Mike Kivits ist das Enfant Terrible der Neo-Detroit-Szene in Amsterdam. In den frühen Neunzigern mischte er Tiergeräusche bei 160 BPM über Drummachines, holte sich bei der Fließbandarbeit eine schwere Depression, folgte Afrika Bambaataa und wurde verrückt nach Carl Craig. Pünktlich zum zweiten Album geht De:Bug den Dingen auf den Grund.
Text: Fabian Dietrich aus De:Bug 99

Wie man einen Kult kopiert

“Die geometrischen Formen der Kanäle gleichen von hier oben in etwa einem Schaltkreis auf einer wiesengrünen Platine. Finden sie nicht?“, fragt mein Sitznachbar über die Lehne hinüber und drückt mit seinem Zeigefinger einen kleinen fettigen Fleck auf die innere Plastikscheibe. Zehn Minuten später schlagen die Räder der Boeing auf dem Boden auf, ein fester Ruck, und wir verlieren uns aus den Augen. Zu diesem Zeitpunkt ist auch “Aardvarck” nicht viel mehr als kryptische Kindersprache, eines dieser niedlichen Worte, aus denen Vokale wie kleine Metastasen sprießen. Geesteswetenschappen. Kom Vroeg. Fietsen verhuur. Und was einem noch so im morgendlichen Sprühregen entgegenschlägt. Wir sind verabredet zum Gespräch über Person und Musik. Es geht um “Cult Copy”, ein Album, das eine frühe House- und Detroit-Stimmung in die Gegenwart hineintransportiert. Metallisch in den HiHats, roh und verzerrt, mit dicht gebündelter Energie unter den schwelgenden Flächen. Mike Kivits, eben jener Aardvarck, schüttelt mir stumm die Hand, er wirkt abwesend, reserviert, dicke, rot-getönte Sonnenbrille aus dem Seniorenheim, das Baseballcap seitlich getragen, ist zu einem witzigen Donald-Duck-Schnabel hochgerollt. Strähnige schwarze Haare quillen daraus hervor. Kaum zu glauben, dass dieser kauzige Kerl schon 40 sein soll. Im Rush-Hour-Büro auf der Couch, das Aufnahmegerät läuft, zeigt sich, wie falsch der erste Eindruck war. Aardvarck ist durchaus erzählfreudig, er gestikuliert wild, zerteilt die Luft mit kreisenden Bewegungen. Vor meinem Auge seine rechte Hand, ein Ying-und-Yang-Zeichen aus blauer Tinte, das Wort Tiki auf den Fingerknöcheln. Statt Coolness wird es schnell persönlich. “Ich habe ziemlich spät angefangen, Musik zu machen, weil ich immer dachte, es würde sehr, sehr schwer werden. Ich hatte viel Respekt. Schließlich lernte ich ein paar Typen in Holland kennen, die Musik machten, und der erste Typ, den ich besucht habe, hatte ein richtiges Major-Studio. Alles voll mit technischem Kram und Samplern, das hat mich überwältigt. Das war zu viel für mich. Dann habe ich in seinem Studio die erste 12” für Djax Up Beats gemacht. Das war Anfang der neunziger Jahre. Ich lieh mir seine 909 aus – was übrigens mein erster Kontakt mit Musikequipment war – nahm sie mit nach Hause und machte ungefähr 50 Beats. Drummachines, so wie sie auf den Bonus Beats von Soul Sonic Force drauf waren oder bei Mr. Fingers, das liebte ich schon immer. Meine erste 12” bestand dann auch nur aus vier Beats, keine Musik, nur Tiergeräusche auf 160 BPM.” Kurzes Nachdenken, dann ein tiefes Glucksen, das sich in einem dreckigen Lachen entlädt: “Mann, das war noch echter Minimalismus damals.” Ein paar hundert Gulden, mehr war bei dieser verrückten Platte für Djax Up aber nicht drin. Aber das sei eigentlich auch egal gewesen, uninteressant, gibt Mike an. Geld? Er habe damals ja noch den Hass-Hass-Hass-Job in der Fabrik gehabt, von seiner Ausbildung her sei er nämlich eine Art Mechaniker. Er schweigt kurz, und dann wird es plötzlich ernst: “Als ich in der Fabrik gearbeitet habe, wurde ich krank. Mir ging es schlecht, ich wurde sehr depressiv, ich ging nicht mal mehr Platten kaufen und bekam schließlich eine Psychose. Die Psychose schleicht heran, du verlässt die Welt immer mehr. In meiner depressiven Phase habe ich Geld gespart und mir davon meinen ersten Sampler gekauft.” Ob er eingeliefert worden sei? “Nein, ich habe selber verstanden, dass mit mir etwas nicht in Ordnung war. Bei meiner zweiten Psychose sagte mir meine Freundin, du bist krank, du musst zum Arzt. Und das tat ich dann. Ich habe eine einjährige Therapie gemacht, im Krankenhaus haben sie mir gesagt, ich sei manisch depressiv, und sie haben mir Lithium gegeben. Nach der Psychose habe ich erst richtig mit dem Musikmachen angefangen: zuerst der Sampler (er grinst: ‘Wuaaah!’), dann ein Atari (sprich: ‘AAAAtari’). Ich habe den Atari damals studiert”, erzählt Aardvarck stolz.

