Der halbmodulare Synthesizer "Absynth" war zweifellos eines der interessantesten neuen Softsyntheseprogramme des letzten Jahres. Allein, es fehlte bisher die Integration der gängigen Audioformate. Inzwischen ist aus dem im Alleingang vom Amerikaner Brian Clevinger programmierten Synthesejuwel ein professionelles Tool geworden, um das sich die Leute von Native Instruments gekümmert haben.
Text: benjamin weiss | nerk@de-bug.de aus De:Bug 51

musiktechnologie

Absynth 2.0
Halbmodulares VST-Monster

Ausführliche Infos zur Funktionsweise und Klangerzeugung vom halbmodularen Synthesizer Absynth gibt es in der September De:Bug des letzten Jahres, hier werde ich mich auf die Beschreibung der Neuheiten beschränken müssen. Als kleinen Appetizer hier ein paar Eckdaten: sechs Oszillatoren, vier Filter, drei Ringmodulatoren, Waveshaper und Delay-Prozessor pro Stimme, frei modellierbare Wellenformen für die Oszillatoren, LFOs und das Waveshaping, Hüllkurven mit bis zu 68 Einzelpunkten, all das übersichtlich editierbar in einer grafischen Benutzeroberfläche.

Neue Audio- und Midiformate
Neben der grafischen Feinabstimmung und kleineren Verbesserungen unterscheidet sich die neue Version vor allem darin, dass sie die gängigsten Audio- und Midiprotokolle unterstützt. Audioseitig sind das ASIO, MAS, DirectConnect und VST, Midi gibt es jetzt über FreeMidi und OMS. Die Integration in VST funktioniert über die Absynth Engine (ein eigenes kleines Programm), die automatisch beim Aufruf als VST Instrument gestartet wird. Das Handbuch begründet das damit, dass so auch die vollständige Editierung der Sounds in der VST-Umgebung erhalten bleibt. Allerdings kommt angesichts der neuen Reaktor 3.0 Version (ausführlicher Test im nächsten Heft), die auch automatisch Reaktor startet, wenn das Plug-In aufgerufen wird, der Verdacht auf, dass Native Instruments das VST-Monopol ein wenig aushöhlen möchten. In der Version 1.0 gibt es noch einige Unstimmigkeiten, was diese Integration angeht, so dass zum Beispiel Cubase VST gelegentlich einfriert, sobald neben Absynth auch noch Reaktor 2.3 Plug-Ins geladen werden. Da das allerdings zugegebenermaßen sehr selten passiert, dürfte es in Bälde mit einem kleinen Update Patch behoben werden. Auch Presets können nicht wie gewohnt über den VST Dialog geladen werden, sondern müssen über die Absynth Engine integriert werden, wobei für alle Instanzen immer nur eine Soundbank genutzt werden kann. Insgesamt können bis zu acht Instanzen von Absynth unter VST aufgerufen werden, auf meinem 733er G4 wurden dabei 50 % der Prozessorleistung benötigt, nur um alle Instanzen aufzurufen. Sie gleichzeitig zu spielen, war leider auch bei nur einer Stimme pro Instanz nicht möglich, da es sofort einen CPU Overload gab. Auch dieser Effekt mag an der Um-die-Ecke Integration über die Absynth Engine liegen, nervt aber doch gewaltig.

Performance, Bedienung und Sound
Der Sound ist wie schon bei der ersten Version unerreicht variabel und druckvoll, was auch durch die ausladende mitgelieferte Soundbank (unter anderem Sounds von Cylob, Richard Devine und natürlich Brian Clevinger) schön illustriert wird, die Performance im Stand Alone Betrieb ist sehr gut (64 Stimmen bei ca. 5% Prozessorauslastung auf dem G4 733er), als VST Plug In allerdings stark verbesserungswürdig (vernünftig arbeiten lässt sich bisher nur mit einer Instanz, die dann aber erstaunlicherweise nur wenig Prozessorpower braucht, selbst wenn die Polyphonie auf 64 Stimmen eingestellt ist (ca. 10% beim G4 733er). Die Bedienung ist mit ihrer grafischen Oberfläche trotz der Komplexität übersichtlich und für Leute mit ein bisschen Synthesizererfahrung auch fast selbsterklärend.
Insgesamt bleibt aufgrund der umständlichen und ineffektiven VST-Integration aber ein gespaltener Eindruck zurück, hoffentlich wird diese per Update bald verbessert!

