Allgemein wird das Handy dazu benutzt, um jemanden zu erreichen, der "abwesend" ist. Doch genau aus der Spur unserer Abwesenheit ließe sich eine unsterbliche Gewinnrate erfinden - beispielsweise mit EGO™ und WASHERE™. Sascha Kösch wurschtelt das Verhältnis von Anwesenheit und Abwesenheit mal auseinander.
Text: sascha kösch | bleed@de-bug.de aus De:Bug 52

Mobil

Ist das tragbar?
EGO™ WASHERE™

Im Allgemeinen denken wir “Anwesenheit” ausgehend von dem philosophisch höchst mauscheligen Duo von Präsenz und Performanz. Präsenz übernimmt dabei den Part des In-sich, Bei-sich, An-sich, Für-sich-(und überhaupt)-Seins in der grundlegenden Onto-These eines “Ich bin, weil ich da bin”. Die Performanz regelt dagegen so wichtige Fragen wie: Wen lässt der Türsteher rein? Was werfe ich wem an den Kopf? Und wie geht das überhaupt: das “Du”? Klar, dass in einer mobilen Welt der Kommunikation solche Dualitäten auf wackeligen Beinen stehen. Das Onto-Mantra wird nur zu häufig zu einem “Ich bin da, weil ich weiß, wo das sein könnte” (Google-Ontologie), oder zur viel gerühmten Ökonomie der Aufmerksamkeit und seiner kurzen aber prägnanten Formel: “Wenn ich nicht hier bin, hätte ich gern ‘ne Mark”. Die Kommunikationsgrundlage der Ökonomie und Politik durch Performanz hingegen verlottert zusehends zu einem “Lass uns mal machen” und endet gerne in einer stundenlangen Parkplatzsuche. Dunkle Zeiten.

Aber warum eigentlich?
Statt die Frage nach der Anwesenheit zu stellen, hätten wir im mobilen Zeitalter vielleicht logischer mit der Abwesenheit beginnen sollen. Die ist zum einen nämlich zweifellos häufiger anzutreffen, zum anderen aber und vor allem liefert sie statt lahmen Antworten wirklich aufdeckende Fragen. Und damit meinen wir jetzt nicht: Was passiert eigentlich im Funkloch? Oder: Was hat meine Mailbox, was ich nicht habe? Sondern den wirklich spannenden Abgrund, der das mobile Wesen von heute strukturiert. Den nämlich, dass man, wenn man unterwegs ist, weder für, noch an, noch in oder bei sich ist, schon gar nicht mit anderen, sondern zunächst einmal abwesend. Und das im doppelten Sinn eines präsenten (1) Nicht-zu-Hause-Seins, wo alle Fäden der Kommunikation zusammenlaufen (TV, Computer, DSL, Plattensammlung, Buchregal, Bett) und eines performativen (2) Wenn-da-dann-woanders-nicht Seins (mit leerem Blick und hektischem Schritt mit dem Headset reden, wegen SMS Eingabe den Bus verpassen, aus Drogenvorliebe als Baumschmuck enden). Aus Sicht einer Abwesenheits-Ökonomie alles Pluspunkte.
“Doch wie macht man aus diesen Pluspunkten eine funktionierende, auf Jahre hinweg zweistellige Zuwachsraten verprechende Produktwelt?” Das ist die Frage, die wir hier eigentlich kurz beantworten wollen. Wie machen wir, um es noch mal prägnant zu formulieren, Abwesenheit zu der überall gesuchten Killerapplikation?
Die Antwort darauf ist so einfach wie offensichtlich, und eh nahezu unausweichlich. Nehmen wir ein Beispiel: Handy-Ideologen glauben daran, dass die Anwesenheit eines Handy-Person-Orts-Komplexes viel versprechend sei. Und konstruieren so eine Rechnung, in der bestenfalls 80 Millionen Anwesenheiten solcher Komplexe ansprechbar wären. Hinterließen wir aber, ähnlich wie Hunde, mit unserem Handy Spuren unserer Abwesenheit, so mulitpliziert sich allein im Verlauf eines üblichen Tages diese Zahl um ein Unzählbares. Und wäre diese Spur nun auslesbar, so ließe sich mit Leichtigkeit daraus eine schwindel-erregende Prognose unsterblicher Gewinnraten bauen.

…WASHERE ™
Aber wie? Und nun kommen wir zu Produkt Nummer Eins. …WASHERE™ funktioniert nach der Art eines unfreiwilligen Graffitis. Wo immer man sich mit einem …WASHERE™ Handy befand, hinterlässt man im Funknetz seine Signatur. Die wiederum kann von anderen (teuer!) aufgespürt werden, sei es, weil man berühmt ist (oh, hier in diesem Restaurant muss Robbie Williams auch schon gegessen haben). Oder weil man befreundet ist. Oder einfach nicht den gleichen Fehler machen möchte, wie…
In einer zweiten Ausbaustufe ließen sich dann …WASHERE™ zu …WASHERE™ Quality erweitern, der den Spuren eine persönlichere Note hinzufügt. Ui, Robbie hat hier geschwitzt (toll! oder ihh! wäre als Spurduplikat da angebracht, was wiederum zu weiteren Duftnoten führen könnte). Oder: Warum hatten eigentlich 78% aller Gäste in diesem Taxi Angst? Natürlich ist es auch praktisch, um Notizen aller Art an jedem der beliebigen Gegenstände dieser Welt zu hinterlassen. Durch Abwesenheit wird aus der lahmen Welt des Flanierens ein unerschöpflicher Pool der Information. Vermutlich aber wäre es lukrativer, dafür ein zweites Produkt zu erfinden. Doch kommen wir nun zu unserem nächsten Killerapp der Abwesenheitsmobilitätsökonomie.

EGO™
EGO™ ist ein praktisches kleines Ding mit Fahrberechtigung und freiem Eintritt überall, das Stimmen sammelt. Stimmen über dich. Wolltest du schon immer mal wissen, was im Club über dich so geredet wird, wie der Abstieg oder Aufstieg deines sozialen Profils in deiner Abwesenheit so geregelt wird, dann schick einfach EGO™ an deiner statt ausgehen und lass es aufschnappen, was man so über dich redet. Gefüttert mit Reizworten (Eigenname, anerkannte Eigenschaften deiner selbst, Unikate des Erlebens) durchforstet EGO™ für dich das allnächtliche Geblabber und schickt regelmäßig Kurven deiner Abwesenheits-Präsenz heim, notfalls mit der Aufforderung, schleunigst doch noch in Persona zu erscheinen. EGO™s lassen sich aufgrund ihrer insektoiden Form praktisch auf jeder Party fallenlassen. Sie sind klein genug, um an jedem Türsteher vorbei zu kommen, und essen überdies nur Krümel. Bei nachweisbarem Komplettausfall durch Zerquetschung im Einsatz bekommt man für nur 75% Ersatz, denn schließlich ist OUTOFTHEWAY™, unsere komplette Software für Kollisionsvermeidung, im Packet mit drin. Seit auch im November wieder dabei, wenn wir weiteres aus unserer Produktlinie der Abwesenheitsmobilitätsökonomie. Dann mit FL/IP™ der mobilen Internetlösung und Kampftruppe für schwindelige Höhen, und BUBBLES™ unserem delphinfreundlichen Unterwasser TETRA-Byte™ Speicher.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.