Das Kölner Label Areal gehört zu den Hitschmieden, die ohne Kompromiss poppig sein können, ohne das Raven zu lassen. Die Produzentin Ada flickt aus dieser Kombination die unausweichlichsten Schmusemonster.
Text: Pat Kalt aus De:Bug 80

ADA

Michaela Dippel hat ein Faible für rosa Ponys, Zombies und Vampire. Unter dem Künstlernamen “Ada” ist sie innerhalb weniger Monate vom No-Name zum ernst zu nehmenden Neuzugang in der Kölner Produzenten-Gilde aufgestiegen. Angesiedelt irgendwo im Schnittstellenbereich zwischen Superpitcher und M.I.A., in dem sich die Winde des kompakten Kölner Minimalismus mit einem Duft introspektiver Poppigkeit und einem Hauch trancigem Retrofuturismus vermischen, tragen Adas Flügel ihren Sound mit einer berückenden Leichtigkeit des Seins zu einem Ziel in der Ferne, das Track und Song zusammenführt. Adas Lieder sind, will man dem Pressetext Glauben schenken, ein “langersehnter Adapter zwischen Elektropop und Rotzrock”.

Bei der musikalischen Sozialisation der Produzentin eigentlich kaum verwunderlich: “Ich denke, dass mich Popmusik in jeglicher Art und Weise am meisten beeinflusst. Früher dachte ich, ein Song kann nicht funktionieren, wenn er länger als drei Minuten ist. Wenn man in einer Band Musik macht und das erste Mal mit Plattenfirmen zu tun hat, bekommt man das noch zusätzlich eingedrillt. Uns (also meiner damaligen Band) wurde damals gesagt, das wir einen ’guten Sound’ hätten, uns aber mehr aufs Songwriting konzentrieren sollten, was schließlich damit endete, dass sich die Band auflöste. Mittlerweile glaube ich aber nicht mehr, dass ein Song drei Minuten lang sein muss, um zu funktionieren – dann hätte ich wohl auch ein Problem mit meinem Label.”

Probleme mit ihrem Label scheint die junge Wahlkölnerin allerdings keine zu haben. Die offene und gleichberechtigte Struktur der kreativen Schmiede des “fortschrittlichen tech-elektronischen Minimalismus” (so der Untertitel des Labels) um Gründer Metope aka Michael Schwanen, Basteroid aka Sebastian Riedl und Konfekt/Schorf aka Mathias Klein lassen Ada die erforderlichen musikalischen Freiräume, in denen diese Stücke entstehen können, die notorisch-skeptische Clubgänger ebenso verzaubern und in den Bann ziehen wie so manchen elektronischen Stubenhocker .

Tech-elektronisches Netzwerken

“Der Kontakt zu Areal war durch meine Freundschaft zu Michael schon da, bevor ich nach Köln gezogen bin. Ich denke, ohne diesen Kontakt wäre ich nicht auf die Idee gekommen, meine Songs jemandem vorzuspielen. Areal ist ein kleines, aber gut funktionierendes Label, in dessen familiärer Atmosphäre ich mich sehr wohl fühle. Entscheidungen bezüglich Releases, Plattencover etc. werden immer basisdemokratisch getroffen, was, denke ich, zum Erfolg des Labels beiträgt.”

Den Schritt vom kollektiven Bandmitglied zur autonomen Produzentin hat Ada dabei eigentlich der Vergesslichkeit eines Freundes zu verdanken:

“Zur elektronischen Musik bin ich vor allem durch Michael von Areal gekommen. Wir hatten damals ein kleines Projekt zusammen namens ’Lava Lounge’, bei dem ich gesungen habe. Das war 1998. Michael ist dann kurze Zeit später nach Köln gezogen, und wir haben uns erstmal aus den Augen verloren. Danach habe ich eine zeitlang in einer Gitarren-Pop-Band gesungen, die sich aber irgendwann auflöste. Drei Jahre später bin ich auch nach Köln gezogen mit einem kleinen Korg-Sampler im Gepäck, den ein Freund bei mir vergessen hatte. Nachdem ich mir eine Bedienungsanleitung dafür besorgt hatte und ein paar Wochen vergangen waren, hatte ich die ersten kleinen Loops fertig, aus denen nach und nach die erste Platte wurde.”

