Text: anton waldt aus De:Bug 88

Für ein besseres Morgen

Ist die Mikrozirkulation gehemmt, verliert die Haut ihr jugendliches und frisches Aussehen. Wort!, bestätigen die Däumlinge vor dem elektrischen Lagerfeuer die Werbeweisheit: Wer sich von November bis März auf den Zimmerservice verlässt, der läuft Gefahr wund zu liegen. Schwärende, eitrige Flächenentzündungen dürften schon für Produktivitätsausfälle in Milliardenhöhe verantwortlich sein und verübeln kann man das dem schwachen Fleisch leider auch nicht richtig, denn die freudige Freude, die unlängst an dieser Stelle für den Herbst als wundervolle und verehrungswürdige
Jahreszeit eingefordert wurde, stellt sich immer mühsamer ein, und da darf es auch nicht verwundern, dass das “Dope*Megasofa” und das Relaxkissen “Lounge” sich einer starken Nachfrage erfreuen. Anders gelagert fühlt sich ein großer Batzen unserer Zeitgenossen eben vier weiteren Jahren nicht gewachsen. Vier weiteren Jahren unerfreulichem Antiamerikanismus zum Beispiel. Oder vier weiteren Jahren mit religiösen Fundamentalisten als Bombenlegern und religiösen Fundamentalisten als Antiterror-Priestern. Religiöse Fundamentalisten sind ein Schmerz im Arsch. Oder aber vier weiteren Jahren mit einem klinisch-klassischen Bully als Oberbefehlshaber der schlagkräftigsten Armee der Welt, weil Bullys immer Dresche austeilen müssen und sich dafür garantiert die falschen Opfer aussuchen und so ganze Generationen psychisch verheeren. Leider werden auch in den nächsten vier Jahren die Jesus-Skins wieder zu betrunken sein, um den Anglikalen ordentlich auf die Omme zu geben. Und dann vier weitere Jahre mit der bohrenden Frage “Warum wählen die an ihren wirtschaftlichen Interessen vorbei?”, die insbesondere für heimische Grünen-Wähler peinlich wird, denn die machen es objektiv genauso. Zuletzt vier weitere Jahre mit Nazis im Landtag, die ob ihrer baren Existenz den Rest der ohnehin schon traurigen Belegschaft zum “demokratischen Block” machen. Das Schnapsfässchen für Notfälle zum Überlaufen bringen dann Banalitäten aus den Kategorien, die eigentlich der Wiederherstellung des seelischen Gleichgewichts dienen sollten, wie den CDs mit Vinyl-Oberfläche, die statt einer Träne für John Peel geboten werden: “Darauf haben anspruchsvolle Musikliebhaber gewartet: CDs im Look der guten, alten Schallplatte – mit fühlbarer Rillenstruktur!” Fast getoppt von der Hologramm-Mode auf der Unterseite von HipHop-Cap-Schirmen. Selbstredend gilt Verzagen trotzdem nicht und daher
ist die Debug in einen neu errichteten Büropalast verzogen, um ein optimistisches Beispiel zu geben. Aus den Panoramafenstern knapp unter den Wolken erfreuen wir uns der klassischen Aufstiegsmetaphern und lauern auf den guten Stoff: Tracks, die dafür sorgen, dass wir froh sind am Leben zu sein, Stomper mit der erlösenden Kraft des Lärms, Pitchs von unerklärlicher Heiterkeit und Hymnen für die sporadischen Anflüge von Unbesiegbarkeit und Albernheit. Für ein besseres Morgen: Bierfrühstück
nicht vernachlässigen, Wundsalbe horten und vier weitere Jahre Pillen gut schütteln.

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Text: anton waldt | waldt@debug-digital.de aus De:Bug 51

A BETTER TOMORROW

Das ist so was wie eine letzte Warnung. Allerdings eben nur “so was” wie eine letzte Warnung. Eine echte letzte Warnung wird wiederum in der Regel nie gegeben, bevor scharf geschossen wird, und das ist dann vielleicht doch zu hart. Aber natürlich auch eigentlich gemeint. Die Anti-Anti-Anti-Fa würde also marschieren, vom Viva-Hauptquartier aus direkt auf den Feind, wenn nicht vorher noch einer durchgezogen werden müsste. Unterdessen besetzen die großen Acht die rote und die gelbe Zone. Die Schwarzen sind klein. Aber sie sind viele und können einen Block bilden, dann sind sie groß. Natürlich nur so lange die Blauen nicht eingreifen, denn die sind auch klein und viele, allerdings nicht so klein wie die Schwarzen. Die großen Acht haben trotzdem Angst vor den Schwarzen und deshalb geben sie den Blauen Waffen und eine “Hooligan-Datei”. Die schränkt die menschliche Reisefreiheit ein, was aber angesichts der doofen und betrunkenen Fußballfans erst mal niemand gestört hat, nicht mal die Grünen, die irgendwie zu den großen Acht gehören, aber mit den Schwarzen sympathisieren, was eine echt verzwickte Situation ist.

