Protestsongs, geprüft von Peter Kersten und DE:BUG
Text: Malte Kobel & Sascha Kösch aus De:Bug 175

lawrence_72dpi_03

“Auch die Kunst ist revolutionäres Tun.” Getreu dem Sager von Renato Guttuso prüfen DE:BUG und der Dial-Macher Peter Kersten Protestsongs jedweder Couleur auf Motivation und Wirkung. Ist doch wieder Zeit, diese Lieder zu sammeln und zu lernen. Und wenn dieses Heft gedruckt wurde, purzeln bestimmt auch die ersten NSA-Remixe durch die Beatport-Charts. Bis es soweit ist, swingen wir auf der deepen Welle von Lawrences neuem Album.

FOTO: CHRISTIAN WERNER

 
http://www.youtube.com/watch?v=qyS62JR45HM

Underground Resistance – Riot (Underground Resistance, 1991)

Das könntest du kennen, war ein Klassiker.

Ich erkenne nur ein Sample von Public Enemy.

Das ist Underground Resistance.

Ich kenne das schon, zumindest ein bisschen. Aber das ist kein Klassiker für mich.

Die Riot EP und die Fuel For The Fire waren vermutlich die beiden Platten, die dazu geführt haben, dass man UR auch als politische Formation wahrgenommen hat.

Der Style, diese Militanz, das war total neu. Meine erste UR war Blake Baxter, und das war ja eher schon die hedonistische Variante. The Prince of Techno. Da war sogar ein Foto von ihm drauf. Das habe ich mir dann an die Wand gehängt. (lacht) Obwohl UR ja eigentlich gesichtslos war. Das habe ich damals noch gar nicht zusammenbringen können, Techno und Protest. Ich habe aber in den 90ern auch überwiegend House gehört und mit Protest hatte das nur entfernt zu tun – außer natürlich wenn es um die Rechte von Schwulen ging. Es gab in Hamburg den “Gay Express”, der lag im Front auf dem Klo aus, da wurden ganz am Rande auch mal politische Themen angerissen.

Hamburg war ja auch nie die Stadt, in der es musikalisch besonders hart zu ging.

Nein. Es gab natürlich das Unit oder das Opera House, aber es war eine House-Stadt. Wobei das Front sicherlich einer der Pionierclubs war. Anfangs, so um 1985, wurde dort noch alles durcheinander gespielt, Hi-NRG, Disco, früher Techno und House, aber es entwickelte sich dann in eine sehr New York fokussierte Richtung von House und damit auch Richtung Schwulenbewegung. Zunehmend driftete das aber in eine fast rein hedonistische Bewegung ab. Siehe Christopher Street Day: In Berlin bin ich einmal zufällig hineingeraten. Das war eine reine Wurstbudenveranstaltung. (lacht)

 

John Maus – Rights For Gays (Upset! The Rhythm, 2007)

Das ist ein ziemlich expliziter Protestsong. Aber auch irgendwie sehr ironisch. Es ist ja gerade wieder aktuell, für die Rechte von Homosexuellen zu kämpfen; durch die aktuellen Ereignisse in Russland hat das erneut einen extremen Schub bekommen. Aber auch in Nigeria wurden jetzt Gesetze erlassen, die zum Beispiel ein öffentliches Outing von Homosexuellen mit Haftstrafen von bis zu 14 Jahren ermöglichen. Das ist absolut verrückt.

Glaubst du, es kommt noch eine schwule Politisierungswelle hinterher?

Ja. Da bin ich mir ganz sicher. Ich selber wurde auch mobilisiert durch diese Gesetze. Wir hatten zuletzt eine recht apolitische Phase, in den kulturellen Bereichen zumindest. Es gab beispielsweise schon lange keine richtig ernstzunehmende Antifa-Welle. Bedarf ist natürlich permanent da und ich selbst weiß auch nicht immer genau, wie und was ich organisieren könnte. Als Techno-Musiker kann man wohl am besten bei Soliparties mit dabei sein oder anderweitig Geld beschaffen. Ich produziere ja keine politische Musik, glaube ich zumindest. Aber ich find es gut, dass sie trotzdem in politischen Zusammenhängen stattfindet.

Das war ja bei dir schon immer so. Deine Musik war und ist alles andere als explizit. Wenn man politisch sein will, muss man entweder konzeptuell oder als Person explizit sein. Bei dir ist es eher die Person, die politisch ist.