Diese kommt im Oktober 2002 mit den beiden Stücken “Blindhouse” und “Lucky Charm” auf den Markt. Und während man sich beim ersten Reinhören auf Seite eins noch wundert, warum man sich so gut fühlt, bei all dieser minimalen Deepness und dahintröpfelnden Zerbrechlichkeit, blitzen auf der anderen Seite zum ersten Male die messerscharfen Fangzähne auf, die Adas Revier auch in den überwiegend von männlichen Produzenten beherrschten Clubs zu Recht verteidigen.

Eine ähnliche Strategie verfolgt Ada auch mit der Veröffentlichung ihrer zweiten EP ein paar Monate später. Bei “Believer” säuselt und orgelt die Dame noch ein zuckersüß-verträumtes Melodienspiel vor sich hin, bei dem der Blick leicht in den Himmel schweift, und mit “Arribamoeba” knallt sie uns alle Romantikerwartungen mit Furzbässen, krachenden HiHats und verzerrten Vokalschnipseln eiskalt vor die Füße.

Musik-Empfindung

Weich und hart schließen sich bei Ada keinesfalls aus, sondern sind wie die zwei Seiten ein und derselben Platte. Dabei, so erzählt Ada, kann es auch schon mal passieren, dass aus einem harten Monstertrack ein veritables Schmusemonster wird:
“Ein Track entsteht bei mir eigentlich immer aus einem einzigen winzigen Sample, dass mich irgendwie dazu inspirieren muss, etwas um es rumzubauen. Wenn ich mir vornehme, etwas Neues zu machen, ohne dass so eine Grundidee da ist, funktioniert das eigentlich nie. Neulich habe ich mir vorgenommen, einen besonders harten Track zu machen, für unsere nächste EP ’Rabimmel Rabammel Rabum-bum-bum’, aus dem wurde dann aber doch ein Schmusesong.”

Die Janusköpfigkeit unterstreicht auch Adas jüngster Streich bereits schon im Titel: “Lovelace … and more”. Basierend auf einer kühlen minimalistischen Repetition erzeugt “Lovelace” mit der spät einsetzenden Orgelschleife einen hypnotischen Fluss emotionaler Befindlichkeit, der sich durch den dezidierten Kick des Beats stetig nach vorne schiebt. Erfüllung verheißt dann die Kehrseite mit diesem ungestillten Verlangen nach mehr – mehr von diesem Zauber in diesen nassgrauen Wintertagen. Der ideale Song und Grund, um morgens zu Hause zu bleiben und sich die Nase am kalten Fenster platt zu drücken. Willkommen Emotionen?

“Meine Musik empfinde ich als sehr emotionale Musik, vielleicht manchmal sogar zu emotional (lacht) und sehr melodiebetont. Da ich momentan weniger mit Gesang arbeite als früher, ist es oft so, dass ich Melodien anstatt sie zu singen mit der Orgel oder dem Synthesizer einspiele, was wohl auch der Grund dafür ist, dass meine Songs eben mehr nach Songs als nach Tracks klingen.”

Bei so viel Emotionalität liegt der Verdacht nah, dass der Name Ada irgend etwas mit Jane Campions “Piano” oder mit Vladimir Nabokovs “Ada oder das Verlangen” zu tun hat. Weit gefehlt:

“Ada ist für mich einfach ein Name, der mir gut gefällt. Eine kleine Geschichte dazu gibt es aber doch: Ich hatte mal ein Horror-Hörspiel, dessen Musik mich sehr für die A-Seite meiner ersten Platte, nämlich “Blindhouse” inspiriert hat. Bei diesem Hörspiel ging es um ein Blindenheim, in dem lauter blinde Zombies wohnten. Die Aufseherin des Blindhouse hieß Ada, und die sorgte dafür, dass die Zombies ständig mit neuem Futter versorgt wurden …”

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Elektronische Lebensaspekte.