VST-Integration:*
Gesamt: ****

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Elektronische Lebensaspekte.

Der helle Wahnsinn für die Macintosh Gemeinde wird gerade in Frankreich entwickelt. Selten war ein Softwaresynthesizer so allumfassend einsetzbar. Absynth rockt den PowerMac, im Moment sogar noch umsonst.
Text: Benjamin Weiss aus De:Bug 39

Absynth
Softwaresynthesizer für den Mac

Brian Clevinger ist ein Ein-Mann-Unternehmen im französischen Montreuil und hat mal so eben einen der interessantesten Softwaresynthesizer für den Mac programmiert, den Absynth. Bisher ist Absynth eine Betaversion, die sich kostenlos herunterladen lässt. Die erste offizielle Releaseversion soll es Mitte September geben. Und jetzt stellt sich die Frage nach der Plattform und Unterstützung von Audioprotokollen, die Clevinger bisher sehr einfach gelöst hat: momentan ist Absynth nur als Stand Alone zu haben, ob und welche Hostsysteme eingebunden werden, ist noch nicht klar, angedacht sind zum Beispiel ReWire, MAS und ASIO, aber wann, wie und ob sie integriert werden, macht er von der Reaktion der User abhängig. Auch die Midiunterstützung beschränkt sich derzeit auf OMS, FreeMidi soll aber folgen. Auf jeden Fall hat Absynth mit dem gleichklingenden Getränk eines gemeinsam: es verschafft einem extreme Sinneseindrücke.