Klar. Aber es gab natürlich auch andere Beispiele: Carsten Josts “Make Pigs Pay“ oder die Platte, auf die wir einfach das Antifa-Logo gedruckt haben. Daraufhin wurde Dial gleich als politisches Label abgestempelt. Das fanden wir natürlich toll, auch wenn das gar nicht unser größtes Ziel war. Auf Antifa-Demos haben wir ohnehin auch vorher schon mitgemischt.

 

Rebel MC – The Government Fails (Big Life, 1992)

Ich kenne mich mit Gassenhauern nicht so aus, muss ich sagen. (lacht) Ist das Public Enemy?

Nein, Rebel MC.

Aber das ist auch so aus der Zeit, oder? Ein bisschen später?

1992.

1988 war ich bei Public Enemy in der Sporthalle in Hamburg. Aber das ist immer noch sehr nah dran. 1992 habe ich gar nicht mehr viel HipHop gehört.

Glaubst du, dass Popmusik noch einmal eine Chance hat, politisch zu werden?

Auf jeden Fall. Aber es ist total verrückt, dass es keinen richtigen Popstar gibt, der mal auf den Trichter kommt, eine politische Platte zu machen. Es gibt natürlich Radiohead, aber die spielen ja auch keine Protestsongs. Aber zum Beispiel Madonna, die hat doch auch eine Meinung, die sie öffentlich äußert.

 

Heaven 17 – (We Don’t Need This) Fascist Groove Thang (Virgin, 1981)

Für mich haben Heaven 17 immer eine gewisse politische Konnotation. “Let Me Go“ zum Beispiel. Eigentlich geht es ja nur um das Nightlife: “Everytime, Nighttime” (lacht) und trotzdem klingt es sehr Protestsong-artig. Gleichzeitig war es aber der totale Popper-Sound.

Es war zwar ein Popper-Sound, trotzdem haben sie diesen Lifestyle aber völlig fertig gemacht.

Das ist interessant, auf jeden Fall. Damals haben Popper ABC oder Heaven 17 gehört. Mit ABC verbinde ich nur dieses “Look Of Love” und den sehnlichsten Wunsch, möglichst viel Geld zu machen. (lacht)

Das Lustige an der Zeit ist ja auch, dass viel mit Ambiguität gespielt wurde. Bei “Let’s All Make A Bomb” von Heaven 17 wusste man zum Beispiel nicht genau, ob die einen verarschen wollen oder ob sie das eigentlich ernst meinen. Oder DAF zum Beispiel, “Tanz den Adolf Hitler“ aus dem Song “Mussolini“. Worum soll es denn da bitte gehen?

Stimmt, das war sogar ein richtiger Radio-Popsong. Ich fand das damals sehr schockierend. Das Album habe ich geliebt, aber das Stück, obwohl es so super ist, hat mich einfach irritiert. Natürlich habe ich die Provokation und auch das Nihilistische verstanden, es ging um diesen massenkompatiblen Groove, von dem alle mitgerissen werden. Ich war damals auf einem Front-242-Konzert. Es war die brutale Nazi-Hölle, obwohl es natürlich keine Nazis waren. Trotzdem dachte ich, ich werde dort zermalmt. Alles nur Glatzen, die wie Zombies um sich geschlagen haben. Es hatte eine krasse Wirkung, aber ich weiß gar nicht, ob das überhaupt politisch oder schlichtweg verneinend gemeint war.

Es war sehr zweischneidig in der Zeit, aber man konnte es sehr gut als klar po- litisch verstehen.

Ich glaube, so richtige Nazis haben das auch nicht gehört, oder? DAF oder auch Front 242 haben ja auch viel mit Faschismen gespielt.

Techno am Anfang auch ganz gern. Die Feuilletons dieser Welt hatten das sehr schnell in diese Richtung gedrängt.

Verrückt. Und wirklich super Heaven-17-Stück! Bei “Let Me Go“, gibt es eine tolle 303-Bassline. Das ist auch das einzige Stück, was ich kenne, wo die 303 wirklich als Bassersatz benutzt wird. (lacht) So wie sie ja eigentlich erdacht wurde.

 
http://www.youtube.com/watch?v=di-kj6KL9TI

Grungerman – Fackeln Im Sturm (Profan, 1997)

Witzig, wie aus dieser düsteren Synthesizer-Kickdrum so ein Pop-Appeal entsteht. (Gesang setzt ein) Das ist Reinhard Voigt, oder?

Wolfgang.

Ah, Wolfgang. Ich bin immer so schlecht mit diesen Schlagergesängen. Wie heißt das nochmal?

Fackeln im Sturm.