Die Kultkopie

Aadvarcks erstes Album war anders, inspiriert von Nu Jazz und verdrehten Beats. Wüsste man es nicht, ahnte man wohl kaum, dass es vom selben Produzenten stammt wie “Cult Copy”. “Science Fiction”, sagt Mike, “ja, ja”, das sei dieser Stil für ihn früher gewesen. Wie erklärt man sich den Wandel hin zu scheppernder Clubmusik und Detroit? Ganz klar, Aardvarck ist prinzipiell rastlos, grenzenlos, ein wenig fahrig und überhaupt schnell von Musik gelangweilt. Das DJ-Team Rednose District, das Mike mit Steven de Peven bildet, ist gefürchtet für radikale Tempo- und Stilwechsel. “Auf der Tanzfläche, da will ich Action, High Energy. Ich wurde früher von Afrika Bambaataa inspiriert. Er sagte mal, HipHop ist, wenn du das Beste aus allen Musikstilen nimmst und es mischt. Und ich dachte mir, ja, das machen wir eigentlich auch, wenn wir auflegen. New Wave, Funk, HipHop … was auch immer.” Die drei “Cult Copy”-12″s, die nun mit neuem Material zu Aardvarcks gleichnamigem zweiten Album zusammengefasst wurden, erschienen ursprünglich von 2001 bis 2005. Zum Teil zwei der Serie steuerte Carl Craig eine Version bei, jemand, der immer ein besonderes Vorbild für Aardvarck war. “Ich stehe sehr auf frühe House-Musik, so späte Achtziger bis ’93. Wenn ich Musik mache, habe ich oft alte Sachen von Carl Craig im Kopf, ’69’ oder ‘Paperclip People’. Mann, ich habe diese Platten immer in einer Kiste gesammelt und mir gedacht, komm’ schon, Carl, gib mir mehr davon. Aber so viel kam da leider nicht raus, also dachte ich mir, hör’ auf zu warten, mach es selber, kopiere seinen Stil. Und das tat ich.” Moment mal, du bezeichnest dein Album ernsthaft als ein Plagiat, Mike? “Nein, nein”, versichert er schnell, “ich kopiere nicht im technischen Sinne, sondern nur Gefühle. Und was ich kopiere, ist eben ganz klar ’69’ und ‘Paperclip People’. Das war mein Kult damals, frühe Detroit-Sachen. Drei mal darfst du jetzt raten. Genau deswegen heißt das Album auch so wie es heißt: Cult Copy. Nenn mich einen alten Sack, aber ich trage die frühen Neunziger in meinem Herzen.” Wass denn mit der Gegenwart sei, will ich wissen. “Eigentlich höre ich keine aktuelle Techno- und House-Musik, ich kenne keine Namen, eigentlich gar nichts. Letzte Woche habe ich auf einer Techno-Party aufgelegt, einer Party mit einem großen deutschen Elektro-Typen, ja, ich erinnere mich nicht mehr an seinen Namen. Da war eine Stimmung wie vor fünfzehn Jahren auf einer House-Party. Aber ich hab’s total vermasselt, weil ich HipHop gespielt habe und Squarepusher und Aphex Twin. Zur Primetime.” Irgendwann schweift das Gespräch ab, zerfranst in merkwürdige Einzelteile. Plötzlich geht es um Vla, Holland, Deutschland, Jazz, Mathew Herbert, Politik und unsere Lieblingstiere. Da erzählt Mike, wie er irgendwann in den Neunzigern zu seinem Namen kam: “Ich sagte zu meinen Leuten: Ich brauche einen Namen. Na-men. Und dann kam es mir: Aardvarck. Ja, der ist bescheuert, dachte ich. Ich kenne den Aardvaarck von Pink Panther, aus den Cartoons. Ach, du weißt nicht, was das ist? Ein afrikanisches Tier, das hässlichste der Welt, ein Tier und es isst Ameisen. Musik hat ja mit Primärinstinkten zu tun, du hörst Sounds und tanzt dazu. Das ist doch eigentlich total verrückt.”

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Elektronische Lebensaspekte.