verwertungslogik, die so gründlich gesiegt hat, dass es inzwischen keine andere Geschichtsschreibung mehr geben darf. Arbeit hatte fortan eine ernste und mühsame Tätigkeit zu sein, Kunst bestenfalls unerfüllte Sehnsucht. Bis zu jenem Augenblick Sonntag morgens auf einem Parkplatz, als sich im Kopf eines verschwitzten, ketterauchenden Ravers die Gedankenlinien wieder treffen. Die Idee dieses Momentes ist natürlich paranoid und absurd, aber auch wahr.

DIE GENRALLINIE: DAS ALTE und DAS NEUE
Drinnen in der Disko ist es gleichzeitig schmutzig und die Putzfrauen sind aus Osteuropa. Sie suchen zuerst gründlich den Boden ab, dann spülen sie die gefundenen Pillen mit Schnaps runter. “Diese Ravenation ist substanz- und ahnungslos!” sagt die Jüngere. “Das stimmt!” antwortet die Ältere. “Aber sie hinterlässt viel interessanten Müll!” Der Sonntag der Erkenntnis ist jetzt auch schon alt (und die Putzfrauen längst wieder runter), zeigt aber, dass RETRO nicht zwingend böse ist. Bedürfnisse und Empfinden können auch nach Jahrhunderten deckungsgleich sein, dann sind auch formelle Zitate obsolet. Gutes Retro verlangt allerdings das gleiche Maß unesoterischer Authentizität wie das NEUE DING, das mit Unerhörtem und -erlebtem einhergeht. Und das kreuzte vor zehn Jahren die Wege des Barock, zugegeben fast unentdeckt, außer von echten Popleuchten, die das Phänomen auch gradlinig Top-Ten-verdächtig zu formulieren wussten, wie unser Mann des modernen Redens Thomas Anders: “Es geht nicht um dickere Eier, sondern um vernetztes Denken, das im Gegensatz zum protestantischen linearen Denken mehrdimensional ist! Die Befreiung von der Idee einer gegebenen Natürlichkeit bedeutet eine positive Hinwendung zur Realität: Nicht HINTER der Mensch-gemachten Umwelt verbirgt sich die beste aller denkbaren Welten, sie ist es SELBST. Auch und gerade die Technik ist keine dem Menschen fremde Welt, sie gehört als Produkt seines Denkens zu ihm. Zusammen mit dieser Barriere muss auch die strikte Unterscheidung der Kunst vom Alltag fallen: Beide sind Felder des gleichen menschlichen Gestaltungswillens!” (In der FAZ vom 4.6.1994).

DIE GENERATION SACK
Der verwirrte Geist einer Religion, die alle Sünder immanent zur Hölle schickt, hing am Watschenbaum: Überall prima Party, unsere Maschinen liebten uns UND wir wussten endlich, wie es geht, die Bösen wurden in den Sumpf geworfen. Inzwischen ist der Sumpf allerdings voll und die elektronische Musik fadessiert. Dementsprechend ist es dringend Zeit für das neue NEUE DING. Die Jugend von heute ist demnach zum Kotzen: langweilig, undiszipliniert und fantasielos mit “F”. Statt sich mit Elan ihrer historischen Aufgabe des neuen großen Dings hinzugeben, das die Hippen von vor zehn Jahren endlich alt aussehen lässt, überlassen sie das Feld den unhippen Alten der “Generation Golf” und noch schlimmeren Tunichtguts und bereiten ihren Eltern und der Industrie eine Freude. Während bisher die eherne Popkultur-Regel galt, dass verdammt noch mal die Coolen Gesprächsthema und Rolemodels zu sein haben, feiert die Generation Golf das Mittelmaß der eigenen mediokren Existenz als Ereignis: Zelebrierung der eigenen Langeweile, Konsumdummheit und Unfunkyness als totaler Spaß. Hier wird Anpassung statt der heiligen Differenz zum bestimmenden Merkmal der Zugehörigkeit. Diese Generation ist zwangsläufig weniger an bestimmte Altersgruppen gebunden, da die angepassten Arschlöcher verschiedener Epochen besser miteinander auskommen, als die jeweils differenziert selbst-geprägten Hipster.

EIN SCHRITT VOR- ZWEI ZURÜCK
Die Kinder sind natürlich nicht von alleine schuld, sie leben selbstredend in schwierigen Zeiten und haben an diesem Bündel schwerstens zu schleppen. Zum einen ist nicht ausgemacht, in welchem Teil der kulturellen Entwicklungskurve aus Fortschritt und Konsolidierung wir uns befinden, was auch ein Problem des Maßstabs ist. Gut möglich, dass aus dem Ausläufer der elektronischen Musik der 90er schon der lange Ausklang der letzten 100 Jahre Popmusik geworden ist. Damit hätten wir es nicht mit isolierten Retrophänomenen zu tun, sondern mit einer riesigen Retro-Blase wie die Architektur des Historismus um 1900. Das Ohr horcht nach hinten: “Der Schlager wird ab Mitte des 19Jh. zur musikalischen Ware mit hohem Umsatz. Selten orginell, liegt er immer im Modetrend. Pseudogefühl suggeriert Pseudo-Lebenshilfe. Popmusik vertritt die weichere Komponente der Rockmusik, die mit antiautoritärer emotionaler Brisanz und harten Rhythmen Signalwirkung ausübt. Impulse gaben auch die Protestbewegungen der 70er/80er Jahre (Anti-Ratio, Anti-Leistung usw.), die Drogenwellen der Subkultur und anderes. Die Massenfestivals von 68/69 (Woodstock) zeigten Höhepunkte der Bewegung und gleichzeitig ihre Kommerzialisierung an. Die Eletronik mit Synthesizern, Verstärkern usw. nahm zu. In den 90ern regressive Tendenzen durch industriell/maschinelle Herstellung (Techno) und Wiederverwertungstendenzen (‘Sampling’)” (dtv-atlas zur Musik 2.0). Die Welt bleibt trotzdem Scheiße-kalt und der Rhythmus meine Decke.

TIPPS UND TRICKS ZUM WACHBLEIBEN
Für ein besseres Morgen: Die Nerven mit Bass und Klugheit stärken.

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"Entschleunigung" ist ein hässliches, hippes Wort, das dieser Tage von einer Melange aus gescheiterten Dot.coms, Pfaffen und anderen Esoterikern gepredigt wird, die damit allerdings der richtigen Speed-Dosierung keinen Gefallen tun.
Text: anton waldt | waldt@lebensaspekte.de aus De:Bug 48

A BETTER TOMORROW

“Ausgefeiltere Computer, Handys, Autos und Flugzeuge drücken weiter dröhnend aufs Tempo des täglichen Lebens. Die Folgen der Raserei sind drastisch: 77.000 Menschen starben 1999 in Deutschland an Herzinfarkt,” berichtet der dpa-Reporter aus dem Krisengebiet und steigert sich mit Schwällen zum “Faszinosum Faulenzen” endgültig ins Delirium. Schnell Schreiben geht auch ohne schnell Denken.

Speed kills
Die Wachsfigur eines Drogenabhängigen soll die Bevölkerung von Bangkok künftig über die Gefahren des Kristallkonsums aufklären. In einem von der Drogenbehörde eröffneten Ausstellungszentrum wird eine Figurengruppe ausgestellt, in der ein Junkie “offensichtlich unter Einfluss des Aufputschmittels Speed” mit einem Messer ein Kind bedroht. Die Figuren beziehen sich nach Behördenangabe auf einen realen Fall, bei dem in Bangkok ein Rauschgiftsüchtiger ein Kind ermordete. Das Zentrum wurde angesichts zunehmender Drogenprobleme in Thailand eingerichtet. Nach Behördenangaben sind dort mehr als 600.000 Jugendliche abhängig von Aufputschmitteln.

Klares Wasser, getrübtes Hirn
50.000 ihrer ostdeutschen Pendants feierten zum 1.Mai die “Job-Parade” und damit die größte Demo des Tages. Der Unterschied zur Eierkuchen-Loveparade bestand vor allem in einem Auftritt des Herrn Bundeskanzlers, der von den arbeitslosen Ravern solide ausgepfiffen wurde, womit die politische Denkfähigkeit auf E unter Beweis gestellt wäre. Mit legalem Alkohol geht das offensichtlich nicht so doll: Schnell Denken mit schnell Handeln hat unter anderen der Berliner Innensenator noch nicht richtig zu Unterscheiden gelernt, deshalb seine Ordnungsmaßnahmen vor dem Anlass plaziert und damit die prächtigsten Berliner Maifestspiele der letzten Jahre veranstaltet.

Roboter empfiehlt: “Und jetzt ex”
Die dpa erfreute den Senator und uns pünktlich zum Anfang des Wonnemonats Mai mit folgender Prosa: “Japans Hightech-verliebte Partygänger können mit sprechenden Bier-Humpen anstoßen. Sobald der Roboter-Krug angehoben wird, meldet sich eine Japanisch sprechende Sensorstimme aus der bauchigen Verschalung, die sinngemäß vorschlägt: ‘Und jetzt ex’. Befindet sich der Humpen dann beim Leeren in Schräglage, ertönt ein anfeuerndes ‘Hai, hai, hai’, was in diesem Fall etwa ‘weiter, weiter, weiter’ bedeutet. Zu guter Letzt gibt es noch ein anerkennendes ‘Den hast Du ja gut weggekippt'”.

Umkehrschluss
Und wo bleibt das Positive? Immer “ausgefeiltere Computer und Handys” müssen gar nicht “weiter dröhnend aufs Tempo des täglichen Lebens drücken”. Schneller Informationsfluss verlangt allerdings eine gewisse Übersicht, die gescheiterten Dot.coms, Pfaffen und Innensenatoren offensichtlich abgeht, sonst würden sie nicht schnelles Handeln mit schnellem Denken verwechseln. Mit asymetrischen Datenleitungen stellt die geliebte und natürlich unfehlbare Technik sogar ein tolles Vorbild zur Verfügung, das Herding an den Börsen, die Verschwendung von Steuergeldern und Herzinfarkte verhindern kann, ohne dass auf den geliebten Datenfluss verzichtet werden müßte.

Sehnsucht nach der guten Zeit
Ein Schnitzel-Junkie wollte Gratis-Drogen, scannte dafür einen 100-Schilling-Schein ein und manipulierte ihn, indem er das übliche Bild durch ein Konterfei von Adolf Hitler ersetzte. Das Falsifikat druckte er in der Wohnung seiner Eltern aus und vervielfältigte es. “Die Absicht bestand darin, die Dealer zu schädigen”, erklärte der unreuige Fälscher seinem Richter. Tatsächlich gelang es ihm in zahlreichen Fällen, die Abnehmer zu täuschen, und auch Tabakgeschäfte und Tankstellen-Pächter zählten zu seinen “Opfern”: Im Lauf der Zeit wurden insgesamt 46 falsche Hunderter abgegeben. Der Angeklagte versicherte, er habe das Hitler-Bild “nur aus Jux” verwendet, wahrscheinlicher dürfte sein, dass der Junkie die Bedürfnisse seiner Mit-Österreicher nach der guten Zeit exakt angepeilt und getroffen hat. Für ein besseres Morgen: Auf den Euro sparen, japanisch lernen, schnell denken und den Rest langsam angehen.

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Die allgemeine Verblödung greift um sich. Ein Plädoyer gegen das Dumpftum von Anton Waldt.
Text: anton waldt aus De:Bug 46

kolumne

A BETTER TOMORROW
“How low can Gefahr go?”, fragt sich die abgerockte Infoelite und hängt Jugenderinnerungen nach. Das Goldene Zeitalter, in dem weder Fett noch sonstige Nahrung akzeptabel war, als Sofas auf dem Sperrmüll standen und nicht im Club, als der Fernseher kaputt war und das Glas immer voll. Und Bush-Junior ist auf dem gleichen Film: Das goldene Zeitalter, als Papas Gürtel Striemen ins Hinterteil gerbte, Alkohol am Steuer immer die richtige Wahl, und Amerika groß und stark war. Deshalb soll jetzt nicht nur NMD [National Missile Defence], sondern gleich auch noch ein Internet-Schutzschild mit Steuer-Milliarden Gottes eigenes Land vor den Bösen und Klein-George vor der väterlichen Prügel bewahren: “Schau Papa, ich bin ganz lieb und gebe mein ganzes Taschengeld für Militärspielzeug aus.”

Abhängen statt abzappeln
Passend zur ersten WMF-Lounge-CD klärt die Tante dpa [am 7.3.2001] über die Funktionsweise von Disco-BSE auf: “Schon die alten Römer waren in: Mit sanften Klängen im Ohr, Kaltgetränken im Kelch und auf Kuschelkissen gekauert. Jetzt haben sich Szene-Gastronomen wieder darauf besonnen: Abhängen statt abzappeln heißt der neue Trend, denn bestimmte Schichten haben lange Arbeitszeiten und wollen in ihrer Freizeit nur noch genießen und entspannen.” Die Wissenschaft hat festgestellt: Schon die alten Römer waren verblödet. Sie haben nicht nur abgehangen, sondern auch die Schwarte immer aufgegessen und Fett verringert die Gedächtnisleistung. Nachgewiesen durch dicke, kanadische Laborratten, die markant länger chillen, als ihre mageren Artgenossen und deshalb ihren Job [finde durchs Labyrint] auch viel schlechter hin bekamen. Wenn da mal kein Käse am Ausgang lag.

Alzheimer durch TV-Konsum
Die Wissenschaft hat auch noch festgestellt: Wer geistig anregenden Freizeitaktivitäten nachgeht und wenig fernsieht, verringert das Risiko, an Alzheimer zu erkranken. Bei allen quantifizierten passiven, intellektuellen und körperlichen Aktivitäten waren die Alzheimer-Patienten in der Mitte ihres Lebens in allen Bereichen weniger aktiv, abgesehen von einem Bereich: Fernsehen. Zwar kann Fernsehen theoretisch für geistige Anregungen sorgen, “aber das geschieht wahrscheinlich die meiste Zeit und besonders in den USA nicht, wo die Menschen durchschnittlich vier Stunden täglich glotzen,” erklärt der schlaue Neurologe. Das Ende ist dick und kommt nach der Werbepause: Die Frage, ob US-Präsident-Sein per se keine geistig anregende Tätigkeit ist, oder ob RR einfach nur Pech hatte und ein statistischer Ausrutscher ist. Boy George W. legt aber eher das Gegenteil nahe: Nach Kakao in der Nase hat er jetzt auch noch den Keller voll Kabel: Bei der Taufe eines Flugzeugträgers auf die intelligente Marke “USS Ronald Reagan” machte Bush auf High-Tech: Das echt große Schifff sei mit modernster Technik ausgestattet und besitze ein “gesamtes Deck voller Computer und Kabel”, kommentierte der wichtigste, aber geistig nicht eindeutig am meisten beschäftigte Mann der Welt.

