Volksmusikant
Text: Philipp Laier aus De:Bug 164

Martin Gretschmann ist ein Mann mit 1.000 Gesichtern. Als Console, bei Notwist, in den Hörspielstudios dieser Welt und eben auch als Acid Pauli. Der Dancefloor, er steht Herrn Gretschmann vorbildlich. Jetzt definiert er uns auf Albumlänge die Volksmusik neu.

Das Eröffnungsstück von “MST” versinnbildlicht in gewisser Weise sowohl Entstehungsgeschichte als auch Funktionsweise des Debütalbums von Acid Pauli. “Open” rollt die Tonleiter auf und ab und an dem abstrakten Gewirr aus Saitenzupfern (oder sind es am Ende doch Tastenschläge?) bleibt alles mögliche kleben: ein undefinierbares Schnalzen und Klicken, das Rascheln von Papierbögen, Schritte im Treppenhaus und hier und da eine scheinbar achtlos in den Song gestreute Bassdrum. An diesem schier unüberschaubaren Geäst aus Tönen und Geräuschen zeigt sich die kindliche Lust am Experiment – jenes ziellose Herumschrauben, Machen und Tun, das sich selbst genug ist. Im Kosmos des Ex-Weilheimers und Neu-Berliners Martin Gretschmann nimmt die Neugier eine zentrale Position ein: “Ich liebe es einfach Sachen zum ersten Mal zu machen. Das erste Album von irgendwas ist einfach grandios – es ist meistens auch das beste. Das geht sogar soweit, dass ich mir jetzt schon überlege, dass ‘MST’ auch gleichzeitig das letzte Album von Acid Pauli ist. Dieses komplett Unbefangene gefällt mir. Genauso würde ich gerne mal ein Buch schreiben – einfach nur um es zum ersten und einzigen Mal zu machen.” Ausprobieren. Abhaken. Weitermachen. Und zwar nicht, weil die Aufmerksamkeitspanne soweit verkürzt ist, dass man sich auf nichts mehr konzentrieren kann, sondern einfach um sich selbst immer und immer wieder mit Anlauf ins Ungewisse zu schmeißen und herauszufordern.


Mein Hut hat viele Ecken

Eklektizismus wollten sich schon viele auf die Fahnen schreiben und die Angst des Künstlers vor der Schublade ist nun mal hundertfach größer als die des Torwarts vor dem Elfmeter, aber für Gretschmann folgt die Unbeständigkeit seines musikalischen Outputs aus einer ganz anderen Tatsache. Achselzuckend verrät er mit leichtem Dialekt: “Irgendwann hat mir mal jemand gesagt: ‘Is(ch)t doch klar! Du kommst aus den Bergen. Da geht es immer rauf und runter. Deshalb ist dein Sound auch wechselhaft und nicht stringent, wie von jemandem, der aus Detroit kommt, wo es immer geradeaus dahingeht.” Die Musik als Produkt ihrer Umgebung – alter Hut! Aber irgendwie steht der “MST” ganz besonders gut. Die neun Stücke humpeln mal im HipHop-Tempo, schunkeln dann wieder im Walzer-Rhythmus, sind im einen Moment nur noch Sound-Collage mit Ambient-Einsprengseln und dann doch wieder klassischer House. Hoch und runter wie mit der Bimmelbahn durch die oberbayerische Heimat um Weilheim.

Hotzenplotz & hippiemäßig
Das Leben im Postkartenidyll aus Bergen und Tälern hat deutliche Spuren hinterlassen. Und die helfen nun dabei, die Club-Landschaft neu zu vermessen. Der strenge 1:128- BPM-Maßstab wird immer wieder gestreckt und gestaucht. Am Ende sieht alles aus wie auf einer Schatzkarte bei Räuber Hotzenplotz. Und der ist wiederum ziemlich nah dran an der Bar-25-Kater-Holzig-Parallelwelt, deren (Mit-) Macher gegenüber Gretschmann irgendwann treffend formulierte: “Wenn du spielst, dann schauen sich die Leute wieder gegenseitig an und nicht auf den Boden.” Ein gemeinsames Erlebnis zählt eben mehr als jede konzeptionelle Strenge – klingt vielleicht hippiemäßig und genau deshalb bringt es Acid Paulis Werk ziemlich exakt auf den Punkt. Denn irgendwann sagt Gretschmann selbst einen dieser wunderbar offenherzigen Sätze, dem der unglaubliche Spagat zwischen kauziger Verstiegenheit und Naivität gelingt: “Ich finde die Art und Weise wie sich Oskar Maria Graf gesehen hat, als Volksdichter, total schön. So sehe ich mich auch ein bisschen, nur eben im musikalischen Sinn: als Volksmusikant. Ich mache Musik fürs Volk und nicht für eine akademische Minderheit, die alles analysieren und interpretieren muss.Elitäre Musik – das ist genau das, wo ich mich eben nicht sehe und wo ich auch gar nicht hinwill, weil ich Volksmusik mache. Ich mache Musik für jeden.” Mit beiden Beinen fest auf dem Bildungsboden und dem Kopf hoch droben in den Wolken stiefelt Acid Pauli über einen Sound-Acker in dem Kraut und Rüben kreuz und quer durcheinander fliegen. Am Ende verschwindet “MST” genau dorthin, woher es auch gekommen ist: in einem diffusen asynchronen Sound-Wirrwarr. Was bleibt, ist die Erinnerung an rund vierzig Minuten, die mal rasend schnell vergehen, dann wieder ganz langsam vor sich hin tröpfeln und beim nächsten Hören doch komplett anders klingen – wie beim allerersten Mal.

Acid Pauli, MST,

ist auf Clown & Sunset erschienen.

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Elektronische Lebensaspekte.

4 Responses

  1. xx

    Dieser vollkommen unkritische Bezug auf Volk und Volksmusik in Kombination mit diesem Anti-Intellektualismus ist ekelhaft!