Oberfläche und Aufbau
Ähnlich wie bei Retro AS-1 ist auch Absynth in eine Fensterstruktur unterteilt: Preset, Keyboard, Record, Patch, Waveform Editor, Effect Edit, Envelope Generator, LFO Edit und Controllers.
Preset ist das Fenster für die grobe Übersicht: neben Lautstärkeanzeigen und einer Anzeige für Prozessorauslastung gibt es noch eine Midi LED, die den einfließenden Datenstrom darstellt, sowie weitere Midieinstellungen (Midi Kanal, OMS Setup). Darüberhinaus können hier Presets ausgewählt und gespeichert , die Polyphonie definiert, sowie Lautstärke und Panning eingestellt werden und der Sound per Reset Knopf wieder auf den gespeicherten Urzustand zurückgesetzt werden. Schließlich gibt es noch Transpose und Tuning / Microtuning für die Stimmung des Sounds.
Das Keyboard Fenster bietet neben einer Tastatur und der Möglichkeit, die Oktavenhöhe zu ändern, eben so viele Schieberegler wie für den Klang definiert wurden, wobei auch die jeweilige Controllernummer für den Parameter angegeben wird. Dazu kommen eine Sustain und eine Hold Funktion, sowie die Option, den Pitchbend wie bei einem echten Keyboard auf den Mittelwert zurückspringen zu lassen.
Zum Record Fenster kann ich (ist in der getesteten Beta Version nicht aktiviert) nur soviel sagen, dass es ein kleines übersichtliches Aufnahmefenster ist ohne spektakuläre Features aber mit allem, was man zum Aufnehmen braucht, inklusive der Anzeige der auf der ausgewählten Festplatte noch verbleibenden Restaufnahmezeit.
Bisher alles bekannt, aber jetzt geht es mit dem Patchfenster an die Klangerzeugung selbst, zumindest an ihre Struktur. Hier können die verschiedenen Module (Oszillatoren, LFOs, Effekte, Filter) miteinander verbunden werden. Insgesamt gibt es zwölf Module: drei Oszillatoren, vier Filter, drei Modulatoren, eine Waveshape und ein Effekt.
Sie werden in drei “Kanälen” gegliedert, die in der Reihenfolge Oszillator, Filter, Modulator angeordnet und einzeln in der Laustärke einstellbar sind. Schließlich gibt es noch den Master Kanal mit den Modulen Waveshape, Filter und Effekt.
Jetzt zu den Modulen, angefangen bei den Oszillatoren. Absynth bietet einen Multimode Wavetable Oszillator mit drei Oszillatoren, wobei einer der Klangerzeugung dient, die anderen beiden zur Modulation zur Verfügung stehen. Single (nur der klangerzeugende Oszillator ist aktiv), Double (der klangerzeugende und der modulierende sind aktiv, moduliert werden kann mit Balance, Wave, Frequenz und Offset), FM und Ringmodulation stehen pro Oszillator als Modus bereit.
Im Wave Pop-Up wird die Wellenform definiert. Neben den Preset Wellenformen können auch eigene erstellt werden, die bislang allerdings nur in ihren jeweiligen Presets benutzt werden können. Durch ein Library Konzept soll diese Limitierung in der ersten Release Version oder einem ersten Update allerdings bereinigt werden. Der Frequenz Modus in der Verbindung mit der jeweiligen eingestellten Frequenz ermöglicht es, auf vier verschiedene Arten auf eingehende Noten zu reagieren: trans (transponieren in 1000stel Halbtonschritten), ratio (transponieren nach der Frequenz Ratio) Hz ( feste Tonhöhe in Hertz) und note# (feste Tonhöhe nach dem jeweiligen Midi Note Befehl). Weiterhin können hier die Phasenlage des Hauptoszillators per Phase Invert umgekehrt und ein Phasen Offset festgelegt werden.
Im Filtermodul kann die Filtercharakteristik definiert werden, wobei drei Tiefpaßfilter (-6dB, -12dB, -24dB), zwei Hochpaßfilter (-6dB und -12dB) sowie ein Bandpaßfilter und ein Kammfilter zur Auswahl bereit stehen. Weitere Parameter sind die Frequenz, die Resonanz und ein Gain.
Das Mod Modul kommt dann mit vergleichsweise spartanischen vier Parametern daher: als Modi zwei Ringmodulatoren, wovon einer mit Feedback ausgestattet ist, die gleiche Auswahl an Wellenformen und die gleichen Möglichkeiten zur Frequenzmodulation wie beim Oszillator Modul.
Das Waveshape Modul dient der Verzerrung des Eingangssignals anhand einer Wellenform. Zunächst kann der Waveshaper auf Poly (pro Stimme wird eine Wellenform zugeordnet) oder Mono (eine Wellenform für alle Stimmen) gestellt werden. Dann stehen als Parameter die Wellenform sowie Ein- und Ausgangspegel zur Verfügung. Dazu kommt noch ein Phase Offset. Das letzte Modul hat soviele Parameter, dass es im Patch Window gar keine hat. Zwecks Übersicht werden alle Effekte im Effect Edit Window erstellt und im Patch Window nach Namen referenziert.
