"Live" ist ein völlig neuartiger Softwaresequencer, der den Umgang mit Audiomaterial auf der Bühne wie auch im Studio revolutioniert und als erstes Produkt konsequent zuende denkt. Kein Wunder, können doch zwei Hauptentwickler und Ideengeber, Gerhard Behles und Robert Henke aka Monolake, auf jahrelange Erfahrung im Umgang mit mobilen Rechnern auf Bühnen zurückblicken.
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 55

Alle Laptops auf die Bühne
Abletons Sequencing Instrument “Live”

Hand aufs Herz. Ich kann mich an kaum ein Softwareprodukt erinnern, über das im Vorfeld seiner Veröffentlichung soviel gemutmaßt und spekuliert wurde. Das könnte mit einer geschickten Marketingstrategie zu tun haben oder aber mit der schlichten Tatsache, dass hier Großes passiert. Zeit wird‘s ja auch. Denn die Misere der elektronischen Livemusik wird eher schlimmer als besser. Die Softwaretools, die ein komfortables Arbeiten im Studio garantieren, stellen einem live aufgrund ihrer Architektur eher ein Bein und so drücken viele (User) dann abends auf der Bühne einfach die Start-Taste und schauen ihren Audiofiles (keine Samples, natürlich ganze Tracks) interessiert zu, wie sie brav von der Festplatte streamen, und erklären ein Hall-PlugIn zum Nabel der Welt oder aber (beneidenswerte Freaks) haben sich in Max oder Supercollider ihre eigenen livetauglichen Sequencer gebaut, die den freien Umgang mit Audiosamples bei laufendem Betrieb erlauben und möglich machen. Denn das ist ja die Idee des Ganzen: Ich lass meine (Midi-) Hardware zu Hause und komme mit Laptop, Faderbox und vielleicht noch einem Effektgerät. Das passt bequem in die Tasche und ich kann mit dem Nachtbus nach Hause fahren.

Es war live und ich war es auch

Und es gab keine Dropouts, sogar unterschiedlich schnelle Samples haben plötzlich wunderbar synchronisiert gerockt. Das große, bahnbrechende Novum an Live ist die Time-Warp Engine, die alle benutzten Audiofiles zunächst einer Analyse unterzieht und sie an das gewählte Mastertempo angleicht, selbstverständlich bei laufendem Betrieb. Egal, ob Break, Fläche oder Einzelsample…alle Sounds sind perfekt im Timing. So wie man sich das immer gewünscht hat. Live arbeitet in zwei Environments, dem Arrangement, das genau wie die Timeline eures Lieblingssequenzers funktioniert, also die einzelnen Spuren mit ihren Wellenformen anhand einer Timeline darstellt, und der Session-Darstellung, die wiederum an die Mixereinheiten von Logic oder Cubase erinnert. Jeder Track hat einen Kanalzug, komplett mit Volume, Pan und Sends. Diesen Spuren werden per Drag & Drop aus dem Browserfenster Audiosamples zugewiesen (AIFF oder WAV), die, einmal aktiviert, als Loop oder als One-Shot Samples zu spielen beginnen. Jedem Track (vertikal) können eine beliebige Anzahl von Samples zugeordnet werden, hören kann man aber immer nur einen. Die verschiedenen Ebenen der Tracks sind am ehesten mit Patterns zu vergleichen, zwischen denen mit einem Klick umgeschaltet werden kann. Innerhalb der horizontalen Ebene (den Scenes) lassen sich selbstverständlich so viele Samples gleichzeitig abspielen wie man will. Ebenfalls per Drag & Drop können den Tracks PlugIns zugewiesen werden. Die Version 1.0 wird bereits mit einer Reihe eigens für Live entwickelter Plugs ausgeliefert. Zur Verfügung stehen zur Zeit: 4-Band EQ, Autofilter, Grain-, Filter- und PingPongdelay, Chorus, Compressor und Vinyldistortion, weitere sind in Vorbereitung. VST-Effekte werden ebenfalls problemlos akzeptiert. Allein diese wenigen Features würden schon ein fröhliches Rumjammen garantieren. Sample an, Sample aus, Effekt hier und da, umschalten zwischen Szenen, dann wieder ein neues Sample aus der Bibliothek dazu, kein Rumpeln und Stottern, die Timestretch-Programmierung ist Nobelpreis-verdächtig. Doch eigentlich fängt der Spaß hier erst richtig an.

