Die Veteranen Abe Duque und Blake Baxter bekräftigen auf Duques Album "Don´t be so mean", dass früher alles besser war. Heute kämpft Abe gegen die Landplage einfaltsloser Tracks und mieser DJs mit Disziplin und beispielhaftem Verhalten.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 133


Alles ist verdammt harmonisch und entspannt: Die herzerwärmende Sonne eines späten Frühlingsnachmittags, heiter flanierende Passanten, das entspannte Wiedersehen eines sympathischen Gesprächspartners nach zehn Jahren. Auf der Aufnahme des Treffens mit Abe Duque hört man verblüffend viel Vogelgezwitscher, vorbeifahrende Straßenbahnen erzeugen surreales Hallbassbrummen, Abes Stimme changiert zwischen glasklaren und Unterwasser-Passagen.

Das passt zwar überhaupt nicht zum treuen Field-Rekorder, der weder vor und nach diesem Interview ähnliche Soundeffekte ausgespuckt hat, aber ganz wunderbar zu Abes aktuellem Langspieler “Don´t be so mean”: Denn hier ist eigentlich jeder Track auch Hörspiel mit verschrobenen Intros, Stimmungswechseln und zahllosen Details. Was absolut nicht bedeutet, dass die Stücke nicht tanzflächentauglich wären. Ganz im Gegenteil, es finden sich auch wieder eine Hand voll ausgemachter Hymnen mit großem Kreisch-und-Arme-in-Luft-reiß-Potential auf “Don´t be so mean”.

Aber im Idealfall funktionieren Abes Tracks tatsächlich auf drei Ebenen gleichzeitig: Im Club, als Popsong und eben als Hörspiel, in dem der konzentrierte Zuhörer alle Nase lang über wundersame Klangskulpturen und -Landschaften stolpert. Der Detailreichtum ist ein Markenzeichen der Produktionen Abes, aber während er sich früher, ob der überquellenden Vielfalt, manchmal selbst ein Bein gestellt hat, gelingt den aktuellen Tracks die Doppelnummer aus Tanz-Tool und Sound-Kapriolen annähernd perfekt.

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Wir treffen Abe an besagtem heiteren Frühlingsnachmittag in Berlin. Zum Start praktizieren wir ein bisschen Gehirntraining, wir können uns beide nämlich nicht recht daran erinnern, unter welchen Umständen wir vor zehn Jahren ein Interview geführt haben. Aber Stück für Stück legen wir verschüttete Erinnerungsfetzen frei, womit unbewusst auch schon das Thema “alte Säcke in der elektronischen Musik” gesetzt ist.

Aber zunächst kommen wir zusammen den flüchtigen Erinnerungen auf die Spur: Die Begegnung vor zehn Jahren fand in Wien statt, Abe war damals oft in der Stadt, weil seine Freundin dort lebte, außerdem waren seine Besuche in Österreich eine prima Gelegenheit mit der Cheap-Posse rumzuhängen. Mittlerweile ist Abes Freundin allerdings zu ihm nach New York gezogen, außerdem ist sie nicht mehr seine Freundin, sondern seine Frau.

Jetzt wohnen sie gemeinsam in Abes altem Kiez, Hollis in Queens: “Gleiches Viertel, gleiches Haus”. Dazu hat Abe allerdings noch einen Zweitwohnsitz in Berlin, weil der überwiegende Teil seiner Gigs in Europa stattfindet und sich mit dem Zimmer in Berlin Flugkosten reduzieren lassen, die sonst seine Gagen beeinträchtigen würden: “Aber ich richte mich hier nicht häuslich ein, das Zimmer ist eher sowas wie ein College Dorm”.

Nach der Klärung der geografischen Verhältnisse wendet sich unser Gespräch Abes neuem Album zu und natürlich muss dabei zuerst über die beiden Tracks gesprochen werden, auf denen Blake Baxter zu hören ist, wie schon auf der gemeinsamen Miesepeter-Hymne “What Happened?” von 2005. Auf dem Stück rasselte Blake Baxter eine Liste von Clubs und Parties runter, die auch nicht mehr das sind, was sie mal waren.