Schwierig. Dieser Schlager-Techno, das ist ja schon eine krasse Verwurstung, Zerstörung eigentlich. Im Club ist das ein unglaublich brutales Stück, wir haben es natürlich geliebt früher. Aber diese Art von Techno stand immer ein bisschen unter Generalverdacht. Das Kölner Wappen, der Lokalpatriotismus: Die Frage war immer, wie weit kann man damit noch gehen?

Wolfgang hat das immer sehr genossen. Die Frage, was sein darf, was man machen kann und sich daran auch festzubeißen.

Verwirrt haben mich die T-Shirts mit dem Kölner Wappen. Fand ich einfach nur blöd. Die gab es doch schon am Dom nebenan zu kaufen. Aber es hat ja auch mit diesem seriellen Immer-Weiter-Gehen zu tun. Und dann sieht man ihn, wie er auf einer Party Pfälzer Weißwein mit fragwürdigem Logo ausschenkt. (lacht) Das ähnelt dann auch Front 242. Diese Entpolitisierung solcher Symbole und Flaggen, bis man es wirklich nur noch als Logo wahrnimmt. Bei Wolfgang Voigt ist das eine Sinnentleerung. Aber mit Lokalpatriotismus kann ich überhaupt nichts anfangen.

Es gibt auf jeden Fall unverkrampftere Bezugnahmen auf die eigene Stadt als in Köln.

Ich habe dieses Kölsch-Sein nie verstanden. Und Hamburg hat mich sowieso noch nie interessiert. Koze hat neulich ein Interview in der Berliner Zeitung gegeben. Er wurde gefragt, wie es ist, in Hamburg zu leben. Seine Antwort: “Hamburg ist die langweiligste Stadt der Welt. Hier passiert nie etwas.” Das fand ich super. (lacht) Aber zurück zum Track: Musikalisch war das natürlich sehr interessant, so etwas wie Fackeln im Sturm.

Eigentlich wollten wir ein Stück von der Protest-Serie einpacken – “Erst schießen, dann fragen”.

Super Titel. (lacht) Ich finde es interessant, dass oft ein Titel schon ausreicht, einer völlig apolitischen Musik einen Inhalt aufzudrücken.

 

Gil Scott-Heron – The Revolution Will Not Be Televised (Flying Dutchman, 1971)

Der expliziteste Protestsong überhaupt.

Expliziter geht’s kaum. Hat aber auch noch Inhalt, also im Sinne von Inhalt, der neu war …

… und immer noch aktuell ist. Das kannst du auch noch in 20 Jahren spielen. Auf Demos vielleicht nicht unbedingt.

Weil es zu politisch ist. Und dabei hat es so einen irren flockigen Swing.

Das ist zum Beispiel auch bei Detroit Jazz so. Das ist oft die schnulzigste, lieblichste Musik. Musik, die meine Oma auch toll gefunden hätte, bei der man kaum glauben könnte, dass dort Techno-Strings herkommen.

Man denkt bei Protestsongs ja immer erstmal an harte Musik – Marschmusik, oder auch langweilige Gitarrenmusik. Aber Revolution soll ja auch Spaß machen.

Ich kann mir vorstellen, ganz lieblichen Pop mit einer schönen süßlichen Stimme, tollen Melodien und ganz explizit harten politischen Worten zu verbinden.

Aber bei Scott-Heron war das nicht als Gegensatz gedacht, oder?

Nein.Es ist ja auch eine Rede, die er hält, kein Gesang. Es ist perfekt. Ein perfekter Protestsong.

 
http://www.youtube.com/watch?v=FANUTiHcCmo

Alec Empire – Sieg Über Die Mayday HJ (Mille Plateaux, 1994)

(anfangs ruhige Flächen) Das ist Reggae, oder? Das habe ich doch schon mal gehört. Hört sich super an. (Aggressive Drums setzen ein) Zerstört. (lacht)

Das ist “Sieg über die Mayday HJ”.

Wow. Ich habe mal Atari Teenage Riot in einem Camel-Move-Zirkuszelt gehört und verstanden, dass die ja auch Geld verdienen müssen. (lacht) Damals war es wirklich so, dass man es scheiße fand, wenn die dort gespielt haben. Heutzutage regt sich niemand darüber auf, wenn eine politische Band auf dem Melt spielt, wo 40.000 Sponsoren ihre Banner umher schwenken.

An so einem Track, beziehungsweise schon am Titel sieht man deutlich, wie stark die Szene auseinander gedriftet ist. Auf der einen Seite Alec Empire, der die Mayday als HJ-Veranstaltung beschimpft und auf der anderen Seite wahrscheinlich Westbam, der auf dem Camel Move thront.

Es war natürlich auch wahnsinnig wichtig, sich zu positionieren.