Das Böse ist immer und überall
Alkohol ist zum Jugendkiller Nummer Eins geworden in Europa, sagt die WHO. Die Drogenbeauftragte unserer Bundesregierung, Marion Caspers-Merk, hat unterdessen neben fettigem Essen, TV-Konsum und US-Präsidenten auch den Suff genau untersucht und neue Schreckpotentiale gefunden: Die “Spaßgesellschaft”, in der “die Kids glauben, immer gut drauf sein zu müssen”. Ein Drittel der Kinder nimmt nämlich Medikamente, um die Leistung in der Schule zu steigern und generell überwiegen inzwischen harte Konsummuster. “Es gibt nicht mehr den Jugendlichen, der nur mal raucht oder trinkt, sondern sie konsumieren gemischt, veranstalten ein regelrechtes Rauschtrinken”, hat Caspers-Merk beim Abhängen in der Lounge herausgefunden. Der ganz dicke Hund dabei: Zehn Prozent derer, die Drogen nehmen, werden abhängig. Die von Drogen beauftragte kündigte an, eine Site zu starten, die die Partygeneration über die Gefahren von Drogen wie Crack und Ecstasy aufklärt und gleichzeitig als Firewall alle Taschenrechner und Digitaluhren der Bundesregierung vor Cyber-Langstreckenrakteten der Schurkenstaaten schützt.
Für ein besseres Morgen: eintreten statt umschalten, austrinken statt nachforschen, abzappeln statt abhängen und Blödmänner statt Raketen abschießen.

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Text: Anton Waldt aus De:Bug 43

A BETTER TOMORROW

Bis zum Bauch in der Kotze
In Berliner und Brandenburger Clubs soll jetzt Milch müde Tänzer munter machen. “Heiße Shakes für coole Nächte” will die Landesvereinigung der Milchwirtschaft in vier Geschmacksrichtungen unter die Leute bringen. “Latte Diabolo” heizt den Partygängern als Feuerteufel mit Milch, Rum, Orangenlikör, Zimt und Sahne ein. Weiter im Angebot sind “Cherry’O” mit Kirschwasser, “Pomme Au Lait” mit Äpfeln und Vanille sowie “Cococcino” mit Espresso und Kokos.

If they don´t see you, they don´t shoot you
Mit einer Million Ecstasy-Pillen im Gepäck ist ein Paar auf dem internationalen Flughafen von Houston überrascht worden. Die beiden kamen aus Paris und hatten die Drogen in Socken, Unterwäsche und anderen Kleidungsstücken versteckt, berichteten US-Medien. Die Pillen wurden bei einer Routineuntersuchung des Gepäcks entdeckt.

Tote Kinder im Pool
In der Mittagspause zum Fettabsaugen, um einige Kilo schlanker ins Meeting: “Power-Assisted Liposuction” [PAL] machts möglich. Nicht nur die drastisch verkürzte Genesungszeit, sondern auch die viel akkuratere Methode lassen körperbewusste Perfektionisten in Scharen zum Schönheitschirurgen laufen. Durch den Gebrauch einer dünnen motorisierten Kanüle werden Schmerzen, Blutergüsse und Schwellungen im Gegensatz zu dem konventionellen Eingriff deutlich reduziert. Dr. Bruce Katz vom “Skin and Laser Center” lobpreist die Operation so: “Es ist, als ob man eine Skulptur mit einem feinen Messer modelliert anstelle mit Hammer und Meißel.”

Prionen und anderes Eiweiß
Ein Streik von 70 Mitarbeitern in der Logistik-Abteilung der Beate Uhse AG lässt zahlreiche Kunden des Erotik- und Sexversandhandels um die rechtzeitige Ankunft ihrer Weihnachtsgeschenke bangen. Wie ein Sprecher der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen [HBV] in Flensburg mitteilte, hatte der Arbeitskampf bereits einen Rückstau von 15.000 bis 16.000 Warensendungen zur Folge.

Studieren ist schlecht für den Charakter
Man hatte es schon vermutet, doch nun wurde es durch eine BBC-Studie bestätigt: Schmierige Badezimmer, leere Kühlschränke, mitternächtliche Gitarrenstunden und “offenkundige Promiskuität” sind typisch für Studenten-WGs. Ein Drittel der 509 Befragten zwischen 16 und 25 Jahren bezeichnete seine Erfahrungen als “stressig”. Manche WG-Bewohner stellten zu ihrem Schrecken fest, dass sie in kürzester Zeit wie ihre Eltern wurden.

Schweine im Weltraum
Immer mehr Gourmets müssen sich in Nobellokalen schräg anschauen lassen, wenn sie zum exquisiten Mahl “nur Mineralwasser” nippen. Oft gehe dies so weit, dass sich die Mineralwasser trinkenden Feinschmecker durch “herablassende Behandlung” diskriminiert sehen, schreibt der Restaurantführer “Gault Millau” in seiner aktuellen Deutschland-Ausgabe. Dabei sei Wasser in vielen Restaurants das mengenmäßig meistkonsumierte Getränk. Bei der Zubereitung der Speisen beklagt der Restaurantführer übrigens, dass die meisten Köche zu aufdringlich mit Zitronengras, Trüffel oder Chili würzen.

Für ein besseres Morgen: Den Überblick behalten und bloß nicht nüchtern werden.

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Anton streift durch den Waldt der Information und macht seinem Namen alle Ehre. Theorien über glückliche Kindheiten, Toiletten und Broker, programmierbare Kuscheltiere und warum die Funsportler genauso beknackt sind, wie die Haider-Posse. Live aus Österreich, Wien.
Text: anton waldt aus De:Bug 33

/Kolumne A BETTER TOMORROW GLÜCKLICHE KINDHEIT Mit detailgetreu nachgebildeten Militärfahrzeugen können Kinder als Kfor-Soldaten zur Friedenssicherung ins ehemalige Jugoslawien ziehen. Siku (Lüdenscheid) bietet neben einem Unimog mit Rettungsboot auch ein Räumfahrzeug sowie einen Tieflader mit Hubschrauber im Miniformat an. Alle Einsatzfahrzeuge sind in grüner Tarnfarbe gestrichen und im Maßstab 1:32 zu haben. BROKER HASSEN TOILLETTEN Nicht mal ein wirklich gut bedienter Raver wartet solange mit dem Gang aufs Klo wie die Börsianer – diese harren lieber aus, bis die Blase platzt. Der aktuelle dotcom-Boom hat zwar von Anfang an als völlig überbewerteter Hype gegolten, der von zuviel freilaufendem Kapital gefüttert wird, aber im Moment vollzieht sich auch auf diesem Traummarkt eine Wende: Vom Fantasiepreis zum Meta-Fantasiepreis. Immer mehr IT-Firmen legen ihr gerade an der Börse erworbenes Kapital in anderen IT-Werten an, die dann die Bilanzen boomen lassen. Inzwischen machen bei Intel oder Microsoft die eigenen Spekualtionsgewinne ein Drittel der Bilanzen aus. Diese sehen vordergründig gut aus und lassen die Notierungen weiter steigen. Inzwischen dürfte die Schlange vor den WCs aber zu lange sein, um noch rechtzeitig anzukommen. Wenn das Maleur passiert, ist aber die Informationsgesellschaft nicht am Ende, sondern eher am echten, ernstzunehmenden Anfang: Wie vor hundert Jahren die Elektrizitätslegenden einschrumpften, so wird klar werden, dass das Netz keine Blinden heilen und keinen Debilen genial machen kann. Spätestens dann ist Inhalt – pardon wir haben ja 2000: Content – wieder König und die Guten kommen ganz ohne Bilanzplan zu ihren verdienten Pfründen. GENDER REGIERT Das sprechende Plüschtier “Furby” bekommt Nachwuchs: Die “Furby”-Babies. Zur Osterzeit sollen die interaktiven Plüschfiguren in die deutschen Kinderzimmer einfallen. Die Kleinen sprechen deutsch, furbisch und eine eigene Baby-Sprache. Sie sind so programmierbar, dass sie erkennen, ob ihr Besitzer eine Mama oder ein Papa ist. FUNSPORTLER AUF FASCHOBERGEN Haider ist wahrscheinlich kein Nazi, aber auf jeden Fall ein Rechtspopulist und in Mediengesellschaften macht das keinen Unterschied. Erstaunlich ist, wie hartnäckig er seine Fresse NICHT halten kann. Wenn er damit die Rechts+Rechter-Koalition bis zum Erscheinen dieses Heftes hingemacht hat, werden sich die Wolken um die Sau etwas gelegt haben, und es wird klar, dass sich dahinter ein Alpen-Thatcherismus verbirgt, der mindestens genauso ekelhaft ist, wie der Wichser aus dem Bärental. Fatal für das schnitzelförmige Land, das Ausländer, die zum Ausgeben kommen, braucht und Flüchtlinge verabscheut. Schliesslich war man erstes Opfer der Nazis und hat anschliessend nur widerwillig den größten Teil der KZ-Mannschaften gestellt [gemessen an der Einwohnerzahl]. Die derzeitigen Boykottaufrufe werden aber leider nicht von denen befolgt werden, die Felix-Austria wirklich schaden können: Funsportler, genauso bescheuert wie Nazis, wahrscheinlich aber BEIDES, werden nach wie vor die Ö-Berge benutzen, um ihren zweifelhaften Aktivitäen nachzugehen. ICH HAB NIX GEMACHT Auch klassische Brettspiele setzen auf die Lieblinge aus Fernsehen und Kino. A la Carte (Langenfeld) bringt Klassiker wie Schach, Mühle oder Rauswerf-Spiele mit beliebten Lizenzfiguren als Hauptakteure auf den Markt. Da können die Spieler im Star Wars-Schachspiel die Helden um Luke Skywalker und Prinzessin Leia kämpfen lassen. Beim Rauswerf-Spiel treten die Simpsons gegeneinander an. FROH ZU SEIN Optimistisch, wie Humanisten mit überlanger Drogenkarriere zu sein pflegen, glauben wir natürlich an den Beginn einer wundervollen europäischen Innenpolitik und nicht an eine triumphierende Sozialdemokratie, die den alten Kontinent derzeit zufällig am Sack hat und es nicht lassen kann in bester 1919-Manier allen zu zeigen, wer hier hart ist und einen langen hat. Aber auch im letzteren Fall PASSIERT hier eine EU-Innenpolitik in einer ganz neuen Dimension, die neben dem Euro den traditionell besonders blutrünstigen Europäern zwangsweise ein gewisses Mass an Zivilisation eintrichtert. Für ein besseres Morgen: Rechtzeitig aufs Klo gehen, genügend nachlegen und Medienfaschisten keine Chance geben.

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Text: anton waldt [waldt@lebensaspekte.de] aus De:Bug 34

A BETTER TOMORROW Die Jugend von heute ist zum Kotzen: langweilig, undiszipliniert und fantasielos mit “F”. Statt sich mit Elan ihrer historischen Aufgabe des neuen grossen Dings hinzugeben, das die Hippen von vor zehn Jahren endlich alt aussehen lässt, überlassen sie das Feld den Unhippen Alten der “Generation Golf” und noch schlimmeren Tunichtguts und bereiten ihren Eltern und der Industrie eine Freude. Aber die alten Säcke finden so nicht zu ihrer verdienten Alterstruhe auf bequemen Backstagesofas als WIMPs [Weakly Interacting Massive Particles], sondern müssen sich im Stehen aufregen und das ist ganz schön anstrengend. VERLIERER MACHEN FURORE Während bisher die eherne Popkultur-Regel galt, dass verdammt noch mal die Coolen Gesprächsthema und Rolemodels zu sein haben, feiert die Generation Golf das Mittelmass, der eigenen mediokren Existenz als Ereignis und Stefan Raab ist ihr Führer: Zelebrierung der eigenen Langeweile, Konsumdummheit und Unfunkyness als totaler Spass. Hier wird Anpassung statt der heiligen Differenz zum bestimmenden Merkmal der Zugehörigkeit. Diese Generation ist zwangsläufig weniger an bestimmte Altersgruppen gebunden, da die angepassten Arschlöcher verschiedener Epochen besser miteinander auskommen, als die jeweils differenziert selbst-geprägten Hipster. Keine Frage: Die Adlon-Eckensteher (Kracht, Stuckrad-Barre und deren Internat-Kumpels) sind Generation Golf, auch wenn sie das entsprechende Cabrio wahrscheinlich zum letzten Mal mit 12 im Tennisclub cool fanden (selbstredend mit Kühlschrank für die Kinderriegel). Genauso wie die selbsterklärte Eliten-Essenz ist aber auch der deprimierte Abschaum Generation Golf ohne Ende: Michel Houellebecqs Elementarteilchen sind zwar bis zur Selbstabschaffung angeekelt von ihrer und aller anderer Durchschnittsexistenz, aber der Konsens der Gruppe Golf wird nicht angekratzt: Niemand ist hier was Besonderes, zur Zugehörigkeit reicht die kollektive Erinnerung an Kindheits-Konsumprodukte, die Generation Golf beginnt dadurch mit allen, die in den 70ern Teenager waren und hört nicht auf, wie uns die verdorbene Jugend von heute drastisch vor Augen führt. CYBERPUNKS MACHEN KEINEN MOB Durch die fatale Sogwirkung der Generation Golf, die alle folgenden Altersgruppen locker in ihr Medien- und Konsummittelmass integriert, scheint das junge Gemüse nicht mal im Netz zu einer vernünftigen Differenz in der Lage zu sein, der nächste SMS-Chat fördert nur die eigene Blödheit: “Klick zurück im Zorn” (© “Der Spiegel”). Nicht mal einen anständigen Hack bekommen diese Lümmel noch zustande, statt dessen werden Denial of Service Tools und ähnlicher Schrott reichlich unelegant in die Einsen und Nullen geritzt. Dass diese plumpe und dumme Methode die aktuelle Gefahr für den schönen neuen E-Commerce darstellt ist nur logisch und gerecht: mit der geschwundenen Fähigkeit zum Dissenz und erst recht zum Kreativen, bleibt nur das Zubetonieren des Einkaufszentrums – ähnlich hilflos und zwanghaft wie die letzte Vor-Generation-Golf-Hanseln von 68 Kaufhäuser abgebrannt haben. Die fetten Attacken auf Yahoo!, eBay und Konsorten von Anfang Februar wurden selbstredend nicht von Teenagern durchgeführt, dazu war das Unternehmen zu gross (geschätzte Vorbereitungskosten: 250.000 Euro), aber die verwendeten Tools, wie das inzwischen berüchtiget “Stacheldraht” trugen die unverkennbare Handschrift der Generation Golf: Verharren in temporärer Konsum-Blockade als einzige Regung jenseits des Konsums, mit dem dadurch geschaffenen Freiraum geschieht weiter nichts. Eigentlich ist auch die Big-Brother-Show auf RTLII ein schönes Lehrstück auf diese Geistesverfasung und sollte deshalb von allen Dritten Programmen übernommen und nicht bekämpft werden. Für ein Besseres Morgen: Teenagern die Handys klauen, die Fahnen hissen und den Weg aufs Sofa um ein Jahrzehnt verschieben.

