Text: Sascha Kösch aus De:Bug 06

Adam F Sascha Kösch bleed@de-bug.de Es ist schon eine merkwürdige Welt. Wired News meldet am 29. Okt. 97, daß an KRS-One’s Vergleich von Drum and Bass mit dem Internet (so geschehen im Rap zu Goldies Digital) ja was dran sein muß und ergibt sich direkt danach in eine haarsträubende Klassifizierung von Jungle in: Step, Ragga, Jazzy, Armchair, Tech Step und Intelligent Jungle, die jeweils die Emulation von Musikstilen (Rap, Dancehall, Bebop, Indierock, Heavy Metal und New Age und in dieser Reihenfolge) sein sollen und damit die jeweilige Wahrheit über die synthetischen urbanen Umgebungen hervorrufen können. Mit einem Wort: müssen wir Angst bekommen? Hat nach dem Schreckenszenario von Drum and Bass als die Ablösung von HipHop nun ein noch größeres Szenario begonnen, in dem die Musik generell aller ach so virtuellen Realitäten nun Jungle heißen muß? Bewegen wir uns, überraschenderweise, auf ein Jahrhundert des Drum and Bass zu? Wird nach Bowie nun wirklich Eric Clapton Drum and Bass machen? Nachdem 30% aller Trailer und hip designten Werbungen nun schon zu sagen scheinen, daß Drum and Bass die einzig relevante Musik neben Mainstreamravemusik und nostalgischen Schinken ist, müssen wir uns da jetzt auf einen gemeinsamen Großangriff der Designer, Rockmusikleichen und aller sich sonstwie grundsätzlich an die Unaufdröselbarkeit von Bild und Musik klammernden “Visionäre” eines neuen Zeitalters gefaßt machen? Wird Goldie den Startupsound von Windows99 produzieren (lassen)? Kommen Pringles demnächst mit Jungle Tokens? Oder ist das, was einem manchmal das Gefühl einer medialen Supernova vermittelt, nur ein weiterer Nebeneffekt des Y2K Gerangels um die letzten, endgültigen Werte? Der Titel von Adam F’s neuer LP könnte all das belegen und widerlegen. Jeder halbwegs vernünftige Mensch denkt heutzutage bei “Colours” an die großen Zeiten von Rap, an Benneton und die neue aggressive Variante einer Politik des Designs. An Kampf für die Minderheiten wie Schwarze und Frauen, die nie Minderheiten waren und an den Kampf um den Schauplatz einer kompletten Ästhetisierung der Zivilisation. Alles bei ihm und bei Drum and Bass im allgemeinen, liegt in der Möglichkeit einer Neudefinition der Bereiche von Underground, Mikropolitik und einem Gegenüber aus einem nur noch schwer definierbaren Konglomerat von Neomonopolismus und Franchisingeuphorie. Auf der einen Seite, der der DJ’s, Producer usw., bedeutet Drum and Bass zur Zeit, jeden Tag aufs Spiel gesetztes, hartes Nagen an der Weiterentwicklung einer Hoffnung, eine tägliche Neudefinition der Geschichte als Projekt, ein Versuch, alles in einem Track oder in einem Set zusammenzufassen, was Drum and Bass sein und werden könnte. Eine Investition, die nicht wenigen das Rückrad bricht. Auf der anderen eine Massenproduktion von Aufklebern wie dem auf “Colours” (incl. Top 20 Hit “Circles” and award winning (!!) “Metropolis”), eine Flut von Compilations, ein ununterbrochener Strom von Versatzstücken von Drum and Bass in immer skurrileren Umgebungen. “You got to stay true to the underground.” sagt Adam F, wie eigentlich jeder der anderen Drum and Bass Gesignten auch und er glaubt, “daß Majorlabel es langsam verstanden haben, daß man auf den Underground nicht verzichten kann, daß er nach seinen eigenen Gesetzen funktioniert, die man respektieren muß.” Als Producer jedenfalls, auf der Seite der Wirtschaft, ist Respekt ein Marketingelement und das ist gut so, denn es beschehrt uns ein langes Ende von Vinyl. Adam F ist ein ungewöhnliches Gesicht inmitten der Szene. Mit Glitterrockvater aufgewachsen, früh als Keyboarder und Sänger schon ganz und gar in einer Musikerkarriere erwachsen geworden, kam für ihn der Erfolg von Drum and Bass und auch der von “Circles” als eine Überraschung. Zu Beginn war es eher ein Nebenprojekt. Dann wollte allerdings niemand mehr “Circles” aus seiner DJ Kiste auspacken. “Some tunes just stand the test of time und bestimmt wird sich “Circles” eines Tages neben Terminator auf einer “Die Geschichte von Drum and Bass” Compilation wiederfinden, aber warum das so ist, weiß ich nicht.” Vielleicht, weil er mit dieser unnachahmlichen Planlosigkeit und einer in dieser Verbindung sehr seltenen perfektionistischen Musikerhaltung an Tracks rangeht. Vielleicht, weil durch “Circles” und nicht zuletzt auch durch die Aussage, die allein schon der Name des Tracks hat, der Frieden zwischen Musikern und Nichtmusikern in Drum and Bass geschlossen werden konnte. Adam F’s LP ist nicht neu. Auch das ist ungewöhnlich. Sie ist gut, man sollte sie mögen, sie hat einige außergewöhnliche Stellen und geht mit Livemusikern in einer sehr guten Art um. Aber nichts ist auf dieser Platte, das man nicht schon von anderen LPs und 12″es kennen würde. Es erinnert ein wenig an Jacobs Optical Stairway, die Tracks, die von