Den onkeligen Kulturpessimismus kultivieren die beiden inzwischen offensichtlich als gemeinsames Hobby, denn auch in “Wake up” und “Let’s take it back” geht es darum, dass früher alles besser war. Baxter tönt im Traditions-House-Stil mit bedrohlich-bekiffter Off-Stimme, die die Weisheit mit Löffeln gefressen hat und der Tanzfläche in bester Moses-Pose Wahrheiten verkündet:

Good morning people
wake up
you´ve been dancing all night
did you ever think
that house music would last so long
and techno music will be so strong
well, I did

Auf “Wake up” gibt es zu diesem Text Polizei-Sirenen im Pathos-Break, aus denen dann ein Synth-Flimmern über dem grundsoliden Bassdrum-Gerüst wird. In “Let´s take it back” dekliniert Abe dann das Alphabet des Oldschool-in-den-Arschtretens durch, über dem Acid-Bassline-808-Bassdrum-Getucker schwebt eine kraftwerk-transparente Synthie-Rieselfläche und Baxter spricht:

Let´s take it back
like way back
like back in the day
i wanna go back

Die Texte habe man sich zusammen ausgedacht, erklärt Abe und fällt prompt selbst in einen Sprechsingsang: “‘Like back in the day, when we used to play, when Techno had a groove and House made you move'”. Ich will wirklich nicht darauf rumreiten. Der Track sollte auch mehr sein als ein alter Mann, der sich nach dem Motto beklagt: “Ihr Frischlinge wisst doch gar nicht mehr wie man es richtig macht”. Aber manchmal ist es schon frustrierend, wenn sich Tracks alle gleich anhören, heute mehr als je zuvor. Oder wenn DJs in entgegengesetzten Ecken der Welt Sets spielen, die sich zum Verwechseln ähnlich sind, wenn sie nicht sogar die gleichen Platten spielen”.

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Ein bisschen darauf rumreiten muss wohl doch sein, wobei man sagen muss, dass Abe nichts von einem enttäuschten alten Mann an sich hat. Ganz im Gegenteil, der Mann scheint sich gründlich seines Lebens zu freuen, allerdings ohne dabei die Augen vor Dingen zu verschließen, die ihm auf den Sack gehen. Zudem er enervierende Phänomene wie die Schwemme uninspirierter Tracks und DJs keineswegs als gegeben hinnimmt:

“Es ist doch genauso wie mit dem Essen: Früher haben die Menschen meistens gehungert. Aber seitdem es überall billiges Essen gibt, werden immer mehr Menschen fettleibig. In einigen Gegenden der USA ist das schlimm. Aber sogar da setzt langsam ein Umdenken ein. Und genauso muss man die Leute dazu erziehen, mit den Möglichkeiten digitaler Musik richtig umzugehen. Denn viele nutzen diese Möglichkeiten aus den falschen Gründen. Ich habe zum Beispiel nichts dagegen, wenn DJs mit Files auflegen. Aber wenn ich frage, warum sie das tun, kriege ich zu hören: ‘Ich war es echt leid die Plattenkiste zu schleppen.’ Der einzige Grund, warum sie kein Vinyl nutzen, ist Bequemlichkeit! Eine neuen Ebene des DJing? Fehlanzeige! Jedenfalls nicht aus unserer Generation, die schon mit Vinyl gearbeitet hat. Nur bei den Jungen, die das Mixen mit Vinyl gar nicht kennengelernt haben, gibt es noch Hoffnung, dass sie etwas wirklich Neues machen”.

Was Abe tatsächlich auf die Palme bringt, ist also die kulturelle Stagnation, die der technischen Revolution folgt: “Veränderungen passieren, ob wir wollen oder nicht.” Womit wir bei Titel und Cover der CD wären. Denn “Don´t be so mean” soll nicht nur gut klingen, sondern tatsächlich einen Appell darstellen, genau wie die Pose mit dem Sturmgewehr auf dem Cover:

“Als Amerikaner oder ganz allgemein als Mitglied der westlichen Gesellschaft werden in meinem Namen Waffen eingesetzt und Kriege geführt. Davor sollte man nicht die Augen verschließen. Ich will gar nicht so gemein sein. Gerade deshalb habe ich auch die Waffe in die Hand genommen, ein modifiziertes M16-Sturmgewehr, das einem Freund gehört, der Polizist ist und praktischerweise nebenbei auch noch Fotograf.” Und Abe posiert nicht nur auf der Vorderseite seines Albums mit der Waffe, der Lauf zieht sich nämlich bis auf die Innenseite, wo er auf ein weiteres Foto von Abe gerichtet ist – der reine Agitprop.
http://www.abeduquerecords.com/

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Elektronische Lebensaspekte.