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Text: anton waldt [waldt@lebensaspekte.de] aus De:Bug 36

A BETTER TOMORROW wasted im bitstream Expertenrat: Keine Wurst für Zappelphilipp. Nachdem der “I LOVE YOU”-Virus seine Runde durch eintönige Outlook- und Windows-Netzwerke getätigt hatte, lachten sich neben Apple- und Linux-Usern noch andere in alle verfügbaren Fäustchen: Netzsicherheitsfirmen und Geheimdienste. Vor allem Letztere haben ihren Spass, weil aus allen Medienrohren IHRE Botschaft verschossen wird: Das Netz an sich ist böse und unsicher und gehört gefiltert und kontrolliert was das Zeug hält, ausserdem sollte jeden Tag ein “Hacker” eingeknastet oder hingerichtet werden. Lustig in diesem Zusammenhang der Fall des Melissa-“Programmierers”: Ein in der Szene völlig Unbekannter namens “David Smith” wurde angeklagt, gestand, widerrief, wechselte den Anwalt und gestand im Dezember 1999 erneut. Riecht nach Betriebsunfall. Initiationsriten der digitalen Kultur Jetzt amtlich: Techno-Revival steht vor der Tür (und auch auf der Liste): Über akustische Kodierung das Gefühl für die Maschinen zu generieren ist ein Killer-Faktor. Genau dieses Psychisch-mit-dem-technischen-und-sozialen-Fortschreiten-klarkommen ist nicht nur einer der liebsten Daseins-Berechtigungs-Nachweise aller Geisteswissenschaftler und Kulturschaffenden, sondern ein echtes Problem. Initiationsriten der digitalen Kultur, die auch alle Wasserträger mit dem Dabei-Sein überreich belohnen, werden dementsprechend dringend gesucht, weil ja nicht alle vor der Playstation hängen können und der Rest das eigene IPO nicht im Tremens erleben soll. Techno steht also nichts mehr in Weg ausser Horst Renz und das BKA, das alle Polizeidienststellen vor Ecstasy-Tabletten gewarnt hat, die mit dem Rattengift Strychnin versetzt wurden. Und laut dem Leiter der Abteilung für synthetische Drogen beim Hamburger Landeskriminalamt, Horst Renz, droht mit der Designerdroge “Yaba” aus Südostasien eine neue, tödliche Rauschgiftwelle: “Das Metamphetamin ‘Yaba’ gehört zu den gefährlichsten Drogen überhaupt.” In der Wirkung sei das Rauschgift bis zu 20 Mal stärker als die am meisten verbreitete Party-Droge “Ecstasy”. Die Nebenwirkungen von “Yaba” seien schwere Schübe von Verfolgungswahn, Lungen- und Nierenschäden oder im Extremfall der Herzstillstand. Ich bin zwei Computerinder Die zunehmende Zahl englischer Fremdwörter stellt nach Meinung von Sprachforschern keine besondere Gefahr für die deutsche Sprache dar, wohl aber das Vordringen des Englischen in manchen Bereichen von Wissenschaft und Wirtschaft. Selbst der Bertelsmann-Konzern, der auch Wörterbücher herausgebe, habe das Englische als Unternehmenssprache eingeführt. In der DE:BUG, die auch Schläge austeilt, wurde auf Management-Ebene übrigens das Indische eingeführt. Das Arsenal der Marktgewinner Marktabsprachen und Kartelle, Missbrauch marktbeherrschender Positionen, Dumpingpreise und Produktkoppelung, Missbrauch von Insiderwissen und Spekulation, feindliche Übernahmen und Zerschlagung von Mitbewerbern, gefälschte Bilanzen und manipulierte Transferpreise, Steuerhinterziehung und Steuerflucht mittels Offshore-Filialen und Briefkastenfirmen, Zweckentfremdung öffentlicher Investitionsbeihilfen und manipulierte Ausschreibungsverfahren, Korruption und versteckte Provisionen, ungerechtfertigte Bereicherung und Missbrauch öffentlichen Eigentums, Lauschangriffe und Spionage, Erpressung und Denunziation, Verstoss gegen arbeitsrechtliche und gesundheitspolitische Vorschriften, Verletzung der gewerkschaftlichen Organisisationsfreiheit, Hinterziehung von Sozialbeiträgen, Sonderwirtschaftszonen, Umweltverschmutzung. Wenn sich das Gehirn nicht mehr an Heroin erinnern kann. Mögen sie sich doch in Vielem unterscheiden – einmal süchtig nach Opiaten, verhalten sich Ratten und Menschen gleich. Diese Tatsache haben sich Wissenschaftler zu Nutze gemacht und versuchen nun das Suchtgedächtnis der Abhängigen zum löschen. “Die Gier nach der Droge ist in ganz tiefen uralten Hirnstrukturen verankert”, erklärt der Berliner Therapieforscher Jochen Wolffgramm. Doch wie lässt sich ein solches Suchtgedächtnis löschen? “Wie bei einem Computer werden die alten Eintragungen auf der Festplatte überschrieben”, skizziert Wolffgramm die Grundidee. Die Forscher versetzten die Gehirne ihrer Versuchstiere in eine “empfindliche Phase”. Dazu unterzogen sie die Tiere einer Hormonbehandlung und verabreichten ihnen danach gezielte Gaben von Opiaten. “Der Kreis vom Wunsch nach der Droge und der Wirkung der Droge wurde unterbrochen, denn die Tiere bekamen diesmal die Droge nicht, wenn sie danach gierten.” Für ein Besseres Morgen erübrigt damit jede weitere Ermahnung.

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Text: anton waldt aus De:Bug 32

/meinung A BETTER TOMORROW Schade: in dem Moment in dem man sich der Millenniumsblödheit glücklich entronnen sah, fing die Sache an, Spass zu machen: Überall prima Party, unsere Maschinen lieben uns UND wir wissen endlich wie es geht und die Bösen werden in den Sumpf geworfen. Darum werden wir jetzt dauernd neue Jahrtausende haben. Die Sache mit dem Bug war eben nur oberflächlich betrachtet sinnloses Geplacke, eigentlich ging es um eine Selbstvergewisserung – und die war äusserst erfolgreich. Die analogsten Ignoranten wissen jetzt, wo überall freundliches, kluges Silicium für sie arbeitet (“Guten Morgen Kühlschrank! Ich wünsche dir viele erregende Einsen und Nullen! Guten Morgen Fahrkartenautomat! ….usw.) und diejenigen, die schon vorher digital gläubig waren, haben mit der nötigen Innbrunst eine Bestandsaufnahme gemacht. Der Bug hat somit die Funktion der religiösen Feiertage übernommen, er lehrte uns die Rechner zu lieben und zu achten und ihnen die richtige Art von Aufmerksam zu schenken. Das haben sie uns gedankt: Statt Verderben und Untergang schenkten sie uns Rausch und unbegrenzten Optimismus – und dieser speist sich aus dem Fliessen der Zahlen und nicht der Fixierung auf eine einzige wie “2000”. Die klugen Maschinen haben die gute DE:BUG ohne ökonomische Triftigkeit leben lassen und das böse Konr@d als zweimonatliche Sternbeilage in die Hölle geschickt. Da dieses Machwerk das erste seiner missratenen Art war, haben wir Hoffnung, dass @online und Tomorrow ebenfalls ihrem Genickbrecher über den Weg laufen. Diesem muss unser Lieblings-Internet-Regierungs-Beauftragter, Siegmar Mosdorf, nicht mehr begegnen: Sein Hirn scheint schon lange von jeglicher Blutzufuhr abgeschnitten zu existieren. “Die technologischen Voraussetzungen für eine effiziente Filterung illegaler und jugendgefährdender Inhalte im Internet sind weitgehend gegeben.” sagt es und will, dass das auch gemacht wird. Dabei steht direkt unter diesem Satz auf dem Blatt Papier, von dem er da abliesst, dass “die Filterung von sexuell-pornographischen Seiten nur befriedigend, bei rassistischen und gewaltverherrlichenden Inhalten sogar völlig unzureichend ist.” Allerhand für eine Regierungsstudie, nur ist seit dem Verlassen von Bonn alles so verwirrend, da ist es unfair, wenn man nichts machen kann. Wir haben wirklich den Besten aller denkbaren Internet-Regierungs-Beauftragten dieser Welt, denn Mosdorf lässt das Netz schon allein deshalb in Ruhe, weil er nicht weiss, wie es ist. Mosdorf stellt es sich offensichtlich unendlich erregend vor: Es ist weich und warm und lebendig und ein bischen schmutzig. POLICE AND THIEVES Herr Becker dagegen durchläuft das digitale Zeitalter verspätet, aber dafür im Zeitraffertempo, das einem Champ würdig ist: “Bin ich schon Shareholder?” fragt es, kaum ist es DRIN und kommt zum Punkt der Informationsgesellschaft: Auch noch ordentlich Anteile von AOL kaufen, weil erstens ist das der Sozialismus, der heute gemeint ist: Produktionsmittel in die Hände der Beschäftigten und die Eckensteher, die ihr Geld vor dem Supermarkt vertrinken, anstatt dafür Sozialamtsaktien oder Bausubunternehmeraktien oder wenigstens Alleinerziehende-Optionen zu erwerben, für diese Nichtsnutze soll es bald kein Pardon mehr geben. Dann haben sie ihre Chance gehabt und aus freien Stücken vertan. Zweitens ist Act-Once-Advertise-Two der kommende Werbetrend überhaupt. T… hat es versucht und mit Taube-Nuss-Krug erwartungsgemäss in den Sand gesetzt, AOL-Europe, das sich im Besitz von AOL und Bertelsmann befindet, macht es uns richtig gut: Kauf das Produkt und das Unternehmen auch noch und dann kauf dein eigenes Produkt, da kann nix mehr schief gehen mit der Kundenbindung. Die jüngsten Helden lassen sich daraufhin in der Schule verhaften (Kommentar: “cool!”) und geben als Berufswunsch “Massenmörder” an. Wenn Papa Schichtarbeiter bei BMW ist und Mama mit einem Onkel durchgebrannt, eine gradlinige Wahl. Schuld an der Existenz solcher Bastarde ist selbstredend die liberale Gesellschaft, im Sinne der WTO oder Graf Lambsdorfs, die Kindern zuwenig Freiheit lässt und eben nicht zuviel. Für ein besseres Morgen: Keinen Nachwuchs zeugen, die Glock auch mal benutzen und das Netz dreckig halten.

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Text: anton waldt aus De:Bug 27

A BETTER TOMORROW An kühlen Frühlingstagen gedeiht der Unsinn. Am 30. April diesen Jahres verlor das amerikanische Militär einen MilstarSatelliten direkt nach dem Start, und der Trabant wird seinen Job – Kommunikation zwischen Kommandozentralen und Einsatzkräften im weltweiten Einsatz – nie erledigen können, denn er kreist jetzt unwiederbringlich auf einer falschen Umlaufbahn um die Erde. Nach dem Desaster sprachen Gerüchte von gemeinen Hackern oder besonders bärtigen, islamischen Terroristen, aber nichts dergleichen war die Ursache des Falschflugs. Vielmehr war ein banaler Tipfehler kurz vor dem Abschuss Schuld. Vor dem Start werden nämlich Flugdaten direkt in die mächtige Titanrakete gehackt und da ist wohl ein Finger ausgerutscht. Besonders peinlicherweise hat dann auch noch der planmässig durchgeführte DoubleCheck versagt. Scheisse passiert also auch im All, leider aber diesen Sommer noch mehr in den Alpen. In der Hitze des Sommers gedeiht der Hass. Zum Beispiel auf Trottel, die sich nicht in Felsschluchten umbringen, sondern auch heute noch in buntem Gummischeiss auf der Suche nach dem ultimativen Kick sind. Und natürlich auf Trottel denen in der Hitze ihrer Scheinwerfer kein blöderer Scheiss einfällt uns zu nerven, als über erstere Trottel zu berichten. Wenn wenigstens für jeden, der dabei pflichtgemäss zu Tode stürzt oder vom Grisley gefressen wird oder dessen Fallschirm nicht aufgeht, ein Tüschchen gepaukt würde. Stattdessen kriegt man in diesen Fällen die doppelte Dosis Ekel in einem Sport-und Betroffenheits-Sandwich serviert. Sportler waren immer schon ein widerliches Pack, aber in 90ern hat sich das noch unständig gesteigert. Anstatt sich der artifiziellen Welten zu erfreuen, nach denen sich jeder vom Höhlenmenschen bis ins 19. Jahrhundert die Finger geleckt hätte, klettern massenhaft kerngesunde Leute auf Felsbrocken oder stürzen sich mit verschiedenem Equipment von diesen herunter. Wenn sie sich dann einen Rückenwirbel quetschen, müssen besonnene Bergureinwohner, die bestimmt besseres zu tun haben, sie retten, und im schlimmsten Fall wird unsere Sozialstatistik mit einem Vollinvaliden mehr vermurkst. Die Frage nach der Verantwortung in einer hochindividualisierten Gesellschaft sollte eigentlich nicht von schwer Drogenabhängigen aufgeworfen werden, aber wenn es sonst keiner tut…und ausserdem wollen wir ja kein Geld vom Staat. Abgesehen von diesem Standpunkt des Zeterns sind zuviele Drogen und zuviel zu laute Musik natürlich eher mal der Gipfel der Zivilisation, während Fun- und Risiko-Sportler in die SondermüllTonne gehören. Fast so beschissen wie die Fit-Fürs-Füsilieren-Generation ist selbstredend die deutsche Telekom, die um ihre behämmerten ISDN-Leitungen auch weiterhin möglichst vielen Menschen für möglichst viel Geld überall reinstecken zu können, echtes ADSL in Deutschland verhindert. Das ist nämlich eine famose Technik, die auf StinoKupferkabeln basierend brutale Downloadraten von bis zu 15 MB/s ereicht und – jetzt kommts – man kann gleichzeitig auch noch telefonieren. Stattdessen murkst der rosa Verein mit TDSL rum, und das ist langsam und sowas von hintendran. Wenn die Luft mal vor Hass vibriert, gehen auch die Objekte nicht aus: Der Freundeskreis gehört für seinen unerträglichen Police and Thieves RipOffs einer Bande Crackabhängiger mit Skalpellen vorgeworfen. Die Prozedur kriegt man billiger im Doppelpack (Zahl eins, schlitz zwei) und deshalb wird Herr Simmel auch mit von der Partie sein. Der schreibt in seinem letzten Roman über Computer, Netzwerke und den Y2K-Bug, vor allem aber schreibt er über Viren und Terroristen im Netz. Das Buch ist Simmel-typisch gut recherchiert, den Lesern wird erklärt, wie das Internet aufgebaut ist, wie neuronale Netze arbeiten und was genau Sylvester 2000 schief gehen könnte. Dabei dürfte die Auflage von “Liebe ist die letze Brücke” locker die von allen Büchern über den 2000-Bug übertreffen und so das digitale Weltbild einer Leserschicht nachhaltig beeinflussen, deren direkter Umgang mit Computern oft auf Bankomatbesuche beschränkt bleibt. Um zu verhindern, dass sein Buch “als Leitfaden für Terroraktionen” dient, hat Simmel obendrein noch “wissenschaftlich falsche Angaben gemacht” und das glauben wir auch, spätestens wenn ein aufrechter Wissenschaftler von seinem eigenen Teilchenbeschleuniger gekillt wird. Für ein besseres Morgen sollte jeder vernünftige Mensch täglich einen Sportler erschiessen und einen Euro für einen kollektiven SatellitenNetzAnschluss ins Sparschwein stecken.

