A Guy Called Gerald Gerald hat schon einiges mitgemacht: Vom Rave-Pioniertum auf zertrampelten britischen Kornfeldern mit 808 State über Chart-Höhen mit den Sphären-Clonks von ãVoodoo Ray" bis ab in die Versenkung. Von dort mit Jungle und DrumÕnÕBass wieder rasant aufwärts - und nochmal zurück ins Schneckenhaus. Jetzt setzt Gerald mit seinem fünften Album wieder auf steigende Kurse.
Text: florian sievers [florian.sievers@gmx.de] aus De:Bug 38

/drum and bass Buddhist-Junglist A GUY CALLED GERALD Wenn man überlegt, wieviel Scheisse und Pech Gerald Simpson aka A Guy Called Gerald in seinen 13 Jahren als Künstler schon zugestossen ist, kann man sich eigentlich nur wundern. Darüber nämlich, wie entspannt er trotzdem geblieben ist. “Ich sehe das als Test”, sagt der 33jährige leise und lehnt sich zurück. “Alles, was du machst, kommt auf dich zurück und beeinflusst deine Zukunft. Und wenn man negativ ist, wird man selber sein schlimmster Feind.” A Guy called Gerald hat Wege geebnet, für die er keine Credits bekam, schrieb Hits, für die er nie entlohnt wurde, produzierte Alben, die nie veröffentlicht wurden. Aber er sitzt einfach da und plaudert über Buddhismus, Karma, Todeserfahrungen oder Gefühlskonten und sagt Sachen wie: “Ich glaube sehr stark daran, dass es für uns alle möglich ist, miteinander auszukommen.” Trotz allem Ärger – Gerald hat einiges bewegt: Er war Mitbegründer von 808 State, arbeitete entscheidend an deren beiden wichtigsten Platten mit, und drei seiner bislang vier veröffentlichten Solo-LPs waren kleine Meilensteine eines ganzen Genres. Musik-Blick zurück nach vorn Nach der noch etwas unsicheren “Hot Lemonade” 1988 war da “Automanikk”, inklusive Carl Craig-Kooperation, das 1990 Bleeps & Clonks und britischen Post-Acid auf die Landkarte setzte. 1993 dann “28 Gun Bad Boy”, bei dem er gebrochene Beats entdeckte und die sowieso immer schon präsenten Breaks ganz in den Vordergrund rückte. Die wild gechoppte, rohe Aufbruchstimmung der Platte beförderte damals Jungle mit nach vorne. Schliesslich kam 1995 das feinziselierte “Black Secret Technology”, inklusive Goldie-Mitwirkung, das die Drums als universales Kommunikationsmittel aus der Wiege der Menschheit zum Thema machte. Das Teil half mit, Jungle zu Drum and Bass zu morphen. Und jetzt will er es nochmal wissen und bietet uns Album Nummer fünf an: “Essence”, das zwar nicht mehr ganz so genrebrechend ist, aber immerhin noch ergreifend schön, und das sich einen Dreck um aktuelle Drum and Bass-Trends wie totformatierten Distortion-TechStep schert. Stattdessen singen dort Lambs Louise Rhodes oder Ex-Deee-Lite Lady Kier über oldschooligen Beat-Landschaften von Spirit, Einheit, Frieden und Liebe. Das ausführende Label K7 betätigt sich damit nach Smith & Mighty nochmal als Reanimator verschütteter Legenden – denn Gerald hat zwei unveröffentlichte LPs sowie zwei geplatzte Majorverträge auf dem Buckel und sich seit fünf Jahren nicht mehr in LP-Form geäussert. Ein Northern Star platzt in die Charts Begonnen hat das alles im tristen, industriellen Norden Englands, genauer in Manchester. Dort liess Gerald schon mit 14 im Kinderzimmer eine 808 mitlaufen, während er Bass spielte. “Meine Mutter machte uns Mut zum Musikmachen”, erzählt er, “sie kaufte uns kleine Spielzeugkeyboards und solche Sachen.” Später schnippelte er dann auf einem Amstrad-Doppelkassettendeck Herbie Hancock auseinander und spielte Bass und Plattenspieler bei der lokalen Electro-HipHop-Crew Scratchbeat Masters. Von da an ging es erstmal straight bergauf: Die Truppe vereinigte sich mit der Hit Squad MCR, das ist eine Abkürzung für “Manchester”, und veröffentlichte 1987 in 500er-Auflage die EP “Wax On The Melt”. Das ist für Gerald schon so lange her, dass er sich selber nicht mehr genau an den Titel erinnert – so wie er auch nachzählen muss, wenn man ihn nach der Zahl seiner LPs fragt. Jedenfalls benannte sich die Hit Squad bald um in 808 State, und Gerald produzierte und komponierte grosse Teile des bahnbrechenden 808 State-Debüts “Newbuild”, einer britischen Acid-Initalzündung und kürzlich von Rephlex wiederveröffentlicht. Es folgte noch “Quadrastate” mit dem Charterfolg “Pacific State” – doch für beide Alben bekam Gerald keine Credits. Also stieg er aus, veröffentlichte als erste Soloaufnahme gleich mal eine Peel-Session und landete 1989 mit “Voodoo Ray” selber in den Charts. Es folgten: ein Majordeal mit Sony, die LP “Automanikk” und schliesslich das zu erwartende Genörgel des Sony-Konzerns nach mehr Hits. Von da an lief alles schief. Sie