DIE DISKOWICHSER LACHEN SICH TOT
Am gleichen Wochenende wie die Großen, die Schwarzen und die Blauen – aber an einem anderen Ort, trafen sich die Kunden eines globalisierten Unternehmens in Berlin, um rauschartig zu bezahlen. Dort wurde nicht nur Geld und Meinung abgerechnet, sondern auch das unseelige modische 80er-Revival sozial besiegelt. Wie damals sind fortan nicht mehr die Hedonisten cool und authentisch, sondern die, die es ernst meinen und dafür auch austeilen und einstecken. Als Teil einer großen Firmenkultur ist man natürlich keinerlei Reisebeschränkung unterworfen, auch wenn man eigentlich permanent illegales in den Taschen und im Blut mit sich führt. Der Preis für diese Vergünstigungen ist die mediale Komplettabbildung des eigenen Treibens in Echtzeit ohne jede Bedeutungsschwankung oder Unsicherheit. Was gesendet wird, das passiert auch genau so und niemand der gesendet wird, empfindet dies als Verfälschung seines Erlebens. Genau darin unterscheiden sich die Liebenden von den Schwarzen, denn auch deren Treiben wird live verbreitet, allerdings haben dabei weder die Medien noch die Großen die Deutungshoheit über das subjektive Erlebnis.

WELCHEN KRIEG HABEN WIR VERPASST?
Der BND warnt unterdessen vor Beuteln mit Aids-infizierten Blut, das die Schwarzen auf die Blauen werfen wollen und vor ferngesteuerten Modellbau-Flugzeugen, aus denen die Großen mit chemischen und biologischen Giftstoffen bombardiert werden sollen. Die Weltbank hat deshalb schnell reagiert und den Großen gezeigt, wie sie sich sicher Hallo sagen könnten. Allerdings muss man sich dafür im Netz treffen und Einsen und Nullen sind nicht repräsentativ. Außerdem sind die Hacker mit den Schwarzen befreundet. Der Treffpunkt der Weltbänker war Mitte Juni 213.11.93.71 bis 213.11.93.81 auf einem MS Internet Information Server 5.0 der französischen Jupiter Communications und stand unter bösem Bit-Bombardement. Online dürften sich zukünftig die Großen und die Schwarzen also mittels Software-Agenten befehden, während offline der Einsatz von Battle-Bots diskutiert wird. Das sähe nicht nur gut aus und wäre extrem modern, sondern würde auch den Schaden an der Biomasse in überschaubaren Grenzen halten.

FLÜSSIG BLEIBEN
Für die UFO-Sekte der Raelianer ist der Wert der Menschen der Preis für eine gelungene Klonung. Der erste Wiedergeborene dürfte demnach mehrere hundert Millionen Dollar kosten, die die Jünger auch schon aufgetrieben haben wollen. Der normale Schreibtisch-Surfer, der in seiner Freizeit sowohl zu den Liebenden als auch zu Schwarzen gehören könnte, hat dagegen die Möglichkeit, unter humanforsale.com seinen Marktwert zu berechnen. Neben Haarfarbe, Größe, dem monatlichen Einkommen und dem Ausbildungsgrad muss dafür aber auch die Penislänge ohne Schummeln exakt angegeben werden. Derzeit beträgt der Durchschnittswert der bislang ermittelten Menschenpreise übrigens 1,7 Millionen USD. Leider verrät die Seite nicht, wer die Kohle rausrückt und was man dafür hergeben müsste. Der Ansatz ist allerdings vielversprechend, denn in dem Kuddelmuddel der Schwarzen, Großen, Liebenden und Bits geht es im Kern um die Frage, wie mobil Geld und Menschen sein dürfen. Für ein Besseres Morgen: Ohne Kameras Raven, mit Kameras einschmeißen, Geld nur bar verwenden und Bits über die Grenze treten.

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