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Text: anton waldt aus De:Bug 28

A better tomorrow Das Jahr 2000 oder wie die deutsche Rest-Linke lernt, den Führer zu lieben oder wie der aufrechte amerikanische Patriot lernt, sein Misstrauen in Blut zu münzen. Die ganze westliche Welt wird von Bekloppten regiert. Die ganze? Im Herzen der Neuen Mitte hat ein anderer Wahnsinn überlebt und der macht Spass und Hunger auf mehr: Underground Garage (oder wie das heisst) ist die neue Hoffnung Berlins. Aber die eine Hälfte der alten Bewohner traut sich das nicht aufzulegen und die andere Hälfte weiss nicht, wie sie dazu tanzen soll. Das Ritual ist gerade deshalb oberberuhigend und erholsam, seit dem 2-Step-Bashing nicht mehr so wohl gefühlt in ditte. DIE GENERATION SACK Ende der 60er hatten sie ihre grosse Sause und wollten nicht einsehen, dass es Zeit ist, den Abgang in seriöse Verkalkungsposen vorzunehmen, zum Beispiel als populärer Aussenminister, von dem niemand mehr erwartet, als das er eine gute Figur macht, Prost Herr Fischer. Die meisten anderen wollen aber noch was wirklich wichtiges zu SAGEN haben und das kann nicht gut gehen. Der letzte Philosoph Sloterdijk macht exemplarisch vor, was man ab 50 alles bleiben lassen sollte – die Einsicht, dass er wegen seines Berufsstands und als Individuum überfällig ist wie ein gemietetes Post-Telefon will und will sich nicht einstellen. Statt dessen bastelt sich Sloterdijk “Regeln für den Menschenpark”, nennt sie “Eine Antwort auf den Humanismus” und fiebert darin von “Menschenzucht” unter Obhut einer “geistigen Elite”. Wahrscheinlich kommt sich die Sau auch noch modern vor, weil ja weisse Kittel dazu an Genen murksen sollen und nicht schwarze an Selektions-Rampen. Angepöbelt sagt Sloterdijk, er hätte ja bloss wiedergekäut und das sei ja wohl sein gutes Recht, weil das ham wa auffe Uni immer schon jemacht. Solange sie ihren halbverdauten Plato, Nietzsche und Heidegger nicht öffentlich rauskotzen geht das auch in Ordnung, schliesslich soll in dem Alter niemand mehr gezwungen werden, ernsthaft was Neues zu lernen und für das bestehende Personal der geisteswissenschaftlichen Universitäten kann man auch eine grosszügige Übergangsregelung akzeptieren, bis diese Bildungs-Bürger-Verwahranstalten endgültig geschlossen werden. Besonders böse wird der Sloterdijk-Fascho-Outing-Skandal dadurch, dass der Restanstand deutscher Presse, der sich sonst solcher Fälle annimmt, höchstens betreten stammelt. Nicht dass die Angelegenheit verschwiegen würde, nicht dass nicht ein bisschen Schelte einfliessen würde, aber nirgendwo steht mal deutlich aufgeschrieben, dass Sloterdijk ein hirntotes Arschloch ist, das in den Ruhestand nach Brasilien bei stark gekürzten Bezügen gehört. WACO-BOOGIE-BOING Zum Jahresende gehts rund, soviel haben selbst die Hinterwäldler kapiert, wenn auch auf ihre eigene verkorkste Tour. Die Wahrscheinlichkeit, dass es durch den Bug krassere Schäden gibt, ist inzwischen jedenfalls ein Festplattenfurz gegen die Möglichkeit durchdrehender Penner aller Sorten und Grössen, die nachher alles auf die an sich grundguten Computer schieben werden. Während sich der Durchschnittsami – auch schon nicht sooo helle – mit Zwieback, Brennholz, Bargeld und Centerfoldern für einen Monat eindeckt, ist es bei Veteranenverbänden, freischaffenden Patrioten und KKK-Trotteln inzwischen ausgemachte Sache, dass die Clinton-Administration den Bug – ready or not – zum Anlass nehmen wird, das Kriegsrecht auszurufen und den letzten aufrechten Männern auf die Waco-Tour ihre Schiessprügel abzuknöpfen. Waco? Waco! Das Kaff, in dem das FBI vor ein paar Jahren einen Sektenführer und seine Bande gegrillt hat, ist unter Waffenträgern inzwischen ein Wahrzeichen für die Gemeinheit jeder Zentralregierung. Komische Überschneidungen ergeben sich, wenn diese BügerRechte und die Bürgerrechte das gleiche wollen, zum Beispiel private Kommunikation und Informationsfreiheit. Da wird auf den Sites des generell recht empfehlenswerten Söldner-Blättchens “Soldiers Of Fortune” (www.sofmag.com) mächtig für PGP geworben und Y2K-Bug-Aufklärung vom Feinsten betrieben. Nur die Schlussfolgerung, dass ein grösseres Kaliber eine gute Vorsorge für alle Fälle ist, kommt wieder straight in Charlys Fresse. Für ein besseres Morgen: Philosophen vermöbeln und mehr Obst essen.

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Text: anton waldt aus De:Bug 30

A fucking BETTER TOMORROW Idioten des Global Village 1923, als Komissare noch Pfeifen rauchten und Polizisten Kautabak-Sabber auf Verdächtige spuckten, war die Polizei drecksmodern. Ihr Interpol-Baby war so ziemlich das erste staatliche Informationsnetzwerk, so was hatten bis dahin nur die Postler und natürlich die Companies (Die einen für Porto-Abrechnung, die anderen für Preisabsprachen). Neunzehnhundertneunundneunzig sehen die Bullen eher aus wie die Rotznase, die den Eiswagen verpasst hat: Toshinori Kanemot, derzeit Interpol-Vorsitzender, forderte auf der diesjährigen Interpol-Generalversammlung Provider verstärkt in polizeiliche Ermittlungen einzubeziehen. Die obersten Ordnungshüter aus mehr als 80 Ländern verdauten ihr zweites Frühstück und grummelten vor Zustimmung und ehrlich überaschtem Unmut, als Kanemot ihnen die Augen über das Internet öffnete: Terroristen wickeln ungestört ihre Geschäfte ab, darunter schlimme Sachen wie Menschenhandel, Kleinstkinderschändung, industrielle Drogenproduktion und Kalaschnikow-Deals. Terroristen besorgen sich Atomwaffen, Napalm und Kreide, dazu machen sie Propagande was das Zeug hält, so dass die Minderheit der anständigen Surfer ständig in Gefahr ist zum Islam zu konvertieren oder Schlimmeres. Fazit dieses makaberen Treibens: Provider gehören ordentlich dran genommen und wenn sie nicht spuren muss ein Gesetz her. Am besten natürlich beides. Wo die Schweine lauern Die Verbrecher im Netz werden die Polizei selbstredend nach Kräften unterstützen. RealNetworks gibt bestimmt seinen Obulus gegen drogenabhängige MP3-Hörer, wenn diese endlich aufhören auf diesem winzigen Fehler rumzureiten, der dem Unternehmen wirklich leid tut. Es war ein “freundlicher Fehler”, der dazu geführt hat, dass der RealPlayer und die anderen Qualitätsprodukte des Softwarehauses täglich, wenn der User online war, ein Update der par Daten an die Company sandten. War auch nur, welche Musikfiles in welchem Format auf der HD rumlungern und welche wie oft gehört wurden. Ach ja: Und welche kopiert wurden und wie oft und welcher MP3-Player an den Rechner angeschlossen war. Wurden auch nur aus Versehen mit den persönlichen Daten des Nutzers zusammen gespeichert, shit happens. Und, und, und haben bloss drauf vergessen das mit den Daten in den Geschäftsbedingungen zu erwähnen. Richtig doof wäre das jetzt, wenn nicht mehr 85 Prozent aller Streaming-Media-Scheisse im Netz mit Real-Produkten gehört oder gesehen würde. Gerade jetzt wo RealNetworks Portal werden will und sich damit mit allen, die die Firma gross gemacht haben in Konkurrenz tritt. Die DE:BUG möchte deshalb allen Real-Kunden empfehlen bei den tollen, ausgereiften Programmen dieser eigentlich grundehrlichen Company zu bleiben. Sonys Tochter InfoBeat, hat es bestimmt auch nicht bös gemeint, mit dem Weiterleiten persönlicher Daten an Firmen. Zufällig immer an die, deren Werbebanner gerade angeklickt wurden. Ein blöder Softwarefehler das und wer steckt schon in diesen Detail-Teufeln. Spätestens jetzt kommen Gebilde wie TRUSTe ins Spiel, die genau so vertrauenswürdig wie der WWF Unbdenklichkeitszertifikate ausgeben. Nach genauer Prüfung versteht sich von selbst und ohne auf das Honorar zu achten. Staatsräson ohne digitalen Fick Ganz cool die Interpol-Linie haben schon ganz lange die Australier drauf. Die kennen sich ja mit Verbrechen sowieso bestens aus, weil sind ja selber alles welche gewesen, als Gross Britanien sie zu den Beuteltieren geschickt hat. Der “Broadcasting Services Amendment Bill”, regelt den Netz-Zugang in Australien genauso streng wie fair: “pornographischem Material” im Netz ist verboten, australische Provider sind verpflichtet darauf zu achten, dass auch wirkliche kein Schwanz zu sehen ist und Filtersoftware ist dabei zwingend einzusetzen. Schmuddelfinken, die trotzdem Inhalte, die “R-rated” wurden, ansabbern wollen, müssen sich bei der TV-Behörde registrieren lassen und zwar ordentlich mit Kreditkartenummer und Wohnsitz und allen Schikanen, dann gibts den personalisierten Schmuddel-PiN. “R-rated” ist übrigens nicht jugendfrei aber nicht so ekelig wie X-rated. Für ein besseres Morgen: Info-Camo tragen, den Staat zerschlagen, die Companies enteignen und mehr Drogen nehmen.

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Text: Anton Waldt aus De:Bug 18

