Elektronika-Album mit Daumen und Zeigefinger
Text: Multipara aus De:Bug 116


Wenn Vanishing Breed zum Palm-Wine-Gitarrenstil greift, ruft er sich freundlicher mit seinem Geburtsnamen A.J. Holmes. “The King Of The New Electric Hi-Life” klingt nach Afrika, kommt eigentlich aus London und erblüht in strahlenden Farben in einem Berliner Heimstudio. Eine überzeugende Kombination – und überraschend natürlich dazu.

Palm Wine Elektronika

In der Musik von Alex J. Holmes treffen sich – wieder einmal – Afrika und Europa. Allerdings mit einer originellen Frische und gleichzeitigen Selbstverständlichkeit, für die sich ein Musiker nicht nur finden, sondern auch vermitteln können muss. Seine Zuhörer spricht er in seinen Stücken oft direkt an – eine Praxis, die sich aus zwanzig Jahren Bühnenerfahrung speist und die er auf seinem Beitrag für die Compilation “Pingipung blows the brass” zu einem ganz buchstäblich ästhetischen Höhepunkt bringt. Dementsprechend geradeheraus ist auch der Titel seines neuen Albums: “The King Of The New Electric Hi-Life”. Zunächst aber zum Namen, unter dem er es veröffentlicht.

De:Bug: Dein erstes Album auf Pingipung kam noch unter dem Namen “Vanishing Breed” heraus, dein neues trägt deinen richtigen. Den HighLife-Stil stellst du aber schon auf dem ersten vor.

Holmes: Ja. Über diesen Namenswechsel war das Label natürlich nicht glücklich! Aber “Aussterbende Art” klang für das neue Album zu depressiv. Als ich vor fünf Jahren nach Berlin kam, lag diese Stimmung von geplatzten Träumen über der Stadt, alle schienen unglücklich, dass die Neunziger vorbei waren.

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De:Bug: So fröhlich, wie das neue Album klingt, scheint das jetzt anders zu sein …

Holmes: Man findet halt seine Nische! Als ich nach Berlin kam – na ja, wer aus den Bergen kommt, sucht in der Fremde die Berge, und so habe ich das Ghetto gesucht. Und da findet man in Berlin mit der Zeit reichlich Anschluss an Musiker. Ich bin ja im Ostlondoner Arbeiterghetto aufgewachsen, habe mich Ende der depressiven Achtziger einige Jahre durch Jobs gehangelt und dann doch noch, ganz unstandesgemäß, studiert, “Commercial Music”, sehr praxisorientiert. In Hackney, wo ich wohnte, war den ganzen Tag HighLife zu hören, ein Musikstil aus Westafrika, den ich einfach aufgesogen habe, ich bin quasi damit aufgewachsen, für mich ist das ein Stil aus London. Als Gitarrist spiele ich genau genommen Palm Wine, einen speziellen Stil, der aus Freetown in Sierra Leone stammt, auf den man auch Rock’n’Roll zurückführen muss. Man zupft mit Daumen und Zeigefinger. Entscheidend ist aber vor allem das spezielle Timing, präzise, aber auch locker, ganz schwer zu beschreiben.

De:Bug: Was ist an deiner Musik nun “New Electric”?

Holmes: Die Heimproduktion! Und der “King” ist natürlich ironisch – in “schwarzen” Stilen ist ja jeder der King seiner Musik – und ich sitze da mit meinen Pantoffeln in der Wohnung!

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De:Bug: In den Credits liest man allerdings viele Namen. Wie arbeitest du?

Holmes: Ich schreibe und spiele durchaus alle Stücke und lade mir dann gezielt Musiker ein, bestimmte Einzelparts zu spielen. Von Anne Laplantine kommen allerdings zwei instrumentale Basic Tracks, und Sculpture, mein ehemaliger Bandkollege bei “They came from the stars (I saw them)”, hat die Produktion poliert. Und mein Lehrer Folo Graff taucht natürlich immer wieder auf.

De:Bug: Und wie geht’s weiter? Mal nach Afrika?

Holmes: Wer weiß! Ich war ja noch nie dort. Vielleicht muss ich auch wieder nach London zurück. Aber zunächst toure ich durch Deutschland und Österreich, ab Oktober. Und zurzeit hab ich vor allem Spaß am Spiel in einer Art Big Band, “Les Beaux Gosses de Berlin”. Und dann einfach mal sehen.
http://www.myspace.com/ajholmesthekingofthenewelectrichilife

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Elektronische Lebensaspekte.