Adam F schon auf 12″ erschienen sind, aber wie auch die Photek LP neulich ist alles kein wirklicher Schritt nach vorne. Aber das interessiert ihn, so merkwürdig das klingen mag, auch nicht. Es ist Funk, Soul was ihn interessiert, nicht die stetige Innovation. Das überläßt er sehr bewußt den 12″es . Dem Underground, der er immer auch noch ist, aber eben nicht einer CD. Und normalerweise würde man genau das bei Drum and Bass niemandem verzeihen, weil Neuerung trotz allem zu einer Art Standart Maßlatte geworden ist, nach der man Drum and Bass beurteilt. Drum and Bass scheint immer neu sein zu müssen. Keine LP kann sich mehr auf etwas “herausreden”, was Persönlichkeit sein könnte oder auf einen Stil, der schon etwas länger zirkuliert, da es die 12″es sind, die immer wieder sagen, wohin welcher Act geht. Und umso überraschender ist es, wenn jemand wie Adam F, der im Grunde ja mit seinen zeitlosen Hits prädestiniert ist, etwas zu machen, daß sich auf Vergangenheit einläßt. Und umso überraschender ist es, festzustellen, daß auch das wieder Sinn machen kann. “Colours” spiegelt Adam F wieder. Das komplette Bild. Seine Tracks bisher, das etwas, das erst noch kommen wird, seine Liveambitionen, seinen Respekt für Leute wie Konrad, Doc Scott und Roni Size. Adam F ist niemand, der jedes Wochenende in die Clubs gehen muß und gerade darin liegt seine Stärke. Er spiegelt ein abstrakteres Bild von Drum and Bass wieder und seine Liveauftritte gliedern sich perfekt in eine langsamere, aber sehr tiefe Herangehensweise an Drum and Bass ein. Wir sehen es kommen, daß sich Drum and Bass schon bald in drei Lager aufspalten wird, die sich immer eng an der jeweiligen Definition der Acts von Technologie entwickeln werden. Auf der einen Seite die, die sich einer Industrie an den Hals werfen und um in ihr ein gewisses Maximum zu erreichen, Integration anderer Stile in Drum and Bass so weit treiben werden, daß die daraus entstehende Musik eher ein anderer Stil mit einer Prise Drum and Bass wird. Goldie wird vermutlich diesen Weg gehen und einige werden ihm folgen, aber nicht Adam F. Es werden die sein, die weder Musiker sind, noch Produzenten. Die, die klar nein zur Technik sagen, sie als eine Art neue Mode zu begreifen scheinen, die man durch ein lässiges Herbeiwinken von immer neuen professionellen Produzenten benutzen kann, um im ewigen Pophimmel, der längst ein fester Bestandteil der generellen Finanzmärkte ist, etwas werden zu können. Etwas, das uns musikalisch dann weniger interessiert. Aber schon gar nicht als Ausverkauf oder Respektlosigkeit bezeichnet werden sollte, sondern auf einer Ebene des Business verhandelt werden muß, wie, sagen wir mal, die neue Spice Girls Single und auch, die kann man gut finden, musikwirtschaftlich gesehen zumindest clever. Dann wird es die digitalen Tüftler geben, die immer weiter an dem Gesamtkonzept einer Musik als weiterzuentwickelnde Sprache arbeiten, die ihre ganze Arbeit in “den” neuen Beat stecken, die neuen Sounds in Wege, die alles zusammenfassen können, was Drum and Bass bislang war und in einer immer schwieriger werdenden, aber geteilten Konzentration auf eine Art sich immer wieder verschiebenden Kern hinarbeiten. Die, die ihr Hauptinteresse auf Soundbearbeitungsprogramme legen und innerhalb kleinerer Bruchstücke von Sequenzen den Beat als Sound behandeln, ihn von der Bewegung lösen, die ihn erzeugt. Und dann gibt es noch einen dritten Weg und genau den wird nicht nur Adam F beschreiten, sondern auch Leute wie 4 Hero auf ihre Weise und auch Kirk De Giorgio. Eine Arbeit an Drum & Bass als Musik, so dumm das jetzt klingt, der Versuch einer Integration von Drum and Bass mit Jazz, Livemusik mit sequentieller Musik über ein Neudenken des Sequentiellen, aber auch ein Neudenken von Live, von Performance und dem Standpunkt des Musikers innerhalb seines elektronischen Equipments. Ein Amalgam aus Musikern und Technikern, ein Versuch, eine neue Form der Kommunikation zwischen Instrument und Mensch zu finden, sei es über neue Hardwaresequencer oder über neue direkte Eingriffsmöglichkeiten in Software, für die ein Trompetist auf der Bühne zur Zeit einfach nur noch eine Metapher ist, vielleicht nicht die glücklichste. Aber eine mit der man einen Rückblick, als den Adam F “Colours” sieht, durchaus schmücken kann. Und eine, die, so seltsam es klingen mag, wieder zu einer neuen Vision von Drum and Bass führen kann. ZITATE: Wir sehen es kommen, daß sich Drum and Bass schon bald in drei Lager aufspalten wird, die sich immer eng an der jeweiligen Definition der Acts von Technologie entwickeln werden. Keine LP kann sich mehr auf etwas “herausreden”, was Persönlichkeit sein könnte oder auf einen Stil, der schon etwas länger zirkuliert, da es die 12″es sind, die immer wieder sagen, wohin welcher Act geht.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.