A Better Tomorrow Anton Waldt Herbst im neuen Deutschland. Rentner machen es sich mit Detroit-Samplern und einer viertel Pille vor dem Bildschirmschoner bequem, kleine, pelzige Tiere sammeln endlich ungestört ihren Reisig, sogar in Frankfurt im Schatten der Banktürme, zwischen den Junkies, die dieses Jahr ungewöhnlich GESUND aussehen. Die guten Menschen von Föhr verwenden Fairy-Ultra zum Vögel waschen, auf Amrum wird eine andere Marke benutzt, keine Frage wer zuerst die Küstennebelflaschen auspackt. Der Rest der Republik ist paralysiert: Der Schock-Anrufer trägt den Informationskrieg in jedes Wohnzimmer, brutale Verbrecher bringen ihn sogar in jede Senftube deines Lieblingssupermarktes. Hinterhältig ist das alles, weil von Informationsterroristen verdammt noch mal erwartet wird, dass ihr Equipment mindestens aus Auftrag-Unmöglich kommt & ein gekränkter Android mit Augenklappe, der früher mal für den CIA gearbeitet hat, das Kommando führt. Statt dessen kommt die Zukunft mit dem ideologischen Rüstzeug eines Klingelscherzes daher und die müde Ausrüstung ist ein einziger Afront: zwanzig Pfennig, wenns toll zugeht ein Handy. Der STERN hat es noch nicht kapiert & macht ein Titelbild aus dem Schock-Anrufer, statt seinen spezialisierten Bastard KONRAD seine Mongo-Schuldigkeit tun zu lassen. RISIKOFORSCHUNG Schuld ist das globale Dorf, in dem sich alle so wohl fühlen, weil man auf dem Dorf genau mitbekommt wer den Schwanz des Häuptlings im Mund hat. Die De:Bug residiert natürlich schon immer in der Metropole, das Leben auf dem Dorf ist immer noch beschissen, nix geht ausser frischer Luft und Geborgenheit. Luft kriegen wir aus der Sauerstoff-Flasche & Geborgenheit gibt es auch ohne Kuhmist: jeden Tag zweimal die gleiche Folge der Bundys auf verschiedenen Kabelkanälen sehen & die Unterschiede in den Werbepausen registieren. In einer aufwendigen Langzeitstudie haben britische Wissenschaftler festgestellt, dass regelmässiger Konsum von Sitcoms vor Depressionen schützt & das nennt man dann ZIVISATION & für die sieht es gerade nicht wirklich gut aus: Bill Ich-Fick-Euch-Alle Gates hat Firefly geschluckt, die einen unhackbaren (!) elektronische Ausweis an den Start gebracht & nebenbei 3 Millionen Datensätze von 1A-Konsumenten auf ihren Platten gehortet haben. Der Firefly-Ausweis entspricht den Standards der “Platform for Privacy Preference Project” (P3P), DER Lacher überhaupt: der User gibt seinen Exhibitions-Faktor an die P3P-Betreiber und vertraut. Hinter P3P steht ein Konsortium & dort herrscht eine Stimmung, wie bei Grandpa’s seeligen Meetings des Stromkartells in den 20ern. Damals gab man dem BÖSEN blumige Namen wie “Phoebus” und handfeste Dinge wie die Wolframkarbid-Produktion wurden geregelt. Der Stoff war rar und wurde für die Glüh-Drähte in Lampen ebenso wie für die wichtigsten elektrischen Bauteile der Zeit gebraucht, über seinen Preis, also die Verfügbarkeit, konnte unmittelbar die Dynamik der gesamten Leicht- und Schwerindustrie reguliert werden. Die Lektion der alten Kartelle besteht in der verzwickten Logik, die bei solchen Einigungen zum Tragen kommt: General Electric und OSRAM legten den Wolfram-Preis für Europa auf maximal 90 Dollar pro Pfund und in den USA auf maximal 400 Dollar pro Pfund fest und diese Preis-Absprachen hielten sich ziemlich unbeschadet während des WK zwo, obwohl die amerikanische Rüstung dadurch handfeste Nachteile hatte, bloss störte das niemand der WIRKLICH etwas zu melden gehabt hätte. P3P hat eine zeitgemäss hippen Namen & erwartet ordentliche Gewinne ohne Wolfram oder einen Orbit voll Sateliten. Einfach den vertrauensseeligen Scheissern den Schutz ihrer Daten abnehmen und auf geht’s im digitalen Heizdeckenverkauf. Möglich gemacht werden die Butterfahrten durch die überholte Vorstellung einer sicheren Mauer, die den Räuber Hotzenplotz aus dem Haus hält, aber Firewalls sind prinzipiell keine gute Idee, da sie auf einer analogen Vorstellung von DRINNEN & DRAUSSEN basieren. Vielversprechender ist die Tarn-Komponente der alten Kriege: Informations-Camou unterläuft BackOrifice genauso spielend wie den P3P-Mist, die Kombination aus gezielter und wahlloser Desinformation ist nicht nur effizient sondern macht auch noch Spass! Und Hunger! Ausserdem ist sie sanft & stark zugleich. & immer an den Horst denken, der 1Millionen Marken von Müsli-Packungen gesammelt hat & statt 1000 Mountain-Bikes tatsächlich den, in der witzigen Werbung versprochenen, Stealth-Bomber haben wollte. De:Bug-Technik-Redakteur NERK hat herausgefunden, dass der aus “True Lies” bekannte Senkrechtstarter sogar in engen Berliner Hinterhöfen wendiger ist als jedes Fahrrad. Für ein besseres Morgen: Esst mehr Obst! —————————————————- ZITAT: Informations-Camou unterläuft BackOrifice genauso spielend wie den P3P-Mist, die Kombination aus gezielter und wahlloser Desinformation ist effizient und macht Spass!

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Text: Anton Waldt aus De:Bug 21

A Better Tomorrow Anton Waldt waldt@v-records.de Eine Ideologie im Siegesvakuum. Niemand hat ALLEN so erfolgreich seinen Masterplan aufgehalst wie die puritanischen Angelsachsen. Der verwirrte Geist einer Religion, die alle Sünder immanent zur Hölle schickt, hängt am Watschenbaum: Erfolgsverwöhnte Entscheidungsträger fühlen sich in ihren bewachten Vorortsiedlungen nicht mehr sicher, weil die größten Gefahren des Informationszeitalters in der Sicherheitsarchitektur der Suburbs nicht berücksichtigt wurden: Die marodierenden Horden verarmter, UZI-schwingender Verlierer lassen sich nicht blicken. Dafür warnt eine Firmen-E-Mail, die mit einem Verschlüsselungsprogramm vom Index gesichert ist, vor den Gefahren der Bio-Kryptologie: Eine halbe Stunde sperrt ein abgetrennter Finger Biometrik-Schlösser auf, und die Konkurrenz schläft nicht. IF YOU FAKE THE FUNK YOUR NOSE WILL GROW Derweil zeigt Michel seine Fratze und die christliche Union rüstet zu Kreuzzügen gegen Ungläubige. In Davos sind Ahnungen und GLAUBEN unterwegs, wie im Action-Teil der ZITTY, und die bleichen Herren-Puritaner sind sowieso ganz aus dem Häuschen – kurz: Der irrationale Backlash wächst sich dieser Tage zum General-Problem aus. Die informelle Beschleunigung setzt zu viele Resourcen frei, Menschen und Verhaltensmuster, die Jahrhunderte unentbehrlich waren, werden von PacMan verspeist. Die Bewahrer von Disziplin und Moral haben ausgedient, kein Bauer muß mehr mittels emotionaler Suggestion vom Acker weg Fabrik- und Großstadtreif erzogen werden. SIE haben längst jede Bedeutung verloren und wehren sich deshalb um so heftiger. Heilige Kriege sind natürlich ein bewährtes und pflegeleichtes Mittel in Situationen wie dieser. Gottfried von Bouillon und Balduin von Flandern stanken zwar wie der sommerliche Friedrichshain, aber sie hatten ein Messer NUR fürs Bratenabschneiden, und dadurch waren sie die zivilisatorische Elite ihrer Zeit. Das ausgehende zehnte Jahrhundert war auch sonst eine enervierende Epoche: Flagellanten langweilten mit ihrem beschissenen Kasteiungen, wie heute nachmittägliche Talkshows, Endzeit-Völkchen veranstalteten Raves, für die ganze Landstriche oder Städte okupiert wurden, bis nichts mehr zu essen oder zu ficken da war und die Überlebenden von bischöflichen Truppen niedergemacht wurden. Schuld waren die technologisch primitiven, aber wirkungsvollen Neuerungen in der Landwirtschaft, Drei-Felder-Technik und so. Die Pest kam erst später und so waren also ordentlich zuviel Menschen unterwegs in Europa, die zwar ernährt werden konnten, aber ohne Job und Acker nur Eckensteher und Trunkenbolde werden konnten. Um diese Klientel nicht sich selbst zu überlassen, brachten rülpsende Fürsten gigantische Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen an den Start: Kreuzzüge. Deren dröge Geschichte mit viel hin-und-her Geschubse ohne dauerhafte Siege, aber jeder Menge Horrorshow, langweilt wie Nachrichten aus dem Kosovo, die einem den letzten Rest von Neugierde auf die ansonsten geliebte tägliche Ration News vermiest. NACKTE GRIECHEN IM KALTEN SALZ Während der Xten letzten industriellen Revolutionen wurden jeweils mehr Menschen und Energien neu gebunden, als durch Rationalisierungen freigesetzt worden waren. Prinzipiell gilt das natürlich auch für das frühe Mittelalter, nur hat damals der Umstrukturierungsprozeß dreckig lange gedauert, dadurch waren die Verwerfungen nachhaltiger. Jetzt geht alles ganz SCHNELL und die Komplikationen sind nachhaltig. Da die ökonomischen und sozialen Zustände einer informierten Gesellschaft ums Verrecken nicht zu den Mustern, Zwängen und Verhaltensweisen ihrer Vor-Gesellschaft passen, kracht es ordentlich im Gebälk, und Widersprüche häufen sich, zu unser aller digitaler Vergnügen: Lycos bringt eine Suchfunktion für MP3-Files an den Start, die Musikindustrie schäumt, aber Bertelsmann gehören sowohl 25% von Lycos als auch erkleckliche Musikrechte… Oder die Saubermann-Stadt Nummer Eins, Salt Lake City, fällt mit ihrer Olympia-Bewerbung so richtig dumm auf, nicht etwa Nagano oder Berlin. Daß die Raver nachts auf VOX so faschistoid, wie in einer Früh-Neunziger-Phantasie eines Spex-Rockers aussehen, ist in diesem Licht nur zu begrüßen. Nackte Schönlinge hoppeln im Dumm-Rave-Beat durch pitoreske Salzlandschaften, Mormonen säumen die sonst kahlen Ufer des Lake und lassen Dollarnoten mit der Pyramide nach unten in der Brise flattern. Leni Riefenstahl filmt euphorisch. Später stellen die E-Werk-Hörste das Ergebnis während ihrer nächsten Kunstanwandlung als Installation auf, am besten zur nächsten Biennale, die von Scientology gesponsort wird. Dann kommen die Berliner Strippenzieher aus ihrem Country-Club, klopfen Hart-Sequenzer auf die Schulter und bekennen sich zur Toleranz. Uns Zigarren-Schröder dürfte sich spätestens dann nicht mehr lumpen lassen, Naumann schreibt schon an der Rede für die Love-Parade 2002, in der ein Kanzler gesteht schon E geschmissen zu haben, aber nur ein Viertel, Ron L. Hubbard hat den Rest geschluckt. Die Nerven mit Baß und Klugheit stärken, dann kann uns nichts passieren!

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Text: anton wald aus De:Bug 23

Binsenweisheit: Wenn ein Gross-Reich den Bach runtergeht gibt es danach jede Menge Ärger. Todessehnsucht regiert, alte Rechnungen kommen als Update in Umlauf und verlangen Blut mit Zinsen. Deutschlands reiche Rentner haben das kapiert und folgerichtig heisst das teuerste Altersheim der Republik zukünftig nicht mehr “Europa” sondern “Galaxie”, Bordwährung bleibt aber die D-MARK, auch nach Einführung des Euro. Bundeswehrgeneräle demonstrieren derweil in der ZEIT historisch fundierte Dialektik: “Was jetzt passiert, ist für uns doch nichts Neues.” General Bernd Müller muss sich “heitere Nachsicht” abverlangen, um die Debatten “draussen in der deutschen Öffentlichkeit” nachvollziehen zu können. Er bellfert dem strammstehenden Reporter ins zivile Mikrophon: “Ein Angriff auf einen souveränen Staat ist von Zeit zu Zeit notwendig. Ich bin den Amerikanern ja auch dankbar dafür, dass sie damals Hitler angegriffen haben.” Mit diesem Personal sollte sich Deutschland wirklich aus keinem Konflikt mehr raushalten, Dumpfbacken wie Herr Müller und seine Oldenburger Luftlandebrigade brauchen eben von Zeit zu Zeit ein fröhliches Schlachten. Geschichtstunde für Komissköppe 1): Hitler war kein souveräner Staat, aber DEN Denk-Fehler haben die Teutonen der Wehrmacht auch schon gemacht, als sie den Eid auf den Gröfaz persöhnlich ablegten. Geschichtstunde für Komissköppe 2): Am 7.12. 1941 griffen die Japaner Pearl Harbour an, daraufhin erklärten die USA den asiatischen Musterschülern Preussens am 8.12. den Krieg, was wiederum Hitler-Deutschland und Italien dazu veranlasste den USA den Krieg zu erklären. Von einem Angriff der Amerikanern auf den souveränen Staat Super-Germanien kann also keine Rede sein. Weil aber nicht nur dumme Soldaten die Der-Böse-Hitler-wurde-ja-auch-mit-Gewalt-besiegt-Parallele überstrapazieren, hier die Geschichtstunde für Komissköppe und verblödete Journalisten 3): Die Begründung Nazi-Deutschlands für den Überfall auf Polen entspricht völkerrechtlich exakt dem der NATO auf Serbien: Damals musste eine angeblich unterdrückte deutsche Minderheit in Polen als Rechtfertigung herhalten, 1999 Albaner mit Drang zur Eigenstaatlichkeit, deren Souverinitätsrechte 1991 von Serbien mit Billigung des Westens annuliert wurden. Kein Grund sich jetzt als Retter aufzuspielen also, vor allem wenn damit der einzige Garant für langfristig friedliche Verhältnisse in die Tonne getreten wird: Die UNO. Kann jetzt nämlich einpacken. Kein funktionierender Sicherheitsrat, keine UNO, und das ist ist trotz aller Star-Treck-Weltfremdheit dieser Hippie-Organisation wirklich Scheisse. WAR INNA BABYLON Schon jetzt gibt es so viele Kriegsgewinnler, dass wirklich niemand ein Interesse daran haben kann, diesen Krieg zu beeenden. Pro7 wiederholt aus aktuellem Anlass sein knorke Bosnien-Camel-Abenteuer “Friedensmission”: IFOR-Krimi inclusive kleinen serbischen Jungs mit Kalaschnikofs und all dem Mist. Vor der Werbung gibt es für die nachfolgende Sendung den Trailer “Krieg in Europa: Wird der Einsatz von Bodentruppen unvermeidlich?” Deutlicher kann der quotentreibende Wunsch nach Fleischwunden wohl nicht artikuliert werden. Kurz danach entdeckt der Boulevard auf der gleichen Frequenz “Erotik-DJs” als eigenständige Berufsgruppe, gemeint sind Disco-Stripper, die bringen aber längst nicht soviel Werbe-Einschaltungen wie unsere Jungs im wilden Kurdistan. Jawoll “Die Reporter” wollen mit Apache-Hubschraubern im Tiefflug über Belgrad brettern, dazu wird deutscher HipHop gehört (Die 3te Generation: “Mein Bruder stribt den Heldentod”) und wenn der Bordschütze nachladen musss, freuen sich Waschmittel und Frühstücksflocken über die hohe Hausfrauenquote. Oder passende Frontlektüre: “Die echten Hitler-Tagebücher, wenn sie jetzt bestellen die gibts die von Milosowitsch gratis!” Der hat sowieso die beste Zeit seines Lebens, Systeme, die im Terror gewachsen sind, dürfen eben nicht in der Intensität der Kicks nachlassen, und DAS ist auch die einzige Parallele. Also niemand da, der keinen Krieg will, Waffensysteme wollen probiert werden, Pathos macht sich breit und Bleisärge sind bestellt. Für ein besseres Morgen: Dessertiern.