mochten und verstanden seine zweite LP “High Life, Low Profile” nicht, verschlossen diese im Giftschrank und schmissen Gerald raus. ”Ich hatte selber nie die Chance, an Aufnahmen davon zu gelangen. Sie haben’s wohl immer noch im Schrank liegen und freuen sich drüber.” Aber, nein, ärgerlich ist er nicht mehr deswegen. “Als der Vertrag platzte, war ich sogar ein bisschen erleichtert. Sie haben die Veröffentlichung immer wieder verschoben und sooo langsam gearbeitet. Ich habe im Zeitalter der Whitelabels bei ihnen unterschrieben, alle meine Freunde veröffentlichten wie verrückt Platten. Und ich musste immer wieder warten, bis sie zu Potte kamen. Ich versuchte ihnen zu erklären, dass ich wenigstens Acetat-Pressungen meiner eigenen LP haben wollte, um sie an DJs zu verteilen. Aber sie haben das ganze Konzept nicht verstanden, sie waren zu gross und zu Rock’n’Roll. Also war ich echt froh, als ich 1991 selber mit Juice Box loslegen konnte.” Evolution im Drum and Bass: schön schnell und gleichmachend Sein eigenes Label sicherte ihm vorerst Aktionsfreiheit und machte in den Folgejahren von Rave und Hardcore über Jungle bis Drum and Bass die gesamte Entwicklung gebrochener Beats mit. Geralds persönlicher Befreiungsschlag kam aber schon 1993 mit dem Hardcore der Juice Box-LP “28 Gun Bad Boy”. Ausdifferenzierungen seiner Break-Skulpturen erfolgten – nach Beschäftigungen mit Airto Moreira und Chick Corea sowie einem Umzug nach London – 1994 mit der Finley Quaye-Kooperation-EP “Finley’s Rainbow” sowie 1995 mit der umwerfenden “Black Secret Technology”. In der Folgezeit war er noch kurz beim Major Chrysalis unter Vertrag, wurde aber wegen Unverständnis seitens des Konzerns schnell wieder gedroppt. Und schliesslich ging 1997 auch noch die LP “Aquarius Rising” verschütt, weil er aus finanziellen Gründen “Juice Box” stoppen musste. Er hatte jedoch endlich mal Glück: Das meiste Material von “Aquarius Rising” konnte er für seine aktuelle K7-Platte “Essence” retten. Das Zeug ist also drei Jahre alt. Ist das nicht problematisch, wenn man an das bis vor kurzem noch so lautstark postulierte Evolutionstempo von Drum and Bass denkt? “Nein. Ich wollte es nichtmal überarbeiten. Denn wenn ich das getan hätte, hätten die Tracks nur wie bei jedem anderen zur Zeit geklungen. Lediglich bei zwei Stücken (“Multiplies” und “Landed”) habe ich die Breaks etwas tighter gemacht. Aber die Hauptelemente sind unverändert. Denn ich habe Substanz da drinnen, die nicht zerfällt. Gefühle. Und ich wollte die Musik zu mehr Leuten bringen als nur zu den DJs, die auf ihre Uhr gucken und auf den Bass-Drop warten.” New Life Konsequenterweise zog Gerald vor der Fertigstellung nach New York um und fühlt sich dort jetzt angenehm abgeschnitten von D’n’B-Szeneklüngeleien. “Ich habe Kinderspielchen wie Dubplate-Dealereien und Lagerdenken noch nie mitgemacht. Mit war das immer egal, ob in Manchester, London oder New York. Ich habe auch noch nie darauf gehört, was die anderen so machen.” So ist “Essence”, betrachtet man mal die Herkunft des Materials, vor allem die Fortschreibung des State-of-the-Art 1997 – plus Gerald natürlich. Und sie hat Pop und fast durchgängig Gesang. “ÕEssenceÕ ist so poppig, weil mir das seit den Sony-Problemen in den Fingerspitzen juckte. Sie sagten immer: ÔDu musst Songs machen, mit Gesang.Õ Jetzt habe ich’s getan, da haben sie ihre Songs. Ausserdem wollte ich nach so langer Zeit nicht mit etwas total Verspultem wieder auftauchen. Die Leute hätten mich doch gefragt: ÔWie, du hast die ganze Zeit an diesen seltsamen Geräuschen gearbeitet?Õ.” Seltsame Geräusche will er dafür demnächst auf seinem neuen Label Nanoplasmic droppen, neben Tanzflur-Kompatiblem auf der Schwester-Plattform Hard Drive. “Yeah, Nanoplasmic ist für Rhythmus- und Klangexperimente. Und ich meine wirklich experimentell, also grundlegende Abstrakt-Forschung. Ich will Klang wieder nach vorne pushen. Auf diesem Level wird in Tanzmusik einfach nicht mehr operiert. Der Hauptgrund, warum ich überhaupt mal mit elektronischer Tanzmusik angefangen habe, war, dass man sich dort ausdrücken und ohne Einschränkungen ausprobieren konnte. Das ist heute nicht mehr so.” Und so hat Gerald in den vergangenen fünf Jahren neben Buddhismus-Büchern vor allem eines gelesen: Texte über Klangforschung und Psychoakustik, Sounddesign, Körpererfahrungen, Hörprozesse. Er grinst: “Hey Mann, ich kann es kaum erwarten, das alles mal an echten Menschen auszupobieren.”

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Elektronische Lebensaspekte.