Schwimmen im Wellen-Pool

Denn wenn nun alles läuft, kann nicht nur mit Hilfe von Effekten an den Samples gebastelt werden, auch die Samples selber können bei laufendem Betrieb angegangen werden. Für jeden Sound steht eine Darstellung der Wellenform zur Verfügung, mit deren Hilfe man Start- und Endpunkt des Samples beliebig neu festlegen kann, oder aber die Datei stauchen, strecken oder mit Hilfe des Offsets manipulieren kann. Rhythmische Verschiebungen und knusprige Artefakte lassen sich so ganz intuitiv in das Set einbauen. Hilfreich dabei sind die Warp-Marker, die bei der File-Analyse automatisch gesetzt werden, ähnlich wie bei Recycle. Die Samples werden so in Abschnitte unterteilt, die sich an den Peaks orientieren. Die Snaredrum eines Drumloops kann auf diese Weise auf File-Länge gedehnt werden. Alle bearbeiteten Einzelsamples können selbstverständlich in neuer Fassung abgespeichert werden. Ein Mikro-Bounce sozusagen.

Kannst du das mitschneiden, bitte?

Kein Problem. Nie war das Aufnehmen eines Livesets oder einer Session so einfach. Knopf drücken und los. Live zeichnet alles auf. Das An- und Ausschalten von Samples, das Umschalten zwischen Scenes und selbstverständlich auch jede Fader-Bewegung merkt sich Live. Außen vor bleibt hier lediglich das Einfügen von Samples aus dem Browser und die Aktivierung / Deaktivierung von Effekten. Die Effekt-Automation erfolgt direkt im PlugIn-Fenster und nicht etwa über eine umständliche Bus-Automation wie bei Logic Audio. Hier kommt jetzt die zweite Ebene von Live ins Spiel, das Arrangement. Ist die Aufnahmefunktion einmal aktiviert, wird das fröhliche Jammen auf der Timeline “mitgeschnitten”, sodass hinterher munter editiert, gekürzt oder verändert werden kann. Auch im Arrangement steht eine Loopfunktion zur Verfügung. Gefällt ein Abschnitt der Aufnahme besonders gut, kann man ihn in die Session zurückschmeißen und dort weiter editieren, Compare-Funktion zwischen der ursprünglichen Version und dem erneuten Edit inklusive.

Der Rest der Welt

Das klingt alles wunderbar, doch spricht Live auch mit dem Rest meines SetUps? Und welche Treiber funktionieren überhaupt? Unter MacOS kann Live mit dem Soundmanager betrieben werden oder aber mit ASIO-Treibern, das heißt: auch Soundkarten mit mehreren Outputs werden unterstützt. So ist Live auf einem Powerbook mit einer Emagic emi 2|6 zum Beispiel ein perfektes Team. Sogar das Vorhören von Samples über einen separaten Kopfhörerausgang ist möglich. Unter Windows wird zusätzlich noch MME und DirectX unterstützt. Im ReWire-Betrieb können derzeit nur Befehle empfangen werden. Hier ist auf ein baldiges Update zu hoffen. Ansonsten lässt sich Live problemlos per Midiclock synchronisieren, Faderboxen sind auch kein Problem (ohne OMS läuft wie immer gar nichts auf dem MAC) und sämtliche Befehle lassen sich auf Hotkeys oder Tasten anderer Einheiten legen.

Darf ich auch?

Gerne. Vorausgesetzt, dein Rechner ist schnell genug. Aber auch hier ist Live nicht wirklich gierig, sprich, ein einigermaßen neuer Rechner sollte keine Probleme mit dem Programm haben. Auf meinem Powerbook G4 / 400 Mhz konnte ich auf jeden Fall reichlich Samples und vor allem PlugIns übereinander schichten. Die Audioengine läuft extrem stabil und Katastrophen sind nicht zu erwarten.

Dann fang ich jetzt an

Bemängeln kann man immer Dinge, deshalb muss man es noch mal ganz laut brüllen: Die Version 1.0 ist bereits so überzeugend, dass sich die Programmierer voll und ganz auf Detailverbesserungen, neue PlugIns und sinnvolle, neue Features konzentrieren können. An Anregungen sollte es da nicht mangeln. Die Unterstützung weiterer File-Formate steht hoffentlich oben auf der Liste, die Möglichkeit, Live auch als Master in einem größeren SetUp zu verwenden…klar sind das Dinge, die früher oder später kommen müssen. So wie sich Live jetzt aber bereits präsentiert, lässt sich großartig arbeiten. Die Oberfläche ist angenehm aufgeräumt und übersichtlich, erspart einem die ach so trendigen Peinlichkeiten und dürfte im Livebetrieb demnächst hinter verdammt vielen Äpfeln und Laptops ackern. Killer. Und der Preis von ? 349 geht mehr als in Ordnung.

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Elektronische Lebensaspekte.