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Text: anton waldt aus De:Bug 24

1900 war elektrischer Strom angesagter universaler Heilsbringer und Europa ein nationalistisches Bordell. ABER: Geschichte wiederholt sich nicht, ungelöste Probleme melden sich bloss gerne zurück, und angesichts neuer Phänomene werden bequeme alte Reaktionsmuster hervorgekramt. Den Hoffnungsträger-Job unserer geliebten Einsen und Nullen hatte am Anfang dieses Jahrhunderts analog modulierter Strom, der sollte Kranke heilen, Fabriken menschenleer machen, Felder düngen, in der richtigen Dosis sättigen, die Strassen sicher machen, soziale Probleme lösen und Frieden bringen. SO falsch lagen die euphorischen Elektriker gar nicht, und deshalb herrscht Optimismus um den kleinen digitalen Unterschied. Das Feuilleton schreit: Hurra! Der Kaiser! Osram! PentiumIII! Aber Maschinen lieben den Krieg… Die Trenchcoat-Gang aus Denvers Suburbs bringt die volle Schizophrenie des Abwehrkampfes gegen neue Techniken auf den Pixel: Vor hundert Jahren galt Elektrizität als feminin und verweichlichend, WK Eins lässt sich durchaus als Reaktion obsolet gewordener Krieger verstehen, die sich vor dem Fortschritt ins Stahlgewitter flüchteten. Dass sie damit das reproduzierbare Negativ des bekämpften weiblichen, internationalistischen und sozialistischen Feindbildes herbeischlachteten, war den ersten wahrhaften Industrie-Barbaren natürlich nicht bewusst. Stahlhelme sind ein phantastischer Schutz gegen Radiowellen. THE CENTURY REMIX: STAHLGEWITTER vs DIGIBASH Westliche Medien kolportieren dieser Tage gerne die Barbaren-Mär vom verwegenen aber erdverbundenen Krieger, der im wilden albanischen Kurdistan nicht zur Waffe greift, solange der Schnee die pittoresken Berge bedeckt, nichtsdestotrotz hat im Oktober 1912 der erste Balkankrieg dieses Jahrhunderts begonnen. Vereint kämpften Serben, Kroaten, Albaner und Bosnier gegen das osmanische Reich, danach mussten sich die Türken aus der Region verabschieden, aber das Schlamassel ging weiter. Fürst Nikita von Montenegro beanspruchte Skutari, das dem gerade entstandenen Staat Albanien zugesprochen war, besetzte es militärisch und zuckte auch nicht mit der Wimper, als nach geraumer Zeit eine internationale Flotte unter englischem Oberkommando an der malerischen Küste vor Montenegro auftauchte. Junge holländische und dänische Rekruten vergnügten sich mit Rum und neckischen Gruppenspielchen in der Adria, Fürst Nikita verschlang rohe Schafe zum Mokka, und deutsche Smutjes kochten Labskaus mit Knoblauch. Beim Klabautermann! Westliche Medien kolportierten jener Tage: “Das Unglaubliche ist geschehen! Montenegro hat die Kühnheit besessen, ganz Europa den Fehdehandschuh hinzuwerfen!” Nikita erhielt den zweiten Vornamen “Hammeldieb”, hatte aber seine Töchter strategisch an den italienischen und russischen Hof verheiratet und kam Schafs-untypisch ungeschoren davon. Neunzehnneunundneunzig hören serbische Tiger U2 (Bloody Sunday), im F16 jeanst Flat Eric mit, und die UCK singt selber. Aber Milosowitsch würde auch keine geschickte Heiratspolitik helfen, denn Grossmächte gibt es nur noch im Singular, Krieg ist heute technologisch vorne dabei, Militärs lieben die Video-Live-Übertragung ihrer lasergesteuerten Geschosse, und Fleischwunden sind unter modernen Kämpfern äusserst unbeliebt. An der Heimatfront werden diese Verwerfungen dafür mit echtem Blut in den Highschool-Beton geschrieben: Nerds und Geeks massakrieren die Repräsentanten alter Körperlichkeit, Gewalt im Sinne der NRA wird dadurch nicht fragwürdig, böse ist die virtuelle Metzelei, statt Footballmanschaften aufzulösen werden bleiche Schlakse vom Bildschirm vertrieben. Filterprogramme boomen, und das kann nicht gut ausgehen, denn je mehr davon unterwegs sind, umso mehr Schwachsinn stellen sie an. Im Mormonen-Staat Utah wurden mittels Smartfiltern Shakespeares gesammelte Werke, die Bibel und das Buch Mormon online blockiert, noch besser wird es, wenn die Tugendprogramme sich gegenseitig aus dem Rennen werfen, weil sie in ihren Datenbanken ja alle Schmuddel-Keywords am Start haben, so geschehen mit den Seiten von Surfwatch, einer ultra-konservativen Non-Profit-Organisation, die sich für züchtige Filterprogramme in jedem Kühlschrankchip stark macht. Für ein besseres Morgen: virtueller Gewalt frönen und ENFOPOL in die Tonne treten.

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Text: anton waldt aus De:Bug 11

A Better Tomorrow Anton Waldt indigo@silverserver.co.at Wir gestehen: Klar ist das Design das Beste an der De:Bug! Das muß auch so sein, schließlich sind die Oberflächen kurz hinter dem Bumm-Bumm auf der Zielgeraden zur Jahrtausendwende, während die Wörter im Stadionklo heimlich Bier trinken und Leichtzigaretten rauchen. Zum Beispiel Thomas und Dieter. Die beiden haben sich ihre langen Haare abgeschnitten, saugen gierig an ihren Ultra-Lights und bereiten ihr Comeback vor. Modernes Reden Thomas: Das Problem ist doch das Sich-Tot-Siegen des sprachfixierten Denkens in einer – tja – ich schätze griechischen Kontinuität. Bloß jetzt können unsere Hirne plötzlich viel mehr als sie bisher durften. So auch das Revival der bildhaften Kommunikation. Das Dogma, das Denken nur auf Basis der Sprache funktioniert, ist doch hinfällig! Dieter: Wort! Schottische Wissenschaftler haben festgestellt, daß auch Hühner gerne Fernsehen. Hühner sind ja sowieso neugierig und die legen dann auch dickere Eier. Thomas: Das ist protestantische Wertfixiertheit! Es geht nicht um dickere Eier, sondern um vernetztes Denken, das im Gegensatz zum protestantischen, linearen Denken mehrdimensional ist! Die europäische und amerikanische Geschichte folgt einer bürgerlichen Verwertungslogik, die so gründlich gesiegt hat, daß es inzwischen keine andere Geschichte mehr gibt. Arbeit hat eine ernste und mühsame Tätigkeit zu sein, Kunst bestenfalls unerfüllte Sehnsucht. Dieter macht sich eine neue Dose Bier auf: Ich esse aber gerne große Omelettes und deshalb sollte man vielleicht den Hühnern auch Internet-Zugang gewähren! Thomas: Die Befreiung von der Idee einer gegebenen Natürlichkeit bedeutet eine positive Hinwendung zur Realität: Nicht HINTER der menschgemachten Umwelt verbirgt sich die beste aller denkbaren Welten, sie ist es SELBST. Auch und gerade die Technik ist keine dem Menschen fremde Welt, sie gehört als Produkt seines Denkens zu ihm. Zusammen mit dieser Barriere muß auch die strikte Unterscheidung der Kunst vom Alltag fallen: Beide sind Felder des gleichen menschlichen Gestaltungswillens! Eurosport Zur selben Zeit fallen auf einer südfranzösischen Landstraße die Späne: Durch beherztes knöpfchendrücken verhindert eine Autofahrerin den drohenden digitalen Tod ihres Tamagotchis, das traurig und krank am Zündschlüssel baumelt und piept. Gleichzeitig fährt sie einen Radfahrer um, der 153 Minuten später stirbt, was wiederum genau die Zeitspanne ist, die die 16-jährigen Hacker benötigten um den neuen T-Online-Code platt zu machen. Das neue Verschlüsselungssystem wurde eingeführt, weil die gleichen Kids das alte geknackt hatten. Recycling vs. Revival (Aus: “Niemand kommt hier lebend raus” von Duane Marvy): “Seit Beginn dieses Jahrhunderts gibt es zwar immer wieder Ansätze, das Gesamtkunstwerk ins Leben zu integrieren. Aber sie waren an Bedingungen gefesselt, die sie scheitern ließen. Der Futurismus endete in nationalem Militarismus, dada war nicht in der Lage, sich von der negativen Fixierung auf diesen zu lösen und wurde vom bürgerlichen Kunstmarkt aufgesogen. Immerhin hat er dort eine Korrosion eingeleitet, die heute zu erfreulich absurden Verhältnissen führt: Außer Wertsteigerungen und akademischer Arbeitsplatzerhaltung wird nichts mehr von den bildenden Künsten erwartet und verlangt. Der Situationismus verlor sich in den antiautoritären Protesten der 60er Jahre. (…) Die Jugenkulturen der Nachkriegszeit tragen die Kunst wieder in alle Lebensbereiche. Es ging um die Installierung von Parallelwelten. Punk stellt einen vorläufigen Höhepunkt dar: Inhaltlich völlig abhängig von herrschenden Verhältnissen, denen der Krieg erklärt wird, etabliert er die bruchlose Durchdringung des Lebens mit seiner Ästhetik und Attitüde. (…) Danach galt es Tanzflächen zu bedienen und nicht mehr den persönlichen Ausdruck des unerfüllten Lebens, die Maschinen wurden nicht mehr abgestellt, damit war das Problem aus der Welt und wir sollten uns nicht mehr den Kopf zerbrechen.” Vier Milliarden Hooligans Ich trug eine rote Binde um den Arm, auf der stand: Ordner. Ich referierte über den Wechsel vom kapitalistischen zum kommunistischen System durch Kampf auf Leben und Tod: ‘Der Sozialismus war die Kindheit der Menschheit!’ Die Erde bebt, die Meute tobt und brüllt: REWIND: Nur wenn die artifizelle Umwelt nicht als feindlich und wesensfremd empfunden wird, sondern als Ausdruck menschlichen Denkens, gibt es ein besseres Morgen.

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Text: anton waldt aus De:Bug 10

A BETTER TOMORROW 10 von Anton Waldt Madonna schwebt spirituell-religiös “irgendwo zwischen Indien, Israel & Rom.” Euer gewissenhafter aber geschwätziger Chronist Anton Waldt kompensiert sein Bedürfnis nach Spiritualität mit Popmusik (der einzige WAHRE Grund für Vinyl). Selten habe ich die Grundlagen dieser Kompensationsleistung so knapp & einfach aber gleichzeitig so berührend geschildert bekommen, wie vom dtv-Atlas zur Musik, der auch zu berichten weiß, daß die unmittelbare Quellen des Jazz “die spontanen Gesänge in den Negerkirchen” waren. Gerade diese Gehässigkeit auf all den schönen Krach produziert hier WAHRHAFTIGKEIT: “Der Schlager wird ab Mitte des 19. Jh. zur musikalischen Ware mit hohem Umsatz. Selten originell, liegt er immer im Modetrend. Mit textlicher Einfachheit, schlichter Rhythmik & bekannten Klängen (Sounds), ohne Niveau, aber gut vermarktet. Pseudogefühl suggeriert Pseudo-Lebenshilfe. Popmusik vertritt die weichere Komponente der Rockmusik, die mit antiautoritärer emotionaler Brisanz & harten Rhythmen Signalwirkung ausübt. Impulse gaben auch die Protestbewegungen der 70er/80er Jahre (Anti-Ratio, Anti-Leistung usw), die Drogenwellen der Subkultur & anderes. Die Massenfestivals von 68/69 (Woodstock) zeigten Höhepunkte der Bewegung & gleichzeitig ihre Kommerzialisierung an. Die Eletronik mit Synthesizern, Verstärkern usw. nahm zu.” HAPPY HIPPO SNACK Der letzte Plattenladen vor der Daten-Autobahn. DJ Christian Minibar hört die Drum & Bass-Neuheiten. Durch die Hintertür betritt eine Produzentenlegende den Laden & kleckert Knoblauch-Sauce von seinem vegetarischen Sandwich auf den Beton-Boden. “Ey! der is doch aus Detroit!” raunt Minibar seinem Kumpel Thorsten Frühstücksei zu, der versteht aber nix wegen der ollen Housekamellen im Kopfhörer: “Hä was geht?” “Hör ma auf mit dem blöden Bumm Bumm Bumm & guck ma: der is aus DETROIT!” Die Produzentenlegende gibt dem Personal High Fives. “Selber blödes Bumm Tschik – Bumm Bumm Tschik! & der is aus CHICAGO!” Die Poduzentenlegende hat jetzt aufgegessen & da Plattenläden neben Kirchen & Gefägnissen der Ort für das coole Wissen sind, erzählt er die Geschichte von dem Jungen aus New York, den die Bullen erschossen haben, weil er diesen silbernen Schokoriegel im Hosenbund stecken hatte. “Three Musketeers” heißen die & schmecken OK, wenn man sich an dem chemischen Erdbeeraroma nicht stört. Außerdem hat die NASA ausgerechnet, daß am 26. Oktober 2028 der Asteroid “1997 FX 11” auf unseren Planeten donnern wird & alles zerstört. Am nächsten Tag haben sie das dementiert: SIE hätten sich verrechnet, weil viel zu alte Bilder von dem Asteroiden verwendet worden seien. “ABER dieser muttergefickte Asteroid wurde erst im letzten gottverdammten Jahr entdeckt. Am 6 Dezember! Du weißt, was ich meine! Kann ma hier eine gefickte Pizza bestellen?” EIN SCHRITT VOR- ZWEI ZURÜCK Die Weisheit mit Löffeln gefressen haben steht wieder höher im Kurs. Die Verknüpfungsleistungen, die die Rechner nicht packen, werden immer ätherischer, seit die physischen Abläufe mit hinreichender Genauigkeit molekülweise nachzurechnen sind. In dieser eindimensionalen wissenschaftlichen Objektivität ist der Kapitalismus natürlich die stimmigere, coolere Art, das Fressen & das Verhungern zu organisieren. Das Versagen der Alternative ist vor dem Hintergrund der älteren & grundsätzlicheren Vereinbarung, nur die messbaren Grössen in den High Score aufzunehmen, naheliegend wie der Tod des Schleimmonsters vor deiner Phaser-Pumpgun. Fantastische Zeiten für Popstars & Scharlatane & dem Papst fällt zum Weltfrauentag auch mehr ein: “Würde stärken, weltweit!”, als einem russischen Präsidenten: “Frauen sind so schön, deshalb sollten wir sie verehren, besonders unsere Mütter!” Der Trottel hat dafür begriffen, daß die mediale Gesellschaft zwangsläufig ein Drogenproblem hat, sowieso die zuverlässigste virtuelle Realität. Da liegt er zum Beispiel begraben, der Hund. Die dumme Verwertungslogik hat eine Maschine hervorgebracht, die nach KICKS verlangt, immer neue, heftigere. Da geht er um, der geheime Protestant Herr von Fön, & ärgert sich schwarz, besonders in den USA: “300 Jahre! Immer schön Kausalität auf Profit gestapelt & am Ende fällt die eigene Brut mir in den Rücken!” Aber schon der junge Tyrone sagte in den 50ern zu seinem Papa: “Vielleicht gibt’s eine Maschine, die uns ganz zu sich nimmt, uns durch den Elektroden auf dem Schädel in sich einsaugt, damit wir auf ewig in der Maschine leben. DIR ham deine Drogen NIE Unsterblichkeit gegeben. Du mußtest immer wieder zurückkommen, ins gute, alte Wirklichkeitsland. Aber WIR, wir können ewig leben, in einer sauberen, ehrlichen, reinen Elektrowelt.”