 

Destiny’s Child – Independent Woman (Columbia, 2000)

Das ist super, oder? Ich muss dabei auch an Cobra Killer denken. Die haben wir mal eingeladen, bei unserem Club US Navy 666 zu spielen. Ich hatte richtig Angst vor denen, mit ihren Hula-Hoop-Reifen. Cobra Killer könnte ich mir auch sehr gut als R&B-Band vorstellen, deswegen kam ich da drauf und natürlich auch wegen Alec Empire.

Die “Independent Woman” ist für mich eher Roxanne Shanté.

 

Roxanne Shanté – Independent Woman (Cold Chillin‘, 1989)

Und war für mich tatsächlich eine ganz wichtige Frau damals. Es gab ja auch oft House-Mixes von ihren Stücken, “Sharp As A Knife“ beispielsweise – das haben wir viel gehört. Sie ist eine sehr starke Persönlichkeit. Und anders als ihre männlichen Kollegen legte sie wirklich eine Haltung an den Tag.

Diese großen Frauen im HipHop zu der Zeit waren auch immer Teacher. Sie wollten den Frauen etwas beibringen.

Genau das meine ich. Klar hatten Public Enemy auch etwas zu sagen – mit ihrer Prison-Tour zum Beispiel. Bei vielen war das aber reines Mackergelaber, obwohl das erst ein bisschen später in die Richtung ging.

 
http://www.youtube.com/watch?v=rf71kMr8ODk

Advanced Chemistry – Fremd im eigenen Land (Mzee Records, 1992)

Ich habe mir tatsächlich die Maxi gerade erst gekauft. Ich wusste natürlich, dass es eine Anti-Rassismus-Hymne war, aber ich wusste gar nicht mehr, dass es sich zeitlich direkt auf Rostock-Lichtenhagen bezieht. Toll.

An der Problematik hat sich nichts geändert.

Man trägt ja selber auch Rassismen in sich und muss damit klar kommen. Ich war vor zwei Jahren in China, in Beijing, und muss wirklich sagen, ich bin mit dem schwersten Vorurteilskoffer, den ich jemals mit mir geschleppt habe, dahin gefahren, in dieses wirklich fantastische Land. Kaum eines hat sich bestätigt, einige haben sich zwar verschärft, aber auf interessante Art und Weise. Ich finde das immer gut beim Reisen – der Rückschluss auf die eigenen Verhältnisse, Vorurteile und das eigene Denken.
Advanced Chemistry haben wirklich immer noch recht, der Alltagssexismus und Alltagsrassismus ist nach wie vor aktuell.

 

Luigi Nono – Il Canto Sospeso (1955)

Das ist ein gutes Beispiel für explizit politische Musik, die ganz ohne Text auskommt. Das gibt’s ja tatsächlich auch, man muss sich nur darum bemühen, diesen musikalischen Code zu dechiffrieren. Es gab viele Komponisten, die politische Themen in ihrer Musik verarbeitet haben: Iannis Xenakis oder Edgard Varèse, Luigi Nono, Sofia Gubaidulina. In diesem Fall ist es ein explizit antifaschistisches Stück, was ganz ohne Text und Gesang auskommt. Lustigerweise habe ich mal auf einer Antifa- Party Iannis Xenakis‘ “Metastasis“ gespielt, was in der Roten Flora auf der monströsen Anlage eine ganz schöne Folter war. (lacht) Ein paar Antifas sind wirklich angekommen und haben uns angeschrien: “Macht das endlich aus!“ Aber ich habe es ihnen erklärt und das fanden sie dann auch cool. Es ist ein sehr verstricktes Stück, es geht um Architektur und Faschismus.

Es ist in der Tat ein Code, in dem man sehr tief drin stecken muss, um zu wissen, worum es geht.

Wenn man das im entsprechenden Konzertsaal spielt – dafür ist es ja auch geschrieben, für diese Räumlichkeit – und man weiß, dass es sich mit Faschismus auseinandersetzt, dann funktioniert es total gut. Aber es ist natürlich trotzdem auch interessant zu erfahren, worum es jetzt in den einzelnen Passagen geht, ob es konkrete Erlebnisse verarbeitet.

 

Robert Wyatt – At Last I Am Free (Rough Trade, 1982)

Das Original ist von Chic, von Nile Rodgers, der bei den Black Panthers war. Eigentlich soll es im Lied eher um eine gescheiterte Liebesbeziehung gehen, aber “At last I am free, I can hardly see in front of me” ist natürlich auch eine Befreiungskampf-Hymne geworden. Die spiele ich auch gerne im Pudel als letzte Platte, deswegen passt es hier ganz gut.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.