Text: christian meyer aus De:Bug 28

MUTTERIA – Kinderkriegkunst An der Fassade der Kölner Trinitatis Kirche ist ein hellblaues Schild mit der Aufschrift ÔMutteriaÕ angebracht, das den Charme einer Eisdielenreklametafel verströmt: Mütterlichkeit im Gefrierfach! Die Ambivalenz der Vorstellungen und Gefühle, die das Wort “Mutter” hervorruft, wird bereits durch Georg Herolds ÔWerbeÕ-Schild ausgelöst, noch ehe man die Ausstellung überhaupt betreten hat. Die gesamte Spannweite der Konnotationen zum Wort Mutter versucht die Ausstellung ÔMacht und Fürsorge. Das Bild der Mutter in der zeitgenössischen KunstÕ auszubreiten (der erste Teil einer Ausstellungstriologie zum Thema ÔMutter-Vater-KindÕ). Die Kuratoren wollen an Hand von künstlerischen Arbeiten, die sich mit dem Thema Mutter beschäftigen, einen Überblick über die vielschichtigen Zuschreibungen – von der liebenden über die strafende Mutter über gesellschaftliche Rollen bis hin zum biologischen Phänomen der Mutterschaft – gewinnen. Die liebende Mutter kommt dabei verständlicherweise etwas zu kurz, weil man sich mit den harmonischen und guten Seiten des Lebens schliesslich nicht allzu lange auseinandersetzen muss – man geniesst sie einfach. Länger beschäftigen einen hingegen traumatische Erlebnisse, wie sie die australische Künstlerin Tracey Moffat in ihren Foto-Text-Bildern evoziert: ãAfter three weeks he still couldnÕt find a job. His mother said to him, Ômaybe youÕre not good enoughÕ” erzählt ein Text. Ein zweiter zeigt, dass nicht nur Mütter bestimmte Rollen einnehmen, sondern dass sie auch dafür sorgen, dass ihre Kinder den gängigen Erwartungen entsprechen: “His mother caught him giving birth to a doll. He was banned from playing with the boy next door again”. Kein Platz für Rollen-Spiele! Das ambivalente Verhältnis von Fürsorge und Macht beschäftigt Ann Hamilton. Fürsorge kann ja auch erdrückend sein und in einer übertriebenen Ausprägung dem Aufbau und Erhalt von Macht dienen, so dass umgekehrt Macht hin und wieder auch einem fürsorglichen Anliegen entspringen kann. Hamilton erzeugt mit ihren überdimensionalen (4,50 Meter Höhe!), schwarzen und sich drehenden Röcken, deren ÔInnenraumÕ man betreten kann, genau dieses zwiespältige Gefühl von Geborgenheit und Einengung, Schutz und Freiheitsentzug. Der Rollenwechsel einer Nicht-Mutter zur Mutter steht im Mittelpunkt der Fotografien von Rineke Dijkstra. Sie zeigt in dem von ihr gewohntem nüchternen Stil drei Frauen, die vor nicht allzu langer Zeit entbunden haben und nun ihre Neugeborenen im Arm halten. Etwas erschöpft von der körperlichen Anstrengung, noch unsicher ob ihrer neuen Rolle als Mutter und das ganze Ausmass der sich gerade vollzogenen Veränderungen wohl noch nicht vollständig begreifend, stehen sie in einem nüchternen Krankenhausambiente: Die Spuren des körperlichen Eingriffs – Narben und Blut – sind noch sichtbar. Durch all diese physischen und psychischen Irritationen scheint sich aber auch ein vages Lächeln zu bahnen. Den Zeitraum davor, die Geburt des Kindes, führt die Pipilotti Rist als ein Ereignis von zugleich kindlicher Heiterkeit und Splatterfilm-ähnlichen Szenen einer Entbindung inklusive Dammschnitt vor. Ihr Video stellt den Besucher vor die Schwierigkeit, beides emotional zusammenzubringen. Wolfgang Tillmans und Rachel Auburn zeigen uns zwei sehr gegensätzliche Lebensformen als Mutter. Während auf Tillmans’ Fotos er selbst mit seiner recht bürgerlichen Mutter im eigenen Vorgarten zu sehen ist, steht Rachel Auburn mit Kind vorm DJ-Pult. Das man in den beiden porträtierten Frauen allerdings nur noch nach der Mutter Ausschau hält, daran ist natürlich der auf das Ausstellungsthema fixierte Blick ÔschuldÕ. Cindy Sherman schliesslich greift auf die Ikonografie eines Vesperbildes zurück, um die Leiden einer Mutter zu veranschaulichen. Die Mutter (als eine Gliederpuppe), die mit übergrossen Händen dem Kind oder Mann auf ihrem Schoss Schutz bietet, ist in ein deformierendes Kleid eingezwängt, ihr Gesicht durch eine starre Maske verdeckt. Sie erfüllt zwar ihre von der Gesellschaft erwartete Pflicht als fürsorgliche Mutter, liebende Ehefrau und vielleicht auch fleissige Hausfrau, erhält dafür aber nicht die ihr gebührende Anerkennung Ð mal ganz davon abgesehen, dass sie wahrscheinlich sowieso lieber etwas anderes täte, als sich permanent für andere aufzuopfern. Die AusstellungsmacherInnen schiessen leider am Ende ihres Einführungstextes ein merkwürdiges Eigentor: Wenn sie danach fragen, ob es vielleicht auch ein mütterliches Verhältnis zwischen dem Künstler und seiner Arbeit, seinem ÔKindÕ, gebe, dann fragt man sich doch nach einem Rundgang durch die Ausstellung, nach welcher Art von Mütterlichkeit denn jetzt gesucht werden soll. Und die Analogie zwischen Kunst schaffen und Kinder kriegen ist vielleicht auch schon eine etwas zu abgedroschene Mystifizierung des künstlerischen Prozesses. Ach ja, und wer wäre dann für die Erziehung verantwortlich? Vielleicht der Kritiker? (weitere KünstlerInnen der Ausstellung: Louise Bourgeois; Martin Kippenberger; VALIE EXPORT; Heather Sheehan; Cori Mercadé Dur‡n u.a.). für eva und die kleine elena

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.