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Text: Anton Waldt aus De:Bug 15

A Better Tomorrow Anton Waldt waldt@v-records.de Da Hool sagt im Partisan-München: “Ich möchte nicht, nur weil ich eine Glatze trage, wie es in der Techno-Szene eigentlich üblich ist (Ronaldo trägt auch eine Glatze) und weil mein Künstlername “Da Hool” bzw. “DJ Hooligan” ist, als Rechtsradikaler abgestempelt werden.” Herr Waldt sagt in der einzigen De:Bug (Wenn wir De:Bugger einmal eine Münchner Lokalausgabe produzieren, dürft ihr unser protziges Redaktionshochhaus niederbrennen): “Maul halten! Wie es in der Technoszene eigentlich üblich ist! Schlechter DJ bleiben! Genau wie Ronaldo! Und vor allem: Sag uns, WARUM wir dich als Rechtsradikalen abstempeln sollen! Dann wird gestempelt!” Dummheit & Drogen auch sonst überall: Travelin’ At The Speed Of Thought In den Tagesthemen lernen wir, wie komfortabel es Radfahrer haben: “Wir sind gut versorgt & haben phantastisches Know-How hinter uns: die Uni Klinik Saarbrücken” Mit der guten Versorgung klappt es auf den Tanzflächen auch, nur am Know-How hapert’s noch. Aber die Kollegen von der Straße geben durch ihre aufrechte Haltung jede Menge Hoffnung, daß alles noch gut wird. Toursieger Pantani : “Wir wollen wie Sportler behandelt werden & nicht wie Mörder!” Jawoll, wer sich zudröhnen will, bitte schön. Jede Berufsgruppe erhält ihre eigene chemische Lizenz: Broker können ohne Koks schließlich keine Bullen sein, Rapper ohne Blunt die Unterhaltungsindustrie nicht auf Trab halten & da sollen wackere Raver zurückstecken? “Hey, wenn wir hier Konsum-Trends produzieren sollen, haltet uns bitte die Bullen vom Hals, SONST – sonst hören wir hier einfach auf Party zu machen & eure Inlandsnachfrage kann zusehen wo sie bleibt!” Deutschlands Öffentlich-RECHTE scheint dieses Leistungsprinzip schon geworfen zu haben, zur Love-Parade gab’s Intim-Schutz bekennender CDU-Einfahrer & zur öffentlichen Großbildübertragung der Tour-De-France ein konsequentes Beiprogramm mit Blümchen & Dune. Noch einmal 14 sein! So seriös zum Wegballern aufgefordert werden macht sich gut in der Biographie & modern ist’s obendrein. Da steht die Linke mit einer kommunistischen Sport-Ministerin in Frankreich, trotz Multi-Kulti-Gewinn, dumm da & Konservative, wie unser Reichskanzler Bismarck, kommen voll KLAR zur Geltung: Ansehnliche 3,5 Millionen Flaschen Schnaps mit seinem Konterfei werden jährlich geschluckt & das nicht zufällig, der Mann hat die Destillerie selber gegründet! Graf Maximilian von Bismark ist Erbe & weiß zu berichten, daß sein Ur-Opa nicht genug kriegen konnte: Im Alter vermißte er den Rausch, der Alte hatte sich renitent gesoffen – verdammte 135 Kilo Arbeiterklassen-Hass lassen halt sich nicht mehr wegschlucken. “Ich glaub, ich habe ausstudiert – ich werd von nix mehr mehr besoffen!”, echoten die Kommissbrüder & wenn es Loops gibt, hören wir in ein, zwei Jahren: “Cocaine Buiseness controls America – don’t get me wrong, America is a great place to live, but listen to knowledge I give!” Desinformiert? Überhaupt keinen Durchblick mehr? Durch den ganzen Mist ziehen sich fatale Schlieren von WIEDERHOLUNG & MACHBARKEIT. Schlußfolgern läßt sich also garnichts, kapieren schon & deshalb ist noch alles drin. An den Ufern des Jangtse stehen seit 2500 Jahren Tempel, in denen die Erbauer der Reisfelder-Bewässerungssysteme verehrt werden, ein feines Folk eigentlich, das keinen Herman braucht – schlag die Römer zu blutigem Matsch – aber den Lob des Verstandes als Religion bringt: Wackere Ingenieure, die die Baumaschinen ihrer Zeit ausgequetscht haben: Sklavenheere, immer am Rand des Verreckens. Ein Hoffnungsschimmer! Heute fordert dummerweise der Drei-Schluchten- Damm unnötige Opfer, maschinenseitig aus betrachtet. Das chinesische Fernsehen bringt Bilder, das sind unseren Bildermachern aber noch nicht genug EINDRÜCKE & deshalb wird moniert, daß die Propaganda die tapferen Bausoldaten anfeuert, obwohl die deutsche Einheit aus Reaktion & Ökos das letztes Jahr so schön vorgemacht hat. Konsequent wurde gestern auf SAT1 die Korrelation zwischen Körbchengröße der aktuellen Playmates & den Chancen einer sozialdemokratischen Regierung bewiesen. Sieht wieder extrem kompliziert & verwirrend aus für ein besseres Morgen & solange gilt: Die Welt ist Scheiße kalt & der Rhythmus meine Decke. ———————————- Zitat: I live my life in the valleys, I live my life in the hills, I live my life on alcohol, I live my life on pills.

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Text: anton waldt aus De:Bug 16

A Better Tommorrow Anton Waldt PUBLIC FEIND NUMMER EINS …damit wirklich gut beraten, oder das mexikanische Fischerdorf, das für den Bau des Titanic-Studios plattgemacht wurde: Aus Müll zusammengebastelte Hütten mußten dem 1:1 Nachbau des Luxusliners weichen. Eine korrekte Mauer sorgte dann dafür, daß die rührselige Crew & die emsigen Helfer nichts von dem vertriebenen Elend mitbekamen. Auf der anderen Seite der Wand: Fischer, die aufs Meer RUDERN, um heute noch nicht zu verhungern. Schöne PR-Scheiße natürlich, jetzt wo die Sache rauskommt: & wieder will keiner was GEWUSST haben, war ja die Mauer da & der Stress, den dieser Cameron am kochen hielt, da war einfach keine Zeit, um sich auf der anderen Seite mal umzusehen. NAFTA heisst das in Kurzform. All diese Beispiele zeigen glasklar, daß der verbliebene Rest Gehirnmasse von Gier und Neid zerfressen wird. Letztes Jahr hatten wir eine unbeschwerte Zeit, kaum, als wir den Rausch zu Dianas Tod ausgeschlafen hatten, machte die reaktionäre Albanerin, die sie MUTTER nennen, den Abgang, & weiter ging die Party. Dieses Jahr die REAKTION: Barschel wird Kanzler & der geliebte Fernseher (Ah! my sweet receiver!) foltert mit Diana-Gedenknächten, alle Dokus & die Hochzeit & die Beeerdigung in voller Länge, zur Gnade der Nation. Warum nicht gleich die nordkoreanische Lösung: Nach dem Tod des geliebten Führers wird das höchste Amt im Staat einfach nicht mehr besetzt, laut Verfassung gab & gibt es nur einen GROSSEN geliebten Vorsitzenden, also wird Kohl in Acryl eingelegt & nach ihm darf niemand mehr Kanzler werden. Den Job erledigen die Konzerne in unwichtigen Filialen nebenbei, abgeschobene Bürokraten, die sich um ihre Kaffee-Tassen balgen & auch genau so fotogen sind. Viele Chemie-Opfer sind unter ihnen, Jammern ist neben System-Ordern -Dupliziern, um auch ja ganz SICHER zu gehen, ihre liebste Beschäftigung: Letztes Jahr hatten wir noch Hoffnungen & haben über Drum & Bass gestritten, heuer gabs nicht mal eine Drum & Bass Party zur Love-Parade & WARUM? Weil zufällig am gleichen Tag eine Hochzeit stattfand, irgenwo weit draußen in den Vororten… Where is the Policeman, when you need him to blame the color-tv? Oder aber auch: Sich Sonntag morgens über leere Bürgersteige schleppen, der Duft eines Festtagsbratens zieht dir in die Nase, & weit weg läuten Glocken & erinnern an die Hoffnungen, die vor langer, langer Zeit verloren gingen. Eine Weile schien das doch alles ganz gut Griff: Hallo Sonntag schon da? Ich aber noch nicht & das bis Montag mittag. Heute ist Electro, also qua Definition RETRO, wirklich das aufregendste, was dir auf der Tanzfläche passiert. Don’t get wrong, Electro is a great place to live, but listen to the Einwand I give. AUFTRAG UNMÖGLICH Russland ist ein Bordell & das Kapital wird schon noch sehen, was es von seinem Sieg hat, Luschenko und so. Im Zuge des anhaltenden Zusammenbruchs der Ostblockstaaten ensteht es endlich in mannigfaltiger Form: Das Reich des Bösen, das die Sowjets nach Stalin nicht mehr so recht auf die Reihe bekommen wollten. Agrarstaaten mit verletztem Stolz & viel zu viel militärischem Impact. Grosse Teile der russischen Bevölkerung kriegen nicht einmal im Leben eine Moskauer Zeitung, aber dafür Clanchefs, unter deren Fittichen man wenigstens nicht sofort verhungert. Empirisch kann also keine Rede vom Informationszeitalter sein, und Stars & Stripes verbrennen ist in Berlin-Mitte schon irre hip. Angesichts eines In-Ladens und seiner bärtigen Gang erklärt selbst Ober-Dumpfbacke Francis Fukuyama, daß er sich geirrt hat mit dem Sager vom Ende der Geschichte. Derweil schläft die Konkurrenz nicht & samplet: Tomorrow aus der Milchstrasse, wird wohl ein Konrad für Post-BRAVO, wenigstens haben sie das utopische Element aus dem Titel genommen. Das es ein Morgen gibt, daran zweifeln ja nicht mal die weggeknalltesten Apokalyptiker: Schmoren in der Cyber-Hölle mit all den scheiß UFO-Qualen. Also keinen Fehler machen & darauf achten, dass es ein BESSSERES Morgen wird & nicht irgendeins. Im nächsten Heft: Wie Digitalfersehen unsere Städte verändern wird: Handygrosse Antennen lassen unsere Dächer verwaisen. ZITAT: Electro is a great place to live, but listen to the Einwand I give.

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Text: Anton Waldt aus De:Bug 17

A BETTER TOMORROW Anton Waldt waldt@v-records.de Im letzten Monat gab es reichlich Anlässe sich ungehemt 30 Kannen Bier reinzuschütten – oder Schlimmeres. Wenn man auf so was steht, war die Wahl nicht übel, Political Verdrosseness ist vorbei, nur solange die wirklich drängenden Probleme analog sind (Verhungern, Foltern, Totschlagen, etc.) ist digital leider überhaupt kein Dampfer, nicht mal der falsche. Ist also der Senf in der De:Bug überhaupt würzig? Wir haben jetzt einen Aussenminister, der sich als Türsteher in einem Punkclub verdingt hat (Batschkap, in Frankfurt, kein Scheiss), trotzdem erwartet niemand, dass alle die nicht betrunken oder für den Anlaß schlecht angezogen sind, mit offenen Armen in der Republik begrüßt werden & die Gästeliste bleibt auch weiterhin streng auf eine Eheschließung in 5 Jahren beschränkt. THE PUSHERMAN Am 8. September 1915 manövrierte Leutnant Heinrich Mathy den Zeppelin L13, den modernsten seiner Zeit mit knapp 2 Tonnen Bombenlast, 3000 Meter über London zum ersten Luftangriff der Geschichte auf eine Großstadt. Leutnant Mathy hatte außer seiner Fellmontur nur ein silbernes Koksdöschen gegen die Kälte in der unbeheizten Kabine der Silberzigarre, als die ersten englischen Flugzeuge aufstiegen und der L13 auf über 4000 Meter ausweichen mußte. Daß aus der deutschen Luftwaffe keine Kokserbande wurde, ist den Phosphorgeschossen zu verdanken, die die Briten ab 1916 einsetzten. Ohne Fallschirme hatten die Luftschiffer die Wahl zwischen dem freien Fall und langsamem Verbrennen, der Wasserstoff der Hülle explodierte nämlich nicht, sondern brauchte gemächliche 10 Minuten zum ausbrennen, kleine Sonnen auf Zeit über dem Ärmelkanal. 1918 gab es deshalb nur die unzähligen Opium-Addicts, die aus den gut versorgten Lazaretten in die teuren und prohibitiven 20er entlassen wurden. Der Hustensaft Heroin wurde bald rezeptpflichtig & die Süchtigen machten in Beschaffungskriminalität, kleine Deals, die zur anständigen Weiterverbreitung der Droge das ihre taten. WK2 war die grosse Zeit der Apotheker, die fleißigen 50er füllten sich den Medizinkasten im Badezimmer mit den vertrauten Uppern & Downern. Die Pillen für pazifische Langstreckenflüge oder dräuendes Ausharren im Landungsbot bis Omaha-Beach peppten die Produktivität, bis der Wohlstand langweilig wurde. Da war der Vietnamkrieg passend am Start, der aus Ledernacken Kiffer und H-User machte. Oft wurden die Junkies in Uniform nach Europa, vor allem in die BRD, zum kalten Entzug geschickt. Das hat unseren gerade erbauten Fußgängerunterführungen vor den Bahnhöfen die obligatorischen Süchtigen gebracht & den Langhaarigen, die nicht Terroristen werden wollten, die softe Alternative als Haschrebellen. WELCHEN KRIEG HABEN WIR VERPAßT? Als Herr Clinton sein puritanisches Gewissen vor der Welt präsentierte, hat CNN freundlicherweise das Steigen & Fallen von DOW + NASDAQ live eingeblendet, jede Schweissperle & jeder Schluck Wasser aus Verlegenheit vernichtete das Inlandsprodukt einer Bananenrepublik & Millionen Menschen, die zufällig einen Vollbart tragen & zufällig Moslems sind, sahen sich genötigt Splittergräben auszuheben. Wenn ein Hedge-Fonds den Abgang macht, wandert schon das Haushaltsvolumen der BRD auf den Müll, mittelfristig gibt es einen neuen bewaffneten Konflikt (jahrelanges Meucheln als Beschäftigungsprogramm), in einer strukturschwachen Gegend, die bei weltweiter Kapitalknappheit gar nichts mehr abkriegt. Ein schizophrener Mistkrieg ohne Ort, des elektronischen Geldes und armer Schlucker jeweils gegeneinander. Inzwischen ärgern wir uns schwarz: Die “Event-Kultur” macht alles hin, wofür wir getanzt haben. Es gibt Kategorie A)-Hass und -logisch- Kategorie B)-Hass. Ersteres sind die Veranstaltungen, bei denen es alle Beteiligten eigentlich gut meinen, aber zuviel Kunst-Mist die Atmosphäre verpestet, die wirklich BÖSEN sind die Misthaufen mit mehr Sponsoring als Inhalt x 1000. Die De:Bug-Redaktion steht gerne zur Verfügung, um den Inhalts-Faktor beliebiger Ereignisse präzise & neutral zu bestimmen. Gedichtkasten ______________________________________________ ’s ist - Zeit, sich was ein-zu-schmeißen! Zeit, sich was ein-zu-schmeißen! Zeit, den Kühlschrank aufzureißen! Oh, ja, s’ist Zeit, sich was ein-zu-schmeißen, Zeit, sich was ein-zu-schmeißen, Und bist du satt, dann gibt’s noch mehr zu beißen! Ahhh-Zeit, was einzuschmeißen, Zeit, sich was ein-zu-schmeißen, Wer keinen Kohldampf hat, soll Lügner heißen! Die Beißer strahlen & gleißen, Gibt’s was einzuschmeißen - Kommt & schmeißt (alle-alle) fleißig mit!

