Idee da, Kohle nicht. Also rein ins Internet und Gutgläubige und Kumpels um Geld angehauen für ein Web2.0-Projekt: ein Film, an dem sie mitschreiben dürfen, wenn sie denn Anteile zur Finanzierung kaufen. Der Gründer des "Onedotzero"-Digitalfilmfestivals Matt Hanson ist auf einer neuen Mission.
Text: Verena Dauerer aus De:Bug 104


A Swarm of Angels: Remixing Cinema

Matt Hanson sitzt in Brighton, dem beschaulichen britischen Küstenstädtchen mit dem langen Pier, und knarzelt dank der instabilen Skype-Verbindung aus dem Rechner. Es ist ja nicht so, dass er keinen normalen Telefonanschluss hätte – er kommuniziert aus konzeptuellen Gründen gern ausschließlich im und durch das Netz. Sein Filmprojekt ”A Swarm of Angels“ will daher auch Open Source mit einer filmischen Web2.0-Initiative verbinden. Genau am ersten Januar kam ihm die Idee, wie er erzählt: In Hollywood würden die Produktionsmühlen bedächtig lange arbeiten, bis jedes Script durch die Einsprüche der Studiobosse zerfleddert würde. “Cinema 2.0“ sei anders: Hanson will seinen eigenen Film über Online-Netzwerke finanzieren und zusammentragen und eine globale Filmproduktion gründen, deren fleißige Helferlein zuerst hauptsächlich online operieren. Er mailte seine Idee an Freunde und hatte bis diesen Mai 100 Leute zusammen, die sich beteiligten und Anteile zu je 25 britischen Pfund, rund 36 Euro, kauften. Mittlerweile gibt es 500 Interessierte, die ersten 1.000 sollen das Konzept auf robuste Beine stellen. Aber: “Nur ein kleiner Teil davon will wirklich selber beim Schreiben mitmachen. Das ist fein, weil ich letztendlich die Kontrolle darüber habe und genug Input und Feedback bekomme.“ Die Geschichte selbst bleibt vorerst in seinem Kopf. Verraten mag er nur, dass es sich um einen Sci-Fi-Thriller handelt. Hinterher soll das fertige Produkt unter der Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht und zum Remix-Verhunzen freigegeben werden.

Konsequenterweise hat Hanson seine Kollaborateure wie den Comic-Autoren Warren Ellis, Boing-Boing-Blogger Cory Doctorow oder Tommy Pallotta, Produzent von Richard Linklaters “ A Scanner Darkly“, teils noch nie gesehen, aber als Teile einer Interessengemeinschaft gefunden. “Randgruppen“ sind das für ihn: “Ich war fasziniert von der Idee der Randgruppen und der Randstädte. Nach mehr als einer Dekade in London wohne ich in Brighton. Viele sind da hingezogen, um ihre eigenen Ideen zu formulieren, anstatt mit den Londonder Trends mitgeschleift zu werden. Offensichtlich gibt es da eine Parallele zu den Randgruppen im Internet“, sagt er.

Kein Schnickschnack
Zur Erleuchtung: Matt Hanson ist nicht irgendwer, der aus den Weiten der Blogosphäre angeschwappt wurde. Der Brite hat 1996 das erste digitale Filmfestival ”onedotzero“ in London gegründet. 1997 erklärte er “The End of Celluloid“ und dass die digitale Revolution auch die Produktionsmittel verändern würde. “Einerseits geht die Geschichte von Video im Internet zurück zu den Basics. Das musste so sein, technologisch. Deshalb hatte ich immer ein Problem damit, weil es auf die geringsten gemeinsamen Nenner zurückgreift: Pornos und schlechte Schülerwitze. 1996 gab es Web-Clips sowieso nur in Briefmarkengröße auf dem Monitor. Also ging ich andersherum und schaute auf die neue Medienkultur.“ Damit war er der Erste, der Flash-Animationen im Kino zeigte und zu Kunstfilmen erhob. Sein jetziges Projekt ist die Folge: “Jetzt mache ich das wieder andersherum. Ich stelle eine große Medienproduktion mit Hilfe des Internets zusammen, um das Ergebnis weiter auf andere Medien zu bringen, sei es auf das Handy oder ins Kino.“

Klar ist der Gedanke einer Finanzierung über Anteile nicht neu, sonst würden Arthouse-Filme noch öfter krebsen. Der letzte Promi, der damit bekannt wurde, war Darren Aronofsky (“Requiem for a dream“). Der nötigte Ende der 90er seine Verwandten und Freunde zum Anteilskaufen, um den Psychothriller “Pi“ für lächerliche 60 000 Dollar in Schwarzweiß zu drehen. Auch versuchen sich an einer Filmproduktion durch Online-Vernetzung schon andere: Die Leipziger VEB Film nennt sich ein “Open Source Film Net Label“, das seit zwei Jahren Filme unter CC produziert und ausschließlich über Online-Spenden finanziert. Richtig famos ist aber die Gönnerschaft im Moment nicht: Mit 8.000 Euro sind sie in den Miesen.

Das stört Matt Hanson nicht. Eine Doku über “A Swarm of Angels“ ist schon geplant. Die Teilnehmer sollen sich dabei bei ihren Vorbereitungen mit Webcams filmen und das Material später über einen Video-Sharing-Service wie Jumpcut zusammenschneiden: ein Film mit-, von- und übereinander.

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Elektronische Lebensaspekte.