Das Effect Edit Window hat die üblichen Regler für Dry und Wet, gleich daneben muss man sich für einen der drei Effektmodi entscheiden. Nummer eins ist der Multicomb Mode, mit dem bis zu sechs Delays mit Feedback und einem Tiefpaßfilter im Feedback kombiniert werden können. Die Delayzeit kann durch einen Midicontroller oder die LFOs getriggert werden. Nummer zwei ist der Waveguide Mode, mit dem sich neben Rotary-artigen Effekten auch Flanger, Phaser und Pitchshifter erstellen lassen. Die Länge der Waveguide und die Ausgangspositionen lassen sich über die LFOs und einen Midicontroller ansteuern. Nummer drei, der Multitap Modus, ist ein Delay mit drei Outputs, wovon der erste mit Feedback versehen und wie die beiden anderen durch die LFOs und Midicontroller steuerbar ist.
Und es geht weiter in die Tiefen der Klangformung in den Wave Editor. Hier können Wellenformen bearbeitet und manipuliert werden. Dazu gibt es zwei Modi: Waveform und Spectrum. Im Waveform Modus wird die Wellenform direkt in ihrem zeitlichen Ablauf geändert, wofür neben einem Linetool (damit kann man mit geraden Linien eine Wellenform malen) auch ein Curve Tool (für Kurven) und ein Stretch Tool (zum Zusammenquetschen und Auseinanderziehen einer Wellenform) bereitstehen. Soweit nichts besonderes, wenn auch schon sehr viele Möglichkeiten der Manipulation. Zusätzlich gibt es aber noch ein Transform Pop-Up, bei dem es verschiedene Arten der Wellenformbearbeitung gibt, momentan (auch hier soll sich noch etwas vor der Releaseversion ändern) unter anderem Fractalize, Invert Phase, Mix und Filter. Natürlich können Amplitudenwert und DC Offset noch über je einen handlichen kleinen Schieberegler direkt eingestellt werden. Im Spectrum Mode kann das Spektrum in der Darstellung der ersten 64 Harmonischen der Wellenform bearbeitet werden. In der oberen Hälfte werden die Amplituden der Harmonischen angezeigt, unten die Phase. Zwei Tools stehen zur Bearbeitung zur Verfügung, wobei eines für die Editierung der Werte einzelner Harmonischer und ihrer Phase gedacht ist, das andere für Verläufe. Im Transform Pop-Up gibt es hier nur Phaseninvertierung und Phaseshifting.
Grafisch editieren kann man auch die Hüllkurven. Die im aktuellen Sound benutzten erscheinen in einer Liste; per Klick können sie modelliert werden, wobei sich auch alle Hüllkurven auf Wunsch gleichzeitig darstellen lassen. Zur Änderung können die Breakpoints verschoben werden, deren Parameter in zwei numerischen Feldern angezeigt werden, außerdem können Hüllkurven kopiert und eingefügt werden. Vier verschiedene Modi stehen für Hüllkurven bereit: release, sustain, loop und retrigger. Schlussendlich gibts noch das LFO Window und das Controllers Window, auf die ich mangels Platz hier nur kurz eingehen kann. Im LFO Window können die drei LFOs, die auch einen Sample & Hold Modus bieten, von Absynth geroutet und eingestellt werden. Die LFOs können natürlich auch auf sämtliche Wellenformen zurückgreifen und auch alle zusammen nur einen Parameter modulieren. Das Controller Window dient, wie der Name schon dezent andeutet, einzig und allein der Zuordnung von Parametern und Midicontrollern.

Performance, Bedienung & Sound
Die Performance ist für eine derartige Funktionalität und Komplexität wirklich erstaunlich gut, so dass die äußerst optimistisch anmutenden Systemanforderungen erstmal völlig untertrieben erscheinen; tatsächlich lässt sich aber auch schon mit alten Power Macs und Absynth sehr viel machen. Die Bedienung ist natürlich wesentlich komplexer als bei irgendeinem Softwaresynthesizer im Plug-In Format, aber sehr logisch und zwingend strukturiert, ohne dabei einzuschränken. Das Beste am Absynth ist aber der Sound, der über eine unglaubliche Bandbreite immer sehr gut ausdefiniert und präsent ist. Wenn Absynth vorraussichtlich im September als Release Version erscheint, werden sich einige Konkurrenten intensive Gedanken machen müssen und mit Sicherheit einige Hostanbieter um die Integration ihrer Schnittstelle buhlen. Im Moment ist all das umsonst zu haben, denn die Beta Demo kann auf der Absynth Seite runtergeladen werden, die einzige Einschränkung ist die Deaktivierung des Aufnahmemodus.
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