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Text: anton wald aus De:Bug 02

LETZTE AUSFAHRT STEIERMARK: Anton Waldt

A Better Tomorrow

Der aufrechte Gang
Es piept. Stunden und drei Pillen vorher hat jemand dem Ding was Gutes tun wollen, aber statt “Füttern” 200 Strafeinheiten eingeniedelt. Jetzt piepst es und auf dem Display ist es zappenduster. Jede Knöpfchenkombination probieren und dann nochmal, was nervt, aber die anderen gucken schon – BÖSE. Wenn sie noch einen Funken Elan hätten, gäbe es zum Software-Tod einen echten Hardware-Abgang. Japanische Schulkinder kennen sich wohl am besten damit aus. Genug Leute mit gelblichem Teint sind da, aber Japanersein geht anders und es ist sieben Uhr morgens und Zigaretten sind auch keine mehr da. Ma jemand ne Kippe? Piep. In Amerika gibt es Leute die rauchen & dann werden sie krank & dann kriegen sie viel Geld. Andere Leute in Amerika arbeiten & dann werden sie krank & dann werden sie arbeitslos & Armengrab. Inzwischen ist es acht Uhr und die Debatte, wer Zigaretten & Jägermeister besorgen muß und danach ein Wettbewerb mit Witzen, die alle mit “treffen sich ein Ex-Harthouse-A & R und ein Ex-Frontpage-Redakteur auf dem Klo… ” anfangen, übertönen das Piepsen. Dafür gibt es auf dem Display eine kompliziert animierte Grafik, die die Überlegenheit japanischer Unterhaltungsprodukte darstellt. Der Humor ist der gleiche, mit dem die eine Klavieroktave auf der 303-Oberfläche platziert wurde, nachdem der Single-Step-Sequenzer schon längst konstruiert wurde. Wenn man das Piepsen wenigstens modulieren könnte, stattdessen gibt es beeindruckende Exportüberschußbilanzen in – äh – Farbe. Füttern & Streicheln ist nur schwarz-grau. Jemand fängt an House aufzulegen.

Der hämmernde Beat
Frontpage is pleite. Harthouse is pleite. Das Dinosauriersterben des Techno. Scheint so, als ob hierarchisch geführte Unternehmen hier nicht taugen. Low Spirit gibt es noch. Kann uns natürlich scheissegal sein, ob Harthouse eingeht, Low Spirit überlebt oder in Taiwan ein MKII-Nachbau wackelt, grunzt jetzt kämpferisch der Underground. Aber: 1) “es gibt keinen Underground mehr, es gibt keinen Overground mehr, es gibt nur noch Ground” wußte Marusha schon 1992 auf DT64 zu berichten und 2) sogar Unternehmen mit Industrieflair (& Geld) scheinen in den Breitengraden der repetiven-elektronischen Musik (sag’s doch Alta: TECHNO) nur als Kollektiv zu funktionieren. Einzelkämpfertum saugt. In den Neunzigern ersetzt die Posse nicht nur das Arbeitsamt und die Sozialversicherung, sondern sichert auch das wirtschaftliche Überleben. In der Kultur & Unterhaltungsindustrie. BUZZ.

Das kostbare Nass
15 Uhr, der Jägermeister und alles andere zwingen den House-DJ in die Knie, alle morphen vor dem Fernseher: RTL2 – jeden Tag der große Bravo-Wildpitch-Remix. Wildfang – Der Teenie-Talk – passt zur emotionalen Füllgrenze. Wendy – Rührende Geschichten Vom Reiterhof – provoziert die ersten echten Anfälle & die ganze Weltverachtung, die zynische. Bei “Wunderbare Jahre” vertauschen sich dann die Rollen: sogar bleiche Jungs mit beeindruckend großen Plattensammlungen haben hier schon geheult! Zwischendurch gibt’s Werbung für Tarotkartenamtelefonlesen & für Tampons & gegen Aids & für Shampoo & das ist dann mit Claudia Schiffer unter der Dusche & dazu läuft Drum & Bass & das gibt genug Gesprächsstoff, um die Dance-Now-Sampler-Spots zu überbrücken. Mutmaßungen wie das so kommt mit Claudia oder Drum & Bass unter der Dusche & jemand besonders hippes hat natürlich ein Homerecording-Studio & erklärt, wie abgefahren alles ist. Du lässt einfach dieses Amenloop laufen & dann modulierst du spacige Flächen mit dem Duschwasser & im Badezimmer hallt das dann so geil & dann stellst du das Wasser abrupt aus und wieder an & zwischendurch schreist du “Booyaka”. Nu kommt aber 21 Jump Street, was allgemein als widerlich empfunden wird, weil es davon handelt, wie vermeintlich coole Typen wirklich coole Typen mittels Verrat hinter Gitter bringen, um sie davon abzuhalten, Drogen zu verkaufen & Musik zu hören & Sex zu haben & abzuhängen. Jetzt wird das Programm gewechselt, um ein paar Ami-Sitcoms mit vorbildlichem sozialen Verhalten zu schauen. Es piepst und auf dem Display blinken diesen Zeilen:
Hi wa Ri ni katazu,
Ri wa Ho ni katazu,
Ho wa Ken ni katazu,
Ken wa Ten ni katazu.
Das ist japanisch & der Wahlspruch einer Kamikaze-Einheit, eines Ohka-Kommandos, und bedeutet:
Ungerechtigkeit kann das Prinzip nicht besiegen,
Prinzip kann das Gesetz nicht besiegen,
Gesetz kann die Macht nicht besiegen,
Macht kann den Himmel nicht besiegen.

Die bekifften Serben
DasWichtigste in amerikanischen Sitcoms ist die freundschaftliche Konfrontation der Charaktere, dabei spielt es dann keine Rolle, ob jemand häßlich & faul ist, solange die Figur ihre Handlungen immer auf die betreffende soziale Gruppe bezieht. Ein Toast auf Steve Erkel. Diese Organisation in Tribes oder Posses ist eine sowohl funktionale wie angenehme Lebensform in Zeiten weltweiter Deregulierung und Arbeitsverknappung. Gleichzeitig ist sie die prädestinierte Lebensweise für die rapide wachsende Gruppe derer, die in “kreativen” Nischen der ersten Welt Unterschlupf finden: Allen voran unser Lieblingsrollenmodell: DJ. Die logische Reaktion auf eine Situation, die durch flexibles Kapital und eine extreme Produktionseffizienz bestimmt wird. Alle benötigten (!) Güter können mit Hilfe immer weniger Menschen hergestellt werden und diese Menschen werden dafür immmer schlechter bezahlt, da Arbeitsplätze in der Güterproduktion in Niedriglohnländer verschoben werden. Der Kniff ist es jetzt, die so irre billig hergestellten Produkte mit allen kulturellen Leistungen anzureichern und als Paket zu verkaufen, so bleibt der größte Teil des anfallenden Gewinns in den reichen Industrieländern, also bei uns. Prima Buzzspiel ist die Firma Nike (siehe letzte Ausgabe), in deren Kalkulation die Kosten zur Herstellung der Schuhe in Billigstlohnländern geringfügig sein dürften, im Vergleich mit dem Geld, das für Werbung und Imagepflege an Filmer, Musiker, Models und Sportler fließt. Genug Gründe, s’ch vor dem Fernseher mit all der Chemie im Blut & dem Jägermeister im Magen & den Sneakers an den Füßen sauwohl zu fühlen, doch das Tamagotchi piept & das Display zeigt den Anflug auf einen Flugzeugträger & es gibt viel Krach & Staub & Blut & Desaster.

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Text: anton waldt aus De:Bug 09

A BETTER TOMORROW 9 ”Zu viele Zahlen verwirren den Brei”, wissen Sportreporter dieser Tage aus Nagano zu berichten. Der japanische Finanzminister ist sicherheitshalber schon vor den Spielen zurückgetreten & deshalb wollen die USA noch während des olympischen Friedens den Arabern das Abzählen von Präsidentenpalästen im KO-System beibringen. Daß das alles eigentlich niemanden interessiert, aber alle über Clintons Schwanz & dessen Aktivitäten reden, ist kein Widerspruch: Die Datenmenge zum Thema macht deutlich, wer wen fickt in 98 – & das ist der entscheidende Faktor im Zeitalter der unbedingten ökonomischen Effizienz. Das Dream-Team der Idealisten, Johannes Paul & Fidel Castro, können gegen diese Dominanz des handelnden, dynamischen Phallus sowieso nicht punkten. DIE GENRALLINIE: DAS ALTE & DAS NEUE Nach einem verhuschten Nickerchen auf Mauerbröckchen mit zweifelhaftem Echtheitszertifikat kommt ’98 im urguten, zahnlos-alten Europa der Antiamerikanismus wieder so richtig in Schwung & das obwohl er bisher immer in dumpfbackiger Reaktion geendet ist: McDonalds-ist-der-Untergang-des-Abendlandes oder Ho-Ho-Ho-Chi-Min-Brüllen: letzten Endes alles ungelenke Versuche, sich von einem viel zu erfolgreichen Bastard-Kind zu befreien. Das kann nicht gutgehen, solange die Vernichtung des Faschismus auf der Haben-Seite für die USA im Poesiealbum steht & für Europa im Vergleichszeitraum – tscha – vielleicht die Gratis-Zustellung Arnold Schwarzeneggers als 1a-Rohstoff. Wir wollen also – Größenwahn ist unsere SPEZIALITÄT! – der globale think-tank sein, dabei reicht der kommentierte Lebenslauf gerade für den Job des globalen Museumswärters, aber dabei bleibt ja, neben dem obligaten Umgang mit dem Staubwedel & reichlich Zeit für das eine oder andere Nickerchen, immer noch genügend Muße, um ungefragt unseren Senf dazu zugeben. Vielleicht lacht ja wenigstens jemand & dann ham wa wida wat zu abeiten – wa – weil Lachen ist im Museum selbstredend verboten. Nu aber: zum PUNKT: Der neuerliche Nörgel-Anfall dürfte mit der Asienkrise zusammenhängen. Deren rein ökonomische Auswirkungen sind langfristig wahrscheinlich halb so wild, aber der DOMINATOR (Ist Auto-Oral-Sex Ehebruch?) trägt fürs Erste unwidersprochen einen Steatson & das ist wirklich WICHTIG, denn auch der Turbo-Kapitalismus ist natürlich eine Ideologie & hat mit Logik genauso wenig am Hut wie Greenpeace, wenn es um Fundraising geht. Die amerikanische Attitude hat unwidersprochen einen Sieg über die asiatische davongetragen & das ist nicht unwichtig, denn die daraus resultierenden Machtverhältnisse sind die unangenehmeren, oder wenigstens die uncooleren. Um Mißverständnissen vorzubeugen: Es geht in dem Konflikt darum, wer den Anderen die fast gleichen Spielregeln des Geldverdienens vorbeten darf. Prima Indikatoren, um welche Verhaltensweisen hier über den Pazifik hinweg gestritten wird, sind die Spielarten des GROSSEN GANGSTEREPEOS. Die funktionieren nämlich überall als Fast-Forward-Version des idealen Erfolgsmenschen, ohne sich mit Details der Spielregeln aufhalten zu müssen. Es geht um DIE GENERALLINIE. Die Hollywood-Produktionen laufen auf die gleiche Frage hinaus, die Sonderermittler Starr stellt: Wer fickt hier wen? Wer ist der DOMINATOR? Wenn diese Frage hinlänglich geklärt ist, sich zum Beispiel Al Pacino in einschlägig symbolischen Situationen als tougher wie der Rest gezeigt hat, kommen das Geld & die schnellen Autos & die Bikinimädels ganz von selbst. In Hong Kong Produktionen dagegen sind unsere Helden bis zuletzt von einem moralischen Impact getrieben, zwei verschiedene Ideen halten sich die fetten Magnums gegenseitig an den Schädel. Der Pep dieser 90er Jahre Version des griechischen Dialoges geht nicht mal verloren, wenn er von Tarantino oder für “Ein Bayer auf Rügen” meist recht phantasielos übernommen wird. Dieser Museumswärter-Senf ist natürlich ähnlich wichtig wie Jack Lemons Rolle in “Erdbeben”: Da hockt er in einem wirklich üblen Hustler-Kostüm hochnotbetrunken an einer Bar & dann fängt das Erdbeben an. Alles um ihn rum rennt & schreit ums Leben, Wände stürzen ein & Desaster, nur Jacks einziges Problem bleibt, daß er jetzt, wo nicht nur er sondern auch noch der Rest schwankt, seinen nächsten Drink nicht zum Mund kriegt.

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